Robert Kühnen
· 05.07.2026
Vom 4. Juli bis zum 26. Juli messen sich die besten Radsportler der Welt bei der Tour de France. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 2. Etappe.
Die zweite Etappe bietet Klassikerterrain. Nach flachem Anlauf steht bei Kilometer 94,2 eine Steigung der zweiten Kategorie im Profil, die 399 Meter hohe Cote de Begues (6,1 km, 6,5%). Hier wird sich das Feld zerlegen. Ob Ausreißer wegkommen, ist ungewiss. Bei der ersten richtigen Etappe sind alle so heiß, dass das Rennen extrem schnell sein wird. Der schnellste Schnitt in der offiziellen Marschtabelle liegt bei 47 km/h, obwohl insgesamt 2500 Höhenmeter anstehen.
Im Zielort Barcelona sind drei Runden am Montjuïc zu absolvieren, dieses Mal andersrum als im Zeitfahren, nämlich im Uhrzeigersinn und auf steileren Sträßchen. Die Steigung zum Schloss hat 13%, nach unseren Daten kurzzeitig sogar bis zu 19% (1,6 km, 9,3% gemittelt). Nach einer Zwischenabfahrt entspricht das letzte Stück dann dem Finale des Zeitfahrens vom Vortag.
Die Entscheidung wird mutmaßlich auf den Schlussrunden am steilen Stich zum Schloss fallen. Die Länge des Anstiegs kommt nicht nur den GC-Favoriten zupass, es ist auch ein Terrain wie gemacht für Puncheure vom Schlage eines Mathieu van der Poel.
Welches Material bietet sich für diese Etappe an? Schlägt ein Aero-Bike das neue Specialized Tarmac SL9, das zuverlässig auf 6,8 Kilogramm Mindestgewicht getrimmt werden kann, aber in der Aero-Performance hinter die echten Spezialisten zurückfällt?
Wir simulieren eine Attacke bei der letzten Kletterpassage zum Schloss, 3,5 Kilometer vor dem Ziel. Mit welchem Bike kann man sich hier am besten absetzen und einen Vorsprung bis ins Ziel rausfahren?
Unsere Simulation zeigt ein sehr enges Rennen zwischen den Top-Bikes. Rechnerisch setzt sich das Tarmac SL9 mit seiner Kombination aus Mindestgewicht und guter, wenn auch nicht bester Aerodynamik durch. Genau für solche Szenarien ist ein sehr schneller Allrounder ideal. Das zweitplatzierte Bike ist das Canyon Aeroad – unter der Annahme, dass das Bike wie von uns getestet tatsächlich mit 1x13 Antrieb am Start steht, was abzuwarten bleibt. So ausgestattet, würde das 500 Gramm schwerere Canyon bis ins Ziel auf sieben hundertstel Sekunden an das Tarmac SL9 herankommen und einige leichtere Bikes schlagen.
In dem Zusammenhang ist es aber wichtig zu verstehen, dass initial beim Antritt an einer starken Steigung das leichtere Rad einen Vorteil dabei bietet, überhaupt eine Lücke zu reißen, die wiederum nötig ist, den Konkurrenten zu enteilen. Im weiteren Verlauf, in der Abfahrt und der nicht so steilen Zielankunft zählt dann mehr die Aerodynamik. Wie sehr hängt wiederum auch davon ab, wieviel Tempo die Fahrer durch die Kurven tragen können. In unserer Simulation gewähren wir nicht freie Schussfahrt, sondern bremsen Kurven auch realistisch an, was das Spielfeld zwischen Aero-Bikes und Allroundern, denen das letzte Quäntchen Optimierung fehlt, etwas angleicht.
Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:
Die Tabelle zeigt die verbleibende Fahrzeit vom Fuße des letzten harten Anstiegs bis in Ziel, simuliert für einen 75 kg-Fahrer. Vorne ballen sich die Bikes, die leicht und aerodynamisch sind. Die Abstände sind sehr gering. Das Material wird daher wenig Einfluss nehmen. Unsere Übersicht zeigt aber auch, dass reine Leichtbikes ohne aerodynamische Attribute – wie das Cervelo R5 – in diesem Szenario klar nachteilig sind.
Die ausgewiesene „Aero-Power“ ist die von TOUR im Windkanal gemessene Leistung zur Überwindung des aerodynamischen Widerstands von Rad und Dummy mit bewegten Beinen bei 45 km/h. Für die Simulation fügen wir rechnerisch noch den Oberkörper des Fahrers hinzu.
* Die Berechnungen basieren auf den von TOUR in Labor und Windkanal getesteten Rädern. Die Maschinen bei der Tour de France können in Details davon abweichen. Wo Startgewichte bekannt sind, gleich wir diese an. Last-Minute-Prototypen konnten wir natürlich noch nicht untersuchen. Hintergründe zur Simulation.

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