Kristian Bauer
· 02.04.2026
Die Zahl der Ultramarathons weltweit stieg von 2005 bis 2019 um 600 Prozent auf 7.465 Rennen. Tatjana Bill und Roberta Antonini Philippe vom Institut des Sciences du Sport der Universität Lausanne untersuchten systematisch die Perspektive der Partner dieser Athleten. Ihre Studie erschien am 5. März 2026 in der Fachzeitschrift Leisure Sciences.
Die Forscherinnen definierten Ultra-Ausdauersport als Wettkämpfe über sechs Stunden in Disziplinen wie Trailrunning, Triathlon, Radfahren oder Langstreckenschwimmen. Der typische Ultra-Athlet ist 44,5 Jahre alt, zu 80,2 Prozent männlich, zu 70,1 Prozent verheiratet und zu über 80 Prozent akademisch gebildet. Das wöchentliche Trainingsvolumen liegt zwischen 6 und 8 Stunden in der Off-Season und steigt auf 15 bis 30 Stunden in der Wettkampfvorbereitung. Ultra-Läufer absolvieren durchschnittlich 77 Kilometer pro Woche, Triathleten trainieren noch mehr. Mit Anfahrten, Vorbereitung und Regeneration erreicht das Training bis zu 40 Wochenstunden.
Bill und Philippe führten 13 ausführliche Interviews mit Partnern von Ultra-Ausdauersportlern durch. Die wissenschaftliche Aussagekraft ist angesichts der geringen Zahl zwar begrenzt - trotzdem zeichnen sich mögliche Konflikte ab. Die befragten Partner der Extremsportler waren durchschnittlich 49 Jahre alt, 77 Prozent weiblich und zu 92 Prozent Akademiker. Sie lebten im Schnitt seit 15 Jahren mit einem Ultra-Athleten zusammen. Die Berichte der befragten sind anonymisiert wiedergegeben (z.B. Person 1 abgekürzt P1).
Partner unterstützten den Ultra-Ausdauersport entweder durch aktive Teilnahme oder umfangreiche Hilfe. Sie bildeten ein Team mit dem Athleten und übernahmen logistische, praktische und emotionale Aufgaben als Helfer, Coaches, Cheerleader und Betreuer. Fünf Teilnehmer teilten die Ultra-Leidenschaft ihrer Partner – vier im Ironman-Triathlon, einer im Ultra-Trailrunning. Alle beschrieben, dass der Sport ihre Beziehung durch gemeinsame Disziplin stärkte, wobei Zuneigung oft in Krisenmomenten sichtbar wurde.
„Ich denke, es ist einfacher, zusammen diszipliniert zu sein als allein, wenn der Wecker um 5:00 Uhr klingelt. Zusammen halten wir uns an den Zeitplan und unseren Plan", berichtete Teilnehmer P8. Gemeinsames Training fand jedoch selten statt, da unterschiedliche Leistungsniveaus dies verhinderten. „Wir trainieren fast nie zusammen, wie Radfahren oder Laufen Seite an Seite. Es funktioniert nicht, weil wir sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten haben", erklärte P13.
Partner beschrieben, wie sie die fordernden Trainingsroutinen neben Vollzeitjobs bewältigten. Viele lagerten Arbeiten aus, trugen aber weiterhin die Hauptlast der häuslichen Pflichten. Während eines Wettkampfs wurde physische Unterstützung unverzichtbar, besonders bei extremen Rennen. „Wir sind ihm die ganze Zeit gefolgt, haben ihn an Verpflegungsstationen getroffen, ihm sein Essen gegeben. Gewartet, zur nächsten gefahren, wieder gewartet, ich habe seine Beine massiert und so weiter. Nun, es ist mindestens genauso anstrengend wie zu laufen", schilderte P6 ihre Erfahrung beim 246 Kilometer langen Spartathlon.
Emotionale Unterstützung erwies sich als zentral. Die intensiven Höhen und Tiefen des Ultra-Sports verlangten hohes Einfühlungsvermögen von Partnern, die sich auf schwankende emotionale Zustände einstellen mussten. „Manchmal muss man einfach da sein und den Mund halten. Kein Wort sagen... einfach da sein und unterstützen, für was auch immer", beschrieb P10 die Rolle während Wettkämpfen.
Der Ultra-Ausdauersport der Partner stellte für alle Befragten einen allumfassenden Lebensstil dar, der Tagesablauf, Essensgewohnheiten, Sozialleben, Automodell, Urlaube und sogar Hausgestaltung prägte. Die Freizeit drehte sich weitgehend um körperliche Aktivität. Der Ultra-Lifestyle erzwang strukturierte, leistungsorientierte Routinen: Training, Dehnen, Proteinshakes, frühe Abendessen und Schlafpläne. Einige Partner schlossen sich diesen Routinen an, andere passten ihre Zeitpläne an und verfolgten eigene Interessen während der Abwesenheit des Athleten.
