Kurz vor Sonnenaufgang an der Kieler Förde. Es ist 5.15 Uhr. Die letzten Nachtschwärmer und Schnapsleichen torkeln aus der Hafenkneipe „Tatort“ an der Kiellinie. Ein Linienbus lädt ein paar Schichtarbeiter ein; die Jungs aus der Kneipe sind zu langsam und müssen auf den nächsten Bus warten. An der Reventloubrücke streiten sich zwei Möwen um die Reste einer Burger-Verpackung, ehe sie jäh aufgeschreckt werden vom schnarrenden Freilauf zweier heranrauschender Rennräder.
Möwen sind normalerweise dreist und nicht leicht zu verunsichern, aber das ist ihnen dann doch nicht geheuer. Auch der nächste Versuch, Beute zu machen, scheitert. Schon wieder werden sie von einer Gruppe Rennradfahrer aufgescheucht – die Kiel Dawn Patrol ist unterwegs.
Um 5.21 Uhr taucht die Sonne über den sanft gewellten und bewaldeten Hügeln östlich der Förde auf. Ein bisschen rosa, ein bisschen pink: klassisches Sonnenaufgangsspektakel. Ein Kreuzfahrtriese gleitet im Zeitlupentempo durch die Förde, ein paar Stunden später soll er Richtung Norwegen ablegen. In ein paar Minuten schon wird die Kiel Dawn Patrol zu ihrer freitäglichen Ausfahrt starten.
Viel geredet wird unter den Teilnehmern der Gruppenausfahrt noch nicht um diese Uhrzeit. „Moin“ muss erst mal reichen, Norddeutsche sollen ja eh nicht so wahnsinnig gesprächig sein – was sich später einmal mehr als blödes Vorurteil erweist. Eine kurze Ansage von Road Captain Marc de Vries, dann ist scharfer Start. Punkt 5.30 Uhr fährt die Kiel Dawn Patrol in den Sonnenaufgang.
Es geht raus aus der Stadt, in Zweierreihe der Sonne entgegen. Ein Relikt aus der Zeit der Coronapandemie ist, dass die Dawn Patrol in Zehnergruppen fährt. Das hat sich auch nach der Pandemie bewährt: Es vermeidet Stress mit Autofahrern, die überholen wollen. Aber noch herrscht so gut wie kein Verkehr, die Luft ist klar, doch auch richtig kalt an diesem Morgen Mitte Mai. „Als ich losgefahren bin, hatte ich zwei Grad auf dem Thermometer“, erzählt Marc, dann grinst er und sagt: „Jetzt sind’s ja immerhin schon vier Grad.“
Vielleicht sind es heute wegen der Temperaturen nur knapp 40 Rennradfahrer und Rennradfahrerinnen, die sich auf den Weg machen. Vielleicht liegt’s auch am langen Himmelfahrtswochenende. Für diejenigen, die heute dabei sind, scheint jedenfalls die Regel zu gelten: Solange der Aggregatzustand des Trinkflascheninhalts flüssig ist, kann man auch Rad fahren.
Ich muss einmal mehr herzhaft gähnen und werde noch vor der Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal die Frage los, die ich mir gestellt habe, seitdem ich von der Kiel Dawn Patrol das erste Mal gehört habe: Wie bekloppt muss man eigentlich sein, um jeden Freitagmorgen in aller Herrgottsfrühe zwischen vier und fünf Uhr aufzustehen, nur um Rad zu fahren? Johann Rathjen grinst und antwortet: „Genau das frage ich mich jeden Freitagmorgen auch. Wie bekloppt muss man eigentlich sein?“ Johann macht eine kleine Kunstpause und sagt schließlich: „Aber wenn ich es dann gemacht habe, denke ich jedes Mal: Wie geil ist das denn …?“
Eigentlich hätte er es noch nie so mit dem Frühaufstehen gehabt, sagt Johann noch. Aber dann kam sein Kumpel Robin Feder vor ein paar Jahren mit der Idee der Kiel Dawn Patrol um die Ecke. Man kann nicht sagen, dass Robin es erfunden hat. Man kann sogar sagen, dass er die Idee geklaut hat. In einigen Großstädten Australiens, auch in New York, Singapur oder Hongkong, gibt es so etwas schon länger; im kanadischen Vancouver startet seit mehr als zehn Jahren die Morning Glory. Konkret dazu inspiriert, eine frühmorgendliche Ausfahrt in Kiel ins Leben zu rufen, wurde Robin durch die Oslo Dawn Patrol während seines Studienaufenthalts in Norwegens Hauptstadt. Und warum soll man eine richtig gute Idee nicht auch mal klauen?
