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Regina Schleicher

Eva Stammberger am 19.04.2006

Für viele kam der Weltmeistertitel von Regina Schleicher 2005 überraschend. Obwohl sie seit Jahren beständig in der Weltspitze mitfährt, schon einige Weltcuprennen und Rundfahrtetappen gewonnen hat, ist sie in Deutschland kaum bekannt. TOUR hat die 31-Jährige in ihrer Wahlheimat Toskana besucht.

Allüren kennt sie nicht. „Ruft mich an, wenn ihr bei Carrara seid, dann hole ich euch an der Autobahnausfahrt Versilia mit dem Rad ab! Ich müsste allerdings heute eigentlich Bergintervalle fahren – könnt Ihr mich beim Training begleiten?“, fragt sie vorsichtig. Wir können. An besagter Ausfahrt steht Regina Schleicher, lehnt an ihrem Rad, streicht sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und winkt uns zu sich heran. „Ich fahr’ vor“, sagt sie lachend, „hier gibt’s so viele Einbahnstraßen, da verzweifelt ihr sonst.“ Und schon ist sie um die nächste Kurve.

Es geht am Meer entlang, dann hinein ins Landesinnere. Das schöne Wetter hat viele Rennradler nach draußen gelockt, alle drehen die Köpfe und schauen der zierlichen Frau im Weltmeistertrikot hinterher. Seit fünf Jahren ist die Toskana Regina Schleichers zweite Heimat. Zuerst lebte sie ein Jahr in Lucca, im Haus ihres damaligen Teams Michela Fanini. Deren Sportlicher Leiter Gianluigi Barsottelli wurde ihr neuer Lebensgefährte, sie zogen ins nahe Camaiore. Dort wohnen sie in einem kleinen Haus, zusammen mit Gianluigis Mutter Giuliana. Gianluigis Kinder Alessio und Alicia, 13 und 9 Jahre alt, kommen fast täglich.

Regina Schleicher fühlt sich wohl in Italien – und nach dem WM-Sieg obendrein sehr entspannt. Der Druck war enorm vor dem Rennen in Madrid. „Alle haben gesagt: Der Kurs liegt dir“, erinnert sich die blonde Fränkin, „im Sprint hast du die besten Chancen. Ich musste den Titel holen.“ Sie ließ sich anstecken von der Euphorie und nahm die WM langfristig ins Visier. Ließ trotz guter Siegchancen schweren Herzens Weltcup-Rennen sausen, schonte ihre Kräfte und trainierte konsequent. Als dann am Morgen des 24. September auf der Plaza de Lima der Startschuss fiel, mussten die deutschen Frauen ordentlich ackern. „Das Feld ist vom Start weg voll gefahren“, berichtet die Sprinterin. „Ich konnte mich nicht mal in den Abfahrten erholen und hatte richtig zu kämpfen – aber mit Hilfe meiner Mannschaft hab ich’s geschafft“, sagt sie stolz. Als sie die Ziellinie überquerte, riss sie die Arme in die Luft, schrie ihre Erleichterung heraus. „Das einzige Gefühl in diesem Moment war: Es hat geklappt, zum Glück ist alles vorbei, die Saison ist aus!“ Erst in den Tagen danach, als sie sich immer wieder die aufgezeichneten Fernsehbilder ansah, wurde ihr klar, was ihr da gelungen war. „Viel mehr als mein Sieg hat mich aber die Tatsache gerührt, wie sich die anderen Mädels für mich aufgeopfert haben. Ich war Teil eines richtigen Teams.“

Das war nicht immer so. Eigentlich ist Regina der Prototyp einer Einzelkämpferin, „mit ausgeprägtem Dickkopf“, wie sie sagt. Den brauchte sie schon, um überhaupt Rennen fahren zu dürfen. Ihr Vater Hans fuhr zwar selbst als Amateur und trainierte die Jugend im RV Concordia Karbach – aber seiner Tochter erlaubte er das Rennenfahren zunächst nicht: „Das sei zu anstrengend und nichts für Mädchen“, erinnert sich die Tochter, und in ihren Augen spiegelt sich noch heute die Entrüstung darüber. Doch sie blieb hartnäckig, sparte eisern und kaufte sich mit neun Jahren ein Rennrad: rot, mit 26-Zoll-Laufrädern. Ein Jahr später gewann Regina Schleicher ihr erstes Rennen, alleine von vorne. Ihr Vater war noch immer nicht begeistert, aber trotzdem stolz. International konnte sie ihr Talent zum ersten Mal bei den U23-Europameisterschaften im tschechischen Trutnov 1995 zeigen – völlig überraschend holte sie den Titel.

