Andreas Kublik
· 19.11.2024
TOUR: Kristen, Sie waren mit ehrgeizigen Zielen zu den Olympischen Spielen in Paris aufgebrochen. Sie haben dann zweimal Gold gewonnen – im Straßenrennen und in der Mannschaftsverfolgung auf der Bahn. Was bedeutet Ihnen der Erfolg?
Kristen Faulkner: Man spürt so viel Druck vor den Olympischen Spielen. Es war dann ein Gefühl riesiger Erleichterung, dass sich die jahrelange harte Arbeit ausgezahlt hat. Die sehen die Leute nicht – die sehen nur den Ruhm und hören die Erfolgsgeschichte. Die zehnjährige Version von mir hatte diesen großen Traum, zu den Olympischen Spielen zu fahren. Und ich habe die zehnjährige Kristen stolz gemacht – das ist das Größte, was ich in meinem Leben erreichen konnte, und hat mir besondere Freude bereitet. Und die andere Sache, die wirklich aufregend war: Durch meinen Sieg hat der Frauenradsport in den USA an Prestige gewonnen. Ich bin gespannt, ob wir das weiter nutzen können.
TOUR: Mittlerweile hat die Geschichte die Runde gemacht, dass Sie vor wenigen Jahren noch gar keinen Radsport betrieben haben und nicht einmal wussten, wie man mit Klickpedalen Rad fährt. Stimmt die Story?
Kristen Faulkner: Als ich vor sieben Jahren in New York City lebte und in der Finanzbranche arbeitete, ging ich zu einem Einsteigerkurs für Radsportler im Central Park. Damals hatte ich noch nicht das Ziel, an Wettkämpfen teilzunehmen. Ich wollte lediglich in den Central Park, ein neues Hobby lernen und etwas Spaß haben. Dort brachten sie uns bei, wie man in die Pedale einklickt, wie man um Hütchen kurvt und wie man im Windschatten fährt. Der Weg vom Einsteigerkurs zum Profi war kurz … Ich nahm dann an einem Anfängerrennen im Central Park über ungefähr 40 Kilometer teil und wurde Dritte oder Vierte. Danach fuhr ich mehr Rennen, suchte mir einen Trainer und wurde immer stärker, weil ich es wirklich liebte. Schließlich wurde ich Profi beim heimischen Team Tibco-Silicon Valley Bank. Ich wurde auch älter und sagte mir: Wenn ich es noch zu den Olympischen Spielen schaffen will, dann jetzt oder nie.
» In Alaska habe ich gelernt, das Draußensein zu lieben und die Härte gegen mich selbst. « - Kristen Faulkner
TOUR: Sie stammen aus der Kleinstadt Homer in Alaska, dem nördlichsten und kältesten Bundesstaat der USA.
Kristen Faulkner: Alaska ist kein besonders guter Ort für Radsport, weil so viele Monate im Jahr Winter ist und es nicht viele Radwege gibt. Aber Alaska hat mich gelehrt, die Natur zu lieben. Ich habe dort Resilienz und harte Arbeit gelernt. Außerdem bin ich eines von fünf Kindern, ich habe drei ältere Brüder und Schwestern – ich musste also immer versuchen, mit ihnen Schritt zu halten. Insgesamt habe ich in Alaska viele Fähigkeiten gelernt, die mir geholfen haben, als ich mit dem Radfahren anfing.
TOUR: Ihre Eltern waren wie Sie Absolventen der Elite-Universität Harvard und dort wie Sie im Uni-Team Ruderer. Inwieweit hat Sie Ihr Elternhaus geprägt?
Kristen Faulkner: Als meine Eltern ihren Uni-Abschluss machten, hatten sie viel besser bezahlte Jobs an der Ostküste der USA in Aussicht. Aber sie entschieden sich, als sie 22 waren, nach Alaska zu gehen, und bauten sich dort ein Leben auf. Sie sind Unternehmer und liebten Alaska. Was ich von ihnen gelernt habe: zu tun, was man liebt, und Risiken einzugehen. Sie haben echt hart gearbeitet, als ich ein Kind war. Das hat mich geprägt.
TOUR: Ihre Eltern eröffneten ein Hotel in Alaska. Sie waren als Kind in das Geschäft involviert?
