Rund um KölnFrauenpower am Rhein

Kristian Bauer

 · 09.06.2025

Rund um Köln
Foto: Imago Images; Marcel Hilger
Noch nie zuvor sind so viele Frauen bei den Hobbyrennen in Köln gestartet. Kampf ums Podium, eine persönliche Bestzeit oder stressfrei ins Ziel – vier Fahrerinnen schildern ihre Erlebnisse beim Heimrennen.

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So groß war der Radklassiker in Köln noch nie. Dreht man am Startbogen stehend den Kopf nach links, sieht man die ganze Straße voller Menschen; nach rechts zeichnet sich zwischen den Absperrgittern das gleiche Wimmelbild ab. Der Rheinauhafen in Köln ist fest in der Hand der Radsportler: Zehn Startblöcke verteilen sich auf der Bayenstraße und werden ab neun Uhr auf die Strecke geschickt. Der erste Abschnitt ist für die Schnellsten des Velodom 60 vorgesehen, der zweite bildet die Spitze des Velodom 120. Genau hier stehen Marie Kötterheinrich von der Scuderia Südstadt und Daniela Zoll, 44 Jahre, von Rad-Sport-Ternes/RV Kometdelia 09. Die 32-jährige Marie bekommt heute Unterstützung von zwei Jungs der Scuderia Südstadt und will unter die ersten Zehn fahren. Damit hat sie das gleiche Ziel wie Daniela, die am Hinterrad ihres Mannes auf die Strecke geht. Daniela hat einen klaren Plan: „Es geht immer hektisch los, aber wir wollen am ersten Anstieg in der ersten Gruppe sein.“ Eine gute Platzierung, aber keinen Stress zu Beginn, erhofft sich ­Nadine Katschmarek von den Cyclits. Bei Gravelrennen hat die 31 Jahre alte Kölnerin zuletzt schlechte Erfahrung mit rücksichts­losen Konkurrenten gemacht. Im dritten Startblock wünscht sie sich heute Radsport ohne Ellenbogen: „Wenn es zu gefährlich wird, werde ich rausnehmen.“

Blockabfertigung: Die Starter des Velodom 120 und 60 werden portionsweise auf die Strecke geschicktFoto: Rund um Köln; Jan DrexlerBlockabfertigung: Die Starter des Velodom 120 und 60 werden portionsweise auf die Strecke geschickt

Radboom in Köln

Dass es eng auf den Straßen zugehen wird, steht zu befürchten. Rund 6900 Rennradfahrerinnen und Rennradfahrer bilden einen Teilnehmerrekord in Köln. Angemeldet waren sogar 8530 – 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Corona-Radboom ist bei den Veranstaltungen angekommen. Seit der Pandemie zu beobachten ist der hohe Anteil an Frauen auf dem Rennrad – das sieht man auch in Köln. 1150 Frauen haben sich in diesem Jahr auf einer der drei Strecken angemeldet – das sind rund 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Einen kleinen Beitrag zum Wachstum hat der Frauenstartblock geleistet, den es beim Velodom zum dritten Mal gibt. Genau in diesem Startblock steht jetzt die Kölnerin Kathi Pröll, ebenfalls im schwarzen Trikot der Cyclits. Es ist das erste Radrennen der 26-Jährigen, und deshalb mischt sich in die Vorfreude auch etwas Aufregung. Sie fährt überhaupt erst seit einem Jahr Rennrad. Heute steht die schnelle Fahrt beim Velodom 60 an: „Die Anmeldung im Frauenstartblock hat für mich viel Druck rausgenommen. Ich habe gehört, dass dort sehr rücksichtsvoll gefahren wird.“ Sie freut sich auf die schöne Strecke durchs Bergische Land und hat keine weitergehenden Ambitionen: „Im Vordergrund steht heile ankommen und Spaß haben.“ Um sie herum stehen mehrere andere Frauen der Cyclits. Der Frauenstartblock ist gut gefüllt. Weil er erst als sechster Block auf die Strecke geht, ist er aber nicht geeignet für die schnellen Frauen mit Platzierungsambitionen. Während über den Lautsprecher vom Sprecher ein Teilnehmerfeld nach dem anderen auf die Strecke geschickt wird, ist im Frauenstartblock noch genügend Zeit. 20 Minuten nach dem Startblock 1 geht es erst los. Es ist kühl und die meisten Frauen haben lange Trikots, Westen oder Jacken an.

