Lake Constance Cycling MarathonA well-organised event

Thomas Musch

 · 21.09.2026

Lake Constance Cycling Marathon: A well-organised event
​Die Aufgabenstellung beim Bodensee-­Radmarathon scheint klar: Einmal rum. ­Damit daraus aber nicht nur eine Heraus­forderung für Langstreckenradler wird, hat sich der RV Altenrhein in den 52 Jahren des Bestehens einiges einfallen lassen.

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Blauer Himmel, See und Sonne: Radfahren im Urlaubsparadies
Photo: Thomas Musch

Wo kein Startschuss fällt, muss man auch nicht darauf warten. Kurz nach sechs, es ist noch dunkel, da schneiden schon die ersten Lichtfinger durch die Nacht und verschwinden Richtung Osten, wo der neue Tag sich am Horizont in pastelligem Blau und Orange ankündigt. „Die Dreihunderter“, sagt Markus Gähwiler schmunzelnd, „die sind ungeduldig“. Zwar ist die offizielle Startzeit beim Bodensee-Radmarathon erst um 7 Uhr, mit Licht am Rad um 6.30 Uhr, aber die Langstreckler hält es kaum noch auf dem Startgelände am Fußballplatz des FC Tägerwilen.

Die 300-Kilometer-Strecke ist das jüngste Angebot des ­Bodensee-Radmarathons an die Rennradler-Zunft – und es wird fleißig nachgefragt. Das Format geht auf die Anregung von Teilnehmern zurück, erklärt OK-Präsident Gähwiler: „2025 haben wir die Strecke erstmals angeboten, da hatten wir auf Anhieb 400 Voranmeldungen und 100 Nachmeldungen. In diesem Jahr haben sich schon 600 Teilnehmer vorher angemeldet.“ Auf Platin-Kurs waren an diesem Tag letztlich 700 Radsportler.

Dabei ist es nicht so, als würde der Bodensee-Radmarathon dringend neue Anreize benötigen, um Teilnehmer anzulocken. Mit knapp 5.000 Teilnehmern war das Event auch in diesem Jahr wieder ausverkauft; sie verteilen sich nur anders auf die – jetzt vier – angebotenen Strecken über 80, 150, 220 und eben 300 Kilometer.

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Urlaubsparadies Bodensee

Seine Popularität verdankt der Bodensee-Radmarathon, der federführend vom RV Altenrhein in der Schweiz veranstaltet wird, mehreren zugkräftigen Argumenten – ganz besonders natürlich dem namensgebenden Bodensee. In den Anrainerländern und insbesondere in Deutschland gibt es bis in den höchsten Norden hinauf wohl kaum jemanden, der vom größten See des Landes, vor prächtiger Alpenkulisse, kein Bild hat – und große Lust, an dessen Ufern mal ein paar freie Tage oder einen Urlaub zu verbringen. Und für Radsportler kann’s ja kaum eine bessere Kombination geben, als Urlaub oder Auszeit mit der Teilnahme an einem Rennrad-Event zu verbinden.

Für die Veranstalter vom RV Altenrhein ist der See vor der Tür Verpflichtung und Ansporn zugleich: „Wir wollen, dass jede Tour um den See führt“, sagt der OK-Chef. „Zumindest um einen Teil“, ergänzt er augenzwinkernd. Denn dass man im Rahmen einer 80-Kilometer-Tour nicht um einen See herumfahren kann, der in seiner längsten Ausdehnung 63 Kilometer misst, liegt auf der Hand. Der Bronze-Tour gelingt es aber, indem sie von Tägerwilen nach Stein am Rhein führt, dort den Rhein überquert und dem Ufer der Halbinsel Höri bis nach Radolfzell folgt. Kurz vor Konstanz integriert die Route noch eine Schleife über die Klosterinsel und das UNESCO-Weltkulturerbe Reichenau, bevor das Ziel in Tägerwilen erreicht und die Umfahrung zumindest des Untersees vollendet wird.

