Kurze Kurbeln sind besserErster Eindruck auf dem Gravelbike

Sandra Schuberth

 · 12.05.2026

Kurze Kurbeln sind besser: Erster Eindruck auf dem GravelbikeFoto: Sandra Schuberth
Kurze Kurbeln liegen im Trend, nicht nur bei den Profis. Ich habe es auf dem Gravelbike ausprobiert: 1,60 Meter Körpergröße, 155 mm Kurbellänge. Was nach den ersten Ausfahrten dafür spricht – und was noch offen ist.

Eine halbe Woche, ein paar Ausfahrten und ein Intervalltraining – mehr Zeit hatte ich mit den neuen 155ern noch nicht. Aber einiges spricht schon jetzt dafür: Das Rad fühlt sich an, als wäre es endlich für meine Beine gebaut, nicht umgekehrt. Was die Kurbel für meine Sitzprobleme bringt, muss sich noch zeigen.

Vom Sattel zur Kurbel

Sitzprobleme haben mich schon so manches Mal zweifeln lassen: Vielleicht ist mein Körper nicht fürs Radfahren gemacht. Und ich habe vieles ausprobiert: andere Hose, anderer Sattel, anderes Bikefitting. Dazu kam ein Gefühl, das ich nie ganz wegbekommen habe: dass ich auf dem Sattel ein bisschen hin und her kippe, immer dann, wenn die Kurbel nach oben zeigt. Die Kurbellänge hatte ich durchaus auf dem Schirm, aber bisher nie verändert.

Wenn möglich, war ich mit 165 mm unterwegs. Viele Räder kommen aber selbst in kleinen Rahmengrößen mit 170er-Kurbeln. Bei einer Körpergröße von 1,60 Meter und einer Sattelhöhe von rund 66 Zentimetern (gemessen Mitte Tretlager bis Satteloberkante) ist das schon viel Hebel. Irgendwann kam der Verdacht: Vielleicht ist auch 165 für meine Beine noch zu lang. Also habe ich angefangen, mich einzulesen. Bei Appleman Bicycles in Minneapolis, wo Framebuilder Matt Appleman Kurbeln zwischen 135 und 175 mm fertigt, fand ich ein Argument, das mich überzeugt hat: Rahmen gibt es in vielen Größen, Vorbauten von 40 bis 140 mm, Lenker von 38 bis 46 cm – nur Kurbeln stecken seit Jahrzehnten in einem winzigen Korridor von 165 bis 175 mm fest. Bei Körpergrößen, die um rund 25 Prozent variieren, sind sechs Prozent Spreizung bei den Kurbeln einfach zu wenig. Ein zweites Argument lieferte die WorldTour: Tadej Pogačar fährt inzwischen 165 mm. Und seien wir ehrlich – ein bisschen Profi-Vibes auf dem eigenen Rad schaden auch nicht.

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Ich wollte es genau wissen. Also: Bikefitting-Termin. Heraus kam eine ideale Kurbellänge von 155 Millimetern. Ein zweiter Check bei Lightwolf Studio in Dresden, wo ich mein neues Rad gekauft hatte, bestätigte das Ergebnis. Entscheiden konnte ich mich trotzdem nicht. Appleman ist wunderschön, aber teuer. Bei Raketa aus Tschechien und Alugear aus Polen wurde ich fündig, aber welche Alu-Kurbel sollte es werden?

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Bevor ich mein Grübeln beenden konnte, kam SRAM um die Ecke. Mein Januar-Highlight: die Ankündigung, dass es Red künftig auch in 150 und 155 Millimeter geben würde. Endlich. Ich musste nur noch warten, bis sie verfügbar war.

Anbauen, draufsetzen, fahren

Eine Woche vor einem 450-Kilometer-Ultracycling-Event kam die Testkurbel in der Redaktion an. No risk no fun, dachte ich mir. Angebaut, draufgesetzt. Halt: Da war noch was mit der Sattelposition. Die neue Kurbel ist 10 mm kürzer als die alte. Heißt: Sattel höher und minimal nach vorn. Der Rest am Rad war ohnehin schon auf 155 mm vorbereitet.

Die ersten Pedalumdrehungen sind ungewohnt. Ich erwische mich beim Suchen nach dem alten Bewegungsgefühl. Eine halbe Stunde später, beim Intervalltraining im Forstenrieder Park bei München, ist davon nichts mehr übrig. Es fühlt sich einfach normal an. Ein paar Tage später, auf einem kurvenreichen Singletrail, fällt mir etwas auf: Wo ist eigentlich der Toe Overlap geblieben? Kleine Menschen mit kleinen Rädern kennen das Phänomen – die Schuhspitze, die in engen Kurven am Vorderrad streift. Mit 155 mm: weg — oder zumindest vernachlässigbar.

Was kürzer wird, was sich öffnet

Physikalisch passiert beim Kürzen zweierlei. Das maximale Drehmoment sinkt, weil der Hebel kürzer ist. Spürbar ist das vor allem im Antritt aus tiefen Drehzahlen, etwa am steilen Stich. Gleichzeitig öffnet sich der Hüftwinkel: Die Knie kommen nicht mehr so hoch zur Brust, die Bewegung läuft auf einer kleineren Bahn und fühlt sich runder an. Auch die Hüftbeweglichkeit ist weniger gefordert, was die Stabilität im Sattel verbessert. Genau das ist auch der Grund, warum kurze Kurbeln aus dem Zeitfahr- und Triathlonsport in den Straßenradsport übergeschwappt sind – und warum gerade kleine Leute davon profitieren können. Rechnet man mit einer Kurbellänge von 20,5 Prozent der Innenbeinlänge, wäre für Frauen 155 mm rechnerisch die häufigste Kurbelgröße – und liegt damit eigentlich außerhalb des Standard-Sortiments.

Wie sich die Kurbel auf 450 Kilometern am Stück schlägt, weiß ich nächste Woche. Dann gibt es den zweiten Teil. Bis zum Start: noch ein paar Mikroanpassungen am Sattel. Beim Lösen der Klemme hat sich der Winkel versehentlich mitverstellt – jetzt muss ich den richtigen wiederfinden.


Sandra Schuberth

Sandra Schuberth

Redakteurin

Sandra Schuberth, mal Feierabendrunde, mal Trainingsride, mal unsupported Bikepacking-Challenge. Hauptsache sie und ihr Gravelbike – abseits vom Verkehr. Seven Serpents, Badlands oder Bright Midnight: Sie hat anspruchsvolle Bikepacking-Rennen gefinisht. Gravel und Bikepacking sind ihre Herzensthemen, ihr Anspruch an Equipment ist hoch. Was sie fährt, nutzt und empfiehlt, muss draußen bestehen: nicht im Marketing, sondern im echten Leben.

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