Gran Fondo Milano - San Remo

Jedermann RennenGran Fondo Milano - San Remo

Unbekannt

 3/10/2010, Lesezeit: 9 Minuten

Jedes Jahr im Juni radeln Hobbysportler auf den Spuren der Profis die knapp 300 Kilometer von Mailand nach San Remo – im Jahr 2010 zum 40. Mal. Dem großen Profirennen steht ein kleiner Radmarathon gegenüber, der nicht nur wegen seiner Länge eine Herausforderung ist.

Es ist der Auftakt zur großen Radsport-Gala im März: der Start zum Profirennen Mailand-San Remo vor dem mittelalterlichen Castello Sforzesco – einem der Wahrzeichen der Mailänder Altstadt. Fotografen und Fernsehteams aus aller Welt drängen sich um die Radprofis, Fans und Passanten verfolgen fasziniert das Geschehen. Die Stadt liegt “La Primavera” zu Füßen.

Von einer Gala ist bei der Einschreibung zum “Gran Fondo Milano-San Remo” im Juni nicht mehr viel zu spüren. Wir sind in Rozzano am äußersten Stadtrand, eingezwängt zwischen einem Labyrinth aus Schnellstraßen auf Betonpfeilern – städtische Trostlosigkeit. Hier wird morgen die Jedermann-Variante des berühmten Frühjahrsklassikers gestartet. Eine Umgebung, bei der man seine Kamera gleich wieder wegsteckt – fürs Familienalbum gibt der Startplatz nichts her. Hier am Stadtrand ist das große Rennen plötzlich ganz klein. In einem acht Quadratmeter großen Betonkabuff werden die Startunterlagen ausgegeben: ein Trikot in auffälligem Pink, die Startnummer, ein paar Werbe-Prospekte und ein Müsli-Riegel, versehen mit einer kleinen Nummer. Durch das Eisengitter eines geöffneten Fensters schieben Teilnehmer ihre Bestätigungsschreiben. Dahinter stehen Männer der “Unione Ciclotourismo Sanremo”, des veranstaltenden Vereins. Ruhig suchen sie nach fehlenden Startunterlagen, verschwundenen Transpondern und beantworten Fragen – wenn sie auf Italienisch gestellt werden. Englisch oder Deutsch spricht niemand, die internationale Bedeutung des Profirennens ist weit weg.

Günther Kulessa aus Oberursel hat sich an Sprach- und Organisationsprobleme schon gewöhnt: “Das sind nette Leute, die aber mit Computer und Fax nicht so viel zu tun haben.” Zum vierten Mal organisiert Kulessa ehrenamtlich eine Busreise von Frankfurt aus, zwischen 31 und 70 Teilnehmer aus Deutschland melden sich jedes Jahr über ihn an. Mit seiner ehrenamtlich betreuten Homepage gibt er deutschsprachigen Radsportlern die Informationen, die sie auf der offiziellen Veranstalterwebsite vergebens suchen.

Start am Stadtrand

“La Classicissima”, quasi der Höchste aller Radsportklassiker, wird Mailand-San Remo von den Italienern liebevoll genannt. Zweifelsohne ist das Profirennen in Italien einer der Höhepunkte des Radsportjahres. Gino Bartali oder Fausto Coppi, Eddy Merckx und Erik Zabel schmücken die Siegerliste und haben den Ruf des Rennens in der Radsportwelt gefestigt. Befördert haben den Mythos auch Live-Übertragungen im Fernsehen, Videos auf Youtube und zum Beispiel “Real Life”-DVDs zum Nachfahren der Strecke auf dem Rollentrainer. Ein Mythos, der seit vierzig Jahren auch Hobbyfahrer auf die Originalstrecke lockt.