Kristen Faulkner: Ja, ich habe in der Hauswirtschaft, im Restaurant, in der Buchhaltung, an der Rezeption und im Garten gearbeitet. Ich habe jeden Sommer meinen Eltern in vielen verschiedenen Jobs in ihrem Geschäft geholfen.
TOUR: Man kann im Internet Videos finden, in denen Sie sagen, Ihre Vergangenheit in der Finanzbranche habe Sie als Radsportlerin beeinflusst. Das müssen Sie erklären …
Kristen Faulkner: Die Arbeit mit Venture Capital (Risikokapital) hat mich gelehrt, kalkulierte Risiken einzugehen; also zu beurteilen, ob es sich lohnt, ein Risiko einzugehen oder nicht. Venture Capital bedeutet: Man investiert in Start-ups. Das ist riskant. Aber wenn man Erfolg hat, ist man unglaublich erfolgreich – denken Sie nur an Facebook, Dropbox oder Airbnb, als die noch klein waren!
Durch meinen Sieg hat der Frauen-Radsport in den USA an Prestige gewonnen. -Kristen Faulkner
TOUR: Und inwiefern wirkt sich das auf Sie als Radprofi aus?
Kristen Faulkner: Wenn ich Radrennen fahre, greife ich gerne an – und das ist eine sehr riskante Sache! Die meisten haben Angst, in Rennen anzugreifen, weil sie denken, dass die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass sie eingeholt werden. Aber ich bin der Meinung, dass es sich lohnt, diese Risiken einzugehen, weil man am Ende gewinnen kann. Und mir macht es zudem besonderen Spaß, solo zu gewinnen.
TOUR: Es kann aber auch schiefgehen, die Entscheidung sich als falsch herausstellen …
Kristen Faulkner: Das ist die zweite Sache, die ich beim Umgang mit Risikokapital gelernt habe: Man muss Widerstandsfähigkeit zeigen. Wenn man scheitert, muss man es noch mal probieren. Wenn man dann Erfolg hat, dann lernt man, dass man sich wegen des Scheiterns nicht stressen lassen muss. Kurz: Es ist in Ordnung, wenn etwas nicht funktioniert – solange man es noch einmal versucht.
TOUR: Sie kooperierten während des Rennens in Paris mit Top-Favoritin Lotte Kopecky und zogen sie an die Spitze. Wie hoch schätzten Sie das Risiko ein, gegen die belgische Weltmeisterin am Ende zu verlieren?
Kristen Faulkner: Sie war wirklich müde, das konnte ich ihr ansehen. Denn sie atmete schwer, ihre Schultern waren verkrampft. Ihr Pedaltritt war anders als gewöhnlich. Sie blickte sich um. Sie wirkte einfach nicht so stark und fuhr viel zurückhaltender als sonst. Und ich wusste, dass sie bereits zu Beginn des Rennens viel investiert hatte, um zu uns aufzuschließen.
TOUR: Als Sie auf den letzten Kilometern mit Kopecky die beiden Spitzenreiterinnen Marianne Vos und Blanka Vas erreichten, attackierten Sie sofort. War das geplant?
Kristen Faulkner: Mein Plan war es schon vor dem Start, auf der letzten langen Geraden aus einer kleinen Gruppe heraus zu attackieren. Aber die Entscheidung fällte ich letztlich spontan im Rennen. Ich wusste, dass ich angreifen musste. Denn wir waren vier Fahrerinnen, es gab drei Medaillen – und ich war die langsamste Sprinterin. Und so wusste ich, dass ich keine Medaille bekommen würde, wenn wir gemeinsam ins Ziel kämen.
Als guter Rennfahrer muss man bereit sein, unerwartete Situationen anzunehmen und mit ihnen zu arbeiten, ohne gestresst zu sein. - Kristen Faulkner
TOUR: Wie gehen Sie grundsätzlich an Radrennen heran – mit Plan oder eher intuitiv?
Kristen Faulkner: Man muss sich vorbereiten, herausfinden, wie man gewinnen kann. Ich genieße die analytische Vorbereitung, die in den Radsport einfließt. Man muss aber auch lernen, unter Druck und unter wechselnden Umständen die Ruhe zu bewahren. Denn in einem Rennen können so viele Dinge passieren, die man nicht einplant: Stürze, Wind, Attacken, mit denen man nicht gerechnet hat. Als guter Rennfahrer muss man bereit sein, sich immer wieder anzupassen, jederzeit bereit zu sein, unerwartete Situationen anzunehmen und einfach mit ihnen zu arbeiten, ohne gestresst zu sein.
