Na klar, wenn von Franziska Koch die Rede ist, denken die meisten an ihren Sieg bei Paris-Roubaix. Ihr Erfolg in der Hölle des Nordens ist eine Sensation, so wie 2015 der Sieg John Degenkolbs. Die Experten waren sich schon vor ihren großen Erfolgen einig: da kommt eine richtig gute Fahrerin in Tritt. Aber wie es oft der Fall ist, kann der große Wirbel auch umsonst sein. Nicht aber bei “Franzi” Koch. Und auch neben ihrem Sieg beim wohl prestigeträchtigsten Eintagesrennen des Radsports ist Koch dieser Tage fast immer ganz vorne im Feld zu finden.
Nach ihrem dritten Platz bei Strade Bianche war schon früh klar, dass Franziska Koch so richtig gut drauf ist. Wenige Wochen später zeigte sie ihr volles Potenzial und gewann im Sprint gegen die Größte aller Zeiten, Marianne Vos. Ein Sieg, den sie sich selbst kaum hätte erträumen können. Aber auch wenn Koch nicht in der Rolle der Kapitänin ist, sondern als Helferin für Demi Vollering oder Juliette Berthet unterwegs ist, sieht man sie fast immer an der Spitze des Pelotons. Bei Ausrissversuchen ist sie meist die erste Fahrerin die nachsetzt, leistet nicht selten Führungsarbeit und hilft ihrem Team wo sie kann. Sie tut genau das, was eine echte Allrounderin ausmacht.
Aber auch bei Rundfahrten bekommt die 25-jährige ihre Freiheiten. Zu sehen ist das aktuell bei der Spanien-Rundfahrt, wo sie sich auf der ersten Etappe nur der starken Noemi Rüegg und Lotte Kopecky geschlagen geben musste. Auf der zweiten Etappe belegte sie gar den zweiten Platz bei einem ähnlichen Finale. Liegt ihr ein Etappenprofil, darf sie auf Sieg fahren. Eine Wertschätzung des Teams für ihre starken Dienste und nicht zuletzt auch dank ihrer erfolgreichen Klassiker-Saison. Was das Team davon hat? Eine noch motiviertere Fahrerin, die kein Problem damit hat sich in bestimmten Situationen bedingungslos unterzuordnen.
Was Franziska Koch aktuell so stark macht, ist jedoch nicht allein ihre körperliche Verfassung, sondern vor allem ihre klar erkennbare mentale Reife. Sie tritt mit einem Selbstverständnis auf, das man ihr in dieser Konsequenz früher nicht immer zugetraut hätte. Koch wirkt fokussierter, entschlossener und deutlich klarer in ihren Entscheidungen. Dabei scheut sie sich nicht, Verantwortung zu übernehmen ganz gleich, ob als Kapitänin oder in der Rolle der Helferin. Gerade diese Entwicklung fügt sich nahtlos in den modernen Frauenradsport ein, der in den vergangenen Jahren spürbar dynamischer geworden ist und zugleich ein höheres Maß an taktischem Gespür verlangt.
Franziska Koch ist längst an dem Punkt angekommen, an dem sich die Frage nicht mehr stellt, ob sie ganz vorne mitfahren kann, sondern wie weit ihr Weg sie noch tragen wird. Ihre aktuelle Form, kombiniert mit bemerkenswerter Vielseitigkeit, macht sie zu einer Fahrerin für die ganz großen Ziele: die Klassiker, anspruchsvolle Etappenrennen und womöglich schon in naher Zukunft auch ein großes Meisterschaftsrennen.
Gerade auf selektiven Kursen mit kurzen Anstiegen könnte Koch perspektivisch zu einer ernsthaften Kandidatin für den Weltmeistertitel heranwachsen. Setzt sie ihre Entwicklung in diesem Tempo fort und erhält weiterhin das volle Vertrauen ihres Teams, scheint ihr Potenzial kaum begrenzt. Aus einer starken Fahrerin ist eine Siegfahrerin geworden. Und mit jedem Rennen wirkt es ein Stück wahrscheinlicher, dass hier gerade eine zukünftige Weltmeisterin reift. Franziska Koch ist längst mehr als eine einmalige Paris-Roubaix-Siegerin, sie wird grade zum Aushängeschild einer neuen deutschen Radsportgeneration.
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