Yvonne MargrafUltra-Radsportlerin aus Leidenschaft

Jürgen Löhle

 · 28.01.2026

Yvonne Margraf: Ultra-Radsportlerin aus LeidenschaftFoto: Philipps Bike Team/Marius Holler
Auf Mallorca organisiert und leitet Yvonne Margraf (vorne links) das Training der Gäste von Philipps Bike Team

Yvonne Margraf mausert sich vom Mallorca-Radguide zu einer der besten Ultra-Radsportlerinnen. Ihre Stärken: ein kaum vorstellbarer Durchhaltewille und enorme Leidensfähigkeit

​Es ist mitten in der Nacht, dunkel, frisch. Zum Glück wenigstens trocken, aber ansonsten fällt einem nicht viel Positives ein. Yvonne Margraf sitzt im August 2025 schon die zweite Nacht nacheinander im Sattel. Geschlafen hat sie tatsächlich auch einmal in den letzten 48 Stunden, so um die 20 Minuten. Wann das war, weiß sie nicht mehr. Ist aber auch egal, sie tritt stoisch weiter, frisst Meter um Meter der 1500-Kilometer-Strecke des Ultra-Radrennens Race Around Austria von der Straße. Von hinten taucht das Begleitfahrzeug den Asphalt vor ihr ins Licht und lässt ihre pinkfarbenen Leggins leuchten. Ein paar Meter weiter vorne wartet einer aus ihrem Team mit ein wenig Essen und warmen Worten. Yvonne erkennt ihn, Leben kommt in ihre Augen und dann – ja dann zaubert sich ein Lächeln in ihr Gesicht.



1000 Kilometer in den Beinen - noch 500 vor sich

Mitten in der Schinderei wirkt sie immer noch erstaunlich frisch, voller Fröhlichkeit und mit unerschütterlicher Zuversicht. Das Strahlen wirkt unwirklich. Wie um alles in der Welt geht sowas? Da schindet sich die 45-jährige Hessin, mutmaßlich tut ihr jeder Muskel weh, mit Sicherheit aber der von einer Facettenarthrose geplagte Rücken. Sie ist mit einem knappen 21er-Schnitt unterwegs. So um die 1000 Kilometer hat sie in den Beinen und noch gut 500 vor sich – unter anderem auf mehr als 2500 Meter Meereshöhe über den Großglockner. Wie kann man da noch strahlen, als hätte man eben das Glück des Lebens gefunden? „Nun ja, ich kann mich ganz schön quälen“, sagt die Ultrasportlerin, natürlich mit einem breiten Lachen. Okay, eine Warmduscherin darf man beim Ultra Cycling auch nicht sein. Aber wäre es dann nicht normal, dass man die Last auch sieht? Also gefletschte Zähne, tiefliegende Augen, die wirken, als hätten sie direkt in den Eingang der Hölle geblickt? Zumindest bei Yvonne Margraf sieht man nichts dergleichen. Die zierliche Hessin, gerade mal 164 Zentimeter groß, strahlt einfach. Und das nahezu immer. Es ist so etwas wie ihr Markenzeichen.

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In einer anderen Welt

Yvonne Margraf gehört zwar zu den besten Ultra-Radrennfahrerinnen der Welt, aber davon kann sie nicht leben. Die Frau mit dem Zopf unterm Helm arbeitet seit 1997 in der Sana-Klinik in Offenbach. Erst als Azubi, dann als Krankenschwester, schließlich als stellvertretende Stationsleiterin in der Neurochirurgie. Das ist keine besonders fröhliche Station; dort liegen Menschen, die noch Tage zuvor mitten im Leben standen und sich nach Schlaganfall oder Gehirnblutung in einer komplett anderen Welt wiederfinden. Oder Patienten, denen man vor wenigen Tagen erklärt hat, dass die lästigen Kopfschmerzen von einem Gehirntumor herrühren, der im besten Fall noch behandel- oder operierbar ist. Manchmal aber auch nicht mal mehr das. In so einem Umfeld ist die positive Ausstrahlung der Athletin Gold wert. Manche der Kranken fassen oft neuen Mut, wenn sie erfahren, welche Energie die Frau mobilisieren kann, wenn sie mal nicht in Schwesterntracht an ihrem Bett steht. Umgekehrt schöpft auch Yvonne Margraf mentale Kraft aus Kontakten im Krankenhaus, wenn sie spürt, mit welcher Energie und Entschlossenheit sich manche gegen ihr scheinbar aussichtsloses Schicksal stemmen, sei es auch noch so schwer.

