Karriereenden 2024Grace Brown - Heimweh wiegt schwerer als Doppel-Gold

Sebastian Lindner

 · 13.01.2025

Erstmals richtig in Erscheinung tritt Grace Brown in der Radsportwelt 2019. Bei ihrer Heimat-Rundfahrt, der Tour Down Under, feiert sie ihren ersten Profisieg. Kurz zuvor wurde sie bereits Australische Zeitfahrmeisterin, ein Jahr zuvor Ozeanienmeisterin.
Foto: picture alliance / Augenklick/Roth
Die Karriere von Grace Brown ist in gewisser Weise typisch für eine Radsportlerin ihrer Generation. Als Quereinsteigerin fährt sie mit 23 Jahren bei den Australischen Meisterschaften ihr erstes richtiges Straßenrennen. Ihre Profikarriere beginnt 2019 bei Mitchelton-Scott als 26-Jährige. Sechs Saisons später ist sie bereits wieder vorbei. Brown geht auf dem Höhepunkt.

Aufzuhören, wenn es am Schönsten ist, gelingt den wenigsten Sportlern. Doch Grace Brown gehört zu ihnen. Sie geht nach ihrer besten Saison als amtierende Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Zeitfahren. Den Entschluss, das Rad an den Nagel zu hängen, hatte sie aber bereits vor den beiden Wettkämpfen gefasst. “Ich weiß, dass ich noch viele Jahre im Radsport haben könnte, aber ich vermisse mein Leben in Australien, meinen Mann, meine Familie und Freunde. Und es wird jedes Mal härter zu gehen”, sagte sie Mitte Juni 2024 als sie ihren Rücktritt für das Saisonende verkündete.



Auch Olympia-Gold und WM-Titel könnten daran nichts ändern. “Ich wurde jetzt schon 1000 Mal gefragt, ob ich es mir nochmals überlege, aber der Entschluss ist gefasst”, sagte sie nach dem Gewinn des Regenbogentrikots. Das Heimweh fällt bei den Sportlern vom Fünften Kontinent ohnehin immer stärker ins Gewicht als etwa bei den Europäern, die zwar ebenfalls oft auf Reisen sind, aber zumindest zwischendurch immer mal wieder ihre Angehörigen sehen können. Für Australier ist das nahezu unmöglich, da sich der Großteil der Saison in Europa abspielt, inklusive aller Wintertrainingslager. Zeit, die Heimat zu besuchen, bleibt da nur kurz nach der Saison oder eben dann, wenn der Rennzirkus Down Under gastiert.

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Grace Brown: Von der Läuferin zum Radprofi

“Ich habe unter der Saison kein Auffangbecken wie die europäischen Fahrerinnen. Viele meiner Kontrahentinnen verstehen nicht, was wir unter dem Jahr privat alles zurücklassen müssen”, versuchte Brown ihre Situation zu erklären. Doch schon vor ihren beiden historischen Titeln - noch nie wurde eine Frau im gleichen Jahr Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Einzelzeitfahren - zeigte sich die 32-Jährige aus dem Süden Australiens hochzufrieden mit dem, was sie erreicht hatte. “Was ich erreicht habe, geht weit über das hinaus was ich erwartet hätte.”

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In ihrer Jugend war Grace Brown Mittelstreckenläuferin auf der Bahn und auch im Gelände unterwegs, allerdings nur auf nationaler Ebene. Allerdings erwies sich das nicht als die perfekte Sportart. “Mein Körperbau war eigentlich nicht besonders gut für das Laufen geeignet, und ich litt unter einer langen Reihe von Verletzungen wie Stressfrakturen. Nach so vielen Jahren, in denen ich mich immer wieder verletzte, hatte ich die Nase voll”, erzählte sie einst dem Velo-Magazin. “Ich bin ein bisschen mit dem Fahrrad gependelt, aber das war's. Aber kurz nach der Universität kaufte ich mein erstes Carbonrad.”

In Melbourne, wo Brown für ihr Studium hingezogen war, trat sie einem Klub bei und fuhr so einige Kriterien. “Das Gefühl, in diesem Sport wettbewerbsfähig sein zu wollen, war fast sofort da. Eines Tages suchte ich im Internet nach Straßenrennen, weil ich nach den Kriterien ein richtiges Straßenrennen fahren wollte.”

