Schweiz

Andermatt: Ski-Legende und Rennrad-Fan Bernhard Russi im Interview

Jörg Wenzel

 · 01.08.2022

Andermatt: Ski-Legende und Rennrad-Fan Bernhard Russi im InterviewFoto: Jörg Wenzel

Berhard Russi ist in der Schweiz eine Sikfahrer-Legende und eine der prominentesten Persönlichkeiten. Der 1948 geborene Andermatter gewann bei den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo die Goldmedaille in der Abfahrt. Zweimal, 1970/71 und 1971/72, gewann er die Abfahrts-Disziplinenwertung des Alpinen Skiweltcups und siegte von 1970 bis 1977 bei insgesamt zehn Weltcuprennen, dabei einmal bei einem Riesenslalom. Nach seiner Sportkarriere engagierte ihn der internationale Ski-Verband FIS als technischen Berater. Seit Mitte der 80er-Jahre entwirft der gelernte Hochbauzeichner neue Abfahrtsrennpisten oder gestaltet bestehende um. Nach seiner Karriere auf Ski entwickelt Russi für ein weiteres Sportgerät große Leidenschaft: das Rennrad. Auch mit über 70 sitzt er jedes Jahr noch zwischen drei- und viertausend Kilometer im Sattel.

TOUR Wann sind Sie das erste Mal einen Pass mit dem Fahrrad gefahren?

RUSSI Als Skirennfahrer habe ich allerlei Trainingsarten gehabt: Läufe, viel Krafttraining, mit dem wir versucht haben, die Beine stark zu machen. Da hat auch Radfahren dazugehört, aber nur als Krafttraining, einen Kilometer Sprint. Es gibt einen Dokumentarfilm aus der Zeit zu Beginn meiner Karriere, da sieht man mich auf dem Rennrad im Trainingsanzug den Oberalppass hochfahren. Aber nur bis zur dritten Kurve. Und ich schwöre: Ich bin während meiner Karriere als Skirennfahrer nie einen Pass hochgekommen. Der Grund ist einfach: Ich habe die große Mühle reingehauen und bin gefahren wie ein Wilder. Ein Abfahrtsrennen dauert zwei Minuten - Maximum. Deshalb habe ich gedacht: Zwei mal drei macht sechs – und so bin ich nach wenigen Kehren völlig fertig im Gras gelegen. Ich hab’s nicht geschafft – und ich konnte leiden … Ich hab’s immer wieder probiert, aber es ging nicht.

Und als Kind haben Sie es nie versucht?

Nein, Rennradfahren war damals nicht so populär wie heute, das haben nur die Rennfahrer gemacht. Ich habe damit erst nach meiner Karriere als Skifahrer damit angefangen, um 1980.

 Russi liebt es noch immer über die Pässe seiner Heimat zu kletternFoto: Jörg Wenzel
Russi liebt es noch immer über die Pässe seiner Heimat zu klettern

Aber Sie sind doch noch ein Rennradfahrer geworden?

Ja, ich wurde zum Radfan, ich bin aber ein Straßenfahrer, kein Mountainbiker, mit Biken kann ich nichts anfangen. Und ich war schon Radfan, bevor ich damit selbst angefangen habe. Wenn die Tour de Suisse vorbeikam – das war, wie wenn der Zirkus ins Land kommt, der Höhepunkt des Jahres. Ich habe als ganz kleiner Junge Kübler und Koblet erlebt (Ferdy Kübler und Hugo Koblet waren in den 40er- und 50er-Jahren die Lichtgestalten des Schweizer Radsports. Sie sind bis heute die einzigen Schweizer, die die Tour de France gewannen; Anm. d. Red). Als ich viel später selbst angefangen habe, habe ich mir zwar Trainingspläne gemacht, aber Aufbautraining ist sehr schwierig umzusetzen in Andermatt. Du kannst zehnmal Andermatt-Realp und retour fahren, was ich dann auch viel gemacht habe, also nicht nur immer wieder bergauf.

Später bin ich dann mit Freunden im Frühjahr immer eine Woche nach Mallorca gegangen oder in die Toskana. Meistens mit null Kilometern in den Beinen, weil wir hier immer noch Schnee hatten. Vielleicht sind wir zehnmal Andermatt-Realp gefahren, um ein bisschen in Schwung zu kommen. Trotzdem sind wir auf Mallorca immer brutal gefahren. Unter hundert Kilometern hat es für uns nichts gegeben. Wir haben dann immer wieder philosophiert, über Intelligenz und Blödsinn – aber darüber kann man diskutieren, so lang man will … Unser Ziel war, dass wir nach einer Woche tausend Kilometer trainiert hatten.

Und außer Mallorca – welche Rennraderlebnisse bleiben in Erinenrung?

