Dieser Artikel erschien erstmals 2021 im TOUR Magazin und in Auszügen auf tour-magazin.de. Hier veröffentlichen wir ihn erstmals in voller Länge. Die Angaben beziehen sich auf den Stand der Erstveröffentlichung.
Wer Hanka Kupfernagel 2019 auf Instagram folgte, hätte den Eindruck gewinnen können, die damals 45-Jährige würde nur auf dem Rad sitzen. Für eine achtmalige Welt meisterin nichts Ungewöhnliches – wäre da nicht der wachsende Babybauch gewesen. Mittlerweile ist Söhnchen Kiano fast eineinhalb Jahre alt. Spricht seine Mama über ihr Training während der Schwangerschaft, wird schnell klar, dass sie es keineswegs übertrieben hat: „Ab dem dritten oder vierten Monat hatte ich plötzlich keine Lust mehr auf Rennradfahren. Es war mir einfach unangenehm“, berichtet sie. „Obwohl noch gar nicht viel Bauch zu sehen war, war ich kurzatmig und hatte einfach keinen Spaß mehr am Radfahren.“
Hanka Kupfernagel ist eine ehemalige deutsche Radrennfahrerin. Sie wurde viermal Weltmeisterin im Cyclocross und gewann 2007 den WM-Titel im Einzelzeitfahren. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney holte sie Silber im Straßenrennen. 2016 beendete sie ihre aktive Profilaufbahn.
Kupfernagel stieg aufs E-Mountainbike um, mit aufrechterer Sitzposition. „Wir haben den Lenker etwas höher gestellt, damit ich besser atmen konnte. Die dickeren Reifen boten mehr Komfort, und durch den Elektroantrieb konnte ich wieder in Gruppen mitfahren. Das habe ich bis zum Ende der Schwangerschaft genossen.“ Bis drei Tage vor der Geburt von Kiano war das E-Bike im Einsatz.
Doch ist Radfahren in der Schwangerschaft wirklich gesund? „Es gehört sogar zu den empfohlenen Sportarten“, bekräftigt Dr. Maja Heinrigs, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in München. „Die Bewegung tut der Mutter gut, kräftigt ihre Muskulatur und verbessert die kardio-pulmonalen Reserven, also Herz, Kreislauf und Atmung. Das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes sinkt.“ Auch Diplom-Psychologin Marion Sulprizio, die an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) schwangere Sportlerinnen berät, findet Radfahren für diese ideal: „Im Gegensatz zu High-Impact-Sportarten mit großen Stoßbelastungen und einer hohen Herzfrequenz ist die Gefahr einer Überlastung beim Ausdauersport gering.
Allerdings nur, wenn man es schon kennt: „Wer noch nie auf einem Rennrad gesessen hat, sollte Klickpedale und dünne Reifen nicht ausgerechnet in der Schwangerschaft ausprobieren“, so Sulprizio. Yoga, Pilates und Wassergymnastik dagegen seien sogar für Schwangere geeignete Anfängersportarten. Anders als manche meinen, spielt bei der Auswahl nämlich vor allem das Verletzungsrisiko der Mutter eine Rolle – weniger die Gefahr für das Baby: „Das Kind ist im Bauch sehr gut geschützt“, sagt Sulprizio. „Aber weil Sehnen und Bänder der Frau während der Schwangerschaft lockerer werden, ist die Verletzungsgefahr höher. Röntgen, Narkose und Operationen sind unbedingt zu vermeiden.“
Verzichten sollten werdende Mütter außerdem auf hohe Trainingsintensitäten. „Allein durch die Schwangerschaft sind Herz- und Atemfrequenz erhöht“, erklärt Gynäkologin Heinrigs. „Kommt dann noch die sportliche Belastung hinzu, steigt der Sauerstoffbedarf weiter.“ Damit es nicht zu einer Unterversorgung des Kindes kommt, sind Maximalbelastungen für Schwangere tabu. Manche Experten empfehlen, den Puls nicht über 140 Schläge pro Minute zu treiben. Weil die optimale Herzfrequenz jedoch sehr individuell ist, rät Ärztin Heinrigs eher zum „Talk-Test“: „Wer sich beim Sport noch unterhalten kann, trainiert als Schwangere im richtigen Bereich.“ So könne man prüfen, ob man im aeroben Bereich fährt und keine Sauerstoffschuld eingeht.