So auch am 7. Juni vergangenen Jahres. Aus ganz Europa sind die Radler angereist. Insgesamt sind es aber nur rund 800 Teilnehmer – der Boom vieler Jedermann-Klassiker macht sich hier nicht bemerkbar. Am Start stehen auch die TOUR-Redakteure Manuel Jekel und Andreas Kublik. “Es ist schon enttäuschend, wenn man als Hobbyfahrer bei Mailand-San Remo in so einer scheußlichen Ecke von Mailand starten muss”, sagt Kublik, der als Reporter mehrmals das Profirennen begleitet hat. Als schließlich um sieben Uhr morgens der Startschuss fällt, wird eines sofort klar: Es heißt “Gran Fondo” oder “Ciclotouristica” in der Ausschreibung, doch was hier startet, ist ein Rennen. Durchtrainierte Italiener legen gleich ein hohes Tempo vor, 45 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit zeigt der Tacho in den ersten zwei Stunden – und das trotz zahlreicher, gefährlicher Bremsmanöver. Hindernisse müssen umfahren werden, Gegenverkehr presst das Feld schlagartig zusammen. Immer wieder warnen laute Schreie im Feld vor Gefahren. Hektisch geht es über Kreisverkehre auf die großen Ausfallstraßen Richtung Süden. Zwar sind die Straßen nicht gesperrt, aber meist gelingt es den vorausfahrenden Motorradmarshalls, die Kreuzungen frei zu halten. Höchste Konzentration hilft häufig, aber nicht immer. “Es hat fürchterlich oft ge scheppert”, berichtet Karin Blümlein aus Satteldorf.

Während der Startort nichts mit dem Profirennen zu tun hat, kommt die Zahl der Begleitfahrzeuge einem echten Rennen schon näher: Mindestens zwei Dutzend private Begleitautos und -motorräder folgen der Spitzengruppe der Hobbyfahrer: Raus aus der Stadt, Richtung Süden, auf langen breiten Schnellstraßen durch die Po-Ebene. Beim Profirennen ist das Fernsehen während dieser Passage noch nicht auf Sendung, auch in der Zusammenfassung wird diesem Stück wenig Beachtung geschenkt. Beim Hobbyrennen hingegen gibt es bereits aus dem ersten Streckendrittel Berichtenswertes: Plötzlich kommt das ganze Feld samt Begleittross zum Stehen. In Voghera hat man sich offensichtlich verfahren. Begleitautos versuchen zu wenden, fluchende oder amüsiert grinsende Teilnehmer heben und schieben ihre Räder in die andere Richtung. Auf geklebte Pfeile an Leitplanken oder Verkehrsschildern zeigen zwar die Richtung an, sind jedoch so klein, dass sie leicht übersehen werden.

Mit hoher Geschwindigkeit geht es wieder Richtung Turchino. An diesem Anstieg wartet nach 135 Kilometern die erste Verpflegungsstelle. Neulingen wird spätestens hier klar, warum ein Begleitfahrzeug oder wenigstens volle Trikottaschen von großem Nutzen sind: Auf drei Gartentischen liegen eine Handvoll Bananen, ein paar Orangen und Zitronen sowie ein paar Kekse bereit. Es gibt auch keine schnell greifbaren Getränke in Pappbechern, sondern drei Helfer schenken in aller Ruhe aus 1,5-Liter-Flaschen Getränke aus. Das kann dauern bei 800 Teilnehmern.

Der Anstieg zum Turchino taucht in jeder Fernsehübertragung des Profirennens auf. Hier kommt Leben ins Feld, und einzelne Ausreißer können für kurze Zeit ihr Trikot präsentieren. Wer als Hobbyfahrer das Höhenprofil im Kopf hat, wird nach der Fahrt durch den Tunnel auf der Passhöhe einen Motivationsschub bekommen. Ist das Schlimmste nicht längst überstanden? Jetzt wird der Streckenteil erreicht, von dem das Fernsehen verlockende Bilder überträgt: links das türkisfarbene Meer, rechts zerklüftete Felswände. An der “Riviera delle Palme” säumen Palmenalleen die Straßen der Küstenorte, und das Profi-Peloton rast durch ein Spalier jubelnder Menschen. Vor dem Fernseher glaubt man fast, den salzigen Duft des Meeres zu riechen, es entsteht eine Mischung aus Urlaubsgefühl und Rennspannung.