Die Silber-Tour über 150 Kilometer umrundet einmal den gesamten Obersee und schneidet dabei den Untersee auf die attraktivste Weise ab, die man sich vorstellen kann: Mit der Fähre geht’s von Konstanz nach Meersburg hinüber, was für alle Teilnehmer der Silber-Tour eine (mehr oder weniger willkommene) Pause und ein schönes Erlebnis darstellt. Die Fährfahrt mündet allerdings in eine kleine Gemeinheit, von der noch zu reden sein wird.

Die Gold-Tour umkreist auf 220 Kilometern Unter- und Obersee und schneidet mit der Fährverbindung zwischen Konstanz und Meersburg nur noch den Überlinger See ab. Die Platin-Tour schließlich führt auch noch um diesen ­herum und macht dabei einen veritablen Schlenker durchs benachbarte Hegau im Westen.

Fünf Startorte nehmen Stress raus

Der Radmarathon am Bodensee verfügt noch über ein weiteres Charakteristikum, das ihn in besonderem Maße prägt. Rund um den See kann man an fünf Startorten auf die Strecken gehen, die Bronze-Tour ausgenommen: Auf Schweizer Seite in Altenrhein, Tägerwilen und Stein am Rhein, auf deutscher Seite in Meersburg und Kressbronn. Das hat viele Vorteile. Für Teilnehmer aus der Region verkürzt sich die Anreise zum nächstgelegenen Start­ort. In keinem der Orte herrscht drangvolle Enge auf Parkplätzen oder im Startbereich, die bei den Teilnehmern Stress verursachen oder Anwohnern auf die Nerven gehen könnte. Es bildet sich auch kein 5.000-köpfiges Radler-Heer, das sich wie ein Pfropf durch die schmalen Straßen und Wege der Region schiebt oder aus dem heraus hektische Renn­attacken Unruhe stiften. Zur entspannten Atmosphäre trägt außerdem bei, dass das Startfenster zwischen 7 und 9 Uhr zwei Stunden lang offen ist – und dass es beim Bodensee-Marathon keine offizielle Zeitmessung gibt.

Zum Rasen ist die See-Fahrt ohnehin nicht gemacht. Große Teile der Strecke führen über Rad- oder Wirtschaftswege. Mal breit, mal schmal, mal schön geschwungen, mal in Knick-Knack-Linie. Immer wieder muss man mal vom Radweg runter, trifft auf Einmündungen oder Unterführungen, an denen man abbremsen muss. Was den Rhythmus gelegentlich stören kann vermeidet andererseits, dass man sich mit dem Autoverkehr auseinandersetzen muss, von dem es an einem schönen Ferienwochenende in der Tourismusregion Bodensee reichlich gibt.

Dass keine Zeit genommen wird, hat Tradition seit 53 Jahren. Viele andere Details zeigen, dass der RV Altenrhein und seine Mitglieder Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sind. Anregungen aus dem Kreis der Teilnehmer werden mit dem „Bodensee Hero“ belohnt, wenn sie dem Event neue Impulse geben; dazu zählt beispielsweise die Idee der 300-Kilometer-Runde. Auch einen Vorschlag für das Angebot an den Verpflegungskontrollen haben die Organisatoren aufgegriffen: „Es gab die Anregung, mehr Salziges anzubieten; viele Leute haben genug von dem süßen Zeug“, berichtet Markus Gähwiler. „Das kommt gut an. Der Renner sind Essiggurken – und die belgischen Waffeln, die wir auch neu haben.“

Facebook-Post statt Post vom Marathon

Auch die Kommunikation mit den Teilnehmern hat sich im Laufe der Jahre geändert. „Früher haben wir 25.000 Prospekte mit der Post verschickt“, erinnert sich der OK-Präsident. „Heute läuft das Meiste über Facebook und vor allem Instagram.“ Die Corona-Pandemie war auch für den Bodensee-Radmarathon eine Zäsur. „Da waren wir praktisch tot“, erinnert sich Markus Gähwiler. Dass die Pandemie aber viele und vor allem jüngere Menschen neu zum Rennrad gebracht hat, registrieren sie beim RV Altenrhein aufmerksam. „Seither ist der Altersdurchschnitt um 10 bis 15 Jahre gesunken“, hat Gähwiler festgestellt.