In der Schweiz gab es das St. Gallen-Zürich, ein Militärradrennen. Da musstest du in Militärausrüstung mit Rucksack und Militärrad teilnehmen. Das Rad hat hinten nur eine Rücktrittbremse und nur einen Gang. Es gab Spezialisten, die haben sich ihr Rad mit dem richtigen Gang für das Profil dieses Rennen zusammengebastelt. Meine Freunde und ich haben gesagt: „Nein, so machen wir es nicht. Wir fahren am Abend vorher ins Zeughaus nach St. Gallen (als Zeughaus wird ein Gebäude bezeichnet, in dem Waffen militärische Ausrüstungsgegenstände gelagert und instand gesetzt wurden; Anm. d. Red.), wo die normalen Räder für die Soldaten gelagert sind, und nehmen uns jeder eins raus und fahren mit dem.“ Das war brutal. Aber auf diese Weise habe ich mit meinen Freunden verschiedene Sachen gemacht, auch einen New-York-Marathon.

1992 habe ich für die Olympischen Spiel in Lillehammer gearbeitet und dort von „Den Store Styrkeprøven“ gehört, dem Radrennen Trondheim-Oslo. Dann habe ich in die Runde gefragt, wer interessiert sei – und dann haben wir morgens um zwei Uhr gegenseitig einen Vertrag unterschrieben: „Ja, ich bin dabei!“ Ich habe das dann organisiert. Zwei Wochen zuvor haben wir einen Testlauf gemacht, im Zürcher Oberland. Wir mussten ja wissen, wie das geht, mit der Länge. Gut, haben wir gesagt, machen wir etwa die Hälfte: 270 Kilometer. Danach saßen wir abends beim Grillen zusammen und meinten übereinstimmend: „Es ist für uns theoretisch und praktisch nicht möglich, nach 270 Kilometern nochmals 270 Kilometer zu fahren. Wie soll das gehen?“ Da waren wir uns einig. Und dann sind wir trotzdem gefahren – und was soll ich sagen? Es war dann doch möglich, wir haben es geschafft.

 Russi im neuen Andermatter Dorfteil „Reuss“Foto: Jörg Wenzel
Russi im neuen Andermatter Dorfteil „Reuss“

Sie sind auch als Planer von Skiabfahrtspisten gefragt und bekannt. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen einer schönen Abfahrt auf Schnee und Asphalt?

Es gibt Passstraßen, die richtig schön angelegt sind, schön mit dem Gelände spielen, nicht zu steil sind und schöne Kurvenradien besitzen. Gerade Letzteres ist für den Radfahrer sehr wichtig, dass die Kurve, wenn du runterfährst, nicht zu-, sonder eher aufmachen. Aber wer hat früher beim Straßenbau an so etwas gedacht? Sicher niemand. Ich glaube, dass ich schon etwas vernünftiger geworden bin, beim Bergabfahren auf dem Rad, denn ich war bergab schon verrückt. Ein bisschen Geschwindigkeitsrausch kommt ja automatisch. Dazu kommt das Liniengefühlt, das ich als Skirennfahrer habe. Du beginnst bergab mit der Linie zu spielen und überlegst: Wenn ich die Kurve so weit außen anfahre und dann auf den Scheitelpunkt ziele, dann sollte es am Schluss aufgehen, ohne zu bremsen.

Und bergauf: Welche Lieblingspässe oder -runden haben Sie?

Meine Lieblingsrunde ist Furka-Nufenen-Gotthard. Ich liebe die Tremola (historischer, gepflasterter Anstieg auf der Südseites des Gotthards; Anm d. Red.), sie ist so etwas Spezielles. Sie besitzt Tradition, Geschichte, und sie ist wegen der Pflastersteine sehr beeindruckend. So wie ich sie fahre, ist sie der letzte Pass der Runde. Und trotz des Pflasters ist man überrascht, dass es irgendwie geht. Aber wenn ich darüber nachdenke: Mein Lieblingspass ist eher die Furka, obwohl es der härteste Pass ist, von denen, die ich direkt von Andermatt aus fahren kann, inklusive Sustenpass. Und er ist nach der Hälfte, hinter Tiefenbach und besonders ab dem Siedelenbach, richtig steil. Aber ich habe die Krankheit immer noch: Ich kann zu Beginn des Anstiegs nicht auf kleine Gänge schalten – und dass ist ja das Dümmste, was du machen kannst, denn wenn du dann runterschalten musst, hast du keine Reserven mehr, dann ist es eigentlich zu spät.

Bernhard Russi (rechts) mit TOUR-Reiseautor Jörg WenzelFoto: Jörg Wenzel
Bernhard Russi (rechts) mit TOUR-Reiseautor Jörg Wenzel

Die Reisegeschichte zum Interview mit vier harten, aber traumhaft schönen Pässe-Touren rund um Andermatt gibt’s in TOUR 8/2022, den kostenlosen GPS-Download und ein paar Infos hier.