Premierenerfolg bei der Tour Down Under

Das erste, was auf dem Plan stand, waren die nationalen Meisterschaften. “Ich erinnere mich, dass es eine Schaltfläche gab, auf die man klicken konnte, um sich anzumelden, und das habe ich getan”, so Brown. Ein gutes halbes Jahr, nachdem sie das Rennrad für sich entdeckt hatte, stand sie bei den Titelkämpfen im Januar 2016 am Start. Sie beendete das Rennen nicht, doch es war der Beginn ihrer erfolgreichen Karriere.

Über gute Leistungen in einer nationalen Rennserie qualifizierte sie sich für höhere Aufgaben in Europa. 2018 fuhr sie für ein paar Monate an der Seite von Lisa Brennauer und Elisa Longo Borghini für das britische Wiggle High5 Team, nachdem sie zuvor Ozeanienmeisterin im Zeitfahren und Zweite im Straßenrennen geworden war und ein Stipendium der Amy-Gillett-Stiftung (Amy Gillett war eine australische Radrennfahrerin, die 2005 bei bei einem Trainingsunfall in Deutschland ums Leben kam, als sie bei der Vorbereitung auf die Thüringen-Rundfahrt von einem Auto angefahren wurde; Hauptziel der Stiftung ist es, Radfahren in Australien sicherer zu machen). Ihren ersten Profivertrag unterschrieb sie schließlich 2019 beim australischen Team Mitchelton-Scott, das heute als Liv Jayco AlUla startet.

Ihr zweites Rennen im neuen Trikot waren die Australischen Zeitfahrmeisterschaften, die sie erstmals und mit deutlichem Vorsprung gewinnen konnte. Danach ging es zur Tour Down Under. “Ich hatte den Eindruck, dass ich in einer neuen Sportart, einem neuen Team, nicht viele Chancen haben würde”, erinnerte sie sich. Allerdings belehrte sie sich selbst eines Besseren. “Am dritten Tag sagte der Sportdirektor zu mir: ‘Diese Etappe passt wirklich gut zu dir, Grace’”. Er sollte Recht behalten: Brown gewann die Etappe und feierte damit ihren ersten Profisieg nach einem “sehr, sehr, sehr langem Sprint.”

Brown etabliert sich schnell in der Weltspitze

Es blieb ihr einziger Erfolg in ihrem ersten Jahr, dass sie ansonsten nutzte, um sich bei den großen Rennen und vor allem in Europa zu akklimatisieren. Doch schon im nächsten Jahr etablierte sie sich in der Weltspitze. Dabei erwiesen sich zunächst die belgischen Klassiker - eher untypisch für australische Profis - als gutes Pflaster für Brown. In der durch die Corona-Pandemie völlig durcheinandergewürfelten Saison fuhr sie nach Rang 13 beim Fleche Wallonne nur neun Sekunden hinter Siegerin Lizzie Deignan als Zweite bei Lüttich-Bastogne-Lüttich über den Zielstrich. Drei Tage später siegte sie dann beim Pfeil von Brabant vor Liane Lippert. Dazu fuhr Grace Brown in jenem Jahr ihr erstes WM-Rennen. Den Einzelzeitfahrwettbewerb im italienischen Imola beendete sie als Vierte.

2021 bestätigte Brown ihre starken Klassikerleistungen aus dem Vorjahr. Den Omloop het Nieuwsblad beendete sie als Achte, Nokere Koerse als Zweite, Brugge-De Panne schließlich siegreich. Bei Dwars door Vlaanderen reichte es für Rang sechs, ehe sie Dritte der Flandern-Rundfahrt wurde. Dazu gewann sie eine Etappe der Burgos-Rundfahrt. Weil es die 1. war, feierte sie damit auch ihre Premiere an der Spitze eines Mehrtagerennens. Im September warteten noch die Olympischen Spiele, bei denen Brown im Zeitfahren noch sieben Sekunden an der Bronzemedaille vorbeifuhr und Vierte wurde.