Hinter der Hochbrücke über den meistbefahrenen Kanal der Welt führt die Route noch ein paar Kilometer durch Vorstadtwohngebiete; das übliche Bild hier im Norden: Schottergärten vor Backsteinhäuschen, Gartenzwerge oder andere lustige Gesellen aus Ton oder Plastik zieren die Einfamilienhaus-Idylle. Die Gardinen und Jalousien sind noch zugezogen; so früh muss in Kiel-Holtenau anscheinend kaum jemand aufstehen. Dann geht es raus in die Natur. Wiesen und Weiden, ein paar Waldstücke säumen die knapp 50 Kilometer lange Strecke nordwestlich von Kiel, norddeutsche Bilderbuchlandschaft.
Vogelgezwitscher durchbricht die morgendliche Stille, ein einsamer Trecker tuckert übers Feld, und im Morgenlicht leuchtet der Raps noch einmal ein bisschen gelber. Die grandiose Stimmung im Licht der aufgehenden Sonne überträgt sich auf die Radfahrer. „Das ist eine ganz besondere Energie, die da entsteht“, schwärmt Robin, und spätestens nach der Hälfte der Strecke ist jeder wach. Es wird munter gequatscht, zwei Pendler auf ihren E-Bikes werden rund drei Dutzend Mal freundlich gegrüßt; man kennt sich inzwischen auf dieser Route am Freitagmorgen.
Am Anfang war es nur eine Handvoll Freunde, die gemeinsam die Idee der Kiel Dawn Patrol entwickelte. Aber nach ein paar Posts auf Instagram „ist das Ding quasi explodiert“, wie Robin Feder erklärt. Schon beim allerersten Start im Frühsommer 2020 standen mehr als 30 Leute an der Pier der Reventloubrücke, um gemeinsam in den Sonnenaufgang zu radeln. Kurz darauf waren es schon dreimal so viele, und an echten Sahnetagen machen sich inzwischen mehr als 100 Rennradler auf zur Kiel Dawn Patrol. Der Start ist immer um 5.30 Uhr, immer am selben Treffpunkt, man fährt immer dieselbe Strecke, immer mit einem Schnitt von 28 km/h.
Das organisieren die Road Captains. So bietet die Kiel Dawn Patrol absolute Verlässlichkeit. „Denn abgesehen davon, dass es megageil ist, in dieser Morgenstimmung gemeinsam mit netten Leuten unterwegs zu sein, ist es ja auch ein super Angebot für alle, die ansonsten wenig Zeit haben, Rennrad zu fahren – aus familiären oder beruflichen Gründen“, sagt Robin. Um 5.30 Uhr, so der Road Captain, habe ja nun wirklich so gut wie niemand Termine. Wer verpennt und zu spät kommt, der hat entweder Pech gehabt oder muss richtig draufdrücken, um die Gruppe noch zu erreichen.
Zwischen Mitte April und Ende Oktober fahren sie nun jeden Freitagmorgen ihre Runde. Und die Initiatoren haben noch viel mehr geschafft: Durch die Dawn Patrol ist eine Community von Rennradfahrern entstanden, die es vorher in Kiel so nicht gegeben hat. Viele haben sich inzwischen das schwarz-bunte Trikot mit dem Aufdruck „Kiel Dawn Patrol“ gekauft. Alles ist organisch gewachsen, es gibt keine Verpflichtung. Nur anmelden sollte man sich für die jeweilige Tour – damit die Road Captains wissen, ob sie 30 oder 130 Radfahrer begleiten müssen.