Das fröhliche Lächeln ist ein Markenzeichen der Ausnahmesportlerin, auch unter extremer BelastungFoto: Pressefoto Race Around AustriaDas fröhliche Lächeln ist ein Markenzeichen der Ausnahmesportlerin, auch unter extremer Belastung

Sich gegen etwas zu wehren, das hat sie früh gelernt. Margraf spricht selbst von einer nicht einfachen Kindheit, geprägt von einem Vater, der keine hohe Meinung von seiner Tochter hatte, der die Entwicklung seines einzigen Kindes aus ihrer Sicht behindert statt gefördert hat. Deshalb war sie als Kind mehr bei den Nachbarn zu Hause. Da gab es andere Kids, mehr Leben, mehr Wärme. Yvonne entwickelt eine „Jetzt-erst-recht-Mentalität“ – und die führt sie in den Sport. Sie fährt Motorrad, lernt tauchen, spielt Rugby. Das Credo scheint klar: Je härter, desto spannender. Und das Ganze natürlich auf keinen Fall schaumgebremst. Wie gesagt, quälen kann sie sich. So endete die kurze Rugby- Karriere mit einer vierfachen Sprunggelenksfraktur und einer kaputten Schulter. Danach kam der Radsport, sozusagen als Reha. „Wir hatten vom Rugby eine Kooperation mit einem Fitnessstudio für das Athletiktraining, und so kam ich zum Spinning“, erklärt sie.

Vom Smarttrainer auf die Straße

Nur so „mitspinnen“ war aber nicht ihr Ding. Yvonne wird Instruktorin für das Indoor-Spektakel. Und weil sie mit den Kursen neben ihrer Arbeit im Krankenhaus Geld verdient, meinte ihre Steuerberaterin, sie bräuchte so was wie Betriebsausgaben. So kam es zu ihrem ersten Rennrad, ein Haibike mit Alu-Rahmen und Carbongabel. Das Rad ist viel zu groß, aber das Rollen auf der Straße macht ihr Spaß. Und zwar so viel, dass sie, angefixt von einem Artikel in „Fit for Fun“, im Herbst 2013 eine Woche Rennrad-Urlaub bei Philipps Bike Team in Santa Ponça auf Mallorca bucht. „Ich wollte einfach mal spüren, ob mir das sportliche Radfahren im Freien Spaß macht“, sagt sie zwölf Jahre später. Erfahrung mit dem Rennrad auf der Straße hatte sie trotz ihrer 33 Jahre wenig. Wenn sie aufs Rad steigt, dann auf ein ganz normales Alltagsvelo zum Einkaufen oder in die Klinik. Auf Mallorca wird ihr schnell klar, dass sie offenbar Talent hat. Schon nach dem ersten Tag wechselt sie von den gemütlichen Genießern zur Gruppe, die der Race-Across-America-Finisher Beat Gfeller leitet.

Ab jetzt: lange Strecke

„Roller Long Distance“ ist genau ihres, und nach der Woche fragt sie Beat Gfeller, ob sie nicht im nächsten Frühjahr als Guide wieder zum Team kommen will. Yvonne möchte. Sie storniert zwei Wochen Tauchen auf den Malediven und landet im März 2014, ermutigt und unterstützt von ihrer Chefin in der Klinik, wieder in Santa Ponça. Bei Philipps Bike Team arbeitet mittlerweile auch Roger Nachbur, ein schon damals ambitionierter und erfolgreicher Ultra-Racer. Der Schweizer erkennt schnell das Talent von Yvonne, er spürt, dass da eine im Sattel sitzt, die wie er kaum kaputtzukriegen ist, Ehrgeiz hat und vor allem richtig Bock auf Wettkampf und lange Kante. „Ich bin zwar nicht die Schnellste, aber mein Tempo kann ich verdammt lange fahren“, sagt sie heute über sich. 2015 fragte sie Roger Nachbur dann, ob sie denn nicht mit ihm die Tortour in der Schweiz (1000 Kilometer, 13.000 Höhenmeter) als Zweierteam fahren will? „Und dann hat er noch gesagt – du weißt schon, das Ziel ist gewinnen“, erinnert sich Yvonne, die zwar keine Erfahrung mit Ultrarennen hat, deshalb auch kurz zögert, aber dann doch zusagt.

