Jobs im Profiradsport“Optimierungschefin” von dsm-firmenich PostNL

Kristian Bauer

 · 17.02.2024

Jobs im Profiradsport: “Optimierungschefin” von dsm-firmenich PostNLFoto: Team dsm-firmenich PostNL
Narelle Neumann: Die “Optimierungschefin” von dsm-firmenich PostNL
Narelle Neumann ist die Wissenschaftliche Leiterin des Teams dsm-firmenich PostNL. Sie nutzt alle Erkenntnisse der Wissenschaft, damit ihre Rennfahrerinnen und Rennfahrer auf die Unberechenbarkeit des Radsports optimal vorbereitet sind.

Die “marginal gains” waren ein Weckruf für den Profiradsport: Das ehemalige Team Sky perfektionierte die Strategie, viele kleine Vorteile in einen relevanten Vorsprung auf die Konkurrenz umzumünzen. Der Job von Narelle Neumann beim World-Tour-Team dsm-firmenich PostNL spiegelt diesen Wandel im Radsport hin zu akribischer Detailarbeit. “Quäl dich, du Sau!” war gestern – heute geht es um einen datengetriebenen Ansatz der Leistungssteuerung. Als Head of Science arbeitet Narelle Neumann daran, alle wissenschaftlichen Erkenntnisse in Erfolge bei Radrennen umzuwandeln. Als Wissenschaftliche Leiterin steht sie über den Sportlichen Leitern und Trainern.

Die Umsetzung neuester Erkenntnisse der Trainingswissenschaft, die Potenzialanalyse einzelner Fahrerinnen und Fahrer, Materialvergleiche, Optimierungen im Windkanal oder die Entwicklung eigener Rennbekleidung – all das verantwortet die 48 Jahre alte gebürtige Australierin: “Ich arbeite mit einer Gruppe von etwa 20 Experten zusammen, mit Wissenschaftlern, Trainern, Ernährungswissenschaftlern und Biomechanikern. Sie sind dynamische Experten, sie verstehen die Materialien und alles, was dazu beiträgt, damit unsere Athleten Höchstleistungen erbringen. Meine Aufgabe ist es, das alles zu koordinieren.”

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Team dsm-firmenich PostNL: Daten machen den Unterschied

Die wissenschaftliche Herangehensweise von Narelle Neumann überrascht nicht, dass sie es im Radsport tut, schon eher: Die promovierte Geologin hat viele Jahre im öffentlichen Dienst in Australien geforscht, war in leitender Funktion auf Regierungsebene tätig. Nach 20 Jahren hatte sie Lust auf eine Veränderung, wollte ihre Führungserfahrung einbringen und Verantwortung übernehmen. Ihr Verständnis von Daten, Wissenschaft und Prozessen erwies sich als ideale Voraussetzung für die Aufgabe der Wissenschaftlichen Leiterin eines Radsport-Profiteams: “Wir müssen mehr und mehr Daten und Informationen sowie Wissenschaft und Technologie nutzen, um wirklich den Unterschied zu machen, damit wir das Potenzial jedes Fahrers ausschöpfen können.”

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Seit fünf Jahren arbeitet sie für die drei dsm-Teams: Frauen, Männer und Nachwuchs: “Meine Rolle ist die der Koordinatorin, ich muss ein umfassendes Verständnis für alle Aspekte haben.” Im Mittelpunkt steht eine ständige Analyse aller Daten. Dafür wurde in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen KPMG eine Plattform entwickelt, die Tausende Daten jedes Fahrers sammelt und analysiert. Nach der Auswertung werden Trainingsprogramme angepasst. Neumann nennt als Beispiel das Sprinttraining, das jahrelang aus zehn Intervallen von je 20 Sekunden Länge bestand. Mithilfe der Plattform wurden die Trainings analysiert und verändert. Das Ziel ist, “vorhersagen zu können, was das beste Training für jeden Fahrer und jeden Tag ist”.

