Interview Grace Brown“Die Stimme der Rennfahrerinnen muss gehört werden”

Andreas Kublik

 · 17.01.2025

Interview Grace Brown: “Die Stimme der Rennfahrerinnen muss gehört werden”Foto: Getty Images/Tim de Waele
Grace Brown siegte 2024 sowohl bei der WM wie bei den Olympischen Spielen im Einzelzeitfahren – und trat auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als Profi ab. Nun ist die 32-jährige Australierin Präsidentin der Fahrerinnengewerkschaft The Cyclists’ Alliance (TCA) – und gibt sich in dieser Rolle genauso kämpferisch wie zuvor im Rennsattel.

TOUR: Sie haben im vergangenen Jahr Ihre Profi-Karriere mit drei Goldmedaillen gekrönt – Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Einzelzeitfahren sowie Weltmeisterin in der Mixed-Staffel. Wie haben diese Erfolge Ihr Leben verändert?

Grace Brown: Es war interessant: Gerade für australische Sportler hat die olympische Goldmedaille ziemlich großen Einfluss. Ich bin dadurch zu jemandem geworden, der in meinem eigenen Land wichtig ist. Radsport ist in Australien keine wirklich große Sportart, viele Leute verstehen nicht, welche Bedeutung meine anderen Ergebnisse haben – aber sie wissen, was eine olympische Goldmedaille bedeutet.

TOUR: Sie waren in der Saison 2024 so erfolgreich wie nie. ­Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt aufzuhören?

Grace Brown: Ich hatte schon seit vielen Jahren darüber nachgedacht. Ich musste jedes Jahr für den Radsport meinen Ehemann in Australien zurücklassen. Ein Jahr mit Olympischen Spielen schien mir der richtige Zeitpunkt. Aber ich habe nicht erwartet, dass dieses Jahr derart gut wird. Vielleicht liegt es an meiner Sturheit, dass ich an meiner Entscheidung festgehalten habe.


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TOUR: Wechseln wir das Thema: Statt Ihren Ruhestand zu genießen, arbeiten Sie bereits als Präsidentin der Fahrerinnenvertretung The Cyclists’ Alliance. Warum?

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Grace Brown: Es waren die Umstände: Als Iris Slappendel (Ex-Profi und Vorgängerin; Anm. d. Red.) von dem Posten zurücktrat, hatte ich das ein paar Monate vor meinem Karriere-Ende auf dem Schirm. Und ich war ein bisschen traurig darüber, dass ich den Sport verlassen werde. Es war eine großartige Gelegenheit, dem Sport verbunden zu bleiben, weiterhin Einfluss zu nehmen und am Wachstum des Frauen-Radsports mitzuwirken. Ich hatte nicht wirklich Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, dass es auch viel Arbeit und Verantwortung bedeutet. Aber manchmal ist ein bisschen Naivität ganz gut. Und mich verbindet einfach Leidenschaft mit den Anliegen der TCA.

TOUR: Was sind die Hauptthemen für Ihre Präsidentschaft?

Grace Brown: Es ist grundsätzlich wichtig, die Radsportlerinnen über ihre Rechte aufzuklären. Ein wichtiges Thema: In der World Tour ist es schnell aufwärts gegangen in Sachen Professionalisierung, aber es gibt immer noch viele Probleme für die Rennfahrerinnen und Teams auf Konti- Niveau. Jede im Peloton soll sicher, ausreichend bezahlt und sorgenfrei mit Blick auf die Zukunft Rad fahren können. Aktuell gibt es viele Leute, die sich mit dem Thema Sicherheit beschäftigen. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Stimme der Fahrerinnen in dieser Diskussion gehört wird. Und es gibt rechtliche und ethische Fragen von Einzelnen, für die wir weiterhin kämpfen.

TOUR: Ihre Gewerkschaft vertritt nur Frauen. Es gibt auch bei der UCI-Fahrervertretung CPA eine Frauenvertretung. Können Sie diese Konkurrenz erklären?

Grace Brown: The Cyclists’ Alliance wurde 2017 von Iris (Slappendel) ins Leben gerufen. Damals wurden die Frauen nicht durch die CPA vertreten. Frauen wurden dort nicht als Profis angesehen. Deshalb wurde TCA als Gewerkschaft für Frauen gegründet, weil es zu dieser Zeit viele Probleme gab, die angegangen werden mussten, vor allem der Mangel an fairer Bezahlung, der Mangel an Fernsehberichterstattung. Dazu Vorfälle von Belästigung. Mittlerweile gibt es bei der CPA eine Abteilung für die Frauen – aber die CPA repräsentiert nur einige Nationen. Zudem ist die CPA quasi ein Anhängsel der UCI. Wir sind hingegen völlig unabhängig. Wir beabsichtigen nicht, uns zusammenzuschließen. Aber wir sollten eine gute Beziehung zur CPA haben und gemeinschaftlich die Rennfahrerinnen unterstützen.

TOUR: Inwieweit wollen Sie die Präsidentenwahl bei der UCI beeinflussen?

Grace Brown: Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Aber es wäre toll, jemanden in dieser Position zu haben, zu dem wir ein gutes Verhältnis haben. Die UCI ist historisch sehr männlich dominiert. Mich würde freuen, wenn wir eine Frau in dieser Rolle hätten.

Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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