Daniel Brickwedde
· 03.07.2026
Am Donnerstagabend war Felix Engelhardt (Jayco-AlUla) erstmals in neuer Optik zu sehen. Anstelle des lilafarbenen Teamtrikots trägt er nun ein weißes Trikot mit schwarz-rot-gelben Brustring. Es ist das Erkennungszeichen des deutschen Meisters. Ein Jahr lang darf Engelhardt nun mit diesem Trikot fahren. Den 25-Jährigen erfüllt das sichtbar mit Stolz.
Der Sieg bei der deutschen Meisterschaft in Thüringen war sein erster seit fast zwei Jahren. Im Interview spricht er über den Umgang mit der Sieglosserie und warum ”Erfolge” im heutigen Radsport neu definiert werden müssen. Natürlich geht es auch um Engelhardts Tour-Premiere, seine Höhepunkte der Route und wie er auf die kommenden drei Wochen blickt.
Herr Engelhardt, nach Ihrem Gewinn der Deutschen Meisterschaft: Wann und wie war die erste Anprobe des Meistertrikots für den Rennbetrieb?
Felix Engelhardt: Ich habe das Trikot tatsächlich erst am Donnerstagvormittag bekommen, weil es mit der Produktion natürlich ein bisschen stressig war, damit es rechtzeitig in Barcelona ist. Es sieht aber supercool aus – da haben sie einen richtig guten Job gemacht. Es ist trotzdem noch ein surreales Gefühl und ein kurzer Schockmoment, wenn ich mich damit im Spiegel sehe. Daran muss ich mich noch gewöhnen (lacht). Aber es ist großartig, dass ich dieses Trikot nun das ganze Jahr tragen darf, gerade jetzt bei der Tour de France. So ein Trikot ist in unserem Sport schon etwas Besonderes und ein Privileg.
Führen Sie uns gerne noch einmal durch das Finale der deutschen Meisterschaft: Zwei Kilometer vor dem Ziel haben Sie wieder nach vorne aufgeschlossen. Hat man in dem Moment überhaupt noch einen klaren Gedanken oder hofft man, instinktiv die richtigen Entscheidungen im Finale zu treffen?
Engelhardt: Bei den letzten Anstiegen wurde relativ oft attackiert. Es war alles ein bisschen chaotisch. Irgendwann habe ich auch etwas Hitze bekommen. Mehr ging dann in dem Moment bei mir einfach nicht. Man sitzt halt im Sattel, kann noch treten, kommt aber aus dem Sattel nicht mehr richtig vorwärts. Ich wusste aber, dass ich irgendwie in Sichtweite bleiben muss – dann kann ich noch einmal zurückkommen. Auf den letzten zwei Kilometern kann man sich noch kurz Gedanken machen, was jetzt der beste Plan wäre: ob man von hinten mit Schwung vorbeifährt oder einfach wartet und sich etwas erholt. Aber eigentlich läuft im Finale alles automatisiert ab. Das passiert alles instinktiv. Da kann man nicht mehr so viel darüber nachdenken.
Gleich in ihren ersten beiden Profijahren haben Sie Etappen bei der Vuelta a Castilla y Leon und 2024 bei der Slowenien-Rundfahrt gewonnen. Seitdem gab es viele gute Ergebnisse, aber eben keinen Sieg. Wie befriedigend war der Gewinn bei der DM daher?
Engelhardt: Bei den Chancen, die ich im vergangenen Jahr hatte, hat irgendwie immer irgendetwas nicht geklappt. Da habe ich Fehler bei der Positionierung gemacht oder nicht den nötigen Mut gehabt, früher anzutreten oder in anderen Situationen cool zu bleiben. Das Selbstvertrauen war dann teilweise auch nicht vorhanden. Deshalb war es jetzt umso schöner und wichtiger, dass es wieder geklappt hat. Es hat natürlich geholfen, dass ich kurz vor dem Ziel noch einmal zurückgekommen bin und wusste: Es liegt jetzt nicht mehr an mir, ich kann cool bleiben und von hinten fahren. Dass es am Ende dann so aufgegangen ist – umso besser.
Inwiefern hat Sie diese sieglose Phase beschäftigt?
Engelhardt: Ich hatte ja durchaus ganz gute Ergebnisse. Grundsätzlich habe ich mich mehr auf das Klassement und auf einwöchige Rundfahrten konzentriert und war dort sehr konstant unterwegs. Mittlerweile sind die Rennen aber alle top besetzt und extrem hart. Es gibt einfach keine kleinen Rennen mehr, bei denen du sagst: Da kann ich auf jeden Fall etwas gewinnen. Diese Zeiten sind vorbei. Selbst bei kleineren Rennen oder Rundfahrten stehen inzwischen Fahrer wie Isaac Del Toro oder Paul Seixas am Start. Dann wird dir nichts mehr geschenkt. Dessen muss man sich natürlich bewusst sein und darf es nicht zu sehr an sich heranlassen.
Klingt danach, als sei eine gute Platzierung heute im Radsport das neue Sieggefühl.
Engelhardt: Ein Beispiel dazu: Bei der Österreich-Rundfahrt im Vorjahr stand Del Toro am Start. Ihn auf einer Etappe mit 4000 Höhenmetern abzuhängen, ist ein bisschen ambitioniert, wenn nicht sogar unmöglich. Da muss man realistisch sein. Daher ist Platz vier ein Erfolg, auch wenn es kein Sieg ist (Engelhardt wurde Gesamtvierter, Anm. d. Red.). In der aktuellen Zeit erleben wir einen Radsport mit teilweise überdominanten Fahrern. Wenn man heute fragen würde, wer bei der Tour einen Podiumsplatz nimmt, würden viele sagen: „Jawohl, sofort.“ Weil die Chance, Pogačar zu schlagen, einfach zu gering ist.
