Interview mit Radsport-Influencerin Alina Jäger

Kristian Bauer

 · 08.11.2023

Mont Ventoux
Foto: Alina Jäger
Radsport-Influencerin - was macht man da und läuft es trotz Branchenkrise noch gut? Wir haben mit Alina Jäger gesprochen, die seit 2017 ihr Radsport-Leben auf Instagram zeigt.

237.000 Follower hat Alina Jäger mit ihrem Profil „Clippedinandfree“. Die geborene Koblenzerin gehört zu den wichtigsten Radsport-Akteuren auf Instagram und arbeitet hauptberuflich als Content Creator. TOUR gibt sie Einblick hinter die Kulissen der Insta-Welt, die aufgrund der Krise im Radmarkt nicht mehr ganz so hell strahlt.

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TOUR: Wie hast du es geschafft ein Profil mit 237.000 Followern aufzubauen?

Alina Jäger: Ich hab’ damals Instagram angefangen über den Radsport. Ich hatte erst ein Lifestyleprofil und das hat mir nicht mehr getaugt, weil ich dachte, oh Mensch, das ist irgendwie alles so oberflächlich. Ich wollte mehr über etwas sprechen, was ich mache, als dass es darum geht, wie sieht man aus und habe angefangen über das Rad, über den Radsport zu sprechen. Auch weil ich mich einfach sehr allein gefühlt habe in meinem Hobby. Koblenz hat zwar Canyon, aber als ich angefangen hab’ Rad zu fahren, da gab es erst einmal kaum Frauen und auch in meiner Altersklasse gab es nur sehr wenige. Ich habe so viel Zeit im Sattel verbracht und deshalb habe ich dann 2017 angefangen, auf Instagram darüber zu sprechen und zu schauen, okay, wo sind denn andere Leute, die das so sehr lieben wie ich.

TOUR: Damit warst du eine der ersten …

Jäger: Genau. Ich hab’ ganz viele Abonnenten, die mir schon super lange folgen. Das fühlt sich manchmal auch an wie eine Freundschaft, gerade wenn man sich Nachrichten geschrieben hat.

Influencerin - ein schwieriger Begriff

TOUR: Wie würdest du dich selbst bezeichnen? Bist du Influencerin, bist du Content Creator?

Jäger: Der Begriff Influencer ist immer sehr negativ konnotiert. Weil viele denken, es ist kein Job, den man anerkennen muss - was nicht stimmt. Also wenn ich mir meine Bildschirmzeit anschaue, dann hab’ ich einen ganz normalen Vollzeitjob und das Radfahren kommt eben noch extra. Ich nenne mich eher weniger Influencer, weil ich nicht möchte, dass die Vorurteile mit mir verbunden werden. Ich sage, ich bin Content Creator und mein professioneller Hintergrund ist eigentlich Fotografin. So hat dann auch meine Liebe zu den schönen Bildern angefangen.

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TOUR: Woher kommen deine Insta-Follower?

Jäger: Es ist sehr, sehr international, also in der gesamten Radszene. Bei mir kommen 13 Prozent aus Deutschland, dann 12 Prozent USA und 9 Prozent England und dann kommen die ganzen europäischen Fahrradnationen, also Spanien, Italien, Frankreich. Du siehst anhand der Zahlen, dass es sehr verteilt ist.

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TOUR: Du bist Fotografin, aber du bist selbst auf den Fotos – wer fotografiert dann?

Jäger: Ich nehme immer meine Kamera mit und oft habe ich dann meine Freunde dabei oder einen befreundeten Fotografen. Dann instruiere ich, wie man die Bilder aufnehmen muss. Ich mache die Kameraeinstellungen und dann müssen wir auch mal während eines Abenteuers kurz stoppen, wenn die Landschaft unfassbar schön ist. Die Bilder sehen nicht so aus, wenn sie aus der Kamera kommen. Das meiste mache ich dann bei der Bildbearbeitung. Das habe ich durch meinen fotografischen Hintergrund gelernt und dann überarbeite ich die Bilder selbst. Wenn ich Sponsoren habe, ist es natürlich einfacher für mich, einen Fotografen zu buchen, der dann mitkommt.

TOUR: Dann sind wir aber schon bei dem Thema Aufwand. Wie viel Arbeit steckt hinter deinem Job als Radsport-Influencerin?

