Bikepolo

Jedermann RennenBikepolo

Unbekannt

 9/20/2009, Lesezeit: 4 Minuten

Beim Bikepolo ist das edle Ross ein Singlespeeder, der Schläger aus Sperrmüll selbstgebaut. Der einstige Feierabend-Spaß verspielter Radkuriere entwickelt sich zum urbanen Trendthema.

Herr Müller”, steht auf dem Namensschild am exakt gebügelten Kurzarmhemd. Herr Müller linst schon seit Minuten von innen durch die große Glasscheibe des Münchener Verkehrsmuseums. Gleich muss er aufsperren, um die ersten Besucher einzulassen, aber er zögert. Auf dem großen Platz vor dem Eingang lungern Typen herum, die seltsam aussehen: Eine Horde Männer, gerne schwarz gekleidet, manche tätowiert, und insgesamt ziemlich schräg. Dazwischen stehen, liegen, lehnen Fahrräder, die genauso seltsam aussehen: schmale Reifen, gerade Lenker, ... Bösartig sind die Herren ganz offenbar nicht, eher verschlafen. Sie prüfen Reifen, klopfen Schultern, trinken Kaffee aus Pappbechern, sitzen auf kalten Betonstufen.

Um neun Uhr reißt sich Herr Müller kurz vom Anblick der rebellisch anmutenden Radler los, sperrt auf und stellt sich mit verschränkten Armen neben einen Burschen mit Rastalocken: “Guten Morgen, was wird das hier?” “Wir spielen Bikepolo”, erklärt der Zottelige, und gleich ist das Gespräch in vollem Gang. Lorenz mit den Zottelhaaren spricht mit sanfter Stimme von “Dreierteams”, “ohne Gangschaltung”, “genehmigter Veranstaltung” und “nur zum Spaß”. Herr Müller entspannt sich augenblicklich, offensichtlich wollen die Herren gar nicht ins Museum. Irgendwann wirft er ein: “Ist das wie Radball mit Schlägern?”

Ja – denn es geht darum, vom Rad aus einen Ball in ein Tor zu bringen. Und nein – denn Radball riecht für die Szene deutlich zu muffig. Wenn überhaupt, dann hätte der Sport andere Wurzeln: Radpolo ist ein hundert Jahre alter Hut aus dem britischen Empire. Sozusagen Polo für die Bürgerlichen, die keine drei Pferde pro Spiel verschleißen konnten. In Deutschland gibt es Radpolo auch, als Hallensport für Damen.

Doch Bikepolo als Metropolen-Trendsport ging andere Wege. Die führten weder über britische Rasenplätze noch durch deutsche Turnhallen, sondern über die Parkplätze von Seattle, USA. Vor etwa zehn Jahren, so die Legende, trafen sich die dortigen Radkuriere nach Feierabend zum Bikepolo. Mehr als ihre robusten Singlespeed-Maschinen, einen selbstgemachten Schläger und etwas Platz brauchten sie dazu nicht. Andere Kuriere kamen, sahen, dass es gut war und spielten selbst. Nach Feierabend, und dann im Beiprogramm von Radkurier-Meisterschaften. Zuschauer kamen, sahen, dass es gut war, und wollten auch spielen. Zunächst in New York, Paris, London und anderen Städten. In London fand dieses Jahr bereits eine Art Stadtmeisterschaft mit zwölf Teams statt, auch die Europameisterschaft steht dort an. Den inneren Zirkel der Kurierszene hat das Spiel längst verlassen – die Polospieler rekrutieren sich aus allen Branchen. Und das “Urban Bikepolo” oder “Hardcourt Bikepolo” pflanzt sich per Internet weiter fort. Zu den “Munich First Bikepolo Open” hatten sich die Spieler weltweit verabredet. Teams aus fünf Ländern kauern um das tennisplatzgroße Spielfeld vor dem Verkehrsmuseum.

Zwölf Stunden nach dem Eröffnungsmatch hat Herr Müller das Verkehrsmuseum längst abgesperrt. Das Turnier nähert sich dem Finale, Verletzte sind nicht zu beklagen. Wer so weit gekommen ist, hat dennoch einen harten Tag hinter sich: Für “L’Equipe” und die Münchener “Poloholics Toros” ist es das sechste Match, für die ausgeschiedenen Teams auf den Bierbänken und Treppenstufen der Abschluss eines zwölfstündigen Familientreffens. Aus Bierflaschen und mancher Kräuterzigarette dampft Rockfestival-Atmosphäre, im Bretter-Rechteck geht es noch einmal um die Ehre und unsterblichen Ruhm in irgendeinem Blog des WorldWideWeb. Das Genfer Trio siegt. Dann Pokal, Party, packen: Die Spielfeld-Umzäunung fährt zurück nach Berlin, die Genfer und Londoner nach Hause, das Team aus Milwaukee tingelt fürs nächste Turnier weiter nach Paris. In einer Parallelwelt entsteht zur selben Zeit folgende Pressemitteilung: “Auch beim Heimspieltag der 5er Radball-Bundesliga wusste die Mannschaft der RSG Ginsheim zu überzeugen. Das Quintett ist (…) damit für die Deutsche Meisterschaft (…) in der Kreissporthalle Schramberg-Sulgen/Schwarzwald qualifiziert.”

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links: Tags Kurier- und abends Polorad: Das große Ritzel macht den Unterschied.
rechts: Scheiben-Vorderrad im Selbstbau. Die Bayernpartei wird den Verlust ihres Werbemittels verschmerzen.

  Der Sonnenschein trügt: Bikepolo ist enger mit Eishockey verwandt als mit Beachvolleyball.
Der Sonnenschein trügt: Bikepolo ist enger mit Eishockey verwandt als mit Beachvolleyball.
  Völker hörten die Signale: Teams aus fünf Ländern ließen in München die Reifen quietschen.
Völker hörten die Signale: Teams aus fünf Ländern ließen in München die Reifen quietschen.
  Wasserrohr, Skistock und Erfahrung sind die Zutaten für einen Bikepolo-Schläger.
Wasserrohr, Skistock und Erfahrung sind die Zutaten für einen Bikepolo-Schläger.
  Vielleicht könnte dieser Mann auch Radball spielen. Aber würde er es wollen?
Vielleicht könnte dieser Mann auch Radball spielen. Aber würde er es wollen?
  London hat Frankfurt weggeputzt. Kein Grund, sich nicht zu mögen. Noch ist Bikepolo ein großer Spaß.
London hat Frankfurt weggeputzt. Kein Grund, sich nicht zu mögen. Noch ist Bikepolo ein großer Spaß.
  Freilauf oder nicht? Das ist Geschmackssache. Mehr als eine Bremse wäre auf jeden Fall sinnlos.
Freilauf oder nicht? Das ist Geschmackssache. Mehr als eine Bremse wäre auf jeden Fall sinnlos.

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