Eric Min Eric Min
Trainingsgeräte

Schöne neue Radsport-Welt

Matthias Borchers am 01.12.2014

Zwift will keine weitere Trainingssoftware fürs Indoortraining sein, sondern eine neue Form von "Radsport-Unterhaltung". So jedenfalls preist Eric Min, Mitgründer und Geschäftsführer der gleichnamigen Software-Firma, die neue Multiplayer- Videospiel-Plattform bei einem persönlichen Besuch in der TOUR-Redaktion an.

Die erste, weltweite Bewährungsprobe hatte Zwift bereits am 30. September zu bestehen. In den drei Rapha Cycle Clubs in London, New York und San Francisco hatten geladene Tester erstmals die Gelegenheit, zeitgleich auf dem etwa fünf Kilometer langen, virtuellen Rennkurs gegeneinander anzutreten, um eine frühe Betaversion des Programms praxisnah zu testen. Bis zur geplanten Fertigstellung Ende Januar 2015 sammeln die Amerikaner weiter Erfahrung mit 500 registrierten Beta-Testern.

Ganz neu ist die Idee nicht. Ein ähnliches Angebot gibt es beispielsweise vom Trainingsrollen-Spezialisten Tacx. Das "BikeNet" der Holländer bietet unter anderem die Möglichkeit, selbst aufgezeichnete Runden als GPS-Track hochzuladen, um sich anschließend auf diesen mit Gegnern virtuell zu messen. Klassiker-Strecken wie das Amstel Gold-Race oder Mailand-San Remo gehören auf der Tacx-Plattform mittlerweile zu den beliebtesten. Da es insgesamt jedoch ein sehr großes Angebot von Strecken gibt, muss man schon etwas suchen, um Gegner auf weniger attraktiven Kursen zu finden.

Fotostrecke: Screenshots Zwift

Im Unterschied zu Tacx ist Zwift jedoch ein reiner Softwareanbieter. Für Min gehe es vor allem darum, dass die Software-Plattform mit möglichst vielen Rollentrainern funktionieren soll, unabhängig vom Hersteller. Voraussetzung dafür sei natürlich eine in den Trainer integrierte Watt-Messung sowie die Möglichkeit, die momentan erbrachte Leistung per ANT+- oder Bluetooth als Signal in die rechnergestütze Software zu integrieren. Und für das Kinogefühl braucht es dann noch einen großen Bildschirm, der die virtuelle Rennstrecke ins Wohnzimmer überträgt. Alles in allem erfordert Zwift damit einen nicht unerheblichen technischen Aufwand - und Platz, möchte man das komplette Setup nicht vor und nach jedem Rennen wieder umständlich auf- und abbauen.

Vor dem Hintergrund, dass Zwift erst Anfang des Jahres gegründet wurde, wirkte das Ergebnis bei unserem Ersttest in der Redaktion erstaunlich weit fortgeschritten. Zwar waren wir gegen zehn Uhr morgens (Berlin-Zeit) mit lediglich zwei weiteren Mitstreitern relativ einsam auf der Strecke, doch die Avatare von "Hurty" und "Schuhmacher" waren zu dieser Morgenstunde bereits in Wettkampf-Laune. Und so entwickelte sich schnell ein kurzweiliger und vor allem schweißtreibender Kampf um das Grüne- und um das Gepunktete Trikot des Sprint- und Bergbesten. Als würde einen der sportliche Leiter ständig informieren, geben Grafiken und Anzeigen auf dem Bildschirm ständig Auskunft über Streckenprofil, Watt-Leistung, Entfernung zum nächsten Sprint, oder darüber, wo sich momentan der Gegner befindet. Verschiedene Kamerapositionen, typische Geräusche von Hubschrauberrotoren oder Windgeräusche wie bei schnellen Abfahrten vermitteln ein realistisches Renn-Erlebnis. Sogar Windschattenfahren ist möglich und der vorausfahrende Pilot kann per ferngesteuerter Ellenbogengeste signalisieren, wann er abgelöst werden möchte.

Doch damit nicht genug. Eric Mins Vision ist, dass irgendwann ganze Rennen inklusive teilnehmender Profis simuliert werden sollen, kommentiert von bekannten Eurosport-Stimmen. Zudem arbeite man an Apps für iOS-, Android- und Windows-Endgeräte, was den technischen Aufwand vereinfachen würde. Anfangs soll das einfache Zwift-Abo etwa 10 Euro kosten, Zusatzangebote müssten jedoch extra bezahlt werden. Wir wünschen gute Unterhaltung!

Weitere Infos: http://www.zwift.com

Matthias Borchers am 01.12.2014