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Während im Frauenstartblock noch entspannt geplaudert wird, herrscht auf der Strecke schon Rennstress. Fünf ­Minuten nach neun wurde der zweite Startblock auf die Strecke geschickt, und es geht sofort die Post ab. Die Gruppe beschleunigt auf über 49 km/h, fliegt über die Severinsbrücke. Marie hängt am Hinterrad eines Fahrers der Scuderia Südstadt, Daniela versteckt sich im Windschatten ihres Mannes. Nach der Abfahrt von der Brücke steigt das Tempo auf 60 km/h und pendelt auf den großen Ausfallstraßen zwischen 42 und 49 km/h. Engstellen, Kurven und Flicken im Asphalt fordern höchste Konzentration. Das Rennen ist erst wenige Minuten alt, da gibt es für Marie die erste Adrenalindusche: hektische Rufe und Krachen vor ihr – zwei Teamkollegen werden in einen Sturz ver­wickelt. Marie schafft es abzubremsen und entgeht um Haaresbreite der Kollision. Allerdings ist jetzt eine kleine Lücke entstanden. Zwei andere Teamfahrer sind noch an ihrer Seite und helfen Marie, wieder nach vorne zu kommen. Weil die Straße sich immer wieder verengt oder es kurvig durch Orte geht, muss immer wieder abgebremst und danach beschleunigt werden. Die leichtgewichtige Marie muss selbst im Windschatten zwischen 300 und 400 Watt treten und merkt, wie viel Kraft das kostet. Ihr Puls ist am Anschlag und sie kann den Gedanken nicht verdrängen, dass sie viel zu viele Körner verbrennt, bevor sie ihre Stärke am Berg ausspielen kann.

Motivationsschub: Die Cyclits feuern am Start alle Frauen und Männer lauthals an.Foto: Kristian BauerMotivationsschub: Die Cyclits feuern am Start alle Frauen und Männer lauthals an.

Über die Severinsbrücke aus der Stadt hinaus

Hohen Puls hat inzwischen auch Nadine. Im dritten Startblock fliegt sie über die Severinsbrücke und nach Osten aus der Stadt raus. Sie fühlt sich schnell wohl und merkt, dass sie eine Gruppe erwischt hat, die ein gutes Tempo fährt und trotzdem rücksichtsvoll unterwegs ist. Genau an dieser Stelle wird eine halbe Stunde später auch die Premierenstarterin Kathi vorbeifahren. Die ersten Kilometer beginnen auf breiten Ausfallstraßen, zwischendurch führt die Strecke durch kleine Orte. Obwohl die Straße jetzt leicht ansteigt, ist das eher Erholung nach den hektischen Leistungsspitzen der Kilometer zuvor. Über die Panzerstraße zwischen Flughafen und Wahner Heide fliegt Marie minutenlang mit einem Schnitt von 45,5 km/h. Weil es lange geradeaus geht, kann sie konstant treten und am Hinterrad eines Teamkollegen bleiben. Für die Scuderia Südstadt und die Cyclits stellt das Heimrennen in Köln den Saisonhöhepunkt dar, aber auch für Hobbyfahrer aus ganz Deutschland ist Rund um Köln ein fester Termin im Jahreskalender geworden. Dabei ist die Jedermann-Tradition am Rhein gar nicht so lang: Erst seit 2004 gibt es beim kölschen Klassiker auch Rennen für ­Hobbyradsportler, seit der Premiere immer wieder mit vielen Änderungen. 2008 lag das Bergische Land nach ­einem Wintereinbruch unter einer geschlossenen Schneedecke – das Rennen musste kurzfristig abgesagt werden. Der Ostermontag als angestammter Renntermin wurde 2013 aufgegeben, um das Wetterrisiko zu senken. Der größte Wechsel in der Geschichte des Rennens kam 2019, als Artur Tabat die Organisation an die Kölner Ausdauersport GmbH übergab. Und in diesem Jahr gibt es wieder eine große Änderung: Der Veranstalter hat ein neues Strecken- und Startkonzept eingeführt. Die verschiedenen Distanzen starten nicht mehr zu ganz unterschiedlichen Zeiten, sondern abwechselnd werden, nach Durchschnittsgeschwindigkeit gestaffelt, Startblöcke für den Velodom 60 und 120 auf die Strecke geschickt. Der Frauenstartblock umfasst in einem Block beide Distanzen. Zwölf Kilometer nach dem Start erfolgt eine Streckenteilung, die das Teilnehmerfeld entzerren soll.