TOUR: Sie sagen, Sie kalkulieren stets die Risiken. Sie haben einen gut bezahlten Job in der Finanzbranche aufgegeben und relativ spät als Profi im Frauenradsport angefangen, in dem die Gehälter für die meisten Sportlerinnen vergleichsweise niedrig sind. Wie passt das zusammen?
Kristen Faulkner: Ich hatte einen Traum, der wichtiger war als Geld. Aber es stimmt, in der Finanzbranche hätte ich viel mehr Geld verdient.
TOUR: Es ging Ihnen bei der Entscheidung pro Radsport vor allem um den Traum von Olympia, von einer Medaille?
Kristen Faulkner: Es ging um zweierlei: Ich liebe das Radfahren sehr. Es macht mich glücklich. Das Radfahren hat mich glücklicher gemacht als Venture Capital. Was ist im Leben wichtiger als das zu tun, was man wirklich erfüllend findet? Ich wurde gut für meine Arbeit mit Risikokapital bezahlt. Aber meine wahre Leidenschaft war das Radfahren. Und das ist der Grund, warum ich Radprofi geworden bin. Ich wäre auch Radprofi geworden, wenn ich keine Chance gehabt hätte, mich für Olympische Spiele zu qualifizieren. Aber am Ende war es eine Kombination: das zu tun, was ich liebe einerseits, und andererseits mir meinen Kindheitstraum vom Olympia-Start zu erfüllen.
Ich finde toll, dass der Radsport sowohl eine physische als auch eine taktische, strategische Komponente hat. - Kristen Faulkner
TOUR: Was ist für Sie die Faszination am Radsport?
Kristen Faulkner: Ich habe vom allerersten Tag an geliebt, dass man aus der Stadt herauskommt, neue Orte erkunden kann, in der Natur ist, den Wind und die Sonne auf seinem Gesicht spürt. Und ich finde es toll, dass Radsport sowohl eine physische als auch eine taktische, strategische Komponente hat. Man muss gleichermaßen schlau und extrem fit sein. Das hat mir gefallen, weil ich einerseits ein sehr analytischer und strategischer Mensch bin und anderseits schon immer Ausdauersport gemacht habe – als Kind Schwimmen, an der Uni Rudern. Ich mochte auch sehr, dass man Radsport in hohem Alter ausüben kann: Man kann bis Ende 30 Radprofi sein. Und mir gefällt es sehr, dass es im Radsport sowohl ein Team als auch ein individuelles Element gibt.
TOUR: Sie mussten nach Europa ziehen, um in den Profi-Radsport auf höchstem Niveau einzusteigen. Ihre Landsfrau Ruth Edwards, geborene Winder, beendete vorübergehend ihre Karriere, weil sie in Europa zu viel Heimweh hatte. Kennen Sie dieses Gefühl?
Kristen Faulkner: Ich hatte definitiv Heimweh. Ich habe Alaska vermisst – den Sommer dort, die Natur mit Wandern, Angeln, Kajakfahren. Ich habe viele Dinge verpasst, als ich nach Europa gezogen bin. Ich vermisse meine Familie. Ich habe Geburtstage und die Hochzeiten meiner besten Freunde verpasst. Die Frage ist, ob es das wert ist. Auch wenn es hart war, es hat sich für mich gelohnt.
TOUR: Sie fuhren 2020 bei der Tour de l’Ardeche Ihr erstes Rennen in Europa. An Ihrem vierten Renntag in Übersee gewannen Sie dort eine Etappe – vor Anna Kiesenhofer, die im Sommer darauf in Tokio Olympiasiegerin im Straßenrennen wurde. War Kiesenhofer ein Vorbild mit ihrer sehr geplanten Herangehensweise an das olympische Rennen?
Kristen Faulkner: Ich dachte in Paris nicht an Annas Rennen, sondern an mein Rennen. Ich verbrachte viel Zeit damit herauszufinden, wie ich gewinnen könnte. Anna und ich sind auch sehr unterschiedliche Fahrertypen. Sie ist eher eine Bergfahrerin. Ich bin eine explosive Klassikerfahrerin und Zeitfahrspezialistin.
