Wiebke LühmannDie Welt ist freundlicher als wir denken

Thomas Musch

 · 05.05.2026

Wiebke Lühmann war über weite Strecken alleine unterwegs, aber nie einsam
Photo : Julien Soleil, Wiebke Lühmann
Wiebke Lühmann ist 14 Monate lang von Freiburg bis zum Kap der Guten Hoffnung in Südafrika geradelt, insgesamt 20.150 Kilometer. Im Interview erzählt sie, wie die Idee zu der Reise entstanden ist, welche Begegnungen sie berührt haben und wie der Alltag einer Radreisenden aussieht

TOUR: Wie ist die Idee zu Deiner Reise entstanden? Gibt es dazu eine Vorgeschichte?

Wiebke Lühmann Meine erste längere Radreise habe ich 2019 gemacht, damals bin ich mehrere Monate durch Südamerika gefahren. Dort habe ich mich komplett ins Radreisen verliebt. Diese Mischung aus Freiheit, Einfachheit und intensiven Begegnungen mit Menschen hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Ein paar Jahre später bin ich mit dem Fahrrad ans Nordkap gefahren. Auf dieser Reise kam irgendwann die Idee: Wie spannend wäre es eigentlich, den nördlichsten Punkt Europas mit dem südlichsten Punkt Afrikas zu verbinden? Also vom Nordkap bis ans Kap der Guten Hoffnung. Die Vorstellung, einen ganzen Kontinent mit eigener Kraft zu durchqueren, hat mich sofort gepackt. Gleichzeitig ging es mir gar nicht nur um das Ziel Kapstadt.

Es ging vor allem darum, die Welt mit eigenen Augen zu sehen, die Menschen, Landschaften, Gerüche und Geschichten entlang des Weges.

Ich sag’ oft: mein eigenes Unwissen treibt mich an – wirklich über Afrika zu lernen, zu erleben, wie es dort ist und meine Neugier, diesen großen Teil der Welt selbst zu erfahren und zu sehen. Das Kap wurde eher zu einem schönen symbolischen Endpunkt einer sehr langen Reise.

TOUR: Wie lange hat es gedauert von der Idee bis zum Start? Kamen Dir zwischendurch nochmal Zweifel?

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Wiebke Lühmann Zwischen der ersten Idee und dem Start lag etwa ein Jahr. In dieser Zeit habe ich angefangen, mich intensiver mit der Route, Visa, Impfungen und der Ausrüstung zu beschäftigen. Zweifel gab es natürlich immer wieder. Vor allem kurz vor dem Start. Eine Reise über 20.000 Kilometer durch mehr als 20 Länder wirkt auf dem Papier erst einmal riesig. Aber gleichzeitig habe ich auf früheren Radreisen gelernt, dass solche Projekte immer aus kleinen Etappen bestehen. Man muss nicht die ganze Reise auf einmal schaffen – nur den nächsten Tag. Die größte Herausforderung war am Ende gar nicht die Route, sondern das Loslassen: Wohnung, Alltag, Sicherheit. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem man merkt: Jetzt ist es Zeit, loszufahren.

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TOUR: Wie ist die Route entstanden? Wie konkret hast Du vorgeplant? Hast Du Dir vorher eine Anzahl fester Punkte ausgesucht, Orte, Städte, die Du auf jeden Fall ansteuern wolltest?

Wiebke Lühmann: Ich hatte eine grobe Makroplanung: von Freiburg über Spanien nach Marokko und dann entlang der Westküste Afrikas Richtung Süden bis nach Kapstadt. Aber viele Details haben sich erst unterwegs ergeben. Gerade in Afrika ändern sich Dinge schnell – politische Situationen, Visa-Bestimmungen oder Straßenbedingungen. Deshalb habe ich meistens nur einige Wochen im Voraus geplant. Ein paar Punkte standen natürlich fest, zum Beispiel die Sahara oder auch die Atlantikküste bis Nigeria. Aber vieles hat sich auch aus Begegnungen ergeben. Andere Reisende, Einheimische oder spontane Empfehlungen haben oft darüber entschieden, wohin ich als nächstes gefahren bin.

