TOUR: Der Schwabe wird mit 40 “gscheit”, heißt es. Was wird der Schwabe Holczer mit 70?
Hans-Michael Holczer: Die meisten meinen ja, man müsste ruhiger werden. Ich verspüre da überhaupt noch nichts. Ich bin seit dem Ende meines Engagements im Profiradsport 2016 hauptsächlich in meinem vor 49 Jahren gegründeten Fahrradladen, begleite bei großen Rennen noch Veranstaltungen von Škoda und fahre endlich wieder selbst mehr Rad.
TOUR: Und was geht da noch?
Hans-Michael Holczer: Ende des Jahres werden es wohl knapp 4000 Kilometer werden. Das meiste mit dem Rennrad, im Alltag E-Bike statt Auto. Bei den Jedermännern war ich in meiner neuen Altersklasse am 1. Mai in Frankfurt Dritter, die Cyclassics in Hamburg habe ich gewonnen, beim Finale der Deutschland Tour in Bremen wurde ich über 106 Kilometer eigentlich Zweiter, war allerdings in meiner Altersklasse nicht gemeldet. Als alter Bahnfahrer mit wenig Talent fahre ich da allerdings keinen Meter im Wind. Ich finde, das geht trotzdem für einen alten Mann (lacht).
TOUR: Gehen wir mal 15 Jahre zurück. Das Team Gerolsteiner fuhr 2008 eine große Saison. Stefan Schumacher gewann beide Zeitfahren der Tour de France, fuhr zwei Tage in Gelb, Bernhard Kohl holte das Bergtrikot. Trotz dieser Erfolge gelang es Ihnen nicht, einen neuen Hauptsponsor als Nachfolger für Gerolsteiner zu finden, obwohl die Erfolge noch ohne Dopingschatten waren. Schumacher, Kohl und später auch Davide Rebellin wurden erst nach dem verkündeten Ende des Teams als Doper entlarvt.
Hans-Michael Holczer: Es war vor allem der Zeit geschuldet. Der Radsport war in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland ganz unten, es hätte sich jemand finden müssen, der das Geld und die Chuzpe gehabt hätte, zu sagen: Ich mache das jetzt. Ich hatte unzählige Gespräche mit Unternehmen, die sich das hätten leisten können, aber das alles überlagernde Doping-Thema war einfach zu negativ. Obwohl es, wie man weiß, den Sponsoren nicht unbedingt schadet.
TOUR: Wie meinen Sie das?
Hans-Michael Holczer: Trek hat trotz Lance Armstrong kein Rad weniger verkauft. Man weiß auch, dass der Sponsor nicht mit einem Dopingskandal nach Hause geht, das allermeiste bleibt an Fahrer und Team hängen.
TOUR: Ende 2007 waren Sie auf Einladung der amerikanischen Gillette-Familie bei einem Spiel des FC Liverpool gegen Chelsea. Gillette war damals Finanzier an der Anfield Road und plante, in den Radsport einzusteigen und Ihr Team zu übernehmen?
Hans-Michael Holczer: Stimmt, kurz vor Weihnachten sah es so aus, als würde Gillette unser Team kaufen. Aber das wäre kein Sponsoring, sondern ein Investment gewesen, bei dem Gillette auf eine Wertsteigerung des Teams gesetzt hätte. Letztendlich haben wir dann doch nicht in deren Portfolio gepasst.
TOUR: So endete ein paar Monate später das Team Gerolsteiner; kurz darauf wurden im Oktober 2008 Stefan Schumacher und Bernhard Kohl des Dopings bezichtigt und gesperrt. 2009 dann auch noch Davide Rebellin.
Hans-Michael Holczer: Mich hat das damals sehr gewundert, dass von den Erfolgreichen ausschließlich Gerolsteiner-Fahrer positiv gewesen sein sollen. Ich will keinesfalls Verschwörungstheorien verbreiten, aber es war wohl, für wen auch immer, ein geschickter Moment, um entschlossenes Handeln zu demonstrieren. Und nebenbei dem Anti-Doping-Aktivisten Holczer für seine Rolle im Streit zwischen den ganz Großen des Radsports noch einen Denkzettel zu verpassen. Man hat mir nach Erscheinen meines Buches “Garantiert positiv” 2010 mit Klagen gedroht, keine einzige ist bis heute eingegangen. Und ich musste auch bis heute keinen Satz zurücknehmen, auch den nicht, dass Bernhard Kohl von einer Liste mit 40 Profis gesprochen hat, die bei der Tour 2008 mit dem EPO-Präparat Cera erwischt worden sein sollen. Offiziell wurden nur Kohl und Schumacher positiv getestet und gesperrt.