Jäger: Tatsächlich ist mein Profil meistens Abenteuer, oder dass ich irgendwo anders bin. Es wird sich aber nicht groß ändern, ob ich jetzt in Girona fahre oder in Norwegen oder in Afrika. Ich muss für meine Arbeit fit bleiben, das bedeutet, ich muss trainieren. Ich habe so 15 Stunden reines Training die Woche. Und dann Zeit, um ein Bild zu bearbeiten. Mittlerweile brauche ich für ungefähr 20 Minuten für ein Foto und wenn es mehrere Fotos in einem Karussell sind, entsprechend mehr. Das heißt, für einen Post habe ich so anderthalb Stunden Aufwand plus die Zeit, die ich investiert habe, um das aufzunehmen und natürlich auch den Text, den ich schreibe. Das heißt, am Tag habe ich wie jeder andere zwischen sechs und acht Stunden Arbeit, aber eben von Montag bis Sonntag, nicht nur von Montag bis Freitag.

TOUR: Das klingt ganz schön viel - zählst du da die Zeit auf dem Rad dazu?

Jäger: Teilweise auf jeden Fall, weil ich kann keine Bilder kreieren, wenn ich nicht auf dem Rad bin. Und die Zeit für die Kommunikation mit der Community kommt noch dazu. Ich würde sagen, das sind vielleicht auch noch mal so 45 Minuten am Tag und dann kommt noch YouTube dazu. Die Dateien schicke ich alle an meinen Video Editor, weil ich nicht die Zeit habe um die Videos selbst zu bearbeiten. Das heißt ich hab’ da auch schon ein finanzielles Investment. Und das ganze Kontakten ist auch noch mal ein großer Teil. Ich würde sagen so zwei Stunden am Tag sitze ich an meinem Laptop und schaue E-Mails, schau meine Linkedin Nachrichten, versuche neue Sponsoren zu finden, plane neue Abenteuer.

TOUR: Was sind die Partnerschaften, die dir als Radsport-Influencerin Geld bringen? Richtig ins Auge sticht Werbung bei dir nicht …

Jäger: Ich bin ja nicht so eine Klischee-Influencerin: mal schnell ein Selfie hochladen und dann war es das. Bei mir gibt es nicht viel Werbung zu sehen für die Größe meines Accounts, aber ich möchte es authentisch halten. Das heißt, ich habe hauptsächlich Langzeitkooperationen. Das heißt, ich habe Jahresverträge oder Zweijahresverträge, wo ich dann ein Budget bekomme. Hauptsächlich wird das in meine Abenteuer investiert. Ich muss jetzt auch anfangen, mir ernsthaft Gedanken drüber zu machen, damit ich nicht am Ende des Tages auf Null rauskomme. Mir ist es viel wichtiger, glücklich zu sein als reich, aber es wäre schon schön, wenn ich dann am Ende des Tages was in die Altersvorsorge einzahlen kann etc. Viele Marken verstehen nicht, dass ich Budget benötige, damit ich meinen Beruf weiterführen kann.

TOUR: Ist es ein Problem, dass Instagram geflutet wird mit Leuten, die dankbar sind, wenn sie als Radsport-Influencerin ein Produkt geschenkt bekommen?

Jäger: Auf der einen Seite auf jeden Fall. Auf der anderen Seite ist es auch so, dass die Leute eine andere Qualität liefern. Es ist finanziell nicht möglich das zu tun, was ich mache, wenn man nur Produkte bekommt. Ich finde, dass jeder für seine Arbeit bezahlt werden sollte. Es sollte nicht mit in Erwägung gezogen werden, dass man weniger zahlt, bloß weil es ein schöner Beruf ist. Als ich angefangen habe, habe ich auch nicht von Anfang an eine Bezahlung bekommen für meine Arbeit. Aber mittlerweile ist es so, dass man sich auch als Kreativer und Freelancer Gedanken darüber machen muss, okay was ist meine Arbeit? Also wenn ich jetzt beispielsweise ein Fahrrad habe – das kann schnell mal 8.000 Euro kosten. Da kann man es gegenrechnen mit seinem Stundenlohn, ob es das wert ist oder nicht. Aber ich finde, die Leidenschaft wird ein bisschen ausgenutzt im Radsport. Nach meinen sieben Jahren, in denen ich das auf Instagram mache, bin ich langsam müde, mich immer noch rechtfertigen zu müssen, dass ich für meinen Beruf auch bezahlt werden möchte.

TOUR: Spiegelt sich die Krise in der Radindustrie auch bei dir wider?

