Dimitri Lehner
· 28.03.2026
Der erste Kontakt mit Eiswasser ist kein Wellnessmoment. Er ist eine Verhandlung. Die Haut schreit. Der Atem stolpert. Das Herz beschleunigt. Und trotzdem steigen Menschen immer wieder hinein. Nicht aus Mut. Sondern wegen dessen, was danach kommt: Ruhe. Klarheit. Euphorie. Ein Gefühl, als hätte jemand den Reset-Knopf gedrückt.
Beim Eintauchen schüttet der Körper Noradrenalin, Adrenalin und Endorphine aus. Eine körpereigene Mischung aus Alarmanlage und Glücksdroge. Viele Winterbader sagen danach Sätze wie: „Jetzt bin ich wach.“ Man glaubt ihnen sofort.
Auch im Profisport gehört das Sitzen in der Eistonne inzwischen so selbstverständlich zur Etappe wie der Zielstrich. „Tour de France“-Stars wie Tadej Pogačar steigen nach heißen Bergetappen demonstrativ ins kalte Wasser, als wäre es die Verlängerung der Dusche – nur strategischer. Die Idee dahinter: Entzündungen bremsen, Muskeln schneller beruhigen, den Körper auf den nächsten Tag vorbereiten. Ob das tatsächlich langfristig beim Muskelaufbau hilft, ist wissenschaftlich umstritten. Sicher ist nur: Wer drei Wochen lang durch Frankreich fährt, setzt sich lieber in eine Eistonne als auf die Couch. Und manchmal reicht im Leistungssport schon das Gefühl, etwas Richtiges getan zu haben. Denn wissenschaftliche Studien schaffen es selten den mentalen Aspekt abzubilden.
Die Idee, sich freiwillig in kaltes Wasser zu setzen, ist übrigens älter als jede Eistonne im Profipeloton. Schon Johann Wolfgang von Goethe hackte angeblich das Eis der Ilm auf, um darin zu baden – aus Gesundheitsgründen, versteht sich. Im 19. Jahrhundert propagierten Naturheilkundler wie Ernst Mahner das Winterbaden öffentlich als Abhärtung für Körper und Charakter. Und lange bevor Biohacking ein Wort wurde, trafen sich in deutschen Flüssen und Seen bereits „Seehunde“, „Eiszapfen“ und andere kälteresistente Vereinigungen zum gemeinschaftlichen Frösteln. Man könnte also sagen: Eisbaden ist kein Trend. Es ist eine sehr alte Idee – nur heute mit Badekappe in Neonfarben.
Kälte zwingt den Körper zur Anpassung.
Gefäße ziehen sich zusammen. Danach öffnen sie sich wieder. Die Durchblutung steigt. Der Kreislauf arbeitet. Das nennen Mediziner Gefäßtraining. Winterbader nennen es Abhärtung.
Studien deuten darauf hin, dass regelmäßige Kaltwasserreize Stress reduzieren, den Schlaf verbessern und die Lebensqualität erhöhen können. Sicher ist: Die Gefäße profitieren. Wahrscheinlich profitieren Psyche und Stoffwechsel auch. Endgültig bewiesen ist vieles noch nicht. Aber Erfahrungsberichte gibt es genug.
Der Körper besitzt zwei Sorten Fett. Weißes speichert Energie. Braunes verbrennt sie. Kälte aktiviert dieses braune Fett. Es produziert Wärme statt Winterspeck. Ein evolutionäres Relikt aus Zeiten ohne Daunenjacke.
Parallel berichten Winterbader von weniger Infekten. Ob das Immunsystem tatsächlich stärker wird oder nur besser gelaunt ist – die Forschung arbeitet noch daran. Die gute Nachricht: Schon kalte Duschen können ähnliche Effekte haben. Die schlechte: Duschen macht weniger Eindruck beim Erzählen.
Studien zum Eisbaden zeigen positive Effekte auf die Durchblutung und das Herz-Kreislauf-System. Allerdings ist die Studienlage zu langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen noch dünn, und viele Wirkungen beziehen sich eher auf Erfahrungsberichte als dass sie durch umfassende Langzeitstudien belegt werden. Kaltwasserschwimmen scheint das Immunsystem positiv zu beeinflussen, wobei oft schon kalte Duschen ähnliche Effekte zeigen. Einige Studien deuten darauf hin, dass Eisbaden den Muskelaufbau nach dem Training behindern könnte, wenn es zu intensiv oder zu schnell nach der Belastung erfolgt.
Eisbaden sieht auf Instagram nach Mut aus. Medizinisch ist es zuerst Stress. Beim Eintauchen steigen Blutdruck und Herzfrequenz. Der sogenannte Kälteschock kann gefährlich sein – besonders für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Darum gilt:
Nie alleine ins Wasser.
Nie reinspringen. Der Temperatursturz kann einen Herzstillstand auslösen.
Nie zu lange bleiben.
Nie ohne Gesundheitscheck anfangen.
Faustregel: Grad = Minuten. Sprich: Nur so viele Minuten im Wasser bleiben, wie das Wasser Grad Celsius hat. Für Anfänger besser deutlich kürzer.
Winterbaden beginnt nicht im Januar. Es beginnt im Herbst. Mit kalten Duschen. Mit Mut. Und mit dem ersten Schritt ins Wasser, der immer der schwerste bleibt.
Profis schwimmen sogar eine sogenannte Eismeile als Wettkampf: 1,6 Kilometer bei unter fünf Grad Wassertemperatur. Ohne Neopren. Nur Badehose, Brille, Badekappe. Das haben bisher über 550 Menschen weltweit gemacht. Der Ire Ger Kennedy hält den Weltrekord, er hat sich die Tortour der Eismeile insgesamt 14 Mal angetan, der Allgäuer Paul Bieber bisher 10 Mal; er jagt den Weltrekord. Man kann das machen. Man muss aber nicht.
Der Niederländer Wim Hof stand fast zwei Stunden bis zum Hals im Eiswasser.
Der Brite Lewis Pugh schwamm einen Kilometer in der Antarktis.
Der Pole Krzysztof Gajewski schwamm im Dezember 2021 fast vier Kilometer durch 4,6 Grad kaltes Wasser – exakt 3,91 Kilometer im Kopalnia-See. Eine Distanz, bei der normale Badegäste bereits beim Gedanken daran ihre Zehen einziehen.
Und auch Deutschland hält mit: Paul Bieber legte im Bodensee über 2,2 Kilometer bei unter fünf Grad zurück. In Badehose. Ohne Neopren. Dafür mit einem Kreislauf, der offenbar deutlich belastbarer ist als der Durchschnitt.
Und im März 2025 stiegen über 2400 Menschen gleichzeitig in Tschechien ins kalte Wasser. Weltrekord. Man könnte sagen: Das war ein Trend. Oder ein kollektiver Nervenzusammenbruch mit Badekappe. Fest steht: Wer einmal im Winter gebadet hat, versteht plötzlich, warum Menschen freiwillig Dinge tun, die sie vorher ausgeschlossen hätten. Zum Beispiel wieder hineingehen.
Sehr lesenswert zum Einstieg ins Winterschwimmen und - baden: die Grundlagen Eisschwimmen des Deutschen Schwimm-Verband e. V. Hier als Pdf zum Runterladen.

Redakteur