2022 wiederholte Grace Brown, die gerade erst zum Team FDJ gewechselt war, ihren Australischen Meistertitel im Zeitfahren und Rang zwei bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, dieses Mal nur geschlagen von Annemiek van Vleuten. Die Ronde beendete sie dieses Mal als Siebente, dazu gab es Rang zwölf für die Premiere bei Paris-Roubaix. Bei der Women’s Tour in England gelang ihr ein Etappensieg - den Gewinn der Gesamtwertung verpasste sie um eine Sekunde, weil Elisa Longo Borghini am letzten Tag Etappendritte wurde und durch die Bonussekunden noch and er Australierin vorbeizog. Dafür gewann sie das Zeitfahren der Commonwealth Games und eine Etappe der Vuelta.

Grace Brown - am Ende eine Allrounderin

Eine Woche später ging es zurück in die Heimat, obwohl die Saison noch gar nicht beendet war. Doch die Weltmeisterschaften 2022 wurden im australischen Wollongong. “Je länger ich mir den Kurs ansehe, desto mehr glaube ich, dass er gut zu mir passt”, so Brown im Vorfeld des 34 Kilometer langen Rennens, bei dem sie noch nicht mit der Favoritenrolle an den Start ging. “Wenn ich einen wirklich guten Tage habe, kann ich vielleicht gewinnen.” Brown erwischte aber “nur” einen guten Tag, am Ende fehlten ihr 13 Sekunden auf die Goldmedaille von Ellen van Dijk. Dennoch sammelte sie ihre erste internationale Medaille ein.

Ein Jahr später im schottischen Glasgow fehlten Grace Brown nur noch sechs Sekunden zur Goldmedaille, die dieses Mal an Chloe Dygert ging. Die Tendenz: eindeutig. Doch in 2023 bewies die Australierin nicht nur einmal mehr ihre Zeitfahrqualitäten. Dazu schaffte sie auch den Durchbruch als Rundfahrerin in Rennen, die ohne Hochgebirgsetappen auskamen. Zu Jahresbeginn erfüllte sie sich den Traum vom Gewinn der Tour Down Under, dazu gewann sie im Mai die Bretagne Ladies Tour, kurz davor den Grand Prix du Morbihan.

Die Klassiker hatten in jenem Jahr etwas gelitten, nur beim Amstel Race fuhr sie als Sechste in die Top 10. Doch dass sie die ganz großen Eintagesrennen ebenfalls gewinnen kann, bewies sie in ihrer letzten Saison. Denn bevor Grace Brown Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Zeitfahren wurde, gewann sie Lüttich-Bastogne-Lüttich im Sprint einer kleinen Gruppe vor Longo Borghini und Demi Vollering, nachdem sie zuvor einer dreiköpfigen Spitzengruppe angehört hatte. Nach Doppel-Gold, was im Grunde auch Dreifach-Gold ist, weil sie auch Weltmeisterin mit der Mixed-Staffel wurde, fiel das im Nachgang beinahe hintenrunter.

Standesgemäßer Abschied mit Sieg im Zeitfahren

Während Brown ihr goldenes Zeitfahrrad von Lapierre wenigstens noch bei den Weltmeisterschaften in Zürich der Weltöffentlichkeit präsentieren konnte, blieb ihr einziger Auftritt im Regenbogentrikot nahezu unbeachtet, obwohl es das letzte Rennen ihrer Karriere war. Das Chrono des Nations im französischen Les Herbiers in der Nähe von Nantes im Westen des Landes an der Atlantikküste beendete die Weltmeisterin standesgemäß mit einem Sieg - dem 26. ihrer Karriere. Zwölf davon gelangen ihr im Kampf gegen die Uhr.

Da Melbourne künftig wieder zu ihrem Lebensmittelpunkt werden soll, gilt eine zweite Karriere im Radsport - zumindest im internationalen - als unwahrscheinlich. Hier und da ein Rennen fürs Fernsehen zu kommentieren, dafür auch nach Europa zurückzukehren, könnte für sie allerdings eine Option sein, wie sie selbst sagte.

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Die größten Erfolge von Grace Brown

  • Zeitfahr-Olympiasiegerin 2024
  • Zeitfahr-Weltmeisterin 2024, dazu zweimal Vize-Weltmeisterin (2022 und 2023)
  • Siegerin Lüttich-Bastogne-Lüttich 2024, dazu zweimal Zweite (2022 und 2020)
  • Siegerin Classic Brugge-De Panne 2021
  • Siegerin Tour Down Under 2023
  • insgesamt 26 Siege als Profi, zwölf davon im Zeitfahren

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