Jäger: Ja, auf jeden Fall. Wir stehen vor dem Problem, dass alle Budgets gekürzt werden. Und da mein Beruf in der Radindustrie sowieso noch nicht wirklich anerkannt wird, ist der kleine Fortschritt, den wir in den letzten Jahren hatten, irrelevant. Das bedeutet: ich habe viele Sponsoren aus der Radindustrie verloren dieses Jahr oder die Budgets wurden gekürzt. Deshalb ist es tatsächlich gerade eine traurige Phase für mich: ich werde im nächsten Jahr nicht mehr als Vollzeit-Influencerin arbeiten können. Zumindest im Bereich Radsport.

Schwieriger Markt für Radsport-Influencerin

TOUR: Du bist nicht die einzige Radsport-Influencerin - hörst du auch von anderen, dass im Radbereich kein Geld mehr ist?

Jäger: Ja, auf jeden Fall. Es sind nicht nur Influencerinnen, sondern wirklich alle im Radsportbereich die sagen ich hab’ gerade Budgetkürzungen. Aber es ist natürlich auch mein Beruf mit der Zeit zu gehen: wenn sich die Zeit verändert hat, dann muss man sich dem eben auch anpassen. Ich bin nicht so der Fan, mich über irgendwas zu beschweren. Ich, ich finde es toll, wenn man sich dann weiterentwickelt und alles eben irgendwie auch als eine neue Möglichkeit sieht, um andere Dinge zu machen.

TOUR: Es gab im Netz ziemlich Kritik, weil Specialized seinen Influencern quasi über Nacht die Verträge gekündigt hat …

Jäger: Das zeigt, welchen Stellenwert Content Creator in der Radindustrie haben, dass man die einfach so aufgibt. Wir sind eben auch von unseren Sponsorenverträgen abhängig wie jemand, der Vollzeit im Marketing bei Specialized arbeitet. Bei mir war es ähnlich, als Cannondale von Pon gekauft wurde - da haben sie direkt die Verträge gekündigt.

Was verdient man als Radsport-Influencerin?

TOUR: Kannst du ein konkretes Beispiel nennen, was du als Radsport-Influencerin an einer Radreise verdienst?

Jäger: Die Radreise von Girona nach Berlin ist ein gutes Beispiel. Da hatte ich ein Investment von knapp 3800 Euro. Kosten für die Hotels, Flugtickets zurück und Equipment. Ich versuche immer günstig zu sein, das heißt in Supermärkten zu Essen oder das günstigste Hotel zu buchen. Aber es kann eben auch mal sein, dass man dann einfach kein günstiges Hotel findet Da hab’ ich mich leider verkalkuliert. Es war ganz schön viel Arbeit und am Ende habe ich vielleicht 300 Euro verdient. Aber dafür bin ich mit meinem Fahrrad von Girona nach Berlin gefahren und hab’ unfassbar tolle Erinnerungen.

Trainingsurlaub auf MallorcaFoto: Alina JägerTrainingsurlaub auf Mallorca

TOUR: YouTube machst du auch – rechnet sich das?

Jäger: Ich bezahle dafür, dass ich auf YouTube aktiv sein kann - ich bin da ganz offen. YouTube zahlt mir durch die Werbung, die die schalten ungefähr 200 Euro im Monat. Ich filme das selber, ich lade das selber hoch, aber meinem Video Editor bezahle ich natürlich mehr als das. Es lohnt sich noch nicht, aber ich sehe das als Investment und mache es gerne. Ich liebe es, meine Abenteuer zu filmen. Das Feedback auf YouTube ist toll. Du hast eine viel größere Bindung zu deiner Community, weil die die schauen dir wirklich zu, das ist so als würden die mit dir mitkommen, während ich nach Berlin fahre.

TOUR: Hast du schon Pläne für 2024?

Jäger: Ich habe schon viele Ideen: ich würde gerne zwei Wochen nach Asien gehen, ich habe eine Route in Westeuropa erstellt, von Rijeka entlang der Küste bis nach Istanbul. Ich möchte nochmal nach Norwegen und dort Bikepacking machen. Aber ich bin noch auf der Suche nach Radsport-Sponsoren für das nächste Jahr. Momentan sieht es noch sehr schwierig aus. Ich brauche gar kein Saus und Braus - ich will eigentlich nur ein bisschen Radfahren, meinen Kaffee trinken und gute Freunde haben, gute Gespräche.

Kristian Bauer

Kristian Bauer

Redakteur

Kristian Bauer ist gebürtiger Münchner und liebt Ausdauersport – besonders wenn es in die Berge geht. Er ist ein Fan der Tour de France und bevorzugt solide Rennradtechnik. Er führt für TOUR Interviews, berichtet von Events im Hobbyradsport und schreibt Artikel über die Fahrradbranche sowie Trends im Rennradsport.

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