Interview Pauline Ferrand-Prévot“Der Straßenradsport ist ein völlig anderer Sport”

Andreas Kublik

 · 03.12.2024

Interview Pauline Ferrand-Prévot: “Der Straßenradsport ist ein völlig anderer Sport”Foto: Getty Images/Pascal Le Segretain
Karriere-Höhepunkt: Pauline Ferrand-Prévot jubelte im vergangenen Sommer in ihrer Heimat Frankreich als Olympiasiegerin auf dem Mountainbike
Die französische Mountainbike-Olympiasiegerin Pauline Ferrand-Prévot hatte einst dem Radsport schon fast den Rücken gekehrt, jetzt gibt sie hochmotiviert ein Comeback auf der Straße. Mit dem Team Visma | Lease a Bike will sie an der Seite von Marianne Vos die Tour de France gewinnen. Die 32-jährige Französin sprach bei einem Termin ihres neuen Arbeitgebers mit internationalen Journalisten über die Gründe für ihr Comeback, was sich im Frauen-Straßenradsport der Frauen während fast eines Jahrzehnts Abwesenheit getan hat, ob es je eine Nachfolgerin als Weltmeisterin auf Straße, MTB und Crossrad geben wird und wie sie den Beruf Radsport mit Partner Dylan van Baarle teilt. TOUR-Redakteur Andreas Kublik hat Fragen und Antworten aufgezeichnet.

Pauline, Sie kehren nach rund acht Jahren wieder in den Straßenradsport auf Weltniveau zurück. Welche Ziele haben Sie für Ihr Comeback auf der Straße, für die Saison 2025 – und welche Rolle werden Cyclocross und Mountainbiken in Zukunft spielen?

Pauline Ferrand-Prévot (PFP): Ich werde keine Cyclocross und Mountainbike-Rennen fahren. Ich werde mich zu 100 Prozent auf die Straße konzentrieren. Das Ziel für das nächste Jahr ist es, so viel wie möglich zu lernen. Mein genauer Rennkalender wird am 14. Januar bei der Teampräsentation veröffentlicht. Aber ich werde an der Tour de France teilnehmen – wenn ich gut genug bin und ich nominiert werde. Ich habe einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben und in diesen drei Jahren möchte ich wirklich das Beste aus mir herausholen und versuchen, die Tour de France zu gewinnen. Das ist also das Hauptziel.

Was macht Sie so selbstbewusst zu glauben, dass Sie das Niveau haben, sich mit den Rennfahrerinnen bei der Tour messen zu können, die in den vergangenen Jahren schon regelmäßig bei Etappenrennen dabei waren?

PFP: Erstens, weil ich mir mit Visma | Lease a Bike ein gutes Team ausgesucht habe. Ich weiß, dass ich hart arbeiten muss und ich starke Konkurrentinnen habe. Aber wenn ich mir meine Leistungsdaten und alles drumherum ansehe, weiß ich, dass ich auch in der Lage bin, eine gute Straßen-Rennfahrerin auf Welt-Niveau zu sein.

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Haben Sie sich schon mit der Strecke der Tour de France beschäftigt?

PFP: Natürlich, ja. Es ist ein guter Parcours für mich mit einer Mischung aus kurzen und langen Anstiegen. Ehrlich gesagt war ich froh, dass es keine Zeitfahr-Etappe gibt. Ich möchte alles Schritt für Schritt machen. Zunächst will ich die richtige Position auf dem Straßenrad finden, erst danach möchte ich mehr am Zeitfahr-Setup arbeiten.

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Ich habe noch nicht genug vom Radfahren - ich will noch Rennen fahren


Können Sie erklären, wann und warum Sie die Entscheidung getroffen haben, nach langer Pause und dem Olympiasieg auf dem Mountainbike wieder auf höchstem Niveau Straßenrennen zu bestreiten?

PFP: Im letzten Winter (2023/2024; Anm. d. Red.) habe ich mich gefragt, was ich nach den Olympischen Spielen machen werde. Um Leistung zu bringen, musste ich früh wissen, was nach den Olympischen Spielen passiert. Ich wollte nicht bis zu den nächsten Olympischen Spielen Mountainbike fahren, die gleichen Rennen bestreiten, das Gleiche trainieren. Aber ich habe noch immer nicht genug vom Radfahren, ich will immer noch Rennen fahren. Es war ein guter Moment für mich, auf den Straßenradsport umzusteigen, ein neues Kapitel in meiner Karriere aufzuschlagen.

Sie standen zuletzt bei den Ineos Grenadiers unter Vertrag. Dort wurde nichts aus den angeblichen Plänen, ein Frauenteam aufzubauen. Sie waren dort die einzige Frau in der kleinen Mountainbike-Fraktion mit Tom Pidcock.