Für die Hobbyfahrer ist das Rennvergnügen auf gesperrten Straßen jedoch ferne Utopie: Autos, die sich langsam durch die Küstenorte schieben, rote Ampeln, Fußgänger, die über die Straße laufen, und Motorroller, die sich dazwischen ihre Lücken suchen. Glück hat, wer in der Spitzengruppe hinter dem Führungsfahrzeug oder hinter einem Begleitmotorrad fahren kann. Alle anderen müssen Mut zur Lücke zeigen: rechts oder links an Autos vorbei, auch der Mittelstreifen ist eine Option. “Geschätzte hundert rote Ampeln habe ich zwischen Genua und San Remo überfahren”, meint Manuel Jekel. Noch sind es 100 Kilometer bis zum Ziel – oder auch etwas mehr. Erdrutsche entlang der Küste zwingen zu Um wegen und machen aus offiziell 290 Kilometern am Ende des Tages rund 307 Kilometer.

Früher wie heute: Qual gehört dazu

1907 wurde das erste Mal zum Rennen von Mailand nach San Remo gerufen. In den Anfangsjahren gelang es tatsächlich einzelnen Ausreißern, lange vor dem Feld ins Ziel zu kommen. Verwackelte Schwarzweiß-Aufnahmen geben einen Einblick in die Ur-Zeiten des Rennens: Verschmutzte Gestalten quälen sich über sichtbar schlechte Straßen, an einem Bahnübergang zwingt eine Dampflok die Fahrer zum Warten, und immer wieder verursachen Pannen Zwangspausen. Ganz fremd sind solche Bilder auch heute nicht. Selbst Nostalgiker würden gerne auf die vielen Schlaglöcher verzichten. “Nach 100 Kilometern hatte ich von einem Schlagloch einen Durchschlag am Hinterrad, und an der Küste bin ich in einem Tunnel erneut in ein Mega-Schlagloch gefahren”, berichtet Martin Mayer aus Neu-Anspach. “Ich habe mein Rad noch nie so hart beansprucht wie heute”, meint Harald Aichinger aus Linz, und auch Christoph Allwang aus München hebt den schlechten Straßenzustand hervor.

Der Kampf gegen sich selbst, gegen Straße und Material, hat Elemente seiner rohen Urform bewahrt. Sichtbar ist das vor allem bei denen, die ohne Begleitfahrzeug unterwegs sind. Weit hinter der Spitze kämpfen manche verzweifelt gegen Durst und Hunger, Beinkrämpfe und vor allem den ständigen Gegenwind. Die kleinen Zacken auf dem ausgedruckten Höhenprofil passen plötzlich nicht mehr zu der steilen Wand, die vor den salzgetränkten Augenlidern in den Himmel wächst. In der Mittagshitze kriechen versprengte Grüppchen entkräftet dahin; es zählt nur noch der Wunsch, anzukommen.

Cipressa und Poggio – das sind die beiden letzten großen Hürden. Beim Profirennen diskutieren die TV-Kommentatoren jetzt die sprintstarken Favoriten. Der Poggio lauert zehn Kilometer vor dem Ziel, und auf der kurvenreichen Abfahrt beginnt der Countdown. Selten gelingen Coups wie jener im Jahr 2008, als der Schweizer Fabian Cancellara zwei Kilometer vor dem Ziel mit einem Antritt davoneilte und seinen Vorsprung ins Ziel rettete. Zwischen den Palmen an der Hafenpromenade stehen die Menschen dichtgedrängt und genießen das Spektakel des letzten Sprints. Freire, Zabel oder Cavendish – San Remo feiert seine Sieger immer mit einem großen Fest.