TOUR: Später kam es dann noch zu einem Prozess gegen Stefan Schumacher, dem Betrug zulasten seines Arbeitgebers, also Ihnen, vorgeworfen wurde. Der Prozess war ein Novum in der deutschen Rechtsgeschichte und endete mit einem Freispruch. Und Ihnen nahm kaum noch einer ab, von den Dopingpraktiken im Team tatsächlich nichts gewusst zu haben.
Hans-Michael Holczer: Damit muss ich leben, ich weiß ja, dass dem nicht so war. Ich war immer ein Gegner von Doping und habe 2007 das MPCC (Mouvement Pour un Cyclisme Crédible, Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport; Anm. d. Red.) mit aus der Taufe gehoben. Ganz nebenbei: Hätte ich damals auch nur im Ansatz von den Praktiken gewusst, sie geduldet oder wäre darin verwickelt gewesen, hätte ich, mit einem Mineralwasserhersteller als Hauptsponsor, dessen Produkte für Gesundheit und Reinheit stehen, meine materielle Existenz und die meiner Familie aufs Spiel gesetzt. So etwas macht nur jemand, der wenig oder nichts zu verlieren hat. Viele, die damals mit dem Finger auf mich gezeigt haben, haben nicht die geringste Ahnung, wie so ein Radteam funktioniert. Manche Fahrer habe ich vielleicht fünfmal im Jahr gesehen. Alle Profis mussten jedes Jahr angeben, mit welchen Managern, Trainern oder Ärzten sie zusammenarbeiten. Die Einhaltung dieser Angaben war mit Akteuren, die über ganz Europa verstreut wohnten, nicht zu kontrollieren. Das ist übrigens auch nicht der Job eines Teammanagers. Ich habe allerdings gegenüber den Profis meine Anti-Doping-Position glasklar vertreten, immer wieder erklärt, warum Doping in unserem Team keinen Platz haben darf. Aber damit bin ich bei einigen in der Tat nicht durchgedrungen.
TOUR: In Ihrer Zeit haben Sie gesagt, dass man mit zehn Millionen Euro im Jahr im Profiradsport richtig etwas bewegen kann. Gilt das heute noch?
Hans-Michael Holczer: Nein, dafür werden heutzutage ganz andere Summen benötigt. Ich habe 2008 von Gerolsteiner viereinhalb Millionen Euro pro Saison zur Verfügung gehabt, zwischendurch waren es auch mal etwas mehr als sechs. Heute gibt es Profis, deren Jahresgehalt in diesem Bereich liegt. Das ist aber auch gerechtfertigt und gut für die Fahrer. Der Radsport ist eine der ältesten Sportarten mit Berufssportlern, auch heute noch hochkommerziell und gleichzeitig in einer unbeschreiblichen Schieflage. Die Teams sind weder an Zuschauer- noch an Fernseheinnahmen beteiligt. Welcher große Fußballverein könnte so überleben? Also muss das Geld woanders herkommen.
TOUR: Von Sponsoren?
Hans-Michael Holczer: Im Idealfall ja, aber die Summen, die man heute in die Hand nehmen muss, sind schwer zu bekommen. Die Szene hat sich gewandelt. Es gibt immer mehr Superreiche, die sich ein Spitzenteam leisten, auch wenn es sich als Investment aus meiner Sicht nicht rechnen kann. Zu meiner Zeit war das anders: Gerolsteiner, Telekom oder Milram haben massiv von ihrem Sponsoring profitiert. Telekom hat einmal seinen Aufwand von zehn Millionen Mark mit einem Return von 57 Millionen aufgerechnet. Da mag einiges geschönt sein, die Relationen kommen aber schon hin. Solche Verhältnisse gibt es heute mit einer veränderten Kommunikationslandschaft allerdings nicht mehr.
TOUR: Aktuell gibt es in Bora-Hansgrohe ein deutsches World-Tour-Team. Wenn Sie die mit Ihrem Team Gerolsteiner vergleichen, wo sind da die Unterschiede?