TOUR: Was haben Sie alles im Detail für den Olympiasieg getan?
Kristen Faulkner: Ich habe ein Höhentrainingslager gemacht und viel auf der Bahn an meiner Explosivität gearbeitet. Ich habe auf gesunde Ernährung geachtet. Ein großer Teil meiner Vorbereitung drehte sich auch darum, wie ich mit dem Druck, den vielen Einflüssen und Emotionen bei Olympischen Spielen gut umgehen kann.
TOUR: Das klingt, als wären Sie eine Art Kontrollfreak?
Kristen Faulkner: Ich denke, ich konzentriere mich darauf, das zu kontrollieren, was ich kontrollieren kann, und mir keine Sorgen über die Dinge zu machen, die ich nicht kontrollieren kann – beispielsweise das Wetter, Stürze, die vor mir im Rennen passieren, oder Krankheit. Ich muss nur sicherstellen, dass ich in der Vorbereitung nichts dem Zufall überlasse.
TOUR: Apropos Kontrolle. Ursprünglich hatten Sie sich nicht für die Straßenwettbewerbe von Paris qualifiziert. Es drehte sich alles um den 15. Mai – den Tag der US-Meisterschaft im Einzelzeitfahren, bei der der einzige freie Platz für die Straßenwettbewerbe vergeben wurde. Am Ende verpassten Sie den US-Titel und die Quali um elf Sekunden gegen die Triathletin Taylor Knibb. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Kristen Faulkner: Es war einer der traurigsten Tage in meinem Leben. Ich habe jahrelang an diesem Traum gearbeitet – seit ich ein Kind war. Ich dachte, alles wäre vorbei. Besonders enttäuscht war ich, weil ich einen Monat zuvor eine Gehirnerschütterung erlitten hatte und daher nicht auf dem Rad trainieren konnte – ausgerechnet in einer wirklich entscheidenden Vorbereitungsphase. Ich hatte das Gefühl, dass ich das Rennen hätte gewinnen können, wenn ich gesund gewesen wäre.
TOUR: Sie durften dann doch in Paris im Straßenrennen starten, weil Knibb auf den Start verzichtete und sich auf die Triathlon-Wettbewerbe konzentrierte …
Kristen Faulkner: Ich wusste, dass es sehr wahrscheinlich war, dass sie nicht teilnehmen würde, weil sie noch nie in ihrem Leben an einem Straßenrennen teilgenommen hatte. Und ich wusste, dass der Triathlon-Verband sie unter Druck setzte, nicht am Straßenrennen teilzunehmen, weil die Sturzgefahr hoch war.
TOUR: Sie waren aber nur als Ersatzfahrerin in Paris, weil sie sich über die Mannschaftsverfolgung qualifiziert hatten.
Kristen Faulkner: Ja. Wenn ich die Mannschaftsverfolgung nicht bestritten hätte, hätte ich das Straßenrennen nicht fahren können.
TOUR: Hatten Sie keine Angst, als Quereinsteigerin in den Bahnradsport mit starrer Nabe bei Tempo 60 mit Zentimeterabstand in einer Formation zu fahren?
Kristen Faulkner: Beim ersten Mal war es beängstigend. Aber man gewöhnt sich schnell daran.
TOUR: Haben Sie die Mannschaftsverfolgung nur bestritten, um an den Startplatz für das Straßenrennen zu kommen?
Kristen Faulkner: Nein. Ich habe die Mannschaftsverfolgung wirklich genossen. Aber als ich 2022 ins erste Trainingslager des Nationalteams kam, sagte der Trainer, dass er von mir den schlechtesten Start seiner 30-jährigen Tätigkeit gesehen hätte. Es war also nicht so, dass ich vorher nicht an der Teamverfolgung teilnehmen wollte. Ich war nur zunächst nicht gut genug.
TOUR: Was ist die Faszination beim Bahnvierer?
Kristen Faulkner: Es macht Spaß – es ist fast and furious, technisch und hart. Und diese Art von Vier-Minuten-Power liegt mir. Die Teamverfolgung erinnert mich ein bisschen an das Rudern – dort müssen alle als Team in einer Reihe gut zusammenarbeiten.