PFP: Ich habe das Team gewechselt, weil Ineos im Moment kein Frauenteam hat. Und ich wollte ein Team, das bereit ist, mich voll zu unterstützen. Ich bin 32 Jahre alt. Ich habe nicht mehr viele Jahre vor mir. Und ich möchte auf hohem Niveau performen. Ich wusste, dass Visma | Lease a Bike ein gutes Team ist und man darauf vorbereitet war, mich im Team zu haben. Man hat gesehen, dass sie in der Lage sind, zweimal die Tour de France mit Jonas (Vingegaard, bei den Männern; Anm. d. Red.) zu gewinnen. Sie wissen also, wie man es macht. Jetzt geht es nur die harte Arbeit zu leisten.

Und wie blicken Sie auf Ihre Zeit bei Ineos und die Unterstützung zurück, die Sie dort erhalten haben? Gibt es eine gewisse Enttäuschung, dass sie dort immer noch keine Frauenmannschaft haben?

PFP: Nein, nein, ich bin nicht enttäuscht, denn ich habe getan, was ich dort tun musste. Sie haben mich unterstützt, die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen – und das haben wir geschafft! Ich war zwei Jahre bei Ineos und ich habe Menschen kennengelernt, an die ich mich immer erinnern werde. Aber sie waren noch nicht bereit, eine Frauenmannschaft zu gründen. Ich respektiere ihre Entscheidung. Es ist besser, etwas nicht zu tun, wenn man es nicht zu 100 Prozent tut.

Glücklich und erfolgreich: Ferrand-Prévot fuhr schon 2014 an der Seite von Marianne Vos (rechts) beim niederländischen Rennstall Rabobank - dem Vorgänger ihres neuen Arbeitgebers Visma-Lease a BikeFoto: Getty Images/Tim de WaeleGlücklich und erfolgreich: Ferrand-Prévot fuhr schon 2014 an der Seite von Marianne Vos (rechts) beim niederländischen Rennstall Rabobank - dem Vorgänger ihres neuen Arbeitgebers Visma-Lease a Bike

Wie waren Ihre ersten Tage in Ihrem neuen Team Visma | Lease a Bike?

PFP: Ich bin wirklich glücklich. Es herrscht eine gute Atmosphäre Es ist wie eine große Familie, vertraut und gut organisiert. Hier weiß ich, wo es hingeht. Hier kriegt man keine Dinge versprochen, die dann nicht eingehalten werden. Und ich mag Holländer. Ich war früher fünf Jahre beim (holländischen; Anm. d. Red.) Team Rabobank. Ich glaube, es waren die besten fünf Jahre meiner Karriere. Und es ist auch schön, mit Dylan zusammen zu sein.

War Ihr Lebensgefährte Dylan van Baarle, der für das Männer-Team von Visma | Lease a Bike fährt, ein Grund, warum Sie nun hier unter Vertrag sind?

PFP: Ich hatte die Frage schon oft, ob Dylan an meiner Entscheidung beteiligt war. Es hat sicher geholfen, dass ich ihn in diesem Team glücklich gesehen habe und ich daher wusste, dass es ein gutes Team ist. Aber er hat nicht für mich entschieden, ich habe die endgültige Entscheidung getroffen.

Inwieweit teilen Sie Ihr Berufsleben im Training und fahren gemeinsam?

PFP: Wir haben eigentlich noch nie zusammen auf dem Rad trainiert. Jetzt im Urlaub sind wir ein bisschen zusammen MTB gefahren. Aber wir wollen nicht alles gemeinsam tun. Er braucht seinen Freiraum, ich brauche meinen Freiraum - und das auch, weil er schnell fährt. Ich will nicht bremsen und ich will auch nicht zu schnell für meine Verhältnisse fahren. Wir versuchen, gemeinsam aufzubrechen – aber dann macht jeder sein eigenes Training.

Inwieweit beeinflusst er Sie?

PFP: Dylan ist ein Super-Profi. Ich glaube, ich bin schon verrückt in manchen Angelegenheiten. Aber Dylan ist noch verrückter, einer der professionellsten Leute, die ich kenne. Ich kann von ihm lernen. Das ist cool.

Es ist eine Ehre für mich, wieder Teamkollegin von Marianne Vos zu sein und mit ihr zu arbeiten

Sie treffen im Team auch eine frühere Wegbegleiterin – die vielfache Weltmeisterin Marianne Vos. Sie fuhren von 2012 bis 2016 mit ihr in ihrem damaligen Team Rabobank.

PFP: Ich hatte dort mein bestes Jahr – und das lag vor allem an Marianne. Sie ist eine außergewöhnliche Athletin. Aber auch wirklich sehr respektvoll, zurückhaltend. Sie gab Ratschläge, aber sie stand einem nicht im Weg. Für mich ist es eine Ehre, wieder eine Teamkollegin von ihr zu sein und mit ihr zu arbeiten.