In Tägerwilen, mit rund 1.200 Startern der größte der fünf Startorte, illuminiert die aufgehende Sonne an diesem Septembermorgen eine sportlich-fröhlich-friedliche Atmosphäre. Die Teilnehmer holen ihre Startunterlagen, versorgen sich mit Proviant, füllen ihre Trinkflaschen. Viele habe sich mit Familie oder Freundinnen und Freunden anlässlich des Bodensee-Radmarathons verabredet und feiern hier ihr Wiedersehen.

So auch die Freundinnen Lara, Felicitas, Lina und Louisa. Sie kennen sich aus dem Studium, stecken zwischen Ausbildung und ersten Jobs. Sie fahren Rennrad oder Gravelbike, haben schon gemeinsame Touren bis hin zu einer Alpenüberquerung bewältigt – aber noch nie zusammen an einem solchen Event teilgenommen. Warum gerade der Bodensee-Radmarathon? „Der See, die Landschaft, die Fahrt durch drei Länder, das klingt einfach spannend“, erklärt Felicitas und die anderen nicken zustimmend. Dann klicken sie in ihre Pedale ein und ­radeln los in den frühen Morgen und auf die 150-Kilometer-Silber-Tour.

Neben den vier Freundinnen bereitet sich eine ganze ­Familie auf den gemeinsamen Radtag am See vor. Stephanie und Eric Gärtner aus Stuttgart haben es geschafft, ihre Töchter Klara, Mathilda und Charlotte fürs Radfahren zu begeistern. Freunde der Kinder und der Eltern vervollständigen das ­Familienpeloton, das auch auffällt, weil ein paar Rennrad-Oldtimer mit verchromten Sattelstützen, Vorbauten und Felgen in der Sonne blinken – Marken wie Albuch-Kotter und Enik sind dabei, die längst aus dem Rennrad-Universum verschwunden sind. „Vom Papa“, sagt Klara, und Vater Eric grinst nur. Dann setzt sich das erweiterte Familienteam ­lachend in Bewegung und folgt der Beschilderung zur Silber-Tour. Mit 1.700 Radlern ist es an diesem Tag die populärste Runde, knapp vor der Gold-Tour über 220 Kilometer mit 1.600 Startern.

Top organisiert bis ins Detail

Die Streckenbeschilderung zählt zu den weiteren Pluspunkten des Bodensee-Radmarathons; an jeder Ecke merkt man die inzwischen jahrzehntelange ­Erfahrung des Veranstalters und den Ehrgeiz, den Teilnehmern ein perfekt organisiertes Rennrad­erlebnis zu bieten. Das hört auch am Tag der Veranstaltung nicht auf. Dario Weder, zuständig für die Streckensicherung, zeigt ein Handyfoto, dass er kurz zuvor noch gemacht hat. Darauf ein Radweg, der über eine langgezogene Rampe zur Straße abfällt und auf der Fahrbahn endet. „Ein Sturzschwerpunkt“, erläutert Dario, „Fahrer weiter hinten in größeren Gruppen können die Kante nicht sehen und hängen sich daran auf.“ Jetzt hat Dario Warn­baken auf die Kante gestellt, die in die Höhe ragen. „Das sieht man jetzt“, sagt er zufrieden und widmet sich seiner zweiten Aufgabe an diesem Tag. Er fährt im Auto auf dem Teilstück der Strecke zwischen ­Altenrhein und Tägerwilen hin und her und hilft den Teilnehmern bei Platten und technischen Problemen. Solch ein Streckendienst ist auf den Abschnitten zwischen allen fünf Startorten unterwegs.