Margrafs Team beim Race Around Austria mit (von links) Conny Schöbitz, Björn Runge als “Head of Fahrrad”, Timo Banaszak und Carina UngerMargrafs Team beim Race Around Austria mit (von links) Conny Schöbitz, Björn Runge als “Head of Fahrrad”, Timo Banaszak und Carina Unger

Damals hat sie schon kurze Rennen im German Cycling Cup gefahren, hat aber nur nach Gefühl trainiert und ist vor allem gerne Vollgas bergab gerast, „weil mir das irre Spaß macht“, wie sie sagt. Yvonnes Debüt auf der Langstrecke endete mit dem Sieg der beiden bei der Tortour. Im Jahr darauf dann ein noch größerer Coup bei Rad am Ring. Yvonne und Roger gewinnen die 24 Stunden auf der Nordschleife im Zweier- Team – in der Gesamtwertung. Yvonne hatte an dem Tag Geburtstag und die Konkurrenz war sprachlos, dass ein Mixed-Team auch bei den Männern vorne lag – mit satten 20 Minuten Vorsprung nach 28 Runden. „Eigentlich wollten wir nur mal schauen, wie es läuft“, erinnert sie sich. Anders als bei der Tortour entwickelte sich die Siegambition erst langsam im Rennen. „Roger fuhr immer so schnelle Runden, da musste ich einfach kämpfen, dass wir vorne bleiben.“

Tragischer Einschnitt

Damals war klar, dass dieses Duo eine große sportliche Zukunft im Ultra-Bereich haben wird. Im Mixed, aber auch jeder für sich. Diese Zukunft endete aber am 15. August 2020 tragisch. Roger Nachbur startete im Viererteam bei der Tortour und kollidiert auf der Abfahrt vom Oberalppass frontal mit einem auf seiner Spur entgegenkommenden Motorrad. Yvonne ist in seinem Support-Team und mit zwei Ärzten als Erste am Unfallort. Gemeinsam versuchen sie, Roger zu reanimieren. Ohne Chance. Roger ist tot, ein Schock, von dem sie sich lange nicht erholt. „Ich habe mir damals Hilfe bei einem Psychologen geholt“, sagt sie und plötzlich legt sich ein Schatten über ihre sonst so strahlenden Augen.

Auch fünf Jahre später scheint dieser Einschnitt noch schmerzhaft präsent. Kurz nach dem Unfall war sie „weit davon entfernt, über Rennen nachzudenken“, sagt sie heute. Vor allem jemals wieder Vollgas mit Genuss bergab zu fahren – vorstellen konnte sie sich das lange nicht. Aber es kam anders. Der Schweizer Beni Schnyder kann sie 2021 überzeugen, mit ihm die Tortour im Mixed-Team zu fahren. Die beiden gewinnen, und Yvonne ist zurück auf ihrer Bühne. Seit diesem Rennen trägt sie übrigens den Spitznamen „Flughamster“. „Ich konnte damals schon nach acht Stunden nichts mehr essen und man hat mir nur noch Riegel seitlich in den Mund gesteckt und gehofft, dass sie sich auflösen.“ Aber so was dauert und so flog sie sozusagen mit Hamsterbacken über den Kurs. Nach ihrer Rückkehr findet sie mehr und mehr Gefallen am Solo.

