Tinder existiertLasst Rennradfahrerinnen in Ruhe

Gitta Beimfohr

 · 29.03.2026

Tinder existiert: Lasst Rennradfahrerinnen in RuheFoto: Wolfgang Papp
Ein Artikel meines Kollegen erklärt, wie man Rennradfahrerinnen „richtig" anspricht. Als jemand, der dieses Schema schon mehrfach am eigenen Leib erlebt hat, kann ich nur sagen: Tinder existiert. Warum Anmache auf dem Rennrad kein Flirt ist, sondern eine Falle – und was wirklich gilt.

Ich bin zutiefst schockiert, was mein Kollege da kürzlich für Tipps zum Anquatschen einer Rennradfahrerin abgegeben hat. Das kann und will ich so nicht stehen lassen. Schon aus Angst, dass es Männer gibt, die damit jetzt auf der Straße wild loslegen.

>> Du fragst dich, was das soll? Ganz unten gibt’s den Link zum Artikel aber lies unbedingt auch diesen hier komplett. <<

Keine Ahnung, was meinen Kollegen da geritten hat. Als Mountainbikerin, die aber auch regelmäßig mit dem Rennrad unterwegs ist, kann ich nur dringend bitten: Lasst es! Bitte, bitte quatscht keine Frau auf dem Rad aus Anmach-Gründen an. Dafür gibt’s doch Tinder. Es klingt für manche Männerohren vielleicht immer noch verrückt, aber eine Frau, die in freier Wildbahn auf einem Rennrad unterwegs ist, möchte vor allem eins: Sport machen! Sie trainiert vielleicht für ein Rennen, von dem Du noch nie gehört hast. Vielleicht pendelt sie auch mit dem Rennrad zu Arbeit. Dann hat sie eventuell das nächste Meeting im Kopf und/oder sie hat es einfach eilig!

Vor ein paar Jahren muss irgendwo schon mal ein ähnlicher Artikel erschienen sein (BIKE und TOUR waren es nicht!!). Denn plötzlich wurde man als Frau auf dem Rennrad immer nach dem gleichen Muster angequatscht: Typ nähert sich von hinten, gern während eines langen Anstiegs und hängt eine Weile in deinem Windschatten. Was bereits sehr nervt, wenn du schon 100 Kilometer in den Beinen hast. Dann fährt er plötzlich neben dich. Die erste Frage: “Und, wo fährst du hin?”

Das erste Mal war ich noch so dumm und habe die Wahrheit gesagt. Man will ja nicht unfreundlich sein. Seine Antwort: “Ah, super, da fahr’ ich auch hin!” Beim ersten Mal findet man das noch nicht creepy. In mir flammte kurz die Hoffnung auf, dass er mir dann auf dem letzten Stück nach Hause vielleicht noch Windschatten gibt. Aber falsch gedacht. Der Mann kurbelte einfach locker neben mir her und stellt eine nervige Frage nach der anderen: Wie lange fährst du schon Rad? Ah, ja sieht man auch an deinen trainierten Waden... (ächz!). Wo fährst du sonst so? (Hä?, soll ich das jetzt ernsthaft alles im Anstieg aufzählen?). Ich möchte den Anstieg hinter mich bringen, nach Hause und mir vielleicht Gedanken machen, was ich mir später zu essen mache... oder wen man noch anrufen wollte... keine Ahnung. Rennradfahren ist ja auch ein meditativer Sport, bei dem man sich wunderbar und in Ruhe Gedanken über alles mögliche machen kann - außer natürlich man wird von einem wildfremden Typen angequatscht, der einen mit belanglosen Fragen bombardiert.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Als ich diese Situation das dritte Mal in kürzester Zeit, mit drei unterschiedlichen Typen erlebt habe, war mit klar, dass dieses Anmachschema irgendwo empfohlen worden sein muss. Wahrscheinlich mit dem Tipp: Sprich sie am besten während eines langen Anstiegs an, dann kann sie nicht wegfahren.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

​Es ist eine Art Ausgeliefertsein

Als angequatschte Frau ist das eine ganz fiese, beklemmende Situation, eine Art Ausgeliefertsein! Wenn dir am Ende der Tour einfach die Kraft fehlt, wegzufahren. Ein uninteressiertes Wegdrehen geht auch nicht, weil die Straße nun mal die Richtung vorgibt. Langsamer werden und stehen bleiben ist auch keine Option, denn das würde so ein Typ, der so drauf ist, ja nur als Einladung verstehen. Gleichzeitig weißt du, dass er dir beim Hinterherfahren ungeniert auf den Hintern starrt und auch den kann man nicht wegdrehen!