TOUR: In der Live-Übertragung des Straßenrennens sahen die Zuschauer, wie Sie die Ziellinie überquerten, nicht jubelten und geradezu ungläubig weiterfuhren und die ersten Interviews eher geistesabwesend führten.
Kristen Faulkner: Ja, das war lustig. Der Grund war, dass ich meinem Trainer versprochen hatte, dass ich mich in dem Moment, in dem ich die Ziellinie überquere, auf mein nächstes Rennen konzentrieren würde. Zwei Tage später stand das Rennen in der Teamverfolgung auf dem Programm, und ich wollte deshalb unbedingt die Beine weiterbewegen.
TOUR: Sie sahen den Zieleinlauf beim Olympiasieg als Teil des Cooldowns an und dachten in dem Moment bereits an die Mannschaftsverfolgung – ernsthaft?
Kristen Faulkner: Ja. Ich hatte nur das nächste Rennen im Kopf. Ich dachte nicht an die Fans, die Medien. Erst, als die Kamerateams zu mir kamen, dachte ich mir: Oh, ich kann tatsächlich feiern. Ich kann mir eine Minute Zeit nehmen und den Moment genießen.
TOUR: Der Olympiasieg war ein radsporthistorischer Moment – gerade in Ihrer Heimat: Sie sind die zweite Straßen-Olympiasiegerin aus den USA – 40 Jahre nach Ihrer Landsfrau Connie Carpenter-Phinney, die 1984 in Los Angeles das erste olympische Straßenrennen der Frauen überhaupt gewann. Kennen Sie Ihre Vorgängerin?
Kristen Faulkner: Sie ist eine Ikone. Es ist eine Ehre für mich und wirklich aufregend, dass ich bei den Olympischen Spielen in ihre Fußstapfen trete. Ich hoffe, dass ich wie sie großen Einfluss auf den Frauenradsport in Amerika haben kann.
TOUR: Ihr Sportliche Leiterin Carmen Small hat TOUR gesagt, dass in den USA Olympia-Gold mehr wert ist als der Sieg bei der Tour de France. Sie haben in Paris zweimal Gold gewonnen. Welche Ziele sehen Sie denn noch im Radsport?
Kristen Faulkner: Ich möchte einen WM-Titel gewinnen – entweder im Zeitfahren oder im Straßenrennen. Und ich würde gerne zu den Olympischen Spielen in Los Angeles fahren und dort das Einzelzeitfahren bestreiten, bei den Spielen in der Heimat. Und ich würde auch gerne einige der großen Rennen in Europa gewinnen: Flandern-Rundfahrt, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Strade Bianche oder eine der großen Rundfahrten. Ich habe also noch viele Ziele im Radsport.
TOUR: Sie haben noch bis einschließlich 2026 einen Vertrag bei EF-Oatly-Cannondale. War das im Nachhinein die richtige Wahl – das Team hat keine World-Tour-Lizenz, sondern gilt offiziell als zweitklassig …
Kristen Faulkner: Ich hatte vor dieser Saison (2024) viele Angebote von World-Tour-Teams. Aber ich habe mich für EF-Oatly-Cannondale entschieden. Und für mich ist es nicht wichtig, ob es sich um ein World-Tour-Team handelt. Es ist wichtiger, dass es sich um einen Rennstall handelt, der sich um Gleichberechtigung der Frauen kümmert. Es ist ein Team, das sich um uns als Menschen kümmert, nicht nur um uns als Rennfahrerinnen. Ich glaube nicht, dass ich die Goldmedaillen gewonnen hätte, wenn ich in einem anderen Team gewesen wäre.
TOUR: Der Frauenradsport hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark entwickelt. Ihr Wort als Olympiasiegerin hat nun besonderes Gewicht: Welche Verbesserungen wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?
Kristen Faulkner: Zunächst brauchen wir höhere Gehälter. Die Top-Frauen verdienen weniger als zehn Prozent von dem, was die Top-Männer verdienen. Es ist echt traurig, dass die Organisationen und Teams mit der Kluft zwischen den Geschlechtern einverstanden sind. Das Gleiche gilt für die Preisgelder. Und auch die Medienunternehmen müssen den Frauenradsport mehr fördern. Wenn man auf eine Streaming-Website geht, finde ich auf der Titelseite immer Clips und Fotos von den Männern. Es gibt nichts, worauf die Leute klicken können, damit sie zu den Frauenrennen gelangen.

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