Sebastian Lindner
· 10.01.2025
Seinen größten Erfolg feierte Rüdiger Selig, da war er noch nicht mal Profi. Als Stagiaire für das luxemburgische Team Leopard-Trek fuhr er 2011 zum Sieg beim Memorial Frank Vandenbroucke. Erstmals konnte Selig in einem Profirennen jubeln. Seine gute Form hatte der gebürtige Sachse aber schon zuvor in der Saison unter Beweis gestellt. Bei der U23-Weltmeisterschaft in Kopenhagen wurde er Vierter im Sprint, geschlagen unter anderem vom neuen Titelträger Arnaud Demare. Es schien nur Formsache, dass die Luxemburger den 22 Jahre alten Deutschen in der nächsten Saison zum Profi machen würden.
Doch es kam anders. Vermutlich auch aufgrund von weitreichenden Sponsorenänderungen entschied sich Radioshack-Nissan, wie die Mannschaft im Jahr darauf heißen sollte, gegen eine Verpflichtung des Youngsters. Und so griff ein anderer zu: Der frühere Gerolsteiner-Chef Hans-Michael Holczer, der drei Jahre nach dem Aus seines deutschen Teams den russischen Rennstall übernahm, sicherte sich die Dienste des jungen Sprinters.
Für die große Karriere mit eigenen Erfolgen könnte sich dieser Schritt allerdings als der falsche erwiesen haben, wie Selig in einem Rückblick auf seine Karriere bei radsport-news.com rekapitulierte. Denn im selben Jahr wechselte Alexander Kristoff, ein Jahr älter als Selig ins Team. Der Norweger galt ebenfalls als hochtalentiert und fuhr auch gleich im ersten Jahr - anders als der in Berlin lebende Deutsche - Siege ein. “Er sah mich vielleicht als Konkurrenz und bot mir die Chance, sein letzter Mann im Sprintzug sein zu können, mit dem Versprechen, dass er sich um mich kümmert im Fall von Vertragsverlängerungen oder Teamwechseln. Tja, jung und naiv wie ich war, vertraute ich darauf.”
Zunächst lief es noch ganz rund, Rüdiger Selig fuhr 2013 bei der Volta Limburg Classic seinen ersten Sieg für das Team ein. “Doch als ich mich 2014 motiviert ins Übertraining katapultierte, war ich ganz schnell abgesägt. Danach fehlte mir die letzte Konsequenz und wahrscheinlich auch das Selbstvertrauen, wovon man als Sprinter äußerst viel benötigt.” Das Jahr wurde zum schwächsten seiner 13 Saisons als Profi. 2015 dann lief sein Vertrag aus. Und während Kristoff noch weitere Jahre in der russischen Mannschaft blieb, musste Selig den vermeintlichen Rückschritt machen und die World Tour verlassen.
Er kam bei Bora - Argon 18 unter. Das Team von Ralph Denk fuhr in jener Saison noch in der zweiten Liga des Radsports, was sich jedoch bald ändern sollte. Noch schneller änderte sich aber das Arbeitsprofil von Selig, dass sich weiter stark in Richtung Anfahrer verschob und bei Bora auf fruchtbaren Boden viel. Doch zunächst nutzte der inzwischen 27-Jährige seine eigene Chance, denn die Vuelta war das Team - abgesehen von Rüdiger Selig - ohne echten Sprinter angegangen. Und Selig hielt sich bei seiner ersten Grand Tour in den Massensprints auch aus den Finals heraus. Doch auf der 16. Etappe schaffte es nur ein reduziertes Feld ins Finale, in dem die ganz großen Namen der schnellen Männer doch fehlte. Selig hingegen war dabei, doch beim Antritt von Jempy Drucker verpasste er es, die Lücke sofort zu schließen. Der Luxemburger entschied die Etappe für sich, Selig blieb vor Nikias Arndt nur der zweite Platz.
