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Linus Gerdemann

redakteur1 am 27.06.2007

Dass es nicht leicht ist, als Teamsportler einen eigenen Kopf zu haben, hat Linus Gerdemann am eigenen Leib erfahren. Dennoch gehört der 24-jährige inzwischen zu den Top-Fahrern bei T-Mobile. TOUR hat Gerdemann besucht und sprach mit ihm über Vorurteile, Hindernisse und seine Ziele.

TOUR: Herr Gerdemann, in der Presse heißt es immer wieder, Sie seien ein Sohn aus gutem Hause. Was können wir uns darunter vorstellen?
GERDEMANN: Ich weiß auch nicht, was die Presse sich darunter vorstellt. Ich komme aus einem ganz normalen Haushalt aus der Mittelschicht, meine Eltern sind normale Bürger mit Angestelltenverhältnissen in Münster und weder adelig noch schwerreich. Ich bin nicht mit dem goldenen Löffel aufgewachsen. Das klingt mir nach Gerüchteküche.

Bei T-Mobile sind Sie nun aber eine Art Aushängeschild, werden für Medien zum begehrten Ansprechpartner: Wie lange können Sie da unabhängig bleiben von der Meinung der „vierten Gewalt“?
Ich habe die gestiegenen Ansprüche schon bei der Deutschland-Tour 2006 gemerkt. Da war ich im Prolog überraschend stark und wurde nur um Zehntelsekunden geschlagen Zweiter. Ich hatte allerdings vorher gewusst, dass meine Form eher nicht gut war. Die Medien bejubelten mich, und als es in die Berge ging, waren sie enttäuscht, weil ich doch kein Sieg-Kandidat war. Ich hatte das längst gewusst und mir deswegen gesagt: Du darfst dich nicht so stark beeinflussen lassen von Medien. Natürlich wurmen mich Misserfolge, aber meine eigene Form und meine Aussichten kann ich besser einschätzen als die Journalisten.

Als ausgemachte Sache gilt, dass Sie ein großer Rundfahrer werden. Wie erklären Sie diese Erwartungshaltung?
Ich habe sicher die Voraussetzungen, bei großen Rundfahrten vorne zu landen, was die Physis anbelangt. Meine Erfolge in der Vergangenheit haben natürlich das Medieninteresse geweckt. Aber es gibt auch andere deutsche Fahrer, die das Potenzial haben.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Ich finde das deutsche Trainingssystem in den Nachwuchsklassen sehr gut. Italiener und Osteuropäer sind in den jungen Jahrgängen meist weit überlegen – aber sie fahren zu früh zu intensiv. Wir fahren im Nachwuchs lange im Grundlagenbereich, bei den Rennen sieht man nicht jedes Wochenende Sternchen. Ich selbst habe selten spezifisch trainiert, kaum Intervalle oder Bergfahrten gemacht. Das hat den Vorteil, dass man mit mehr Grundlagen zu den Profis kommt und dort überholen kann. Da zeigt sich noch ein wenig die Handschrift des ostdeutschen Trainingswesens, das in den Nachwuchsklassen auch seine guten Aspekte hatte.

Wann haben Sie denn gedacht: „Aus mir könnte ein großer Rundfahrer werden“?
Bei der Tour de Suisse im letzten Jahr, als ich für Jan Ullrich fuhr, habe ich gesehen, dass ich im Hochgebirge mit den großen Tour-Favoriten konkurrieren kann. Die Streckenführung in den Schweizer Bergen war anspruchsvoll, und es war wichtig für mein Selbstbewusstsein, dort zu bestehen.

Trotzdem haben Sie gesagt, dass 2007 ein Jahr der Weiterentwicklung sein soll.
Ich werde wohl mein Debüt bei der Tour de France geben. Dabei möchte ich mich nicht zu sehr unter Druck setzen. Dass ich lernen will, heißt aber nicht, dass ich ohne Ambitionen fahre. In erster Linie geht es allerdings um Michael Rogers und unser Team.

Wollen Sie ums Weiße Trikot fahren?
Ich denke daran, aber zweitrangig. Wenn ich merke, da geht was – dann werde ich drum kämpfen. Es gibt ja einige Anwärter, die kann ich gar nicht alle aufzählen.

Wann, meinen Sie, werden Sie Ihre volle Leistungsfähigkeit erreicht haben?
Ich kann mich nicht noch jahrelang verstecken und auf mein Talent verweisen. In zwei bis drei Jahren muss ich die gewonnene Wettkampfhärte in Erfolge ummünzen. Allerdings spielt es eine Rolle, dass ich erst mit 17 als Quereinsteiger zum Radsport gekommen bin. Gerade in der U-23-Klasse musste ich die Taktik von der Pieke auf lernen.

Wie lief Ihr Einstieg in den Radsport?
Ich hatte mir das Schienbein gebrochen, als ich 15 war (Gerdemann hatte einen Unfall mit einem Holland-Rad; Anm. d. Red.). Da habe ich mir das Rennrad von einem Freund ausgeliehen und Leute aus der lokalen Radsportszene kennengelernt. Im Alter von 17 habe ich meine erste Saison mit Rennen bestritten und gleich acht Siege gefeiert. Dann bin ich schnell in den Leistungssport hineingerutscht.