Sie hatten 2014 und 2015 sehr erfolgreiche Jahre – Sie wurden Straßenweltmeisterin, gewannen eine Etappe des Giro d’Italia und den Fleche Wallonne. Ab 2019 sind Sie in den Mountainbike-Sport gewechselt. Inwieweit hat sich der Frauenradsport seither verändert?

PFP: Es ist auf jeden Fall alles anders. Die Rennen sind länger. Früher hat man auf dem Rad auch nicht wirklich gegessen. Ich spreche jetzt, als wäre ich 60 Jahre alt, aber es ist wahr. Jetzt können wir sehen, dass die Ernährung superwichtig ist – gerade bei den Etappenrennen ist das ein ganz wichtiger Aspekt. Und im Vergleich zu früher ist Radsport viel mehr Teamwork. Es geht also nicht nur um mich, sondern auch um meine Teamkollegen und alles, wie gut wir zusammenarbeiten und was wir zusammen erreichen können.

Der Straßenradsport ist ein völlig anderer Sport

Vor wenigen Wochen sind Sie nach mehrjähriger Pause bei der Straßen-WM Ihr erstes internationales Radrennen gefahren. Wie war die Erfahrung?

PFP: Bei der WM habe ich nicht viel gesehen, weil ich nicht einmal zwei Stunden Rennen gefahren bin. Ich habe mehr von der WM vor dem Fernseher als im Rennen erlebt. Es war vom Start weg schnell, es gab keinen einfachen Moment. Aber dennoch hat es mir richtig gut getan, die Weltmeisterschaft zu fahren - auch wenn ich vorher wusste, dass ich nicht bei 100 Prozent war. Und ich habe erlebt, dass es auf der Straße ein völlig anderer Sport ist. Mountainbiken heißt eineinhalb Stunden Vollgas. Aber in den Abfahrten tritt man nicht wirklich in die Pedale. Bei der WM auf der Straße hatte ich das Gefühl, ständig in die Pedale treten zu müssen – nach einer Stunde konnte ich spüren, wie meine Beine durch waren. Ich denke, es ist jetzt in beiden Sportarten ein völlig anderes Niveau. Die WM war für mich war es eine gute Lektion. Ich war einfach nicht gut genug. Ich habe keine Ausrede. Dort sind die Besten der Welt. Man kann nicht einfach auftauchen und vorne dabei sein. Aber es ist auch der Grund, warum ich dabei war - weil ich selbst sehen wollte, wie ich mich fühle und was ich besser machen kann.

Sie sind bisher die einzige Radsportlerin, die gleichzeitig die WM-Titel im Straßenrennen, im Cyclocross auf dem Mountainbike gehalten hat – das war 2015. Glauben Sie, dass das im modernen Frauenradsport noch möglich ist? Und sehen Sie eine Radsportlerin, die das wiederholen könnte?

PFP: Ich würde sagen, ich hatte ziemlich viel Glück, dass mir es zu einem guten Zeitpunkt gelungen ist. Meiner Meinung nach wird es schwierig sein, das zu wiederholen. Denn jetzt ist das Niveau überall so hoch, der Rennkalender ist so vollgepackt. Das Jahr ist einfach zu kurz, um alle drei Disziplinen derart zu absolvieren. Wenn es jemand schaffen kann, dann Puck (Pieterse; die 22-jährige Niederländerin war bereits Weltmeisterin auf dem Mountainbike, Vize-Weltmeisterin im Cross sowie auf der Straße U23-Weltmeisterin sowie Tour-Etappensiegerin; Anm. d. Red.) – ich hoffe, sie schafft es.

Zur Person Pauline Ferrand-Prévot (Frankreich)

Größter Erfolg als Straßenradsportlerin: Vor gut einem Jahrzehnt feierte Ferrand-Prévot den WM-Titel im Straßenrennen (links) - knapp vor Lisa BrennauerFoto: Getty Images/Bryn LennonGrößter Erfolg als Straßenradsportlerin: Vor gut einem Jahrzehnt feierte Ferrand-Prévot den WM-Titel im Straßenrennen (links) - knapp vor Lisa Brennauer
  • Geb. 10.02.1992 in Reims
  • Größe: 1,65 Meter; Gewicht: 53 Kilogramm
  • Profi-Teams (Straße): Rabobank/Rabobank-Liv (2012-2016), Canyon-SRAM (2017-2020), Visma-Lease a bike (2025-2027)
  • Wichtige Erfolge: Olympiasiegerin Mountainbike (2024), Weltmeisterin Straße (2014), Weltmeisterin Cyclocross (2015), Weltmeisterin Mountainbike Cross-Country (2015, 2019, 2020, 2022 und 2023), Weltmeisterin Mountainbike Marathon (2019 und 2022), Weltmeisterin Gravel (2022), Siegerin Fleche Wallonne (2014), Etappensieg und Gesamtzweite Giro d’Italia (2014)

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