Hans-Michael Holczer: Vom Aufwand und den Möglichkeiten sind die Unterschiede gar nicht so groß. Ich kenne zwar die Zahlen von Bora nicht, bin mir aber sicher, dass unser Budget deutlich kleiner war. In der Rückschau war meine größte Leistung die, mit dem Etat diesen Erfolg gehabt zu haben. Bora-Hansgrohe hat deutlich mehr Geld zur Verfügung, aber auch ganz andere Kosten für die Profis. Komplett verschieden ist dagegen die Ausrichtung. Ich war vom Sponsor in die Pflicht genommen worden, bei den großen Rennen wie der Tour de France mit möglichst vielen deutschen Profis anzutreten. Der kommunikative Erfolg schien wichtiger als der sportliche. Bora ist gezwungenermaßen deutlich internationaler aufgestellt. Nach dem Gewinn des Giro 2022 will man auch bei der Tour aufs Podium, und wenn es dafür aktuell keinen deutschen Kandidaten gibt, muss man sich eben international umschauen und einen absoluten Weltstar wie Primoz Roglic verpflichten.
TOUR: Stichwort deutsche Profis. Da sieht es im Moment ja nicht so rosig aus. Oder täuscht das?
Hans-Michael Holczer: Ich finde, wir sind gar nicht so schlecht aufgestellt, viele junge Fahrer bekommen derzeit Profiverträge auch in ganz großen Mannschaften. Überspitzt gesagt, ist unser Problem in Deutschland: Wenn einer nicht die Tour de France gewinnen kann, dann zählt das nicht viel. Kaum fährt Lennard Kämna einen tollen Giro, fragt die Presse, ob er nicht auch bei der Tour vorne sein könnte. Und da gibt es zurzeit keinen Namen, der mir einfällt. Aber auch zu meiner Zeit gab es eigentlich nur einen – Jan Ullrich. Wir haben derzeit auch keine so erfolgreichen Sprinter wie zuletzt André Greipel oder Marcel Kittel. Aber insgesamt gibt es doch etliche deutsche Profis mit Potenzial, auch wenn der eine oder andere in diesem Jahr ein wenig unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. 2024 kann das schon ganz anders aussehen. Unser ehemaliger Öschelbronner Kim Heiduk, in dessen sportlicher Laufbahn ich auch eine ganz kleine Rolle gespielt habe, hat einen Vertrag bei Ineos in England bekommen und fuhr im September eine richtig starke Vuelta und Europameisterschaft.
TOUR: Was heute auch anders ist: Immer öfter verbuchen sehr junge Fahrer große Erfolge. Egan Bernal, Tadej Pogacar oder Remco Evenepoel gewinnen dreiwöchige Rundfahrten und gleichzeitig die Nachwuchswertung. In deren Alter gingen Jungprofis früher zum Schnuppern in eine Rundfahrt.
Hans-Michael Holczer: Mich überrascht das auch sehr, es ist wirklich erstaunlich. Aber eine fundierte Erklärung dafür habe ich nicht. Vielleicht lagen wir ja damit, dass man im Alter um die dreißig am stärksten bei langen Rundfahrten sei, auch schlicht falsch. Hinzu kommen heute verbesserte und spezifischere Trainingsmethoden, die Sportwissenschaft spielt mittlerweile eine viel entscheidendere Rolle. Als Folge fährt man jetzt auch andere Übersetzungen. Wir hatten früher auch bei den steilsten Anstiegen wie am Angliru bei der Vuelta maximal 39 x 27 zur Verfügung. In Ausnahmen wurde mit Dreifach-Kurbeln experimentiert. Heute fahren die auch mal 34x34. Auf der anderen Seite verkürzen die Veranstalter vernünftigerweise die Etappen. Möglicherweise kommt all das jüngeren Athleten entgegen. Man muss jetzt erst noch mal fünf bis acht Jahre warten, ob es einfach eine Verschiebung des Leistungshöhepunkts ist oder ob die mit über 30 auch noch so treten können.
TOUR: Wie schauen Sie auf die forsche Jugend?
Hans-Michael Holczer: Mir gefällt das, wenn Tadej Pogacar mit jugendlicher Unbekümmertheit losfährt und nicht dauernd auf seinen Leistungsmesser schaut. Das ist erfrischend. Aber klar, bei solchen Leistungen lehrt die Erfahrung, in der Bewertung vorsichtig zu sein. Erfolg und Verdacht kleben im gesamten Spitzensport aneinander. Ich habe mich damit arrangiert und kann Radsport wieder mit Freude anschauen.