Deshalb entwickelte ich für mich bald eine andere Strategie: Auf die wirklich immer gleiche Einstiegsfrage “Und, wo fährst du noch hin?” antworte ich nur noch knapp: “Ich bin da oben, nach dem Anstieg, Zuhause.” Das hilft. Manchmal muss man dann noch an irgendeiner Haustür stehen bleiben bis er weg ist. Dann gucken, welchen Abzweig er bei der nächsten Kreuzung nimmt, um dann die eigene Fahrt in der anderen Richtung fortzusetzen. Auch wenn das eine Extra-Schleife nach Hause bedeutet.

Ich weiß übrigens aus sicherer Quelle, dass in einem Männermagazin mal ähnliche Anmach-Tipps beim Einkaufen im Supermarkt gegeben wurden. “Achte auf Frauen, die jeden Abend etwa zur gleichen Zeit einkaufen gehen. An der Kasse erkennst du leicht, ob sie für einen Single-Haushalt einkauft.” Allein das führte dazu, dass vermehrt Single-Männer abends bei Edeka abhingen und nur ein, zwei Sachen kauften.

Ich allein kenne D R E I Männer, die nach dieser Masche unterwegs waren, um Frauen kennenzulernen, und ich wohne auf dem Land! Einer davon hat sich irgendwann selbst entlarvt: Nachdem er mich die Tage zuvor schon häufiger angesprochen hatte, empfing er mich irgendwann in der Obstabteilung mit einem peinlich lauten : “Ah, da ist sie ja!” Ich habe danach den Supermarkt gewechselt. Der Zweite wurde vom Brotverkäufer entlarvt: “Na, der Herr, darf es mal wieder nur eine Brezn sein?!” Und der Dritte erzählte mir sogar, dass er sich in eine Frau schockverliebt hätte, die er abends im Supermarkt immer ganz heimlich beobachten würde. Bis diese Frau irgendwann energisch auf ihn zuschritt: “Sag mal, stalkest du mich etwa?!” Ich feiere diese unbekannte Frau!

Appell

Liebe Männer, ich möchte nicht glauben, dass ihr solche Tipps braucht, um eine Frau kennenzulernen. Nicht im Supermarkt und bitte auch nicht auf dem Rennrad. Denkt daran, dass eine Frau solche Muster spätestens beim dritten Mal durchschaut hat und das Ganze super nervig findet. Deshalb hier noch mal in Kurzform speziell für alle Rennradfahrer:

  1. Wenn du eine Frau auf dem Rennrad entdeckst, dann ist das eine Frau, die Rennrad fährt. Fertig. Ich kenne keine, wirklich KEINE Frau, die sagt: “Oh, ich geh heute zum Flirten mal Rennradfahren. Hoffentlich spricht mich irgendeiner an.”
  2. Es gibt bestimmt Frauen, die nicht auf größerer Trainings- oder Pendlermission unterwegs sind und während der Fahrt auch gern mal einen kurzen Plausch halten. ABER: Wenn dem so ist, wird sie es dich wissen lassen. Du musst dir also keinen krampfhaften Spruch über ihre Klamotten einfallen lassen oder sie mitten in einem Anstieg abpassen.
  3. Gespräch auf Augenhöhe: Wenn es zu einem Gespräch mit einer Rennradlerin kommt, dann sprich mit ihr einfach so, wie du mit einem männlichen Rennradfahrer auch sprechen würdest. So wie es die Situation hergibt. So kann und wird sie dich ernst nehmen und hat sicher auch nichts gegen ein weiteres Gespräch, wenn du sie bei der Einkehr zufällig wieder triffst. Lasst uns doch einfach gemeinsam den gleichen Sport ausüben!

PS: Ich mag den Kollegen, der den Artikel geschrieben hat trotzdem gerne. Wie gesagt: Keine Ahnung, was ihn da geritten hat. Er ist eigentlich ein unaufdringlicher, sehr reflektierter Typ.


Gitta Beimfohr

Gitta Beimfohr

Redakteurin

Gitta Beimfohr stieg während ihres Tourismus-Studiums ins BIKE-Reiseressort ein, als die Strada delle 52 Gallerie am Pasubio gerade für Mountainbiker gesperrt wurde. Seit Gitta die Alpen zwei Mal im Renntempo überquerte, mag sie am liebsten Mehrtagestouren – mit dem MTB in den Alpen oder per Gravelbike durch deutsche Mittelgebirge.

Meistgelesen in der Rubrik Fitness