Neben der klassischen Dawn Patrol existiert längst eine sogenannte Easy Patrol, immer dienstags, auch ab 5.30 Uhr. Die Easy Patrol fährt einen 25er-Schnitt, da können fast alle mithalten, die einigermaßen sportlich sind – selbst wenn sie mit Rennradfahren bislang nichts am Hut hatten. So wie Jakob Brand. Eines schönen Morgens hat er sich aus dem Bett gequält und stand mit seinem Hollandrad am Start.
„Am Anfang hatte ich echt Respekt vor dem Fahren in der großen Gruppe, und hinterher war ich auch jedes Mal richtig platt“, erinnert er sich. Aber alles, was man lernen muss, um sich im Peleton sicher zu bewegen, inklusive der obligatorischen Handzeichen, wird den Rookies bei der Easy Patrol von den Road Captains geduldig und immer wieder aufs Neue erklärt.
Langsam, aber sicher kam Jakob immer besser zurecht. Längst hat er sich ein schickes Retro-Rennrad gekauft und bewegt sich heute locker im Feld der Kiel Dawn Patrol. Es kommt sehr selten vor, dass jemand abreißen lassen muss. Man könnte sagen: Die Organisatoren haben sich das Motto „Leave no one behind“ zu eigen gemacht; das gilt auch für die Gravel-Tour, die sie im Winterhalbjahr veranstalten.
Ein bisschen anders ist es bei der Dusk Patrol am Mittwochabend: Da wird richtig geballert durch die Felder und Wiesen vor den Toren Kiels, mit einem Schnitt von um die 40 km/h. Auch während der Dawn Patrol am Freitagmorgen wird einmal richtig Gas gegeben: beim Ortsschildsprint vor Knoop. An diesem kalten Maimorgen fällt der Sprint aber deutlich länger aus als normalerweise.
Zurück an der Reventloubrücke verabschieden sich einige Fahrer und Fahrerinnen rasch; die Pflicht ruft, nicht alle arbeiten in Gleitzeit. Die anderen rollen Richtung Innenstadt ins Café 9, wo sich die Road Captains Robin und Marc in erstklassige Baristas verwandeln. Diese Symbiose zwischen Radkultur und Kaffeekultur wird auch hier im hohen Norden gepflegt. Der Flat White ist großartig, aber wach bin ich sowieso schon längst. Und bester Laune, wie alle aus der Kiel-Dawn-Patrol-Community, die jetzt mit durchweg strahlenden Gesichtern vor ihren leckeren Teilchen und ihrem Kaffee sitzen.
Trotzdem stelle ich noch einmal die penetrante Frage, warum sie sich nicht zwölf Stunden später um 17.30 Uhr zum Rennradfahren treffen? „Ganz einfach“, sagt Road Captain Marc, „weil ich dann nicht den ganzen Tag mit einem Lächeln im Gesicht am Schreibtisch sitze.“ „Es ist einfach ein geiles Gefühl, so in den Alltag zu starten“, ergänzt Robin und zaubert eine wunderbare Blume in den Schaum meines zweiten Flat White.
Es hat viel mit dem inneren Schweinehund zu tun. Und mit dem verhält es sich ja nun mal so, dass man sich deutlich besser fühlt, wenn man ihn besiegt hat. „Ich hab’ schon mal gekniffen und mich wieder umgedreht, als der Wecker geklingelt hat“, gibt Johann Rathjen zu, „aber da fühlt man sich danach eher scheiße.“
Halten wir also fest: Es ist ziemlich bekloppt, um 4.30 Uhr aufzustehen, aber es ist grandios, mit der Kiel Dawn Patrol unterwegs zu sein. Und vielleicht finden sie ja bald noch mehr Nachahmer in Deutschland; in Berlin gibt es bereits eine ähnliche Community. Aber die Sonne geht schließlich auch verlässlich über der Elbe, der Isar oder dem Rhein auf.