Marie freut sich über Unterstützung am Schloss BensbergFoto: SportografMarie freut sich über Unterstützung am Schloss Bensberg

Stimmungshöhepunkt in Bensberg

Am Rheinauhafen steigt rund eineinhalb Stunden nach dem Start die Spannung: Der Sieger des Velodom 60 wird erwartet. Aufgrund der kurzen Distanz rechnet jeder mit einem Zielsprint – entsprechend groß ist die Verblüffung, als ein einzelner Fahrer mit 18 Sekunden Vorsprung das Rennen gewinnt. Dahinter wird um die nachfolgenden Plätze trotzdem hart gesprintet. Immer mehr Teilnehmer rollen über die Ziellinie; versteckt in der Gruppe rollt ­Luise Quiske als erste Frau des Velodom 60 ins Ziel. Während sie leise jubelt, wird auf der Strecke der langen Runde gerade laut geflucht: Marie hat eine Panne. In Ihrem Reifen steckt ein Reißnagel. Geistesgegenwärtig schnappt sich Scuderia-Kollege Michael Kemmerling sein eigenes Hinterrad und baut es in Maries Rad, was nur wenige Sekunden dauert. „Ich habe mich wie ein Teamcaptain gefühlt“, freut sich Marie später. Auch die zweite Nervenprobe des Tages ist überstanden, schnell reiht sie sich wieder in eine schnelle Gruppe ein. Die meisten Höhenmeter sind geschafft – es warten aber noch die bekanntesten Anstiege. Stimmungshöhepunkte und Härteprüfung zugleich sind der Anstieg in Sand und kurz danach die Pflastersteine in Bensberg. Für die Starter der langen Runde kommt der Anstieg in Sand nach 93 Kilometern – beim Velodom 60 wartet die Prüfung nach 38 Kilometern. Die Rampe in Sand, einem Stadtteil von Bergisch Gladbach, ist nur 580 Meter lang, aber dafür steil: rund zwölf Prozent Steigung müssen weggedrückt werden.

Bergwertung in Sand

An der „Wand von Sand“ gibt es sogar eine eigene Bergwertung. An die verschwendet Marie keine Gedanken – sie schwimmt in der Gruppe mit. Ihr hat zuvor jemand zugerufen, dass sie trotz Zeitverlust durch die Panne auf Platz vier bei den Frauen liegt. Den Platz möchte sie in jedem Fall halten, in ihrer Gruppe sieht sie keine andere Frau. Nicht weit hinter ihr folgt ­Daniela, die gar nicht weiß, auf welchem Rang sie liegt. Sie fühlt sich noch stark und hält das Hinterrad ihres Mannes. Wenige Minuten später drückt auch Nadine die Wand von Sand hoch. Sie ist kurz vorm Krampf, alles tut ihr weh: „Sand ist jedes Jahr der ekligste Berg“, verrät sie im Ziel. Die Bergprüfung kann auch Kathi nicht gewinnen, aber an der Seite einer Freundin kurbelt sie einige Minuten nach Nadine zur Passhöhe hoch. Sie ist glücklich über den Rennverlauf, seit sie in einer kleinen Gruppe stressfrei mitrollen kann. Sie ist begeistert davon, wie viele Leute am Straßenrand stehen und freut sich über jubelnde Kinder: „Die haben voll süß angefeuert, die Stimmung war super“, berichtet sie später. Einmal klatscht sie einen Zuschauer ab, der im Super-Mario-Kostüm am Straßenrand steht. Und sie freut sich jetzt schon auf ihre Freundinnen der Cyclits, die kurz vor dem Ziel stehen.

Auf der Severinsbrücke steht der Bogen mit dem Teufelslappen, der den letzten Kilometer vor dem Ziel anzeigt. Direkt davor, wie in den Vorjahren, harrt die Gruppe der Cyclits aus, um lauthals anzufeuern. Auf die Straße haben sie die Namen der Starterinnen gesprüht, aus einer Box dröhnen coole Beats. Jede Radfahrerin und jeder Radfahrer werden beklatscht und gefeiert. Seit sechs Jahren verbindet das Cyclits Cycling Collective Feminismus und Radfahren. „Ich bin früher nur mit Jungs gefahren, aber irgendwann fand ich es befremdlich, immer in der Jungs-Bubble zu sein,“ erklärt Gründerin Alex Jontschew. „Frauen stellen sich andere Fragen, mehr Fragen und wir geben dem Raum.“ Dazu gehören Web-Seminare in der Vorbereitung und ein gemeinsamer Streckencheck. Einsteigerinnen Angst vor dem ersten Start zu nehmen, ist eine wichtige Aufgabe. Alex freut sich, dass es in Köln inzwischen viele Angebote für Rennradfahrerinnen gibt, betont aber die Ausrichtung der Cyclits: „Wir bieten einen Safe Space, unsere Ausfahrten richten sich an FLINTA.“ (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen, Anm. d. Red.) Dass sie mit ihrer Ausrichtung nicht alle ansprechen, ist ihr klar: „Viele wissen nicht mal, was FLINTA bedeutet.“ In Köln sind die Cyclits in der Radszene seit Jahren sichtbar. Noch bekannter ist die Scuderia Südstadt, die sich selbst als „Thekenmannschaft“ bezeichnet.

