Radsport-RegisseureWenn der Sportliche Leiter und Fahrer sich zoffen

Kristian Bauer

 · 04.07.2026

Radsport-Regisseure: Wenn der Sportliche Leiter und Fahrer sich zoffenPhoto : Getty Images/Graham Watson
Steven Rooks Col du Tourmalet Tour de France 1988
​Das neue Buch „Radsport-Regisseure“ blickt hinter die Kulissen des professionellen Radsports. In der Radsportgeschichte spielte die Beziehung zwischen Sportlichen Leitern und großen Fahrern immer eine wichtige Rolle. Doch manchmal kracht es gewaltig zwischen beiden.

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Dem Verhältnis zwischen prominenten Fahrern und ihren Sportlichen Leitern widmet das Buch „Radsport-Regisseure“ ein eigenes Kapitel. Wir präsentieren den Text hier in Auszügen:

Manchmal harmoniert es mit einem Vorgesetzten – und manchmal nicht. Hier unterscheiden sich Radrennen kaum vom echten Leben. Fragt man Radprofis, warum sie einen bestimmten Sportlichen Leiter besonders schätzen, ist die Antwort häufig zweigeteilt: Zum einen holt er oder sie das Beste aus einem heraus, zum anderen ist er oder sie in erster Instanz für die Athleten da und erst dann für das Management, für die Sponsoren und für sich selbst. Aber ist das nicht das, was sich jeder Arbeitnehmer von seinem Vorgesetzten wünscht? Jemand, der deine Stärken sieht, dir Möglichkeiten verschafft, dich von deiner besten Seite zu zeigen und zu wachsen, und der sich zudem in brenzligen Situationen für dich einsetzt?

Aufbrausende Radsport-Regisseure

Im Allgemeinen wünschen sich Angestellte, dass ihr Chef Kritik an ihrer Arbeit nicht im Großraumbüro schreiend kundtut, sondern unter vier Augen mit ihnen bespricht. Das gilt auch für Radrennfahrer. Der Flame Briek Schotte, der als zu schüchtern galt, um ein guter Sportlicher Leiter zu sein (siehe Kapitel 1 von „Radsport Regisseure“), wusste in Sachen Integrität zu glänzen: Er führte Gespräche mit seinen Fahrern am liebsten abends bei einem guten Glas Wein: „Hatte der Fahrer ein paar Gläschen intus, fing er an, darüber zu reden, was ihn beschäftigte, was sein Problem war, warum er seine Leistung nicht gebracht oder warum er nicht das getan hatte, was er tun sollte.“ Dass es zwischen dem berühmten niederländischen Sportlichen Leiter Peter Post (1933-2011) und dem Fahrer Steven Rooks einfach nicht klappen wollte, lag unter anderem daran, dass Post einen ganz anderen Ansatz verfolgte als Schotte.

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In der Geschichte Twee eigenwijze Noord-Hollanders (Zwei eigensinnige Nordholländer) von Rob Willemse, erschienen im Radsportmagazin De Muur, erzählt Rooks – frisch gebackener Profi bei Posts Team TI-Raleigh – von einem ersten Konflikt zwischen ihm und Post, der bei der Tour de Suisse 1982 aufkam. Rooks fuhr mit seinem Kapitän Gerrie Knetemann in der Spitzengruppe. Knetemann hatte einen Platten, und Rooks weigerte sich zu warten, weil er seine eigenen Chancen nicht verspielen wollte. Zurück im Hotel, war Knetemann verständlicherweise stinksauer auf Rooks, und auch Post ließ seinen Unmut mit sarkastischen Bemerkungen wie „Gut gemacht, Steven“, „Weiter so“ und „So kommst du ans Ziel“ raus. Laut Rooks war das Posts Art: „Dich vor allen anderen erniedrigen und fertigmachen, um dich spüren zu lassen, dass du etwas richtig falsch gemacht hast.“

Steven Rooks und Peter Post

Rooks hatte auf Verständnis und Geduld gehofft, denn er war in Sachen Radsport ein Spätstarter und wusste wenig bis nichts über Mannschaftstaktik, weil er noch nie in Diensten einer Equipe gestanden hatte. „Deshalb musste ich mir bei den Profis erst ein paar Mal ordentlich eine einfangen, um zu verstehen, wie Teamwork funktioniert. Schade nur, dass es Posts Credo war, die Fahrer zu beschimpfen und zu erniedrigen. Und das vor anderen, die nichts damit zu tun hatten. Jedes Mal fühlte ich mich buchstäblich klein und wollte mich am liebsten verkriechen.“ Rooks hätte die Konflikte lieber mit Post unter vier Augen besprochen. Wer nicht?

