Van Rysel überraschtDas TOUR Tech-Briefing zur 4. Etappe der Tour de France 2026

Robert Kühnen

 · 07.07.2026

Van Rysel überrascht: Das TOUR Tech-Briefing zur 4. Etappe der Tour de France 2026Photo: Foto: Getty Images/Dario Belingheri
Nach dem Grand Depart in Barcelona (Foto von Etappe 2) ist die vierte Etappe der Tour de France 2026 die erste, die ausschließlich auf französischem Boden ausgefahren wird.

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Vom 4. Juli bis zum 26. Juli messen sich die besten Radsportler der Welt bei der Tour de France. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 4. Etappe.

Die vierte Etappe führt über 2750 Höhenmeter von Carcassone nach Foix. Das wellige Profil begünstigt die Bildung einer Ausreißergruppe. Der steilste Anstieg ist der Col de Montsegur nach 146,5 Kilometern (5,6 km, 6,8%). Von dort an geht es mit kleinen Gegenanstiegen überwiegend fallend zum Zielort.

Wir simulieren heute eine Attacke aus einer Ausreißergruppe, vier Kilometer unterhalb des Gipfels des Col de Montsegur. Der größte Teil der simulierten Strecke führt daher bergab.

Mit welchem Rad kann man sich am besten absetzen, mit welchem im langen Downhill durchsetzen? Kann ein Team daran arbeiten, eine potenzielle Flucht mittels geschickter Materialwahl zu unterstützen?

Das wellige Profil der vierten Etappe wird Fluchtgruppen animierenPhoto: A.S.O.Das wellige Profil der vierten Etappe wird Fluchtgruppen animieren

Zahl des Tages: 1,4 Sekunden

Das etwas überraschende Ergebnis unserer heutigen Simulation: Die beste Gesamtzeit für die Flucht bringt ein ausgewiesenes Aero-Bike, das van Rysel RCR-F Pro. Ein Rad, das intuitiv eher nicht erste Wahl ist für eine wellige Etappe. Die Aero-Flunder punktet, obwohl sie 900 Gramm über dem Mindestgewicht von 6,8 Kilogramm liegt. Mit 1,4 Sekunden Abstand folgt das Cervelo S5, das wir im Gewicht nach unten angepasst haben. Denn die Kollegen von Bike Radar hatten das Cervelo S5 von Jonas Vingegaard an der Waage und haben es im Einfach-Set-Up mit 6,8 kg gemessen. Ein Aero-Rad mit Mindestgewicht! Da kann sogar das neue Tarmac einpacken, denn es ist definitiv weniger aerodynamisch als das Cervelo S5. Aber das von Rysel RCR-F Pro haben wir im Windkanal noch schneller gemessen als das Cervelo S5, deshalb setzt es sich rechnerisch über die gesamte Strecke durch.

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Schauen wir uns die Teilstrecken an, insbesondere die Situation, in der sich unser gedachter Ausreißer von seinen Mitfahrern absetzt, nämlich am Berg, vier Kilometer unter dem Gipfel, sieht die Sache etwas anders aus. Das van Rysel Aero-Bike verliert beim Antritt binnen 12 Sekunden einen halben Meter auf das leichtere S5. Im Verlauf der weiteren Kletterei wächst der Abstand auf 20 Meter oder umgerechnet drei Sekunden bis zur Passhöhe. Rund vier Watt extra müsste der Fahrer investieren, um den 900-Gramm Nachteil bis zum Gipfel zu kompensieren.

Die etwas bessere Aero-Performance des van Rysel holt die Zeit in der Abfahrt allerdings mehr als zurück und am Ende hat das schwerere Bike rechnerisch sogar einen kleinen Vorsprung.

Aero oder leicht? Beides!

Welches Bike besser ist, hängt davon ab, wo die rennentscheidende Situation ist. Soll das Bike vor allem helfen, die Lücke zu reißen oder soll es helfen, den Abstand zu wahren? Was ist rennentscheidend?

Um am Berg eine Lücke zu reißen, ist das Mindestgewicht zu priorisieren. Um Verfolger auf Distanz zu halten, ist Aero zu priorisieren.

Wenn dazu schon vor dem Start eine klare Meinung herrscht, lässt sich das Rad gezielt in die gewünschte Richtung optimieren. Im Falle eines Bergfinales ist die Sache einfach. Rechnet man mit einem Shoot-out bergauf, soll kein Gramm zu viel am Rad sein. Dies gilt umso mehr, je steiler es ist.

In einem Szenario wie heute, erst Antritt am Berg, dann Solo-Fahrt ins Ziel, ist es komplizierter. Denn der Antritt eines Ausreißers aus einer Gruppe heraus ist kein Duell der Besten untereinander. Hier lässt sich mehr Gewicht ggf. mit mehr Leistung kompensieren.

