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Radsport in Kolumbien: „Man sollte immer aufpassen, wo man hinfährt.“

Interview: als Radkurier in Bogota

Kristian Bauer am 13.05.2021

Kolumbien ist berühmt für seine Radprofis, aber wie ergeht es den normalen Radfahrern im Land? TOUR hat mit Sandy Millares gesprochen. Sie ist leidenschaftliche Radfahrerin und hat in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota den Fahrradkurier-Dienst Sandía Messenger gegründet

Welche Bedeutung haben erfolgreichen Radprofis für Radfahrer in Kolumbien?

Obwohl der Staat sie nur sehr wenig unterstützt, haben kolumbianische Radsportler das höchste Niveau erreicht. Korruption nimmt im kolumbianischen Sport viel Raum ein – in anderen Sportarten werden Athleten oft gedemütigt, statt gefördert. Die kolumbianischen Radprofis fördern das Radfahren im Land: Esteban Chavez mit seiner Stiftung, die mehr Kindern das Radfahren ermöglichen soll, Rigoberto Uran wirbt in den sozialen Medien für mehr Sicherheit und Respekt für Radfahrer – und Nairo Quintana war einer der engagiertesten Mahner gegen Unregelmäßigkeiten im kolumbianischen Radsportverband.

Ist Radfahren in Kolumbien gefährlich?

Ich denke, in vielen Teilen der Welt ist es gefährlich, wenn man so etwas Wertvolles wie ein Fahrrad besitzt. Man sollte immer aufpassen, wo man hinfährt. Ich habe von Überfällen mit Schusswaffen auf große Fahrradgruppen an abgelegenen Orten gehört. Insgesamt nimmt die Kriminalität in Bogota zu – betroffen sein kann jeder, egal welcher sozialen Schicht man angehört. Und so wie sie Smartphones klauen, stehlen sie auch Fahrräder, egal ob sie wertvoll sind oder nicht.

Columbia Messenger

Hat die Corona-Pandemie das Radfahren in Bogota verändert?

In der Pandemie haben die Menschen nach sicheren Fortbewegungsmitteln gesucht – es wird mehr Fahrrad gefahren und es sind neue Radwege entstanden.

Man liest sogar von Radfahrern, die sich mit Baseballschlägern bewaffnen …

Das stimmt, man bekommt die Schläger in der Stadt für wenig Geld. Pfefferspray ist auch weit verbreitet. Und wir Radkuriere benutzen unsere Fahrradschlösser, um uns im Ernstfall zu verteidigen. In Bogota wird zu jeder Zeit an jedem Ort geklaut. Manchmal mit Gewalt, oder sie versuchen, gutgläubige Menschen mit Lügen übers Ohr zu hauen. Ein weit verbreiteter Trick ist, dass sie dir ein Getränk anbieten, das dich bewusstlos macht – und dann sind dein Rad und deine Wertsachen weg.

Radkurier in Bogota, das klingt nach einem sehr gefährlichen Job.

Als Radkurier in Bogota muss man immer wachsam sein: immer auf die Straße achten und beobachten, was um einen herum passiert. Aber wir Kuriere werden immer mehr und fordern mehr Sicherheit. Für Frauen ist es besonders anstrengend, weil wir auch noch die permanente Belästigung auf der Straße erleben. Und es schaut leider so aus, dass sie uns lieber das Tragen von Röcken verbieten werden, als diese kranken Typen zu bestrafen. Niemand interessiert das Thema oder sie schieben uns Frauen die Schuld zu.

Lohnt sich der Stress?

Ich musste sehr hart arbeiten, um eine Firma aufzubauen, die Themen wie Gleichberechtigung, umweltfreundlichen Transport, Sport und Jobs für junge Leute verbindet. So lange wir stärker sind als die Korruption und die Kriminalität, lohnt es sich.

Kristian Bauer am 13.05.2021
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