2017 wechselt mit Peter Sagan einer der besten Sprinter seiner Generation zu Bora, das nun Hansgrohe als zweiten Namenssponser hat und in die World Tour aufgestiegen ist. Dazu wechselt die junge deutsche Sprinthoffnung Pascal Ackermann in das Team, das mit Sam Bennett bereits einen etablierten Siegfahrer in den Reihen hat. Die Mannschaft fokussiert sich weiter auf Sprintankünfte. Angetrieben von den großen neuen Herausforderungen verbessert sich auch Selig in seinem Metier weiter und weiter. “Ich merkte, dass ich als Leadout-Fahrer wesentlich mehr Freude hatte und ich mich in dieser Nische auch unentbehrlicher machen konnte”, so Selig, der aber trotzdem auch weiterhin eigene Chancen bekam.
Bei der Clasica de Almeria in Spanien zu Beginn der Saison im Februar fuhr Selig erneut auf den zweiten Rang, nur Magnus Cort war schneller. Nach der Klassiker-Kampagne ging es dann als Anfahrer von Bennett zum Giro. Doch bevor Selig den Iren zu vier Podiumsplatzierungen pilotieren konnte, bekam er selbst die Chance, um den Sieg zu sprinten. Auf der 3. Etappe zerfiel das Feld auf den letzten zehn Kilometern des Tages auf einer Windkante. Selig schaffte den Sprung in die siebenköpfige Spitzengruppe, musste sich dort allerdings Fernando Gaviria geschlagen geben.
Nach der Premiere beim Giro stand für Rüdiger Selig, Rufname “Rudi”, auch seine erste Tour de France auf dem Programm. Und obwohl er selbst vier Top-10-Ergebnisse abliefern konnte, blieb es sein einziger Auftritt bei der Frankreich-Rundfahrt. Als Anfahrer für Sagan mitgenommen, war das Duo nach vier Etappen und einem Sieg bereits wieder gesprengt, nachdem der Weltmeister auf der vierten Etappe disqualifiziert wurde, weil er im Finale Mark Cavendish durch eine Ellbogenbewegung in die Bande drückte und der Brite zu Fall kam. Ohne etatmäßigen Sprinter musste Selig die Lücke füllen und machte als Ersatzmann einen Superjob. Vor allem auf der 10. Etappe, die gleichzeitig den Höhepunkt als auch das Ende der deutschen Sprinterjahre bei der Tour darstellte. Selig wurde Vierter. Nur Dylan Groenewegen verhinderte ein rein deutsches Podium, nachdem Marcel Kittel in Bergerac vor John Degenkolb gewonnen hatte. Kittel siegte auch am Tag danach, doch weitere deutsche Erfolge im Massensprint sollte es bis heute nicht mehr geben.
Auch für Selig war es durch das gute Abschneiden bei Giro und Tour und weitere Top-10-Ergebnisse bei kleineren Rennen das beste Jahr seiner Karriere, gemessen an selbst erzielten Resultaten, wenngleich er im Jahr darauf bei der Slowakei-Rundfahrt zum dritten und letzten Mal einen eigenen Sieg bejubeln durfte. Ansonsten ging der 1,88 Meter große Profi fast ausschließlich in der Helferrolle auf, denn Ackermann gelang 2018 der Durchbruch. Neun Siege feierte der Pfälzer Jahr - fast immer war Selig dabei.
Und so, wie sich Ackermann in den folgenden Jahren entwickelte, tat es auch Selig. Im Peloton hatte er sich den Ruf eines Weltklasse-Anfahrers erarbeitet und auch im Selbstverständnis zählte er sich zu den drei Besten weltweit in jenem Metier - mit dem Ziel, die Spitzenposition einzunehmen. Objektiv messen oder bewerten lässt sich das kaum. Harte Währung sind jedoch die Siege des zugehörigen Sprinters. Und weil Ackermann 2019 noch besser wurde als im Jahr zuvor, 13 Siege feierte und beim Giro d’Italia das Punktetrikot einfuhr, war Selig, der im Falle einer Verhinderung seines Finisseurs auch selbst noch aufs Podium sprinten konnte wie auf der 10. Etappe des Giros, weiter hoch im Kurs.