Landpartie: Nach dem Start in der Stadt fährt Nadine (links) über einen Anstieg im Bergischen LandFoto: SportografLandpartie: Nach dem Start in der Stadt fährt Nadine (links) über einen Anstieg im Bergischen Land

Euphorische Glückwünsche

Im Ziel sammelt sich ein halbes Dutzend Scuderia-Fahrer der 120er-Strecke. Fünf Männer stehen um Marie und wollen von ihr hören, wie es gelaufen ist. Während sie ihre Freude zunächst noch etwas zurückhält, weil sie das Podium knapp verpasst hat, bekommt sie von ihren männlichen Teamkollegen euphorische Glückwünsche, nachdem diese vom vierten Platz hören. Das wird von allen als „Riesenleistung“ angesehen. Nur wenige Meter weiter steht Daniela, die knapp hinter ihr als fünfte Frau ins Ziel gekommen ist. Zum dritten Mal ist sie das Kölner Rennen gefahren und noch nie so weit vorne gelandet. Entsprechend zufrieden ist sie. Die gleiche Gefühlslage lässt sich auch am Grinsen von Nadine erkennen, die eine Viertelstunde später ankommt: „Ich hatte viel Spaß in meiner Gruppe – es wurde viel angezeigt und es war sehr supportive. Das war heute total entspannt!“ Die Strecke des Velodom 120 ist sie mit einem Schnitt von über 35 km/h gefahren. Gelungen fand sie die Streckenteilung: „Durch die Trennung war es weniger gefährlich.“

Kletterprüfung: Kathi besteht bei ihrem ersten Rennen die „Kletterprüfung“ in SandFoto: SportografKletterprüfung: Kathi besteht bei ihrem ersten Rennen die „Kletterprüfung“ in Sand

Auch Kathi ist im Ziel und strahlt über das ganze Gesicht – ihr erstes Radrennen hat offensichtlich Spaß gemacht. Es war viel stressfreier als befürchtet. „Das Rennen war mega cool und der Support super.“ Das Fazit fällt bei Marie, Daniela, Nadine und Kathi ohne Einschränkung positiv aus. Schon jetzt freuen sie sich auf Rund um Köln 2026. Vielleicht wird der Teilnehmerrekord bei den Frauen dann erneut übertroffen.

Es geht immer hektisch los, aber wir wollen am ersten Anstieg in der ersten Gruppe sein. Daniela Zoll
Daniela Zoll bei Rund um Köln FrauenFoto: Kristian BauerDaniela Zoll bei Rund um Köln Frauen

Infos zu Rund um Köln

Profi-Bühne: Profi-Rennen und Velodom verlaufen größtenteils auf derselben StreckeFoto: Rund um Köln; Jan DrexlerProfi-Bühne: Profi-Rennen und Velodom verlaufen größtenteils auf derselben Strecke

Die Hobbyrennen bei Rund um Köln heißen Velodom und wurden in diesem Jahr über rund 30, 60 und 120 Kilometer ausgetragen. Nur die zwei längeren Strecken beginnen im Rheinau­hafen – der Velodom 30 wurde in Bergisch Gladbach gestartet. Alle Strecken führen über den Anstieg vor dem Schloss Bensberg und enden im Rheinauhafen. Große Teile sind identisch mit dem Kurs des Profi-Rennens. Gestartet wird in verschiedenen Startblöcken – nach wenigen Kilometern gibt es eine Streckenteilung für die beiden längeren Distanzen. Das Startgeld ist abhängig vom Anmeldezeitpunkt.

Kristian Bauer

Kristian Bauer

Redakteur

Kristian Bauer ist gebürtiger Münchner und liebt Ausdauersport – besonders wenn es in die Berge geht. Er ist ein Fan der Tour de France und bevorzugt solide Rennradtechnik. Er führt für TOUR Interviews, berichtet von Events im Hobbyradsport und schreibt Artikel über die Fahrradbranche sowie Trends im Rennradsport.

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