Thomas Musch
· 05.01.2026
Rennradfahren ist ein Sport fürs Leben: Wer den Sport einmal für sich entdeckt, wird nie wieder damit aufhören. Wir nennen die zehn besten Gründe, um jetzt loszulegen
Kaum etwas ist von Wissenschaft und Medizin besser untersucht als die Auswirkung von Ausdauersport auf den menschlichen Körper. An den Erkenntnissen besteht daher kein Zweifel: Ausdauersport wie Rennradfahren verlangsamt das biologische Altern deutlich. Zellalterungsprozesse werden gebremst, Herz und Kreislauf gestärkt und die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) verbessert. Die Muskulatur wird gestärkt bzw. baut in fortgeschrittenem Alter langsamer ab. Auch das Immunsystem profitiert von regelmäßiger körperlicher Aktivität und insbesondere von Ausdauertraining. Rennradfahren schont außerdem die Gelenke, und regelmäßiges Ausdauertraining kann das Risiko für Diabetes Typ 2 verringern. Laut einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover kann regelmäßiger Sport je nach Ausgangssituation das biologische Alter um bis zu 15 Jahre verringern. Experten setzen für die physiologische Wirksamkeit von Sport fünf Stunden moderates Ausdauertraining pro Woche an.
Wer seine Heimatregion wirklich bis in den kleinsten Winkel kennenlernen will, hat als Rennradfahrer ein optimales Forschungsgerät zur Verfügung. Denn Rennradfahren macht auf kleinen, verkehrsarmen und kurvigen Straßen und Wegen am meisten Spaß. So ist die Suche danach und das Leben auf und mit dem Rennrad ein nie endender Entdeckungstrip in die heimatliche Umgebung. Zudem wächst mit der Fitness der Radius, so dass man seine Kreise immer weiter ziehen und neue Wege aufspüren kann. Wer seine Heimatforschung auf zwei Rädern gar mit einem schotterwegfesten Allroad- oder Gravelrenner betreibt, kann seine Kreise um ein dichtes Netz von Wald-, Wiesen- und Versorgungswegen ergänzen und noch die entlegensten Ecken der heimatlichen Region erforschen. Das macht ohne die allgegenwärtigen elektronischen Navigationshelfer fast noch mehr Spaß. Es schult das Orientierungsvermögen besser als irgendwelchen vorgefertigten GPS-Tracks zu folgen und hinterher nicht mehr zu wissen, wo man eigentlich war.
Nichts hilft beim Abnehmen so zuverlässig und effizient wie Ausdauertraining. Bei der körperlichen Belastung werden mehr Kalorien verbrannt und der Stoffwechsel angeregt. Allerdings: Wer in einer Hauruck-Aktion nach den Feiertagen drei Stunden Vollgas durch die Wälder brettert und glaubt, die Weihnachtsvöllerei sei damit wieder egalisiert, der täuscht sich. Um mit Sport abzunehmen und das verringerte Gewicht dauerhaft zu halten, bedarf es – wie bei fast allem – Maß und Mitte. Wichtig ist, dass die Kalorienbilanz über den Tag immer negativ ausfällt, man muss also immer mehr verbrauchen als man zu sich nimmt. Am besten klappt das mit moderatem Ausdauertraining, ergänzt durch sinnvoll gesetzte intensivere Einheiten, wobei man den Effekt des Sports auch nicht überschätzen darf.
Beim Radtraining im aeroben Bereich (Anhaltspunkt: Man kann sich während des Trainings in ganzen Sätzen unterhalten und muss nicht nach Luft schnappen) verbrennt man pro Stunde rund 500 Kilokalorien. Wer also während einer 60-Kilometer-Runde zwei Energieriegel verdrückt, hat unter Umständen mehr Kalorien zu sich genommen als verbraucht. Und wer nach dem Sport Heißhunger schiebt und einen Teller Nudeln in sich reinschaufelt, dreht die Kalorienbilanz möglicherweise in Richtung Gewichtszunahme. Wer regelmäßiges Ausdauertraining mit der passenden Ernährung kombiniert, kann aber in sechs bis zwölf Monaten gesund und nachhaltig zwei bis drei Kilogramm abnehmen.
Speed kickt – und es gibt keine andere Maschine, mit der man sich aus eigener Kraft so schnell fortbewegen kann wie mit einem Rennrad. Moderne Racebikes sind aerodynamisch optimiert und wandeln die Muskelkraft noch effizienter in Tempo um als Räder früherer Generationen. Durchschnittlich trainiert, bereitet es keine allzu große Mühe, mit einem Rennrad auf ebener Strecke dauerhaft um oder über 30 km/h zu fahren – lautlos und abgasfrei. Im Windschatten größerer Gruppen sind auch 35 bis 40 km/h keine Hexerei. Gut trainiert sind Geschwindigkeiten um und über 40 km/h zumindest für gewisse Zeit erreichbar – und bergab gibt’s sowieso kein Halten. Radprofis bei der Tour de France erzielen auf Passabfahrten in den Alpen nicht selten Geschwindigkeiten um 100 km/h.