TOUR: Du bist durch Länder gefahren, die aus westlicher Sicht als politisch instabil gelten, bisweilen auch gefährlich. Welche Rolle hat das in Deinen Überlegungen und Plänen gespielt?

Wiebke Lühmann: Natürlich habe ich mich vorher informiert, zum Beispiel über Reisehinweise des Auswärtigen Amts oder über Berichte anderer Radreisender. Gleichzeitig merkt man schnell, dass die Realität oft viel komplexer ist als das Bild, das wir aus Nachrichten kennen. In Whatsapp- und Facebookgruppen gibt es oft tagesaktuelle Infos zu den Ländern. Ich habe versucht, aufmerksam zu bleiben, viel mit Menschen vor Ort zu sprechen und flexibel zu reagieren. Wenn sich eine Situation unsicher angefühlt hat, habe ich die Route angepasst. Grundsätzlich habe ich unterwegs aber vor allem eins erlebt: unglaublich viel Hilfsbereitschaft und Neugier.

TOUR: Viele afrikanische Länder sind von Gesellschaften geprägt, die die Rollen von Frauen und Männern anders betrachten als in europäischen Ländern. Hat Dich das vor der Reise beschäftigt? Wie haben die Menschen auf Dich als alleinreisende Frau reagiert? Gab es Situationen, in denen Du Angst hattest?

Wiebke Lühmann: Als alleinreisende Frau ist man in manchen Situationen sichtbarer und muss manchmal genauer auf sein Bauchgefühl hören. Ich hatte auch immer wieder Reisebegleitung, wodurch es sich oft weniger wie pures Alleinreisen angefühlt hat – wobei man da auch sagen muss, dass man als Radreisende immer auffällt, egal, ob in der Gruppe oder allein. Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, dass mir mein Frau-Sein oft Türen öffnet.

Ich wurde häufig von Familien eingeladen, besonders von Frauen. Viele wollten wissen, warum ich alleine unterwegs bin oder wie mein Leben zu Hause aussieht. Es ist schön, da in den Austausch zu kommen.

Es gab kaum Situationen, die etwas unangenehm waren, echte Gefahrensituationen habe ich keine erlebt. Wichtig war für mich, aufmerksam zu bleiben und auf mein Gefühl zu hören. Und die Hilfsbereitschaft, das Vertrauen und die Freundlichkeit der Menschen waren überall stets sehr groß.

TOUR: Gibt es ein Erlebnis mit Menschen, das Dich im Nachhinein besonders beeindruckt hat bzw. Dir in Erinnerung geblieben ist?

Wiebke Lühmann: Was mir am meisten in Erinnerung bleibt, ist die unglaubliche Gastfreundschaft vieler Menschen, die Offenheit und Herzlichkeit gegenüber Fremden. Diese Begegnungen haben mir gezeigt, dass wir Menschen uns oft viel ähnlicher sind, als wir denken. Gerade an meinen Tiefpunkten, wo es mir nicht gut ging, gab es Frauen, die mich gesehen haben und mich zum Lachen brachten, obwohl wir nicht mal dieselbe Sprache sprechen.

TOUR: Du hattest viele Begegnungen und zeitweilig Begleitung auf Deiner Reise, warst aber auch alleine unterwegs. Gab es da Momente der Einsamkeit?

