Christoph Brenner
· 30.03.2026
Die Entwicklung der sieben Trainingsbereiche durch Dr. Andrew Coggan basiert auf jahrzehntelanger Forschung zur Leistungsphysiologie. Anders als herkömmliche Herzfrequenz-Zonen, die oft ungenau und verzögert reagieren, spiegeln wattgesteuerte Bereiche die tatsächliche metabolische Belastung in Echtzeit wider. Die Laktatschwelle fungiert dabei als zentraler Referenzpunkt, um den sich alle anderen Bereiche gruppieren. Diese wissenschaftlich fundierte Herangehensweise ermöglicht es, jede Trainingseinheit mit Präzision zu dosieren. Die Bereiche entstehen nicht willkürlich, sondern folgen den natürlichen Übergängen verschiedener Energiesysteme. Während im aeroben Bereich hauptsächlich Fett als Energiequelle dient, dominiert bei höheren Intensitäten zunehmend die Kohlenhydratverbrennung. Diese metabolischen Verschiebungen manifestieren sich in messbaren Leistungsveränderungen, die durch die Bereichseinteilung systematisch erfasst werden.
Die Transformation der individuellen FTP in die sieben Trainingsbereiche erfolgt über wissenschaftlich validierte Prozentsätze. Bereich 1 und 2 bewegen sich zwischen 55-75 Prozent der FTP und decken die aerobe Basis ab. Bereich 3 und 4 umfassen 76-105 Prozent der Schwellenleistung und bilden das Herzstück des Ausdauertrainings. Die höheren Bereiche 5-7 beginnen bei 106 Prozent der FTP und reichen bis zu maximalen Sprintleistungen. Diese prozentuale Verteilung ist nicht starr, sondern berücksichtigt individuelle Unterschiede. Ein erfahrener Zeitfahrer mit ausgeprägter Schwellenleistung wird möglicherweise längere Zeit bei 100-105 Prozent der FTP verbringen können, während ein explosiver Sprinter seine Stärken in den Bereichen 6 und 7 findet. Die Überlappungen zwischen den Bereichen sind dabei normal und spiegeln die fließenden Übergänge der physiologischen Systeme wider.
Dr. Coggans sieben Bereiche haben sich über Jahre bewährt und wurden kontinuierlich verfeinert. Die jüngste Entwicklung führt zu den sogenannten individualisierten Bereichen (iLevels), die noch stärker auf die einzigartigen physiologischen Voraussetzungen jedes Fahrers eingehen. Diese erweiterte Betrachtung berücksichtigt nicht nur die FTP, sondern auch die individuelle Leistungsdauerkurve und spezifische metabolische Eigenschaften.
Die Bereiche 1 und 2, die sich von 55 bis 75 Prozent der FTP erstrecken, bilden das Fundament jeder erfolgreichen Trainingsperiodisierung. Hier findet die aktive Regeneration statt, und der aerobe Stoffwechsel wird optimal entwickelt. Viele ambitionierte Radfahrer unterschätzen die Bedeutung dieser scheinbar "langsamen" Bereiche und tendieren dazu, zu intensiv zu trainieren. In diesen Bereichen erfolgt die Energiebereitstellung hauptsächlich über die Fettverbrennung, was die Grundlage für eine verbesserte metabolische Effizienz schafft. Die Herzfrequenz bleibt moderat, die Laktatwerte niedrig, und der Körper kann sich während des Trainings regenerieren. Paradoxerweise ermöglichen diese lockeren Einheiten oft die größten Leistungssprünge, da sie die Basis für intensivere Belastungen schaffen.
Die Bereiche 3 und 4 repräsentieren den Übergangsbereich zwischen aerobem und anaerobem Stoffwechsel. Bereich 3 (76-90% FTP) entspricht dem klassischen Tempotraining, während Bereich 4 (91-105% FTP) die kritische Zone um die Schwellenleistung abdeckt. Diese Bereiche sind entscheidend für die Verbesserung der FTP selbst und damit für die Gesamtleistungsfähigkeit. Training in Bereich 4 ist besonders anspruchsvoll, da es an der Grenze zwischen dem, was der Körper im Gleichgewicht verarbeiten kann, und der Überlastung stattfindet. Hier entstehen die charakteristischen "brennenden Beine", und die mentale Komponente wird ebenso wichtig wie die physische. Systematisches Training in diesem Bereich führt zu messbaren Verbesserungen der Schwellenleistung und damit zu höheren Werten in allen anderen Bereichen.
Die oberen Bereiche 5, 6 und 7 decken Intensitäten ab 106 Prozent der FTP ab und reichen bis zu maximalen Sprintleistungen. Bereich 5 (106-120 Prozent FTP) entspricht der VO2max-Intensität und entwickelt die maximale Sauerstoffaufnahme. Bereich 6 (121-150 Prozent FTP) trainiert die anaerobe Kapazität, während Bereich 7 (über 150 Prozent FTP) die neuromuskuläre Leistung und Sprintfähigkeit verbessert. Diese hochintensiven Bereiche erfordern vollständige Regeneration zwischen den Intervallen und können nur in begrenztem Umfang trainiert werden. Sie sind jedoch entscheidend für die Entwicklung der maximalen Leistung und die Fähigkeit, in kritischen Wettkampfsituationen zu reagieren. Die Integration dieser Bereiche erfordert sorgfältige Planung, um Übertraining zu vermeiden.
Die Standardbereiche nach Coggan bilden einen hervorragenden Ausgangspunkt, müssen aber an die individuellen Gegebenheiten angepasst werden. Die Erstellung eines persönlichen Leistungsprofils zeigt, in welchen Bereichen spezifische Stärken und Schwächen liegen. Ein Kletterer mit hoher relativer Leistung (Watt pro Kilogramm) wird andere Schwerpunkte setzen als ein Sprinter mit hoher absoluter Spitzenleistung. Die Leistungsdauerkurve dient als wichtiges Analyseinstrument zur Identifikation von Trainingsdefiziten. Zeigt die Kurve beispielsweise einen deutlichen Abfall bei 5-Minuten-Leistung, deutet dies auf Verbesserungspotenzial im Bereich der VO2max hin. Umgekehrt weist eine schwache 20-Sekunden-Leistung auf Defizite in der anaeroben Kapazität hin.
Die Trainingsbereiche sind nicht statisch, sondern entwickeln sich parallel zur Fitness. Während der Aufbauphase können sich die Bereiche alle 6-8 Wochen verschieben, besonders bei weniger erfahrenen Fahrern oder nach längeren Trainingspausen. Erfahrene Athleten zeigen stabilere Werte, aber auch hier sind 4-8 FTP-Tests pro Jahr sinnvoll. Der Zeitpunkt der Retests sollte strategisch gewählt werden: zu Beginn der Saison als Baseline, nach intensiven Trainingsphasen zur Fortschrittskontrolle, vor wichtigen Wettkämpfen zur Optimierung und nach der Saison zur Bewertung des Formverlusts. Zu häufige Tests können das Training stören, während zu seltene Tests zu veralteten Bereichen führen.
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