Doch die “magischen Jahre” bei Bora, wie Selig sie nannte, sollten bald ein Ende finden. Das schwierige Corona-Jahr 2020 konnte das Gespann mit Siegen bei Tirreno-Adriatico und der Vuelta noch irgendwie retten, doch wirklich Freude kam aufgrund der Umstände nirgendwo auf. Und auch 2021 sollte kaum Anlässe für Freudenstürme bieten. Im Januar wurde Selig wie einige Teamkollegen im Trainingslager am Gardasee von einem Auto angefahren, nach einer schweren Gehirnerschütterung waren Rennen erst Mitte März wieder möglich. Doch auch dann lief es für ihn und seinen Kapitän Ackermann nicht rund. Bora entschied sich gegen eine Vertragsverlängerung. Während der Sprinter im Jahr darauf zu UAE Emirates wechselte, war für dessen Anfahrer - einmal mehr - kein Platz. Er ging zu Lotto-Soudal (später Lotto-Dstny), um dort dem Australier Caleb Ewan die Sprints vorzubereiten.
Wirkliche Harmonie stellte sich aber nie ein, obwohl sich im belgischen Team ein komplett deutsches Anfahrertrio zusammenfand. Denn mit Rüdiger Selig wechselte auch Michael Schwarzmann von Bora zu Lotto, beide trafen dort auf Roger Kluge, der schon seit 2019 im Team war. Mitverantwortlich dafür ist auch ein erneut unglücklicher Start in die Saison. Selig stürzt zum in seinem ersten Rennen für das neue Team bei der Saudi Tour, bricht sich zwei Rippen. Danach kommt eine zähe Corona-Infektion dazu. Hinter sieben seiner ersten zehn Rennen inklusive des Giro d’Italia steht ein DNF - did not finish.
Damit starb auch der Traum von der zweiten Tour de France, für die er eigentlich als Teil des Sprintzugs von Ewan fest eingeplant war. Und weil es für das gesamte Team nicht besser lief, war zum Jahresende auch der Abstieg aus der World Tour nicht mehr zu verhindern. Zumindest aus persönlicher Sicht lief auch 2023 nicht wirklich besser, sodass der inzwischen 34-Jährige für 2024 noch einmal eine neue Herausforderung suchte und für ein Jahr bei Astana Qazqastan unterschrieb.
Der Ruf als Top-Anfahrer hatte in den zwei Jahren bei Lotto gelitten, doch die Kasachen boten ihm ein neues Zuhause. Im Gegenzug sollte er Max Kanter auf dessen Weg zum ersten Profisieg begleiten. Und das funktionierte: Bei der Türkei-Rundfahrt konnte der Cottbuser einen Tagessieg einfahren. Bei der Deutschland Tour und zum Jahresabschluss in China führte Selig seinen Landsmann zu weiteren guten Ergebnissen.
Für einen neuen Vertrag reichte das aber nicht. Obwohl der mannschaftsdienliche Profi im fortgeschrittenen Alter eigenen Aussagen zufolge nach bessere Wattwerte lieferte als je zuvor, wurde die 13. seine letzte Saison als Radprofi. Das Ende kam so nicht ganz freiwillig, das eine oder andere Jahr hätte er sich noch vorstellen können. “13 Jahre Karriere sind plötzlich zu Ende”, schrieb Selig am 11. Oktober auf Instagram und machte den Schlussstrich damit offiziell. “Der Radsport war nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Lebensstil, so lange ich denken kann. Er hat mir Lebensweisheiten beigebracht, die ich nirgendwo anders gelernt hätte.” Positive wie negative Momente sind darin eingeschlossen.
Ob Rüdiger Selig dem Radsport erhalten bleibt oder ob er einen anderen Weg einschlagen wird, ließ er sich offen. Ruhig angehen lassen wollte er es in den ersten Monaten nach dem Karriereende aber so oder so erstmal. Ausgenommen dabei die Flitterwochen mit seiner belgischen Frau Julie, die er Ende Oktober heiratete.
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