Der Sieg bei Rad am Ring war 2025 einer von drei Top-Erfolgen auf der Langstrecke für Yvonne MargrafFoto: Philipps Bike Team/Marius HollerDer Sieg bei Rad am Ring war 2025 einer von drei Top-Erfolgen auf der Langstrecke für Yvonne Margraf

Ihr Debüt bei der Tortour 2022 endet allerdings mit der Aufgabe wegen Knieproblemen vor der Abfahrt am Susten. Yvonne wird bald klar: Wenn es solo auf noch höherem Niveau weitergehen soll, dann muss alles professioneller werden. Und das wurde es dann auch. Statt stur riesige Umfänge zu absolvieren, trainiert sie nun Programme ihres Trainers Torsten Weber, der mit seiner Firma PMP Coaching auch ein Fachmann für Leistungsdiagnostik ist. Auch in puncto Fahrrad wird aufgerüstet, und bei den Rennen hat sie jetzt Funkkontakt zu ihrem Team. Trotz der Erfolge tut sich Yvonne Margraf schwer, Sponsoren zu finden. „Ich bin darin nicht gut“, sagt sie. Was wohl auch an ihrer Bescheidenheit liegt. 2022 muss sie bei ihrer ersten Solo-Tortour aufgeben und lehnt deshalb ein finanzielles Sponsoring von ihrem Arbeitgeber Philipps Bike Team für die Tortour 2023 ab. „Ich wollte erst mal liefern“, sagt sie, „wenn ich gewinne, kann man ja über eine Prämie reden, vorher will ich nichts.“ Man ahnt es, 2023 gewinnt der Flughamster die Tortour im Einzel der Frauen zum ersten Mal und ganz ohne dicke Backen.

Kein Gegner zu schwer

2025 erklimmt sie dann mit 45 Jahren den vorläufigen Gipfel. Solo-Sieg im 24-Stunden-Rennen bei Rad am Ring, Sieg über die 1500-Kilometer-Distanz beim Race Around Austria. Yvonne ist zwar als einzige Frau am Start und muss sozusagen „nur durchkommen“, aber in solchen Situationen entwickelt sie ihren besonderen Ehrgeiz. „Ich wollte nicht der letzte Mann sein“, sagt sie. Was ihr gelingt. Es sind mit ihr überhaupt nur acht am Start, Yvonne erreicht das Ziel als Dritte. Drei Männer sind hinter ihr, die anderen nicht im Ziel oder erst gar nicht gestartet. Einer der Gegner hatte sie dabei schon vor dem ersten Kilometer motiviert. Ein junger Mann mit sehr teurem Material, dem Papa als Sponsor, einem großen Auftritt und scheinbar unerschütterlichen Selbstbewusstsein. „Den wollte ich unbedingt schlagen“, erinnert sie sich. Was ihr auch gelang. Der Flughamster kann eben auch noch dann das Rad drehen, wenn andere schon lange auf dem Zahnfleisch daherkommen.

Und jetzt das RAAM?

Im Oktober 2025 holte sie sich dann beim 24-Stunden-Einzelzeitfahren in Borrego Springs in Kalifornien auch noch ihren ersten Weltmeistertitel der World Ultra Cycling Association (WUCA). In 24 Stunden schafft sie 464 Meilen, also knapp 750 Kilometer, mit einem Schnitt von über 31 km/h, alleine durch die Wüste. Dabei bezwang sie auch die Schweizerin Isa Pulver, Siegerin beim Race Across America 2023. Drei große Ultra-Rennen in einem Jahr, drei Siege. Insgesamt mehr als 19.000 Kilometer im Sattel. Und das mit 45 Jahren und zwei Arbeitsstellen im Schichtdienst im Krankenhaus und als Sportliche Leiterin bei Philipps Bike Team auf Mallorca. Eine Steigerung scheint da nicht mehr möglich. Oder doch? In diesem Jahr will Yvonne Margraf die ganz lange Kante beim Race Around Austria fahren, 2.200 Kilometer. Da wird sie sicher weibliche Konkurrenz haben, denn der Sieg ist 2026 gleichbedeutend mit dem WM-Titel der WUCA. Dann würde eigentlich nur noch das RAAM fehlen? Yvonne Margraf wiegt nachdenklich den Kopf, spricht von den hohen Kosten von etwa 50.000 Euro, und ob es ihr das wert sei. Aber dann lächelt sie und sagt: „Ich lass’ das mal auf mich zukommen.“ Man könnte das durchaus als ein strahlendes „Ja“ verstehen.

Fröhlich, herzlich, zugewandt: Yvonne Margraf unterwegs beim Training mit GästenFoto: Philipps Bike Team/Marius HollerFröhlich, herzlich, zugewandt: Yvonne Margraf unterwegs beim Training mit Gästen

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