Zweimal stand er während seiner elf Jahre als Profi bei der Tour de France am Start. Die letzte Erfahrung war äußerst schmerzhaft. Der Radprofi aus Freiburg blieb im Jahr 2021 gleich auf der 1. Etappe auf der Strecke. Er war in den Massensturz verwickelt, den die Zuschauerin mit dem berühmten Omi/Opi-Schild ausgelöst hatte. Das soll nicht die letzte Erinnerung an das wichtigste Radrennen der Welt sein. Noch heute ärgert er sich über das Ausscheiden, über die Sturzverursacher – aber auch darüber, dass er es trotz großer Schmerzen nicht doch probiert hat, weiterzufahren. “Das war schade. Ich will noch einmal bis Paris kommen”, sagt er. Anders formuliert: Er will im Juli 2025 im Tour-Aufgebot stehen.
Dann allerdings in neuen Kleidern. Er ist nach drei Jahren von Bahrain-Victorious weitergezogen – zu Jayco-AIUla. Der Grund: “Das bessere Angebot”, sagt Sütterlin – über Geld redet er nicht, aber die Australier winkten mit einem Zwei-Jahres-Kontrakt, beim bisherigen Arbeitgeber soll es nur eines gewesen sein. “Ich muss gucken, wo ich bleibe”, betont Sütterlin mit Verweis auf sein Alter. Der Radprofi aus Freiburg im Breisgau ist schon 32 Jahre alt – das macht die Jobsuche angesichts des grassierenden Jugendwahns im Radsport nicht gerade leichter.
Die ersten Eindrücke vom neuen Team und den Kollegen – darunter Neuzugang Ben O’Connor, die Sprintspezialisten Caleb Ewan und Dylan Groenewegen, der vielseitige Michael Matthews sowie die beiden deutschen Landsleute Max Walscheid und Felix Engelhardt? “Nach den ersten zwei Tagen hat es sich angefühlt, als sei ich schon fünf Jahre dabei. Ich bin superhappy”, sagt Sütterlin, wohl auch weil ihm nach einem Jahr Pause am neuen Arbeitsplatz wieder Starts bei den geliebten Klassikern Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix winken. “Ich liebe diese Rennen”, betont er. Dort hofft er, dem designierten Kapitän Matthews zum Sieg verhelfen zu können. Auch andernorts kann der australische Rennstall kräftige, tempofeste Rennfahrer wie Sütterlin brauchen: entweder um Sprinter Dylan Groenewegen den Weg auf die Zielgerade kräfteschonend zu ebnen oder dem gertenschlanken Ben O’Connor den Wind von der Brust zu nehmen. Der Letztgenannte, Vuelta- und WM-Zweite, ist ebenfalls neu im Team und soll als Australier in einem australischen Team bei der Tour de France ums Podium kämpfen. Sütterlin wäre da gerne dabei.
Dabeisein als Helfer ist hingegen nicht alles für Sütterlin. Sütterlin träumt trotz fortgeschrittenen Alters noch von eigenen Erfolgen. Neben der Helferrolle will er auch selbst irgendwo ein gutes Ergebnis erzielen – “fürs Selbstbewusstsein”, wie er sagt. Sein größtes Ziel: “Ich will Deutscher Meister im Einzelzeitfahren werden.” Jahrelang biss er sich die Zähne am überlegenen Tony Martin aus – im Jahr 2017 fehlten nach 48 Kilometern Fernduell ganze 15 Sekunden zum Titelgewinn. Der viermalige Weltmeister Martin hat seine Karriere mittlerweile beendet – der Weg zum Titel wäre frei. Aber Sütterlin war zuletzt im Kampf gegen die Uhr nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit – “ich habe das schleifen lassen”, räumt er ein. Das will er zur neuen Saison wieder ändern.
Zwei Jahre läuft der neue Vertrag – also bis Saisonende 2026. Sein letzter? Sütterlin sagt, es werde immer schwerer, im Profiradsport in hohem Alter noch ein neues Arbeitspapier zu bekommen. Aber er schickt sicherheitshalber schon frühzeitig über TOUR ein Bewerbungsschreiben für eine Vertragsverlängerung raus: “Wenn ich die Möglichkeit habe, fahre ich, bis ich 40 Jahre alt bin.” Und hofft, dass ihm dabei nicht nochmals übermotivierte Radsportfans im Weg stehen.

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