Nach diesem Erfolg wollte Regina vor allem eins: Profi werden. Doch ihre Eltern waren skeptisch. Nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Erzieherin meldete sich ihr Dickkopf freilich bald wieder. Sie verkündete ihren Eltern, dass sie nun nach Italien gehen wolle, um dort zu tun, was sie am besten könne: Rad fahren. 1999 heuerte Regina Schleicher beim Team Alfa Lum an.

Das, was sie am besten kann: Dazu gehörte auch die Art,
wie sie zu Beginn ihrer internationalen Karriere Rennen
fuhr – alleine von vorne. Der deutsche Dickkopf geriet in Schwierigkeiten. „Mir wurde vorgeworfen, ich sei zu eigensinnig und könne mich nicht unterordnen“, berichtet sie und fährt sich verlegen mit der linken Hand durchs Haar. Dass sie diese Fahrweise auch in der deutschen Nationalequipe nicht weiterbringt, hat Schleicher erst später verstanden. Wendepunkt war die WM 2003 in Hamilton. „Dort habe ich bewiesen, dass ich für die Mannschaft fahren kann.“ Als Viertletzte kam sie damals ins Ziel, völlig ausgepumpt. Das Team schlug sich ordentlich, Judith Arndt wurde als beste Deutsche Achte. Bei der Straßen-WM in Verona 2004 kam Schleicher gar nicht ins Ziel, war aber dennoch mit ihrer Leistung zufrieden: „Ich hatte meine Arbeit gemacht, Judith wurde Weltmeisterin. Was will man mehr?“

Klar: Selbst Weltmeisterin werden. Der Wechsel zur Equipe Nürnberger zur Saison 2005 war die logische Konsequenz für Schleicher. Eine Bedingung stellte Schleicher, bevor sie erstmals einen Profi-Vertrag bei einem deutschen Team unterschrieb: „Ich wollte in Italien wohnen bleiben. Seit fünf Jahren habe ich hier meinen Lebensmittelpunkt und optimale Trainingsbedingungen.“

A propos Training: Das nächste Ziel hat sie bereits fest im Blick: die „Primavera Rosa“, wie das Rennen der Frauen von Mailand nach San Remo heißt. Im Vorjahr Vierte, will sie 2006 „unbedingt gewinnen. Es ist sozusagen mein Heimrennen. Die Italiener stehen dicht gedrängt an der Strecke, wenn ich auf die Via Roma einbiege, bekomme ich jedes Mal Gänsehaut“. Ihren WM-Titel hingegen werde sie im September in Salzburg wohl nicht verteidigen können: „Die Strecke ist sehr bergig, da wird’s ganz schwer für mich. Aber mir ist es viel wichtiger, meinen Teamkolleginnen etwas zurückzugeben. Sie haben sich in Madrid für mich eingesetzt, da werde ich mich genauso reinhängen, damit eine von uns gewinnt.“ Ihr Weltmeistertrikot wird sie dann abnehmen von der Schlafzimmertür im kleinen Haus in der Via Padronetti und verstauen. So wie alle übrigen Pokale und Medaillen, die sie schon gewonnen hat. „Das ganze Zeug steht auf dem Speicher. Ist mir nicht so wichtig.“

Wichtig ist ihr, auch nach dem Ende ihrer Radsport-Karriere in Italien zu leben und zu arbeiten. „Ich liebe das Land und die Sprache. Ich würde gerne als Erzieherin arbeiten und denke, es würde mir Spaß machen.“

STECKBRIEF
Geburtstag:
21. März 1974
Geburtsort: Würzburg
Wohnort: Camaiore/Italien
Größe: 1,66 Meter
Gewicht: 57 Kilo
Profi-Karriere:
1999-2000: Alfa Lum
2001-2002: Michela Fanini Record Rox
2003: Chirio Forno d’Asolo
2004: Safi Pasta-Zara Manhattan
2005: Equipe Nürnberger
wichtigste Erfolge:
1995: Europameisterin U23 in Trutnov (Tschechien)
2002: Weltcupsiege in Castilla y Leon, Plouay, Etappensieg beim Giro d’Italia
2003: Vier Etappensiege beim Giro d’Italia, Gewinn des roten Sprintertrikots, Gesamtzweite des Weltcups
2005: Deutsche Meisterin Straße in Mannheim, Weltmeisterin Straße in Madrid

Eva Stammberger am 19.04.2006