Bei der Tour de France können Sie das nun erstmals aus nächster Nähe erleben. Wie und wann haben Sie von Ihrer Tour-Nominierung erfahren?
Engelhardt: Es ging so langsam los, als ich nach dem Giro d’Italia im Bett lag (Engelhardt musste die Rundfahrt krankheitsbedingt nach fünf Etappen aufgeben und war ursprünglich nicht für die Tour vorgesehen, Anm. d. Red.). Da erhielt ich den Anruf, ob ich mir vorstellen könnte, die Tour Auvergne-Rhône-Alpes und – wenn es gut läuft – die Tour de France zu fahren. Bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes lief es dann von Tag zu Tag immer besser, auch wenn ich noch nicht bei 100 Prozent war. In den zwei Wochen danach hat das Team den Kader dann final aufgestellt. De facto habe ich in der Woche vor der Deutschen Meisterschaft grünes Licht bekommen.
Das Gefühl, erstmals eine Tour-Nominierung zu erhalten?
Ich wusste natürlich schon, dass die Chancen eigentlich ganz gut standen. Als dann aber die Zusage kam, die Planung losging und die ganzen Infos zum Rennen eintrafen, war es schon ein bisschen wie ein Traum. Denn klar: Jeder möchte irgendwann einmal die Tour de France fahren. Mittlerweile ist es aber so schwierig geworden, überhaupt dorthin zu kommen. Deshalb ist es schon etwas sehr Besonderes und ein Kindheitstraum, denn die Tour ist das Rennen, das unseren Sport definiert.
Wie merken Sie schon in den Tagen vor dem Start, dass es ein anderes Rennen ist?
Engelhardt: Das merkt man auf jeden Fall. Wir sind mit dem Team nicht direkt in Barcelona, sondern in der Nähe, in Castelldefels, wo ebenfalls eine Etappe vorbeiführt. Alle Cafés sind hier schon gelb geschmückt. Überall gibt es einfach viel mehr Presse und Publicity. Man merkt es aber auch am Team: Es wird das maximale Aufgebot an Betreuern und Material aufgefahren. Das ist ein ganz anderes Level, was hier von allen Seiten alles in die Waagschale geworfen wird.
Wie ist Ihre Rolle im Team bei der Tour angedacht?
Engelhardt: Hauptsächlich geht es für mich darum, die Startphasen zu kontrollieren, quasi als kleiner Road Captain. Gerade in turbulenteren Startphasen gilt es, den Überblick zu behalten, mit den Sportlichen Leitern im Auto zu kommunizieren und den Jungs, die auf Etappensiege fahren sollen, etwas den Rücken freizuhalten. Ich muss gewährleisten, dass wir die aktuelle Rennsituation immer im Blick haben und nicht von Beginn an im Hintertreffen sind.
In dieser Rolle sind Sie nicht unerfahren. Trotzdem sagt jeder Fahrer, die Tour de France sei noch einmal ein anderes Rennen. Wie aufgeregt sind Sie vor dieser Aufgabe bei den oft chaotischen Etappenstarts während der Tour?
Engelhardt: Ich glaube, das ist schon eine große Herausforderung. Und es wird sicher auch Tage geben, an denen ich der Aufgabe vielleicht nicht ganz gerecht werde. Am Ende agieren wir aber als Team. Und ich glaube, wir haben einen guten Zusammenhalt in der Mannschaft, aus dem wir sehr viel herausholen können. Jeder gönnt hier jedem den Erfolg und hilft dabei, für jeden die bestmögliche Situation herzustellen. Das kann uns helfen, Etappen zu gewinnen, auch wenn wir vielleicht keinen ausgewiesenen Siegfahrer haben.
Apropos Zusammenhalt in der Mannschaft: Inwiefern hatten Sie Einfluss auf Ihren Zimmerpartner?
Engelhardt: Einen gewissen Einfluss hat man schon. Mittlerweile gibt es ja sehr viele Einzelzimmer. Ich bin aber mit Ackes (Pascal Ackermann, Anm. d. Red.) auf einem Zimmer. Das ist eine super Kombination. Wir haben schon einige Rundfahrten zusammen auf dem Zimmer verbracht, unter anderem den Giro d’Italia. Wir haben ja eigentlich auch nur deutschsprachige Fahrer und Australier im Team. Daher sind wir gar nicht so international, und die Wahl fiel relativ einfach.
Wenn Sie sich die Route anschauen: Worauf freuen Sie sich persönlich ganz besonders?
Engelhardt: Ganz klar: das letzte Wochenende mit Alpe d’Huez und der Ankunft auf den Champs-Élysées. Das sind Orte, die einem als kleinem Kind von der Tour de France am meisten in Erinnerung geblieben sind. Darauf freue ich mich total.
Dann bleibt noch die Frage nach Ihren eigenen Chancen mit Blick auf die Route: Was ist für Felix Engelhardt als deutscher Meister bei dieser Tour möglich?
Engelhardt: Ja, ich denke da so an die zweite Woche, zum Beispiel an die zehnte Etappe. Meine Hauptaufgabe ist jedoch, die Jungs in die Ausreißergruppen zu bringen und dann eventuell auch dabei zu sein und zu unterstützen. Das ist meine primäre Rolle. Das heißt aber nicht, dass ich keine Freiheiten habe. Wenn die Form vorhanden ist, werden sich sicherlich Möglichkeiten ergeben, selbst mal ein Resultat einzufahren.