Sogar Radprofi Hanka Kupfernagel hielt sich an diese Regel: „Ich hatte keinen Trainingsplan und bin nur locker gefahren, Grundlagentraining also. Außerdem war ich im Sommer regelmäßig schwimmen und auf dem SUP-Board unterwegs. Ich habe auf meinen Körper gehört.“ Das sei das Wichtigste, wenn ein Kind unterwegs ist, bekräftigt Fachärztin Heinrigs: „Was sich gut anfühlt, ist auch gut.“ Marion Sulprizio sieht das genauso, muss die Leistungssportlerinnen an der DSHS aber manchmal bremsen: „Auf den Körper zu hören, klappt natürlich nur, wenn man ihm wirklich zuhört. Leistungssportlerinnen, die jahrelang gelernt haben, über Grenzen, Schmerzen und Beschwerden hinwegzutrainieren, fällt es manchmal schwer, sich in der Schwangerschaft plötzlich anders zu verhalten. Das ist aber wirklich nicht die Zeit, in der Frauen beim Sport richtig Gas geben sollten.“ Es spricht jedoch nichts dagegen, sich täglich eine Stunde bei kontrolliertem Puls zu bewegen – im Gegenteil: „Sport ist nicht nur für die Mutter gut, sondern auch für das Baby“, weiß Psychologin Sulprizio. „Tierversuche belegen, dass die neuronalen Vernetzungen im Gehirn von Mäusebabys besser sind, wenn ihre Mütter viel in Bewegung waren. Ich gehe davon aus, dass das bei Menschen ähnlich ist.“ Die Babys sportlicher Mütter seien zudem fitter, schlanker und leichter. Das mache die Geburt zwar nicht weniger schmerzhaft, so Sulprizio, „doch Studien haben gezeigt, dass gebärende Sportlerinnen weniger Medikamente benötigen und es seltener zu Komplikationen kommt.“
Zudem sei die Einstellung sportlicher Mütter eine andere als die von Nicht-Sportlerinnen, weiß die Psychologin: „Eine Geburt ist ja ein bisschen wie ein sportlicher Wettkampf, bei dem Frauen eine Menge leisten müssen. Waren sie in der Schwangerschaft sportlich aktiv, haben sie mehr Vertrauen in ihren Körper und kommen mit seinen Veränderungen besser klar.“ Die typischen Stimmungsschwankungen während einer Schwangerschaft beträfen Sportlerinnen seltener. Und schon drei Stunden Training pro Woche, das ergab eine Studie spanischer und kanadischer Wissenschaftler, senken das Risiko für eine „perinatale Depression“, unter der bis zu 20 Prozent der Frauen während und nach der Schwangerschaft leiden.
Nur eine oder zwei Stunden Rad zu fahren, war für Profi Hanka Kupfernagel anfangs ungewohnt: „Ich habe mich tatsächlich ein bisschen verrückt gemacht, dass das zu wenig sein könnte. Weil ich mich mit jenen Mädels verglichen habe, die in ihrer Zeit als Profisportlerin schwanger wurden. Irgendwann dachte ich: Dass muss ich ja gar nicht. Also bin ich nur noch nach Lust und Wetter gefahren.“ Zwei Stunden reichten dann auch völlig aus, berichtet die achtmalige Weltmeisterin: „Ich war viel schneller müde und danach so kaputt wie sonst nach der doppelten Zeit.“ Frauenärztin Maja Heinrigs, die nach Feierabend selbst gern mit dem Rennrad unterwegs ist, kennt die Gründe: „Eine Schwangerschaft ist eine große Veränderung. Neben Puls und Atemfrequenz steigt die Körperkerntemperatur der Frau an, sodass sie schneller ins Schwitzen kommt und sich nicht so belasten kann, wie sie es gewohnt war.“ Die Angst, dass Sport vorzeitige Wehen oder gar eine Frühgeburt auslösen könne, kann die Gynäkologin radelnden Frauen jedoch nehmen: „Diese Sorge ist unbegründet. Es kann aber passieren, dass es zu Gebärmutterkontraktionen kommt, wenn man es beim Training übertreibt.“ Betroffene sollten sich schonen und Magnesium nehmen. „Anhaltende Kontraktionen sollte ein Frauenarzt abklären“, so Heinrigs. „Das Gleiche gilt für Blutungen, Fruchtwasserverlust, plötzlichen Kopfschmerz und Schwindel, Übelkeit und Brustkorbschmerzen.“
Solche Beschwerden hatte Hanka Kupfernagel während ihrer Schwangerschaft glücklicherweise nicht. Irgendwann war allerdings der Bauch im Weg, berichtet die radelnde Mama: „Vor allem beim Schuheanziehen, Auf- und Absteigen war das ein Problem. Beim Fahren selbst eigentlich nicht, im Gegenteil: Auf dem Rad habe ich mich endlich wieder normal gefühlt!“ Kupfernagel setzte sich aus Spaß ein Ziel: „Ich wollte mir bis zum Schluss die Socken im Stehen anziehen können. Das war irgendwann wirklich nicht mehr leicht“, sagt die Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Spiele von Sydney und lacht. Etwa zur selben Zeit wurden auch die Radklamotten zu eng: „Meine geliebten Trägerhosen habe ich ziemlich lange getragen. Sie saßen gut auf dem Nabel, haben nicht eingeschnürt und dem Bauch irgendwie Halt gegeben. Doch am Ende konnte ich nur noch Trikots und Hosen von meinem Freund anziehen.“
Ist das Baby auf der Welt, sollten Frauen das Wochenbett abwarten und mit der Rückbildung beginnen, sagt Gynäkologin Heinrigs. „Wer sich dann gut fühlt, kann es gern mit einer kleinen Radrunde probieren.“ Auch Sulprizio, die Schwangerschaftsexpertin von der DSHS, wo sich jedes Jahr rund 300 bis 400 Frauen mit Fragen melden, rät dringend zu Rückbildungsgymnastik: „Für Sportlerinnen fühlt sich die lasch an, aber Mütter sollten sie unbedingt durchziehen!
