Wout van Aert, Marianne Vos und Pauline Ferrand-Prévot haben das Reifendrucksystem von Gravaa genutzt – jetzt ist der Partner von Team Visma | Lease a Bike pleite. Das niederländische Unternehmen Gravaa B.V. aus Eindhoven hat am 21. Januar 2026 Insolvenz angemeldet. Das Gericht in Ost-Brabant hat R.A.M.L. van Oeijen zum Insolvenzverwalter bestellt. Gravaa hatte im vergangenen Jahr mit der Serienproduktion seines innovativen Reifendruck-Regulierungssystems in den Niederlanden begonnen. Trotz der Partnerschaft mit dem WorldTour-Team Team Visma | Lease a Bike und konkretem Interesse weiterer Rennteams konnte das Unternehmen nicht genügend Aufträge generieren, um wirtschaftlich zu überleben. Laut Unternehmensangaben sei es schwierig gewesen, ausreichend Bestellungen zu erhalten, um den Umsatz zu skalieren und Margen zu erzielen. Die anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten der Fahrradindustrie nach der Corona-Pandemie hätten es erschwert, signifikante Aufträge zu erhalten. Noch hofft das Unternehmen Investoren zu finden, die an die Zukunft des Produkts glauben: „Einige Branchenakteure zeigen Interesse daran, die Vermögenswerte zu übernehmen und das Unternehmen neu zu starten. Wir sind dazu bereit und hoffen, dass dies zu einer stabilen Lösung und dem von uns angestrebten Erfolg von Gravaa führen wird. Unsere App und unser Backend bleiben vorerst in Betrieb, und wir haben Produkte auf Lager, sodass Teams und einzelne Rennfahrer Gravaa auch in den kommenden Rennen weiterhin fahren und nutzen können.“
Das Gravaa-System wurde von Gründer Gertjan van Ginderen entwickelt, nachdem er während eines Strandrennens in Südwest-Holland die Idee hatte, den Reifendruck während der Fahrt anpassen zu können. Das System besteht aus einer kleinen, energieeffizienten Pumpe im Nabensystem, die durch die Rotation der Laufräder angetrieben wird. Eine intelligente Kupplung sorgt dafür, dass die Pumpe abschaltet, sobald der gewünschte Reifendruck erreicht ist, um Energie zu sparen. Spezielle Ventile ermöglichen einen schnellen Luftstrom durch kleine Teile. Die Elektronik stellt die Kommunikation und Steuerung sicher, während das System über Bluetooth und ANT+ mit Smartphones oder Fahrradcomputern (Garmin und Wahoo) kommuniziert. Zwei speziell entwickelte Knöpfe am Lenker dienen zur Steuerung des Luftstroms.
Besondere Aufmerksamkeit erlangte das Gravaa-System, als Marianne Vos es bei ihrem Sieg bei der Gravel-Weltmeisterschaft in Flandern einsetzte. Laut Medienberichten habe das System entscheidend zu ihrem 14. Weltmeistertitel beigetragen, da es ihr ermöglichte, nach einer Reifenpanne drei Kilometer vor dem Ziel weiterfahren zu können. "Ich konnte den Reifendruck regulieren. Das war sehr praktisch", habe Vos nach dem Rennen erklärt. Ihre Konkurrentin Lotte Kopecky, die im Schlusssprint gegen Vos unterlag, soll kommentiert haben: "Jedes Mal, wenn Marianne ihren Reifendruck änderte, wusste ich: Verdammt, jetzt trete ich 20 Watt zu viel!" Zudem habe Vos für den Schlusssprint auf Asphalt ihren Reifendruck erhöhen können, was ihr laut eigener Aussage vermutlich zum Sieg verholfen habe. Ebenfalls verwendet wurde das System von Pauline Ferrand-Prévot bei ihrem Sieg bei Parsi-Roubaix 2025.
Das Gravaa-System ermöglicht es Radfahrern, den Reifendruck in Echtzeit an das Gelände anzupassen. Statt mit einem einzigen statischen Reifendruck zu fahren, können Nutzer den Druck beim Übergang von Straße zu Gelände senken, für Asphalt wieder erhöhen und sogar automatisch nach einer Reifenpanne den Druck wiederherstellen – ohne eine Pumpe mitführen zu müssen. Die Entwicklung des Gravaa-Systems erstreckte sich über sechs Jahre. In den letzten zwei Jahren hätten die Ingenieure intensiv daran gearbeitet, den Prototypen, der dem Team Visma | Lease a Bike für Paris-Roubaix 2023 zur Verfügung gestellt wurde, in ein verbrauchergerechtes Produkt zu verwandeln – mit besserer Langlebigkeit, Benutzerfreundlichkeit und minimalen Wartungsanforderungen. Eine Hürde für den Markterfolg dürfte der hohe Verkaufspreis sein: der Kaufpreis eines Laufradsatzes liegt bei rund 3.000 Euro.
Trotz der Insolvenz bleibt die App und Backend-Infrastruktur von Gravaa vorerst in Betrieb. Laut Unternehmensangaben seien noch Produkte auf Lager, sodass Teams und einzelne Rennfahrer das Gravaa-System bei kommenden Rennen weiterhin nutzen könnten. Einige Branchenakteure hätten bereits Interesse bekundet, die Vermögenswerte zu übernehmen und das Unternehmen neu zu starten.