Sebastian Lindner
· 14.05.2026
Nach 15 Jahren als Profi und entsprechend reichlich Trainingskilometern sind irgendwann alle Straßen der näheren und ferneren Umgebung erkundet. Besonders dann, wenn der Ausgangsort der Aktivitäten am Meer liegt und an anderthalb Seiten von Wasser umgeben ist. So ist es der Fall bei André Greipel. Geboren an der Ostsee, hat der 43-Jährige seinen Lebensmittelpunkt nach der Karriere wieder in seiner Heimat eingerichtet.
Auf halber Strecke zwischen den Hansestädten Rostock und Wismar, dort, wo jüngst ein Buckelwal für Schlagzeilen sorgte, liegt das Ostseebad Rerik. Im Winter ruhig und beschaulich, im Sommer belebt durch Tausende Badegäste. Von dort startet Greipel seine Runden heute. Allerdings nicht mehr auf dem Rennrad und weniger auf asphaltiertem Untergrund, sondern mit dem Gravelbike über Waldboden und durch Küstensand. “Das ist einfach nochmal eine andere Möglichkeit, die wunderschöne Gegend hier kennenzulernen”, sagt Greipel im Gespräch mit TOUR. Diese Chance will er nun allen Radsportfreunden bieten, die Lust auf viel Gemeinsamkeit, Radfahren ohne Renndruck in malerischer Kulisse und ein Drumherum haben, das vom entspannten Saunagang über exotische Küche bis hin zu guter Musik alles bietet und auf Familientauglichkeit ausgelegt ist.
“Diese Idee hatte ich schon immer im Kopf”, so der frühere Weltklassesprinter. “Aber es allein umzusetzen, habe ich mir nicht zugetraut. Dann habe ich Rico mit ins Boot geholt. Er hat die Kontakte in die Gastro- und Musikszene.” Rico ist Enrico Mannweiller. Er betreibt unter anderem eine Beachbar im Ort und bringt eigene sportliche Erfahrungen aus dem Triathlon mit. “Unser Ansinnen ist es, alle aus der Radbubble zusammenzubringen, die ohne Leistungsdruck aktiv sein wollen, ihnen eine unterschätzte Region für Hobbysportler näherbringen”, umreißt Mannweiller die Idee hinter dem Seaside Ride, der vor einem Jahr erstmals nach Rerik einlud.
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Rund 230 Teilnehmer waren bei der Premiere des Seaside Ride 2025 dabei und überrascht, als nach 100 Kilometern an der flachen Ostseeküste und im Hinterland dann doch auch 900 Höhenmeter auf dem Tacho standen. Die Gravelausfahrt stand im Zentrum des dreitägigen Events. Und so wird es auch dieses Mal sein. “Aber wir fahren eine komplett andere Runde”, sagt Greipel. Wo es langgeht, bleibt vorerst noch eine Überraschung. “Die Route steht aber. Und sie wird dem Namen Seaside Ride dieses Mal alle Ehre machen.”
Der Seaside Ride No. 2 wird Rerik von 12. bis 14. Juni 2026 prägen. Anreise Freitagabend, gemeinsames Anbaden in der Ostsee, Sauna, Livemusik, Smalltalk mit Radsportprofis - Entspannung und auch Entschleunigung sind Kernelemente des Festivals. Am Samstag dann der Ride. “Im letzten Jahr wurde auch eine Straßenrunde nachgefragt, deswegen haben wir die neben der Gravelausfahrt nun auch im Programm”, nennt Greipel eine der zentralen Erweiterungen der Neuauflage. Dazu gibt es eine Bambinitour. Kinder haben über das gesamte Wochenende freien Eintritt. Der Familienaspekt ist ein weiteres zentrales Thema. Und auch darüber hinaus versucht das Orga-Team alle mitzunehmen. “Natürlich müssen wir aus Fairnessgründen ein paar exklusive Inhalte bereithalten. Aber die Radsportmesse, die Konzerte - das kann jeder mitnehmen, dafür muss man nicht am Rennen teilnehmen und nichts bezahlen”, erklärt Mannweiller. “Das Festivalgelände ist für alle offen.”
Sind die Sportler, die in kleinen Gruppen losgeschickt und von “Luftikussen” - Pannenhelfern mit Schläuchen und Luftpumpen - begleitet werden, zurückgekehrt, ist Zeit für Yoga oder Kino. Radhersteller Rose zeigt seinen Bikepacking-Film “Explore Freedom” mit Marcel Kittel, der ansonsten nur an ausgewählten Terminen in einigen Städten zu sehen ist. Für diejenigen, die doch etwas Wettkampf brauchen, gibt es dann auch einen Ergometerwettbewerb und eine Siegerehrung, bei der die Schnellsten auf einigen Strava-Segmenten der Ausfahrten gekürt werden. “Wir wollen keine Gewinner und keine Verlierer, aber so etwas sorgt dann halt doch nochmal für Gaudi und Stimmung auf dem Gelände”, so Mannweiller. Und die soll noch lange bis in die Nacht hinein anhalten. “Es ist Party und Sport. Wir wollen hier natürlich kein Besäufnis. Es geht auch stilvoll.”
Am Sonntag wartet ein gemeinsames Frühstück, noch ein bisschen Sport und die abschließende Tour de Toleranz. “Das ist dann tatsächlich nochmal ein politisches Statement. Wir wollen niemandem sagen, wie er denken soll, aber was ein gesellschaftliches Problem ist, ist Toleranz”, sagt Mannweiller. “Und da werden wir einfach mit allen, die sich damit identifizieren können, dass man einem seine Meinung lässt und sie vor allen Dingen auch respektiert, solange es kein verfassungsfeindlicher Kurs ist, durch den Ort fahren.”
Anschließend trennen sich die Wege. “Wir sind froh, wenn jeder, der hierherkommt, selig und entspannt mit müden Beinen wieder nach Hause fährt”, hofft Greipel. “Mit einem besseren Gefühl. Und vielleicht auch ein bisschen hinterfragt, ob der Weg, den man eingeschlagen hat, der richtige ist. Aber auf jeden Fall ist unser Anspruch, dass jeder mit einer besseren Laune nach Hause fährt. Das ist, glaube ich, wichtig in der heutigen Zeit.”