Urlaube werden typischerweise als Trainingslager oder Wettkampfreisen genutzt – was manche „Ironman-Tourismus" nannten. Für viele Paare wurde diese Form sportorientierter Reisen zur Routine.
Fast jeder Vorteil des Ultra-Sportlebens kam mit entsprechenden Kosten, oft subtil in der Sprache der Partner offenbart. Die Forscherinnen identifizierten sieben Unterthemen der Ambivalenz im Ultra-Ausdauersport. Partner schätzten den Ultra-Lifestyle aufgrund der Gesundheits-Vorteile: regelmäßige tägliche Bewegung, gesündere Essgewohnheiten, verbesserte Schlafhygiene und ein allgemeines Gefühl von Vitalität. Diese Vorteile wurden jedoch durch anhaltende Sorgen über die dem Ultra-Sport innewohnenden Risiken gemildert, besonders beim Radfahren. Viele beschrieben anhaltende Angst vor schweren oder potenziell tödlichen Unfällen oder Überlastungsverletzungen wie Sehnenentzündungen, Gelenkrissen und Stressfrakturen. „Nun, ich mache mir Sorgen. Weil ich weiß, wie er fährt. Wenn er aufs Rad steigt, fährt er verrückt schnell los. Er pusht zu hart – und er hatte zwei schlimme Unfälle in einem Jahr", schilderte P12.
Partner akzeptierten Ultra-Sport als definierende Leidenschaft. Doch viele erkannten auch Grenzen – wenn es überdominant und zu einer Sucht wurde. Für Spannungen sorgen können die hohen Kosten und dass keine Zeit für Aktivitäten außerhalb des Sports bleibt. „Unsere gesamte Urlaubszeit wird von den Triathlons aufgesaugt. Ich liebe Reisen und ich will nicht immer wegen oder für ein Rennen reisen müssen", sagte P7.
Trotz der Beschreibung ihrer Beziehungen als modern und gleichberechtigt (einschließlich zweier gleichgeschlechtlicher Paare) erkannten neun weibliche Teilnehmerinnen eine Tendenz zu traditioneller Rollenverteilung. „Ich agiere wie eine Ernährungsberaterin, ich bereite Essen zu, immer im Hinterkopf, was er braucht. Er macht nicht viel im Haushalt, ich kümmere mich darum. Und ich wasche auch seine Kleidung, also sind wir ziemlich klassisch", beschrieb P3.
Besonders in Familien mit Kleinkindern herrschen traditionelle Geschlechterrollen. Eine Teilnehmerin bemerkte, dass das vertiefte Ultra-Engagement ihres Mannes mit der Geburt ihres ersten Kindes zusammenfiel, während sie ihr sportliches Engagement für die Kinderbetreuung zurückfuhr. „Als wir uns kennenlernten, war ich sehr sportlich... Und dann änderte sich alles, als Kinder kamen. Dann gab er Vollgas und ich blieb auf der Couch", erinnerte sich P6.
Ultra-Sport wurde als förderlich für die Bindung angesehen. Gleichzeitig erkannten viele, dass Unterstützung zu verweigern selten eine Option war. „Man muss es unterstützen. Wenn man es nicht tut, bleibt man nicht zusammen. Er würde sich von mir trennen, wenn ich sagte, du musst aufhören... Ich würde auch nicht mit jemandem zusammen sein wollen, der versuchen würde, meine Leidenschaft wegzunehmen. Und das ist seine Leidenschaft", erklärte P12.
Letztlich hing die Aufrechterhaltung von Wohlbefinden und Beziehungsqualität davon ab, Leidenschaft und Mäßigung auszubalancieren: Anfängliche Vorteile harmonischer Integration konnten in Obsession kippen, wenn Trainingsanforderungen eskalierten. „Also, innerhalb gewisser Grenzen ist es okay. Es gibt mehr Nutzen, mehr Positives als Negatives. Und dann über eine gewisse Art von Schwelle kippt es. Dann wird es auch gesundheitlich nicht die beste Option", fasste P9 zusammen.
Bill und Philippe schlussfolgern:
Partner stehen vor einem 'Share, Support or Separate'-Dilemma: Unterstützung zu entziehen kann Beziehungsspannungen schüren oder zu Trennung oder Scheidung führen, während fortgesetzte Unterstützung oft eine Modifikation des Ultra-Engagements des Athleten erfordert.
Die Studie weist mehrere Limitationen auf. Die kleine Stichprobe von 13 Interviews begrenzt die Generalisierbarkeit. Die Abwesenheit geschiedener und einkommensschwacher Partner schränkt die Perspektivenvielfalt weiter ein. Als qualitative Studie reflektieren die Befunde nur eine partielle Realität und können keine Kausalität nahelegen.

Redakteur