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Reise Oman: Bikepacking im Osten der Arabischen Halbinsel

Zwei Frauen radeln durch den Oman

Mareike Röwekamp am 21.11.2020

Zwei Frauen wollen mit dem Rad durch den Oman. Ob das nicht gefährlich sei, werden sie vorab gefragt. Ob sie ihre Knie mit Beinlingen verhüllen sollten, fragen sie sich selbst. Sie wollen es herausfinden – auf mehr als tausend Kilometern durch Wüste, über Berge, zu Oasen und Wadis

Es riecht scharf nach Ethanol und Desinfektionsmittel. Unsere Beine kleben an schwarzen Ledersesseln, durch die getönte Glastüre sehen wir nach draußen auf eine staubige, leere Straße, dahinter ein paar verdorrte Gräser inmitten von Geröll. Die Sonne brennt auf den schattenlosen Boden. Zumindest ist es erfrischend kühl hier drinnen. Eigentlich wollten wir bereits im Sattel sitzen. Nach siebenstündigem Flug waren wir morgens in Omans Hauptstadt Maskat gelandet und hatten in einem Fahrradladen unsere Räder zusammengebaut. Wir wollten losfahren, brauchten nur noch Wasser. Stattdessen sitzen wir in einem Herrenfriseursalon und trinken schwarzen Kaffee. Mustafa, der Besitzer, hatte uns hereingewunken, nachdem wir ihn in Zeichensprache nach etwas zum Trinken gefragt hatten. Jetzt rührt er geschäftig, aber entspannt Haarpflege-Chemikalien zusammen und unterhält sich auf Arabisch mit einem Freund. Wir nippen etwas ratlos an unserem Getränk, das den Durst nicht stillt.

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Kein Radladen im Oman hat eine Pumpe für Sclaverandventile.

Tausend Kilometer haben wir uns vorgenommen, ausgerüstet mit Zelt und Schlafsack, eine Rundtour durch den Oman, die nun stockt, bevor sie angefangen hat. Laura und ich wollten in eine uns unbekannte Gegend reisen. Irgendjemand hatte uns erzählt, der Oman sei die Schweiz des Nahen Ostens, und warm solle es dort im europäischen Winter auch sein. Wie empfehlenswert es allerdings ist, als Frauen allein durch ein streng islamisches Land zu reisen, das mit dem Jemen und Saudi-Arabien Nachbarn hat, die nicht für liberale Frauenrechte bekannt sind, wissen wir nicht. Unsere Kaffeetassen sind geleert. "Inshal- lah", sagt Mustafa lächelnd und fragt noch nach einem Selfie mit uns. Wir fahren los. Ohne Wasser.

Fahrradfahren auf dem Highway: Im Oman erlaubt

"Oh mein Gott. Wenn das mein Dad wüsste!", schreit Laura zu mir herüber. Um uns herum donnert Verkehrslärm, von Autos und riesigen Lastwagen. Wir sind auf dem Muscat-Express-Highway gelandet, und was das Beunru- higendste ist: Es ist nach unserer GPS-Navigation, mit der wir die Route des hiesigen Ultradistanz-Rennens "Bikingman" abfahren wollen, der richtige Weg. Zwar gibt es ausreichend Platz auf dem Seitenstreifen, und erlaubt ist es auch, trotzdem bleibt es unangenehm. Eine geröllig-steinige, wenig einladende Landschaft liegt zu unserer Rechten, am Horizont erkennt man die Umrisse der Industrieperipherie des Großraums Maskat. Zumindest rollt es gut auf dem Asphalt. Und wir wissen: Den radfahrerischen Höhepunkt werden wir erst in einigen Tagen erreichen: den Sonnenberg Dschabal Schams, mit rund 3.000 Metern Höhe der höchste Berg des Oman. Der Weg dorthin führt uns erst westwärts ins Landesinnere, um dann Richtung Südosten abzuknicken. Der Fuß des Berges wartet in etwa 400 Kilometern auf uns.

Nachtlager im Schnellimbiss

Die erste Nacht verbringen wir in einem Hotel am Rande eines belebten Küstenorts, in dem wir den Fischern und geschäftigen Händlern zuschauen und von dessen Minarett abends der Ruf des Muezzins bis zu unserem Zimmer tönt. Die nächste Nacht sind wir mutiger: Wir zelten, das ist im Oman überall erlaubt. Der dritte Tag endet im Hinterzimmer eines indischen Schnellimbisses. Da alle Unterkünfte im Ort bereits ausgebucht sind, lässt uns Koch Shajid kurzerhand in seinem Zimmer übernachten; er komme anderswo unter, erklärt er. "Jeder hier wird euch mit Freundlichkeit empfangen", hatte uns ein Omani am ersten Tag versichert. "Ihr seid unsere Gäste, und ihr werdet überall sicher sein." Wir können kaum glauben, wie recht er hatte. Nach ein paar Tagen haben wir Schwierigkeiten, die vielen Telefonnummern, die uns auf hilfsbereite, aber nicht aufdringliche Weise mitgegeben werden, den Begegnungen zuzuordnen. Nur eines fällt uns auf: Wir haben bisher noch mit keiner Frau gesprochen.