TOUR: Nach Gerolsteiner waren Sie noch bis 2012 beim russischen Rennstall Katjuscha als Manager und Berater aktiv. Was hat Ihnen die Zeit noch gebracht?
Hans-Michael Holczer: Es war für mich persönlich wichtig, nach dem Ende von Gerolsteiner noch einmal als Manager eines Top-Teams zurückzukehren. Ich bin 2010 wieder als Lehrer in den Schuldienst gegangen, da aber nicht mehr so angekommen, wie ich das kannte. Ich hatte das Gefühl, viele Eltern dachten: Was will der denn mit unseren Kindern? Andere baten mich am Elternabend um Autogramme und Widmungen in mein Buch. In den Sommerferien kam dann das Angebot, als Generalmanager bei Katjuscha ganz an der Spitze zu arbeiten, mit dem größten Budget, das ich jemals hatte. Verlässliche Partner traf ich dort leider nicht, was aber nicht an Eigner Igor Makarow lag, sondern an dessen Entourage. Dabei waren wir erfolgreich wie lange nicht – Purito (Joaquim Rodríguez; Anm. d. Red.) gewann die World Tour, die Mannschaft war Nummer zwei der Weltrangliste und wir hatten seit Langem mal wieder für Russland einen U23-Weltmeister. Aber ich bekam trotzdem aus Makarows direktem Umfeld Knüppel zwischen die Beine.
Rückwirkend ist klar: Mit den Erfolgen drohte der Einfluss des “Hofstaats” zu schwinden. Ich habe nach 15 Monaten meinen Rücktritt erklärt und bin in die Rolle des Beraters gewechselt. Mir war es damals wichtig, nach dem Zwangsaus bei Gerolsteiner selbstbestimmt aufhören zu können.
TOUR: Was machen Sie heute noch im Radsport?
Hans-Michael Holczer: Ich bin immer noch eng verbunden mit Škoda, dem einzigen Sponsor, der auch nach 2008 unbeirrt zum deutschen Radsport gestanden hat und steht. Ich betreue Gäste bei großen Rennen, auch auf dem Rad bei der Tour de France und den Jedermannrennen. Dann gibt es noch das Holczer-Radsport-Team für den Nachwuchs, um das sich hauptsächlich mein Schwiegersohn Ronny Scholz kümmert. Ansonsten schaue ich interessiert von außen zu.
TOUR: Und wenn Sie jetzt plötzlich das Angebot bekämen, ein World-Tour-Team zu leiten, könnten Sie mit 70 noch einmal schwach werden?
Hans-Michael Holczer: Wenn einer vor fünf oder sechs Jahren gekommen wäre und es hätte gepasst, hätte ich wahrscheinlich schon noch einmal meine Komfortzone verlassen. Ich würde es mir von der Erfahrung und der Fitness her auch heute noch zutrauen. Aber am Ende würde die Ratio siegen und ich würde die Finger davon lassen.
TOUR: Was sagt die Ratio?
Hans-Michael Holczer: Dass ich meinen Anspruch, ein Team erfolgreich und sauber führen zu können, nach all meinen Erfahrungen nicht erfüllen kann. Und nebenbei: Bei der Tour darfst du ab 60 im Rennen keinen Jury-Wagen mehr fahren, das wäre undenkbar für mich (lacht).
Holczer fuhr in seiner Jugend Amateurrennen. Seine Karriere als Macher im Radsport begann 1974 als Manager der Amateure des RSV Öschelbronn. Gleichzeitig arbeitete Holczer als verbeamteter Lehrer für Geschichte, Mathematik und Sport an der Friedrich-Schiller-Realschule in Böblingen. 1997 stieg das Team Schauff-Öschelbronn ins Profimetier ein. Aus der Mannschaft wurde 1999 das Team Gerolsteiner. Trotz vieler Erfolge endete das Engagement von Gerolsteiner 2008. Im Oktober des Jahres wurden die Dopingfälle Stefan Schumacher, Bernhard Kohl und im Frühjahr 2009 Davide Rebellin bekannt. Ab 2011 leitete Holczer für 15 Monate das russische Team Katjuscha, eher er sich aus dem Profiradsport zurückzog. Heute betreibt Holczer in Herrenberg unweit von Stuttgart ein Radsportgeschäft.