Wiebke Lühmann: Es gab wenige Momente, in denen ich mich einsam gefühlt habe. Nur an meinem Geburtstag ohne meine Zwillingsschwester und im Kongobecken, wo ich emotional und mental sehr leer war. Da gibt es dann kein gutes Gegengift außer Zeit und Geduld. Eins ist immer sicher: Veränderung. Und auf Reisen geht es meistens immer irgendwie wieder weiter. Ich mag beides: zusammen und alleine unterwegs sein. Beim Alleinreisen lernt man, sich selbst besser zuzuhören und Vertrauen in die eigenen Entscheidungen zu entwickeln. Beim Zusammenreisen kann man vieles teilen und dadurch wird es intensiver Teil der Erinnerung.

TOUR: Wie hast Du Natur und Umwelt erlebt?

Wiebke Lühmann: Afrika ist unglaublich vielfältig. Ich bin durch die Sahara gefahren, entlang der westafrikanischen Küste mit einigen schönen Inseln, über das nigerianische Hochplateau, durch das Kongobecken, die Weiten Angolas, Namibias, entlang des Westcoast National Parks bis Kapstadt. An vielen Stellen hat mich die Weite und Wildheit der Natur sehr beeindruckt. Es gibt aber auch die modernen Großstädte mit ausgebauten Straßen und teilweise auch sehr modernen Straßen durch große Parks. Gleichzeitig sieht man natürlich Probleme, wie auch in Europa: Müll, Plastik oder abgeholzte Wälder. Diese Gegensätze gehören leider auch zur Realität vieler Länder. Tiere habe ich tatsächlich eher wenige gesehen, erst im südlichen Afrika: Antilopen, Affen, Elefanten in der Ferne. Auf dem Fahrrad erlebt man solche Begegnungen besonders intensiv.

TOUR: Wie gestaltet man seinen Alltag auf so einer Reise?

Wiebke Lühmann: Der Alltag ist eigentlich ziemlich simpel. Meistens bin ich morgens relativ früh gestartet und etwa 70 bis 120 Kilometer gefahren, je nach Strecke, Hitze oder Straßenbedingungen. Eingekauft habe ich meistens in kleinen Dorfläden oder auf Märkten. Oft gab es Nudeln, Brot, Schokoladenaufstrich, Obst und Thunfisch aus der Dose. Übernachtet habe ich ein Drittel im Zelt, ein Drittel bei Einheimischen und ein Drittel in Hotels.

TOUR: Was an Deiner Ausrüstung und am Rad hat gut funktioniert, was ist kaputt gegangen?

Wiebke Lühmann: Insgesamt hat meine Ausrüstung erstaunlich gut durchgehalten. Natürlich gab es Verschleiß: drei Sätze Mäntel, zwei Ketten und drei Sätze Bremsbeläge musste ich unterwegs wechseln. Schaltung einstellen ab und zu, Fahrrad und Materialpflege gehören zum Alltag.

TOUR: Welche drei wichtigsten Tipps würdest Du jemandem geben, der etwas Ähnliches plant?

Wiebke Lühmann: Erstens: Nicht zu lange warten. Irgendwann muss man aufhören zu planen und einfach losfahren. Zweitens: Offen bleiben. Die schönsten Momente entstehen oft ungeplant. Und drittens: Vertrauen haben. In sich selbst und in die Menschen, die man unterwegs trifft. Die Welt ist oft freundlicher, als wir denken.


Das Buch

Wiebke Lühmann
»Immer Richtung Süden«
20.150 Kilometer mit dem Rad von Freiburg nach Kapstadt.
Delius Klasing Verlag, 24,90 Euro

Thomas Musch

Thomas Musch

Publisher

As a student of German and political science, the flawless amateur sportsman once decided to try his luck as a journalist. His passion for racing bikes led him straight to the TOUR editorial team as an intern, which has since become an affair of the heart that has lasted more than 30 years, 16 of them as editor-in-chief. As a - in his own words - "generalist in the cycling niche", he is interested in all topics relating to road bikes (and gravel bikes) and is still particularly enthusiastic about racing today. Highlights of his own career as a racing cyclist include taking part in the TOUR-Transalp, the odd everyman race and regular Alpine tours with friends.

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