Der Duft von Kiefernharz in einem lichten, sonnendurchfluteten Bergwald, Vogelgezwitscher, das Summen der Bienen: Rennradfahren in der Natur ist ein Fest für die Sinne. Toll daran und in gewisser Weise einzigartig ist die Kombination aus Wahrnehmung, Erlebnis und Geschwindigkeit. Man ist auf dem Rad langsam genug, um vielfältige Eindrücke am Streckenrand aufnehmen zu können und gleichzeitig so zügig unterwegs, dass man, anders als beim Spazierengehen oder Wandern, in wenigen Stunden oder an einem Tag wechselnde Landschaften, Höhenregionen und ganze Klimazonen durchqueren und erleben kann.
Das Rennrad fasziniert seit jeher – leicht, auf Effizienz getrimmt, durchschaubar. Zugegeben: In den vergangenen Jahrzehnten war die konsequent modular aufgebaute Technik noch einfacher zu verstehen, der Sinn und Zweck von jedem Einzelteil klar und transparent. Mehr oder weniger jedes Teil am Rad konnte gegen das eines anderen Herstellers ausgetauscht werden, jedes für sich bei Verschleiß ersetzt oder bei Defekt repariert werden. Das machte das Rennrad zu einer hochgradig effizienten und darüber hinaus preiswerten Fahrmaschine. Heutzutage ist das zum Teil anders, die technische Weiterentwicklung hat aus dem Rennrad ein dynamisches Sportgerät mit einem hohen Grad an Systemintegration gemacht, Hydraulik (bei den Scheibenbremsen) und Elektronik (bei der Schaltung) haben Einzug gehalten, ausgefeilte Aerodynamik ist zu einem bestimmenden Erscheinungsmerkmal geworden – aber die Faszination, die von einem modernen Rennrad ausgeht, ist ungebrochen.
Gemeinsamer Sport verbindet, auch und besonders, wenn er, wie auf dem Rennrad, auch mal von gemeinsamem Leiden geprägt sein kann. Die Rennrad-Community ist eine Gemeinschaft der Wissenden (Training, Ernährung, Technik, Ausrüstung, Bekleidung) – und eine, in der sich große Sprüche schnell auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen lassen, oder anders formuliert: „Entscheidend ist auf‘m Rad.“ In kaum einer anderen Sportart trifft man so viele freundliche, bescheidene und hilfsbereite Menschen wie beim Rennradfahren – was nicht bedeutet, dass man sich auf dem Rad nicht trotzdem versucht, gegenseitig abzuhängen. Aber weil jeder in seinem Rennradleben mal Erster am Ortsschild ist und Letzter am Pass, gleicht sich das immer wieder aus. Bei Rad-Events landauf, landab und an den schönsten Plätzen und herausforderndsten Bergstrecken überall in Europa kann man Gleichgesinnte zu Hunderten oder gar zu Tausenden treffen.
Radfahren schont die Umwelt. Punkt. Klar, ein modernes Rennrad wächst nicht am Baum. Die Herstellung des Rahmens aus Carbon, der Lack, Reifen aus Gummi, Komponenten aus Kunststoff, elektronische Bauteile und deren Akkus – vieles davon stammt aus knappen Ressourcen, die Herstellungsprozesse benötigen Energie, es entsteht Abfall. Aber: Herauskommt ein zwischen sieben und acht Kilogramm schweres Fahrzeug, das einen rund zehnmal so schweren Menschen transportieren kann, so weit die Muskeln tragen. Ohne weiteren Energieverbrauch, ohne Lärm. Dieses Verhältnis von Aufwand und Ertrag bietet kein anderes Fortbewegungsmittel.
Egal ob man Autos mit fossilem Brennstoff oder mit Öko-Strom betreibt: Sie benötigen (immer mehr) horrend teure Infrastruktur wie Straßen, Stellflächen und Parkplätze. Sie verstopfen Innenstädte und stehen im Weg. Das tun Fahrräder in der Regel nicht. Sie machen unabhängig von verspäteten oder gar nicht fahrenden Zügen. (Renn-)Rad fahren ist der effizienteste, günstigste, gesündeste und sportlichste Beitrag zu einem umweltfreundlichen Verkehr mit menschlichen Dimensionen.
Der Job nervt, der Chef raunzt, die Kinder quengeln? Die beste Therapie für Ruhe im Kopf, neuen Mut und frische Zuversicht ist eine Stunde (oder mehr) im Rennradsattel. Das Gedankenkarussell stoppt, Kopf und Lunge werden durchgelüftet, Beine und Körper wohlig durchgeknetet, tanken bei lockerem Tritt neue Kraft. Wenn man dann hinterher das Rad an den Haken in der Garage hängt und die Radschuhe ins Regal stellt, gibt’s eigentlich keine Probleme mehr. Nur noch Aufgaben.