Über den Gehweg ins Ziel

Das Ziel für die Hobbyfahrer liegt in einer Seitenstraße, die Kontaktmatte für den Transponder etwas versteckt auf dem Gehweg neben der Straße. Gleich dahinter steht ein Zielbogen, über eine Betonrampe geht es direkt in eine Parkgarage. Wenige Zuschauer, keine Verpflegungsstelle zu sehen – manch einer der Angekommenen schaut etwas verwirrt. Salzkrusten auf der Haut und blasse Gesichter zeugen von den Strapazen einer rund 300 Kilometer langen Kraft- und Konzentrationsleistung. Totale Erschöpfung, überwältigende Freude oder nachdenkliche Stille – hier wird jeder von starken Gefühlen überrollt.

Doch nicht bei jedem sind es Glücksgefühle. “Die Streckenabsicherung war gefährlich, der Küstenabschnitt extrem stressig und die Organisation schlecht”, schimpft Andreas Kublik. Andere stören sich weniger an den Mängeln der Veranstaltung: “Ich bin nicht wegen besonders guter Müsliriegel gekommen”, meint Tobias Eifert aus Neumarkt, und auch Karin Blümlein ist unterm Strich zufrieden: “Natürlich kann man es nicht mit dem Ötztaler vergleichen. Für den Preis muss man halt ein paar Nachteile in Kauf nehmen.” A-Klasse-Amateur Matthias Weissinger aus Grafenau, der in der Spitzengruppe unterwegs war und daher von den Problemen der weiter hinten Platzierten nichts mitbekommen hat, freut sich einfach über seinen vierten Platz. Ulrich Zimmermann aus Wegberg ist bereits zum vierten Mal dabei. Ihm und seinen Freunden hat es so gut gefallen, dass auch 2010 der Start ge plant ist. Stefan Karl aus München bringt auf den Punkt, was den Reiz des Gran Fondo ausmacht: “Der Renncharakter und die Tatsache, dass man auf den Spuren der Profis unterwegs ist, haben mich am meisten begeistert.” So werden auch dieses Jahr, zum 40. Jubiläum, wieder Hunderte tapferer Radler aus ganz Europa nach Mailand ziehen. Günther Kulessa hat bereits genügend Mitstarter gefunden, auch ein privater Reiseanbieter hat den harten Ausdauertest im Angebot. Garantiert sind den Teilnehmern einmalige Erlebnisse – und manch einer wird froh sein, dass es bei einem Mal bleibt.

Strecke: ca. 303 km, 2200 hm

Info (nur auf italienisch): www.ucsanremo.it

Reisepaket Reiseveranstalter: www.velotravel.de

Reisepaket Privatreise über Günther Kulessa: http://milano-sanremo.net

  Ivan Basso vor dem historischen Castello - Startplatz für die Profis
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  Für die Profis sind die 300 Kilometer gesperrt
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  ...die Jedermänner fahren im laufenden Verkehr – und müssen angesichts schlechter Markierung auch mal umdrehen
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  Entlang der Küste spendet der Profi-Pulk Windschatten...
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  ...während das Feld der Jedermänner dort längst in kleinste Grüppchen und Solisten zersprengt ist
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  Selbst ist der Radfahrer: Die Schlaglochpisten raffen Pneus im Dutzend dahin, Hilfe kommt aber nur aus dem eigenen Satteltäschchen
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  Pannen bei den Profis sind kein Problem. Das Begleitauto bringt schnelle Hilfe...
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  Ein schlichtes Piepsen beim Überqueren der Transpondermatte statt Applaus unter Palmen für die Jedermänner
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  Ein großes Fest erwartet in San Remo nur die Profis
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  So sehen Sieger aus: Bei den Jedermännern applaudieren die Angehörigen
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  Bei den Profi-Stars schüttelt Eddy Merckx die Hand
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