Ihre junge Karriere entwickelt sich steil, die Ansprüche ebenso. Sie selbst sprechen vom Ziel „Weltklasse“. Haben Sie Führungsambitionen?
Längerfristig auf jeden Fall. Man muss sich aber nicht genieren, wenn man im Team für den Besten fährt. Wir haben bei T-Mobile noch einige Leader, von denen ich lernen kann. Das ist ein Prozess, gerade die menschlichen Aspekte von Führung benötigen Erfahrung. Jochen Hahn, mein Trainer in der U-23 bei Winfix, hat mir geduldig Grundlagen erläutert. Ein Vorbild ist auch Jens Voigt, mit dem ich bei CSC gefahren bin.

Dem Sie ja auch Ihren Sprung zu den Profis verdanken. Sie waren jahrelang der erfolgreichste deutsche Nachwuchsprofi. Nachdem Sie aber U-23-Bundestrainer Peter Weibel wegen angeblich mangelnder Teamfähigkeit ausgemustert hatte, galten Sie auch für die deutschen Pro-Tour-Teams als „Persona non grata“. Wie haben Sie diese Phase erlebt?
Es war ein steiniger Weg, von dem ich aber wohl prof itieren konnte. Das klingt wie eine Phrase, ist aber eine Wahrheit: Der einfachste Weg ist nicht immer der beste. Über meinen ehemaligen Kollegen bei Winfix, Dennis Kraft, hörte Jens Voigt von mir. Er schaute sich meine Rennbilanz an, erzählte Bjarne Riis von mir. Er lud mich ins Testtrainingslager in der Toskana ein, wo ich mich gut geschlagen habe.

Sie nennen Lance Armstrong als Vorbild. Sein Image ist wegen der Doping-Vorwürfe angekratzt. Lässt sich so ein Vorbild aufrecht halten?
Ich sehe seinen verbissenen Willen als vorbildlich an. Das hat nichts mit den Doping-Vorwürfen zu tun – zu denen kann ich nichts sagen.

Ein sportliches Ziel bei T-Mobile ist der Kampf gegen Doping. Was bedeutet das für Sie konkret?
Für mich und meine Konkurrenten bedeutet es, dass man abseits der Strecke ein globales Team gegen Doping gründen sollte. Wir brauchen einen Team-Spirit für den sauberen Radsport. Gerade die Jungen muss es interessieren, dass der Radsport wieder Glaubwürdigkeit gewinnt.

Was kann man im Kontrollwesen noch verbessern?
Wir brauchen noch mehr Experten in der Praxis und mehr Stichproben bei den Fahrern. Es sollten auch Profile von den Fahrern angelegt werden. Die Gefahr, dass ein Klassiker-Fahrer vor der Tour dopt, ist geringer. Die persönlichen Ziele sollten bei den Kontrollen eine Rolle spielen.

Wie trainieren Sie jetzt?
Wir haben bei T-Mobile einen neuen Trainer, Sebastian Weber aus Köln. Er bringt zusätzliche Systematik ins Training. Mir ist es wichtig, dass ich von ihm Rückmeldungen bekomme.

In Ihrem Leben hat sich auch privat einiges geändert. Sie sind von Köln nach Kreuzlingen in die Schweiz gezogen. Nur wegen der Berge fürs Training?
Die Trainingsbedingungen sind sicher anspruchsvoller als im Rheinland, zum nächsten heftigen Anstieg sind es nur 40 Kilometer. Ein wichtiger Grund war auch meine Freundin Annika. Sie studiert Grund- und Sonderschulpädagogik, und die Studienbedingungen kamen ihr an der Pädagogischen Hochschule in Kreuzlingen entgegen, weil es dort festere Studienstrukturen gibt als an deutschen Unis.

Haben Sie denn die Chance, mit ihr gemeinsame Hobbies auszuleben?
Wenn ich in Kreuzlingen bin, gehen wir oft essen. Und wenn die Zeit es zulässt, reisen wir gern – ganz anders als im Radsport-Zirkus, wo man ja von den Orten nichts sieht. Letztes Jahr waren wir in Thailand zu einem richtigen Rucksack-Urlaub und haben dort viele interessante Leute kennengelernt. Solche Reisen möchte ich gerne in Zukunft viel öfter machen.

STECKBRIEF

Geboren: 16.9.1982
Größe: 1,82 Meter; Gewicht: 70 kg
Wohnort: Kreuzlingen/Schweiz
Profi: seit 2004; Teams: Akud (2004/2005), CSC (2005), T-Mobile (2006 bis heute)
Wichtige Erfolge: Gesamtsieger U23- Bundesliga 2003; Deutscher Meister U23 Straße, Gesamtsieger U23-Bundesliga 2004; Dritter Bayern-Rundfahrt, Etappensieg Tour de Suisse 2005; Siebter Tour de Suisse 2006
Karriere mit Widerständen: Inzwischen spricht Linus Gerdemann nicht mehr gerne über die Vergangenheit, die ihn beinahe die Karriere als Radprofi gekostet hätte. Der junge Rennfahrer aus Münster, beredt und selbstbewusst, eckte bei U23-Bundestrainer Peter Weibel an, der den damals überragenden Nachwuchsfahrer nicht mit zur WM in Verona nahm – Begründung: mangelnde Teamfähigkeit. Die deutschen Teams zeigten wenig Interesse. Erst dank Fürsprache von Jens Voigt erhielt Gerdemann von Bjarne Riis einen Vertrag bei CSC, von wo ihn T-Mobile loseiste.

(Interview: Tim Farin, Fotos: Oliver Hanser) 

redakteur1 am 27.06.2007