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Steile Rampen im Hadschar-Gebirge

Wüstennächte sind kalt

Am nächsten Tag führt uns eine einsame Etappe zum Dschabal Schams, zunächst über einen Zwischenpass mit den ersten anspruchsvollen Schotterpartien. Haben wir uns verfahren? Dem ist nicht so, wie der mächtige Berg, der sich vor uns auftut, beweist. Allerdings versinkt die Sonne bereits und wirft lange Schatten. Ein Pickup-Fahrer bietet uns an, uns zu unserer gebuchten Unterkunft auf dem Berg zu fahren. Wir lehnen dankend ab, wir haben uns den Feierabend noch nicht verdient. Kurz darauf stehen wir vor einer Wand. Im Schneckentempo kommen noch vereinzelt Autos vom Berg gekrochen. Fassungslose Blicke treffen uns aus den Wagenfenstern. Wenige Minuten später steigen wir ab, schwer atmend, mit brennenden Beinen. Wir schieben schweigend, einige Dutzend Meter voneinander entfernt. Die Dunkelheit fällt auf uns hinab. Im Geiste stellen wir Überlegungen an: Vorausgesetzt, wir halten den Schnitt der letzten Stunde, würden wir es bis Mitternacht nach oben schaffen? Vielleicht. Würde das Licht so lange halten? Vermutlich nicht. Reicht das Mondlicht aus? Vielleicht. Aber wollen wir uns heute so erschöpfen? Ergibt es Sinn, die Räder fünf Stunden lang, unter Aufbietung sämtlicher Kräfte, durch die Finsternis einen absurd steilen Berg hochzuschieben? Warum bauen Menschen solch steile Pisten? Zum Glück verflacht die Straße etwas. Wir steigen wieder auf. Dann sehen wir ein Licht. "Food Stuff Shop" steht in leuchtenden Buchstaben an der Berghütte, die sich als Mini-Supermarkt herausstellt. Laura kauft Chips und von jedem verfügbaren Schokoladenriegel einen. Ich nehme Kekse, Muffins und Cola. Alles rutscht in wenigen Augenblicken süß und klebrig die Speiseröhre hinab und sendet von der Körpermitte aus Lebenssignale. Die Luft wird aber plötzlich eiskalt. Wir sind auf über 1.300 Meter Höhe, die Hitze des Tages ist so weit weg wie unsere Unterkunft. In den letzten 75 Minuten haben wir nicht viel mehr als fünf Kilometer und 500 Höhenmeter geschafft – und das mehr als Dreifache dieser Strecke liegt noch vor uns. Wollen wir jetzt versuchen, unsere Grenzen zu verschieben? Oder können wir zu unserer Unterkunft trampen und uns trotzdem freuen, ohne das Gefühl, am Berg gescheitert zu sein? Wir haben noch keine Antworten gefunden, da schließt der Besitzer des Supermarkts knarrend seine Tür. Das einzige Licht geht aus. "Taxi?", fragt er. Wenig später rumpeln wir eingepfercht zwischen unseren Rädern in einem Minibus den Berg hinauf. Oben wartet Gästehausbesitzer Said schon auf uns am Feuer, umringt von seiner Familie. Und als er uns an ein köstliches Büfett mit einheimischen Speisen führt, nur für uns aufgebaut, wissen wir, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Am nächsten Morgen muss Said mit seinem Pritschenwagen ins Tal, er nimmt uns samt Rädern mit, zurück zum Food Stuff Shop. Von hier aus wollen wir nun auch den zweiten Teil des Anstiegs aus eigener Kraft absolvieren. Wir genießen jeden Meter und sind sprachlos beeindruckt von der Aussicht bei Tageslicht. Aus Autos heraus werden uns Orangen und Wasser gereicht. Die Insassen winken, hupen und feuern uns an. Als wir schließlich den Gipfel überm Canyon erreichen, hat jede von uns ein paar Antworten mehr auf die Fragen des Vorabends gefunden.

Ein Heiratsantrag und ein Haus

Nach einer weiteren Nacht auf dem Berg fahren wir ab, durch kluftige Berge, vorbei an Oasen, durch Dörfer. Am Abend erreichen wir eine Farm mit Gäste-Bungalows. Hausherr Yonis freut sich über Besuch. Wir tauschen uns über Reisen aus und unsere Kulturen. "Wir haben es gut hier, besitzen von allem genug und freuen uns, zu teilen", erklärt er mit grundzufriedenem Blick, und fragt, ob wir nicht etwas bleiben möchten. "Bleib’ doch!", bittet mich Yonis auch am nächsten Morgen. "Du würdest Gold bekommen. Und ich bau’ dir ein Haus." Ich bin etwas perplex. Laura und ich stehen in Radklamotten, zum Aufbruch bereit, in seinem Gewächshaus. Yonis pflückt mir eine frische Banane. Ich könne seine Zweitfrau werden, würde dann in einem eigenen Haus wohnen, könne machen, was ich möchte; mit seiner ersten Frau zusammen shoppen gehen, vielleicht verstünden wir uns gut. Früher hätten alle Frauen zusammengewohnt, heutzutage bekäme aber jede ihr eigenes Haus. "Nicht jeder Mann kann sich das leisten!", sagt er stolz. Ob ich als Frau eigenes Geld besitzen würde, möchte ich wissen. "Um was zu kaufen?", fragt er, und mir wird schlagartig klar, wie unverständlich die Frage für Yonis sein muss. Wir reißen uns schließlich los und fahren durch den immer heißer werdenden Tag in Richtung Wüste. In Gedanken schwirren die Möglichkeiten der gelebten und nicht gelebten Leben weiter, so flüchtig und ungreifbar wie die flimmernde Luft über dem heißen Asphalt ...