Wer übrigens davon ausgeht, der Bodensee-Radmarathon sei eine eher flache Angelegenheit, hat die Rechnung ohne das hügelige Hinterland gemacht. Vor allem im Westen und auf der deutschen Seeseite klettern die Uferhänge bisweilen direkt aus dem Wasser steil empor. Sogar eine „Mur“ hat der Bodensee-Marathon zu bieten, und sie stellt die eingangs erwähnte kleine Gemeinheit dar. Sie versteckt sich kaum fünfhundert Meter nach dem Fähranleger in Meersburg im Wald. Während die Teilnehmer nach der knapp 20-minütigen See-­Kreuzfahrt also gerade noch dabei sind, ihren Puls in Schwung zu bringen, fordern zwei Schilder am Streckenrand auf, „in 300 Metern“ bzw. in „100 Metern herunter zu schalten“. Dort knickt die Route rechts ab und führt, immerhin unter schattigen Bäumen und autofrei, mit bis zu 17 Prozent Steigung bergan. Schaltungen surren, Ketten klettern, Lungen saugen hörbar Luft. Der guten Laune im Peloton tut das freilich keinen Abbruch. Wer wollte bei einer solchen Genusstour auch meckern. Und am Ende der „Mur du Bodensee“ wartet außerdem die nächste Verpflegungskontrolle.


Info Bodensee-Radmarathon

Der Bodensee-Radmarathon fand 1974 erstmals statt. Der Gründungsimpuls war eine vom Schweizerischen Radfahrer-Bund SRB (heute Swiss Cycling) initiierte Fernfahrt Zürich-München, anlässlich der Olympischen Spiele 1972. Unter den rund hundert Radsportlern, die in einer Nachtfahrt über 340 Kilometer nach München radelten, um dort die Schweizer Olympiateilnehmer bei den Bahnradrennen anzufeuern, war auch der junge Präsident des RV Altenrhein, Hans Frei. Er war von der Fernfahrt so begeistert, dass er unbedingt eine eigene Veranstaltung auf die Beine stellen wollte. Mit viel Verhandlungsgeschick innerhalb des Verbandes, Organisationstalent und unermüdlichem Einsatz ­gelang es schließlich, im September 1974 den ersten Bodensee-Radmarathon zu veranstalten. Rund 800 Radsportler nahmen bereits an der Premiere teil, die weder offiziell angemeldet noch genehmigt war.

Aktuell ist das Startfeld auf 5.000 Teilnehmer limitiert. Angeboten werden vier Strecken über 80, 150, 220 und 300 Kilometer, starten kann man in einem der fünf Orte Altenrhein, Tägerwilen, Stein am Rhein, Meersburg und Kressbronn. Neu im Programm ist auch ein Gravel-Event unter dem Namen Saint Gravel ­Bodensee, das am Tag nach dem Radmarathon stattfindet und drei Strecken über 50, 80 und 120 Kilometer anbietet. Startorte sind Kreuzlingen bzw. Stein am Rhein, die Graveltouren verlaufen über den südlichen Bodenseerücken über Schweizer Gebiet, die Orientierung erfolgt anhand von GPX-Tracks, eine Beschilderung gibt’s nicht.

Nächster Termin 11./12. September 2027
Info www.bodensee-radmarathon.ch


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Thomas Musch

Thomas Musch

Publisher

As a student of German and political science, the flawless amateur sportsman once decided to try his luck as a journalist. His passion for racing bikes led him straight to the TOUR editorial team as an intern, which has since become an affair of the heart that has lasted more than 30 years, 16 of them as editor-in-chief. As a - in his own words - "generalist in the cycling niche", he is interested in all topics relating to road bikes (and gravel bikes) and is still particularly enthusiastic about racing today. Highlights of his own career as a racing cyclist include taking part in the TOUR-Transalp, the odd everyman race and regular Alpine tours with friends.

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