Aufs Rad gehören sie erst wieder, wenn der Dammschnitt verheilt ist und der Wochenfluss aufgehört hat.“
Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: ja. Die Rückbildungsgymnastik, mit der Mütter sechs bis acht Wochen nach der Entbindung starten sollten, strafft den Beckenboden wieder. Wer damit schludert, bekommt die Konsequenzen nicht sofort, sondern oft erst Jahre später zu spüren: in Form von Harninkontinenz beim Lachen, Niesen und Husten sowie einem ständigen Druckgefühl im Unterleib. Stuhlinkontinenz und eine Gebärmutterabsenkung bis hin zum Gebärmuttervorfall können ebenfalls Folgen sein. Rückbildungsgymnastik ist auch nach einem Kaiserschnitt Pflicht. Entsprechende Kurse können Hebammen oder Frauenärzte vermitteln.
Hanka Kupfernagel schwang sich vier Wochen nach der Geburt von Sohn Kiano zum ersten Mal wieder auf ihr E-Bike: „Das Wetter war schön, und ich bin zum Bäcker gefahren, fünf Kilometer hin, fünf zurück. Das war ein tolles Gefühl, denn ich hatte ein Stück Freiheit zurück.“ Bis zur ersten Rennradtour ließ sich die Profifahrerin aber noch einige Wochen Zeit. „Ich weiß noch, wie unglaublich leicht sich das Rennradfahren nach all den Monaten auf dem E-Bike auf einmal anfühlte. Eigentlich schön, dass ich meinen Sport, mit dem ich schon so viel Zeit verbracht habe, durch die Schwangerschaft wieder als etwas Neues erleben konnte ...“
Der American Congress of Obstetricians and Gynaecologists (ACOG), die größte gynäkologisch-geburtshilfliche Fachgesellschaft, hat „relative“ und „absolute“ Kontraindikationen für Sport in der Schwangerschaft zusammen gestellt. Bei den absoluten Gegenanzeigen ist Sport tabu – warum, das versteht sich oft von selbst. Bei den relativen Gegenanzeigen ist eine vorübergehende Sportpause angesagt oder Training nur unter Einschränkungen und nach Rücksprache mit dem Frauenarzt erlaubt:
| Relative Kontraindikationen | Absolute Kontraindikationen |
| Schwere Blutarmut (Anämie) | Schwäche des Muttermundes |
| Ungeklärte Herzrhythmusstörungen der Schwangeren | Hämodynamisch wirksame Herzerkrankungen |
| Chronische Bronchitis | Lungengerüsterkrankungen |
| Nikotin- und Drogenabhängigkeit | Mehrlingsschwangerschaften mit dem Risiko vorzeitiger Wehen |
| Schlecht eingestellter Diabetes mellitus Typ 1 | Anhaltende Blutungen im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel |
| Extremes Untergewicht und extreme Adipositas (BMI < 17 und > 40) | Vorzeitige Wehen während der laufenden Schwangerschaft |
| Wachstumsverzögerung des Ungeborenen | Fehllage des Mutterkuchens (Placenta praevia) |
| Schlecht eingestellter Bluthochdruck (primäre Hypertonie) | Schwangerschaftsbluthochdruck (> 140/85, Präeklampsie) |
| Orthopädische Einschränkungen | Massive Ödeme |
| Schlecht eingestelltes Anfallsleiden | Vorzeitiger Blasensprung |
| Fehlbildungen der Gebärmutter | Fehl- oder Frühgeburten in vorausgegangenen Schwangerschaften |
| Scheideninfektionen | Verminderte Kindsbewegungen |
| Unwohlsein, Kopfschmerzen |
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