Im Oman gibt es nur Rennradler

Laura in der Wüste

Am siebten Tag erreichten Laura und Mareike die Dünen der Wahiba-Wüste.

Plötzlich ist er da, wie ein vom Himmel gefallener Außerirdischer. Ein einheimischer Rennradfahrer, gekleidet in Radhose und Trikot, mit Helm und Handschuhen. "Abdullah", stellt er sich vor und setzt sich mit seinem Rad vor uns. Mit ausschweifenden Gesten zeigt er jedes Steinchen auf dem tadellosen Asphalt an, verringert das Tempo lange vor jeder Kreuzung, warnt uns vor jedem Auto. Abdullah ist Anfang 30 und Mitglied in einem der wenigen informell organisierten Radclubs, erfahren wir beim gemeinsamen Mittagessen, nachdem wir die Küste erreicht haben. Er trägt eine Radhose, die über seine Knie reicht. Ob es denn in Ordnung sei, so zu reisen, wie wir es tun, möchten wir von ihm wissen. Ja, wir seien hier Gäste, und für die würden andere Regeln gelten als für Einheimische. Frauen zum Beispiel seien hier wie Perlen, erklärt er uns weiter, deswegen müsse man auf sie aufpassen. Sie gingen nicht alleine auf die Straße, aber im Haus mache jede, was sie wolle. "Wenn ich hier leben würde", fragt Laura, "dann könnte ich nicht in einem Radverein mitfahren, richtig?" "Stimmt", antwortet Abdullah, "aber du würdest einen Hometrainer bekommen, den besten! Inshallah." Wir sind nicht sicher, ob es generelles Interesse, Gastfreundschaft oder ein Verpflichtungsgefühl ist, jedenfalls ändert Abdullah seinen ursprünglichen Plan einer kleinen Ausfahrt, mit nichts als ein paar Nüssen in der Tasche. Er begleitet uns 160 Kilometer bis in die Küstenstadt Sur. Als es spät wird, freuen wir uns, mit Verpflegung, Licht und auch etwas Windschatten aushelfen zu können – endlich können wir auch einmal etwas zurückgeben.

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Chips, Brötchen und Dattelmilch für die letzten Kilometer der langen Schlussetappe

Eine Mammutetappe bringt uns am nächsten Tag zurück nach Maskat. Schon beim Abendessen im Fünfsternehotel bekommen wir den Blues. Geschult erscheinende Freundlichkeit schlägt uns entgegen. Was gäben wir für einen Kaffee im Friseursalon! Wir könnten im Hotel bedenkenlos in kurzen Hosen herumlaufen, aber wir tragen lieber lange. Wir haben auf dieser kurzen Reise viel gelernt, über eine uns fremde Kultur und über uns. Aber vieles bleibt uns wohl immer verborgen. Inshallah.

Kurzinfo: Fahrradfahren im Oman

Oman liegt im Südosten der Arabischen Halbinsel und grenzt an die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und den Jemen. Das Land war in der Antike bekannt für die Herstellung und den Export von Weihrauch; die Seidenroute folgte den Küsten am Arabischen Meer. Die heute knapp fünf Millionen Einwohner leben vorwiegend in Städten: in der Hauptstadt Maskat rund 30.000, in ihrer Agglomeration aber mehr als eine Million. Das Sultanat ist eine absolute Monarchie. Es besitzt zwar eine Verfassung, vom Sultan ernannte Minister und zwei nationale Parlamente, Letztere haben jedoch nur beratende Funktion. Unsere Radstrecke führt von Maskat westwärts ins Binnenland, um von dort einige spektakuläre Regionen zu entdecken, darunter das Hadschar-­Gebirge mit seinem höchsten Punkt, dem Dschabal Schams ("Berg der Sonne") auf etwa 3.000 Meter Höhe (Angaben sind nicht einheitlich), dem dritthöchsten Berg der arabischen Halbinsel. Ebenfalls beeindruckend ist die südlich gelegene Wahiba-Sandwüste in der Provinz Ash Sharqiyah. Im Osten erreicht die Strecke das Arabische Meer und folgt der Küstenstraße entlang sanfter Sandstrände und steiler Felsküste zum Cap Al Hadd. Danach folgt unsere Route dem Golf von Oman, zum Schluss durch das hügelige Binnenland.

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Mareike Röwekamp am 21.11.2020
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