Die Zahlen zeigen eine deutliche Diskrepanz in der Verkehrssicherheit. Während die Todesfälle unter motorisierten Verkehrsteilnehmern jährlich um 2 Prozent sanken, verringerten sich die tödlichen Unfälle unter Radfahrern nur um 0,5 Prozent pro Jahr. Der am 21. April 2026 in Brüssel vorgestellte Bericht des ETSC macht die Dimension des Problems sichtbar.
Um das EU-Ziel einer Halbierung der Verkehrstoten bis 2030 zu erreichen, wäre eine jährliche Reduktion von 6,5 Prozent nötig. Das entspricht dem 13-fachen der aktuellen Fortschrittsrate bei Radfahrern. Ihr Anteil an allen Verkehrstoten in der EU liegt bei 10 Prozent. Ohne Verbesserungen wird dieser Anteil weiter steigen, erklärt die ETSC in ihrer Pressemitteilung.
Die polizeilich erfassten schweren Verletzungen unter Radfahrern stiegen zwischen 2014 und 2024 um 12 Prozent. Krankenhausdaten deuten auf eine weitaus höhere Dunkelziffer hin. In einigen Ländern tauchen weniger als 10 Prozent der verletzten Radfahrer in Polizeistatistiken auf. Die tatsächliche Zahl der Verletzten liegt damit erheblich über den offiziellen Angaben.
65 Prozent der Radfahrer-Todesfälle in der EU resultieren aus Kollisionen mit Kraftfahrzeugen. Personenwagen sind mit 44 Prozent die häufigste Unfallursache. Lastkraftwagen verursachen 9 Prozent der tödlichen Unfälle, Transporter 7 Prozent. Die restlichen 28 Prozent der Todesfälle ereignen sich ohne Beteiligung anderer Fahrzeuge, etwa durch Stürze oder Kollisionen mit Bordsteinen und stehenden Objekten. Der ETSC fordert nationale Regierungen und die Europäische Kommission auf, Geschwindigkeitsreduzierungen zur Priorität zu machen. Das Todesrisiko für einen Radfahrer bei einer Kollision mit 50 km/h liegt um ein Vielfaches höher als bei 30 km/h. Niedrigere Geschwindigkeiten gehören zu den wirksamsten verfügbaren Maßnahmen zum Schutz von Radfahrern.
Die physische Trennung von Radfahrern und schnellem Kraftverkehr ist laut Bericht entscheidend für echte Verbesserungen der Verkehrssicherheit. Wo eine Trennung nicht möglich ist, müssen sichere Geschwindigkeitsbegrenzungen durchgesetzt werden. Investitionen in baulich getrennte Radinfrastruktur mit geschützten Radspuren, eigenen Radwegen und sicheren Kreuzungen müssen europaweit deutlich ausgeweitet werden.
Glatte, ausreichend breite Radwege ohne Hindernisse können auch Verletzungen und Todesfälle durch Stürze oder Kollisionen mit Objekten auf der Fahrbahn reduzieren. Regierungen in ganz Europa ermutigen Bürger aus Umwelt- und Gesundheitsgründen zum Umstieg vom Auto aufs Fahrrad. Das Fehlen sicherer Infrastruktur steht dazu im Widerspruch.
Jenny Carson, Co-Autorin des Berichts, erklärt: Regierungen fordern mehr Menschen zum Radfahren auf – für das Klima, zur Reduzierung von Staus und fossilem Kraftstoff, für die öffentliche Gesundheit und die Städte. Aber sie schaffen nicht die sicheren Bedingungen, die Radfahrer brauchen und verdienen. Man kann Menschen nicht zum Radfahren auffordern und sie dann nicht vor schnellem Verkehr schützen. Niedrigere Geschwindigkeiten sind nötig, wo Radfahrer und Kraftfahrzeuge sich den Raum teilen, und baulich getrennte Infrastruktur bei Tempolimits über 30 km/h.
Obwohl fehlende sichere Infrastruktur und zu hohe Geschwindigkeiten die Hauptprobleme bleiben, zeigt im Bericht zitierte Forschung: Helme können Kopfverletzungen um 51 Prozent und tödliche Kopfverletzungen um 72 Prozent reduzieren.
Ältere Radfahrer tragen ein überproportionales Risiko. Die Sterblichkeitsrate steigt bei über 80-Jährigen stark an. Die wachsende Nutzung von E-Bikes, besonders durch ältere Fahrer, erhöht das Unfallrisiko zusätzlich. Männer stellen 80 Prozent der getöteten Radfahrer, was vermutlich auf längere gefahrene Strecken und riskanteres Verhalten zurückgeht.
In Ländern, die zwischen Fahrradtypen unterscheiden, steigen die Todesfälle unter E-Bike-Nutzern, während sie bei konventionellen Radfahrern sinken. Diese Entwicklung unterstreicht die Notwendigkeit spezifischer Sicherheitsmaßnahmen für elektrisch unterstützte Fahrräder.
Der ETSC fordert die Einführung und Durchsetzung von Tempo-30-Limits auf städtischen Straßen, wo Radfahrer und Kraftfahrzeuge sich den Raum teilen. Die Investitionen in getrennte Radinfrastruktur mit geschützten Spuren, eigenen Wegen und sicherer Kreuzungsgestaltung müssen deutlich steigen. Glatte, hindernisfreie Radwege sollen Alleinunfälle verhindern.
Die Europäische Kommission soll Expertenleitlinien zur Qualität der Infrastruktur für gefährdete Verkehrsteilnehmer veröffentlichen. Die Einführung von Fahrzeugsicherheitstechnologien wie automatischen Notbremssystemen mit Radfahrererkennung muss in der gesamten EU-Flotte beschleunigt werden.
Die Datenerfassung zu Radfahrerverletzungen soll verbessert werden, unter anderem durch verpflichtende Krankenhausmeldungen. So lässt sich das wahre Ausmaß der Schäden besser verstehen. Leistungsindikatoren für Radfahrersicherheit sollen Teil nationaler und EU-weiter Verkehrssicherheitsstrategien werden. Nationale Regierungen sollen nationale Radverkehrsstrategien mit Zielen und Maßnahmen zur Verkehrssicherheit entwickeln. Der ETSC empfiehlt zudem, das Tragen von Helmen unter Radfahrern zu fördern.

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