Auch Jan Raas, der jahrelang für Post fuhr, war bekannt dafür, ziemlich temperamentvoll zu sein. Lob war knapp und selten, aber jeder kannte seine Tiraden und seine Wutausbrüche. Wenn ein Fahrer seine Erwartungen nicht erfüllte, war er knallhart und beschimpfte ihn über Gebühr. Er ließ auch keinen Widerspruch zu. Rooks glaubt, dass Raas vielleicht noch heftiger als Post auf die oben beschriebene Situation reagiert hätte: „Der hätte mich am nächsten Tag vielleicht sogar in den Graben gefahren. Zu solchen Kapriolen war er fähig, wenn seine Fahrer nicht auf ihn hörten.“

​Patrick Lefevere und Sam Bennett

Ein weiteres Beispiel für ein „Drama-Duo“: Teammanager Patrick Lefevere und der irische Sprinter Sam Bennett. Lefevere äußerte seine Zweifel und seine Wut über Bennetts mangelnde Form und Leistung in den Medien und insbesondere in seiner berüchtigten Kolumne in der flämischen Zeitung Het Nieuwsblad. Als Bennett im Juni 2021 wegen einer Knieverletzung die Teilnahme an der Tour de France absagen musste, erklärte Lefevere gegenüber Sporza: „Ich kann nicht beweisen, dass er keine Knieschmerzen hat, aber ich glaube immer mehr, dass es eher Versagensangst als nur der Schmerz ist.“ Später bezeichnete der Teamchef Bennett in seiner Kolumne als „den Gipfel der mentalen Schwäche“. Lefevere schrieb: „Er hat BORA-hansgrohe verlassen und allen erzählt, dass er dort gemobbt wurde und deshalb fast depressiv und am Ende war, aber 14 Monate später kehrt er freudestrahlend [in den Radsport] zurück. Das ist dasselbe wie bei Frauen, die nach häuslicher Gewalt trotzdem wieder nach Hause zurückkehren.“ Vor allem der letzte Satz erregte einiges an Empörung und sorgte für ein ziemliches Medienecho. Eine Woche später begann Lefevere seine Kolumne mit einem Schuldeingeständnis: „Ich bin nicht so verbohrt, um zuzugeben, dass ich mich in meinen Aussagen über Sam Bennett vergaloppiert habe. Meine Meinung über ihn bleibt unverändert, aber was ich über häusliche Gewalt geschrieben habe – im Zusammenhang mit seiner Rückkehr zu Bora –, war nicht angemessen.“

​Jonathan Vaughters und die Radsport-Regisseure

Sportliche Leiter können nicht nur verbal oder schriftlich unter Beweis stellen, dass sie mit ihrem Fahrer unzufrieden sind, sondern auch mit Taten. In seiner Autobiografie One Way Ticket erzählt Jonathan Vaughters, dass er während des Zeitfahrens auf dem Mont Ventoux bei der Dauphiné Libéré 1999 kein Teamfahrzeug zur Seite gestellt bekam. Johan Bruyneel (Jahrgang 1964) befand es nicht für nötig, weil Vaughters seiner Meinung nach am Tag zuvor das Team verraten hatte. Kapitän Lance Armstrong fuhr in Gelb, und Vaughters war mit in eine Ausreißergruppe gegangen, um das Tempo zu kontrollieren. Er merkte, dass ihm die Kraft fehlte, um die Tempowechsel im hinteren Teil der Spitzengruppe mitzugehen, und hielt sich deshalb vorn, um Kräfte zu sparen. Er schreibt: „Leider sah es im Fernsehen so aus, als würde ich die Arbeit an der Spitze machen und meinem Kapitän in den Rücken fallen.“ An diesem Tag verlor Armstrong das Gelbe Trikot an Vaughters' Mitausreißer Alexander Winokurow. Vaughters wurde Vierter. Bruyneel war alles andere als glücklich darüber und ließ ihn deshalb einen Tag später im Zeitfahren allein auf die Strecke, doch auch ohne die Unterstützung Bruyneels gelang es Vaughters, auf dem Ventoux zu gewinnen und sogar das Gelbe Trikot von Winokurow zurückzuerobern; aber zwischen Sportlichem Leiter und Fahrer sollte es nie wieder wie zuvor sein.

Radsportregisseure, Lidewey von NordPhoto : Delius Klasing VerlagRadsportregisseure, Lidewey von Nord

Info zum Buch Radsport-Regisseure:

Radsport-Regisseure, Aus dem Drehbuch der Sportlichen Leiter, Lidewey van Noord

  • ​ISBN: 978-3-667-13210-9
  • Seiten: 240
  • Format: 14.7 x 21.8 cm
  • 1. Auflage 2026, Delius Klasing Verlag, 29,90 Euro

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Kristian Bauer was born in Munich and loves endurance sports - especially in the mountains. He is a fan of the Tour de France and favours solid racing bike technology. He conducts interviews for TOUR, reports on amateur cycling events and writes articles about the cycling industry and trends in road cycling.

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