Narelle Neumann plant bis ins letzte Detail

Durch die vielen Daten “lernen wir immer mehr über die Physiologie unserer Athleten”. Auch das Material spielt eine große Rolle in der Planung des Erfolgs: “Was sind die richtigen Materialien, die auf jedem Teil des Trikots angebracht werden sollten, um die Aerodynamik zu verbessern? Welche Reifenbreite, welcher Reifendruck ist am besten?” Alle Variablen werden vom Team im Windkanal getestet – wie Neumann betont, immer nur einzeln. In Zusammenarbeit mit niederländischen Universitäten werden weitere Tests durchgeführt: “Etwa Projekte, bei denen Studenten den Reifendruck auf verschiedenen Oberflächen testen. Also Kopfsteinpflaster gegenüber glattem Straßenbelag gegenüber rauem Straßenbelag, was es bedeutet, wenn man bergauf und bergab fährt.”

Jeder Sportler ist individuell

Ein konkretes Beispiel für die Übertragung aus der Theorie in die Praxis ist die eigens entwickelte Rennbekleidung: Sie wurde aerodynamisch optimiert, soll sowohl kühlen als auch bei Kälte warm halten und durch eine spezielle Faser bei Stürzen schützen. Neumann hat auch die Spezialisierung des Trainings vorangetrieben. Im Herbst werden zuerst die Ziele des Teams für die kommende Saison definiert und dann für jeden Rennfahrer die individuellen Ziele und Trainingsschwerpunkte festgelegt. Ob ein Athlet bei den Frühjahrsklassikern oder bei der Tour de France Leistung bringen soll, wirkt sich auf dessen Zuordnung zur Trainingsgruppe aus.

“Das Training für jede dieser Gruppen basiert auf den Anforderungen ihrer Rolle in einem Rennen. Das beinhaltet Aspekte des körperlichen Trainings, aber auch Krafttraining, insbesondere für unsere Frühjahrsgruppe. Und dann natürlich Dinge wie Höhenanpassung, Hitzeanpassung, Kälteanpassung.”

Ernährung beim Team dsm-firmenich PostNL

Ein anderes wichtiges Thema ist die Ernährung. Bei Etappenrennen wie der Tour de France gibt es für jede einzelne Etappe einen angepassten Ernährungsplan. “Ist es eine Bergetappe? Ist es eine flache Etappe? Dann stellen wir für jede Mahlzeit ein Menü zusammen und teilen es den Köchen im Voraus mit, sodass sie wissen, dass es auf Etappe 15 beispielsweise Nudeln und Hühnchen als Hauptgericht und Schokoladenkuchen als Dessert geben wird.”



Im Mittelpunkt stehen bei der Ernährung die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit des Athleten – das Körpergewicht ist nur ein Nebenaspekt, weil es auf die Rennfahrer bezogen nichts über die Zusammensetzung des Körpers aussagt. Stattdessen werden per Ultraschall die Fettschichten der Haut gemessen. Die wichtigste und arbeitsreichste Zeit des Jahres liegt für die Wissenschaftliche Leiterin des Teams vor der Saison, wenn die Planungen besprochen und verabschiedet werden. Als Head of Science verbringt Neumann die meiste Zeit vor dem PC im Büro im niederländischen Deventer, weit weg vom Renngeschehen.

Der Blick auf die Daten verrät ihr, für welche Rennen die Fahrerinnen und Fahrer geeignet sind und welches Potenzial sie haben. Man könnte Narelle Neumann auch als Optimierungs-Chefin der Teams bezeichnen: Ihre gesamte Arbeit ist auf die Berechenbarkeit der Ergebnisse ausgerichtet, dabei ist ihr Lieblingsrennen der Klassiker Paris-Roubaix – Inbegriff der Unberechenbarkeit. Sie liebt “die Menschenmassen, die Atmosphäre, die Ungewissheit”. Steht das nicht in starkem Gegensatz zu ihrer Arbeit? Genau das sieht sie als Herausforderung: Sich optimal auf das vorzubereiten, was man kontrollieren kann – mit dem Wissen, dass es ganz viele Überraschungen geben wird.



Kristian Bauer

Kristian Bauer

Redakteur

Kristian Bauer ist gebürtiger Münchner und liebt Ausdauersport – besonders wenn es in die Berge geht. Er ist ein Fan der Tour de France und bevorzugt solide Rennradtechnik. Er führt für TOUR Interviews, berichtet von Events im Hobbyradsport und schreibt Artikel über die Fahrradbranche sowie Trends im Rennradsport.

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