Die Diskussion zeigt, dass die Strategie vom Team Visma, das S5 zum einem Aero-Bike mit Mindestgewicht aufzubauen, eine Menge Unsicherheiten beseitigt. Denn die Kombination aus Top-Aerodynamik und Mindestgewicht ist auf jeden Fall immer sehr gut, das heißt, dass weder Fahrer noch Techniker sich einen Kopf machen müssen, was zu tun ist. Das schafft Kapazitäten, sich um andere Sachen zu kümmern. Auch Paul Seixas wurde schon vor der Tour auf einem Van Rysel Prototypen gesichtet, der aerodynamisch mutmaßlich zwischen den beiden Van Rysel Bikes in unserer Liste liegen und das Mindestgewicht erreichen wird.

Wir werden im Lauf der Tour hoffentlich noch weitere Top-Bikes an den Haken der Waage bekommen, um zu sehen, wie nah die aktuellen Aero-Bikes der 6,8-kg-Schwelle gekommen sind.

Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:

Das (fast) vollständige Feld im Überblick*Photo: Robert KühnenDas (fast) vollständige Feld im Überblick*

Die Tabelle zeigt die Fahrzeiten nach einer Attacke 39,4 Kilometer vor dem Ziel. Da die Strecke überwiegend abwärtsführt, setzen sich Aero-Bikes in der Gesamtfahrzeit rechnerisch deutlich durch.

Die ausgewiesene „Aero-Power“ ist die von TOUR im Windkanal gemessene Leistung zur Überwindung des aerodynamischen Widerstands von Rad und Dummy mit bewegten Beinen bei 45 km/h. Für die Simulation fügen wir rechnerisch noch den Oberkörper des Fahrers hinzu.

Simulierter Antritt am Berg bei einer Steigung von sieben ProzentPhoto: Robert KühnenSimulierter Antritt am Berg bei einer Steigung von sieben Prozent

Die Grafik zeigt den simulierten Antritt am Berg bei einer Steigung von 7%. Der gezeigte Ausschnitt umfasst eine Minute. Das Tempo (rot) steigt mit dem Antritt (650 Watt Peak) von 25 auf über 31 km/h. Das ist die Situation, in der sich ein Fahrer absetzt. Binnen 12 Sekunden erarbeite ein 900 g leichteres Bike dabei einen halben Meter Vorsprung (bei 65 kg Fahrergewicht).

Nachbetrachtung zum Mannschaftszeitfahren

Das Zeitfahren erfüllte die Erwartungen: sportlich spektakulär, technisch und taktisch wie erwartet. Die Fahrer fuhren ausnahmslos krasse Aero-Bikes, auch das Finale bergauf wurde überwiegend in Aero-Position bestritten, die Kapitäne kamen solo ins Ziel. Visma zeigte die beste Mannschaftsleistung und gewann, Tadej Pogacar fuhr im Schlussanstieg die schnellste Zeit und blieb in diesem Segment zwei Sekunden über unserer schnellsten Hochrechnung.

Die Zwischenzeiten an der ersten Messstelle waren hingegen deutlich langsamer als erwartet, was wohl dem Wind geschuldet war, der die Fahrer im flachen Teil der Strecke bremste.

Filippo Ganna war sportlich spektakulär, als er ins Ziel verlängerte, nachdem der designierte Kapitän Kévin Vauquelin Hinterraddefekt hatte. Aber natürlich ist Ganna von der Statur kein Mann für die Berge. Er dürfte den Watt-Rekord getreten haben.

Bei Team Bora hatte Florian Lipowitz zwischenzeitlich den unangenehmen Job, auf der Position hinter Remco Evenepoel zu fahren. Eigentlich war Nico Denz für diese Position bestimmt, auf der wenig Windschatten zu erhaschen ist, weil Evenepoel eine extrem aerodynamische Position einnimmt. Die Führungen wurden für Lipowitz so härter, als sie es hätten sein müssen. Wer weiß, ob der Rückstand auf Evenepoel im Ziel nicht auch daraus resultierte. Haben wir einen ersten „Kampf“ der Co-Kapitäne gesehen oder war das nur ein Versehen?

*) Die Berechnungen basieren auf den von TOUR in Labor und Windkanal getesteten Rädern. Die Maschinen bei der Tour de France können in Details davon abweichen. Wo Startgewichte bekannt sind, gleich wir diese an. Last-Minute-Prototypen konnten wir natürlich noch nicht untersuchen. Hintergründe zur Simulation.

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Robert wurde 1964 in Düsseldorf geboren und fuhr seine ersten Straßenrennen mit 17 Jahren. Zum Spitzenrennfahrer reichte es nicht, aber zu späten Nischenerfolgen. 2011 gelang es Robert, Zeitfahrweltmeister der Journalisten zu werden. Nach seinem Maschinenbaustudium in Essen führte ihn sein Weg bereits 1993 zur TOUR, wo er anfangs mit der Legende Hans Christian Smolik zusammenarbeitete. Heute ist Robert freiberuflich für TOUR und BIKE unterwegs, mit den Schwerpunktthemen Aerodynamik, Messtechnik und Entwicklung neuer Prüfmethoden. Motto: Geht nicht? Gibt‘s nicht. Robert berät auch die Radindustrie und Profiteams, coacht Athleten und kümmert sich um den Radsportnachwuchs. Als Radsportler mag es Robert kurz und schnell, auf schmalen wie auf breiten Reifen.

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