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Fabian Cancellara

Andreas Kublik am 13.07.2006

Er ist einer der Boten des Generationswechsels bei den Klassikerjägern: Fabian Cancellara gewann als erster Schweizer seit 83 Jahren Paris-Roubaix. Jetzt träumt der 25-jährige Berner, einziger Hoffnungsträger des eidgenössischen Radsports, von Erfolgen bei der Tour 2006.

Sieger sehen anders aus. Die Arme schwer, das Gesicht unter einer Paste aus Staub und Schweiß, ­gestützt von einer Masseurin, schleicht Fabian Cancellara davon. “Abends konnte ich kaum gehen, am nächsten Morgen hatte ich starke Knieschmerzen”, erinnert er sich an den Moment ­seines größten Triumphes als Radsportler. 83 Jahre nach Henri Suter hatte er Paris-Roubaix gewonnen – als zweiter Schweizer in der 110-jährigen Geschichte des Rennens.

Natürlich wurde er in der schweizerischen Presse für den historischen Erfolg gefeiert – doch in den ersten Minuten nach der Zieldurchfahrt im Velodrom von Roubaix hatte er sich überhaupt nicht wie ein Sieger gefühlt. “Man hat mir erzählt, dass man im Fernsehen gesehen hat, wie ich auf den letzten Kilometern gelächelt haben soll”, erzählt Cancellara ungläubig, “aber ich hatte vor allem Lust, meinen Schmerz herauszuschreien, denn ich habe gelitten wie nie zuvor.” Ist also Cancellara ein Masochist, mit der Vorliebe für Kopfsteinpflasterrennen? “Nein!”, sagt der CSC-Profi bestimmt, “ich liebe dieses Rennen nicht. Auch wenn du es gewinnst, tut es noch weh. Aber es ist einmalig: Es ist das bekannteste ­Rennen der Welt nach der Tour de France!”

Sein Körperbau, 1,89 Meter groß, 83 Kilogramm schwer, half ihm genauso wie die gute ­Fahrtechnik, erlernt im Mountainbike-Training und bei Querfeldein-Rennen in der Jugend. Dazu kommt eine Athletik, die bei niedriger Drehzahl großen Schub entwickelt – wie ein Turbodiesel. “Er hat einen der besten Motoren im Radsport”, schätzte schon vor Jahren sein einstiger Mentor im Nachwuchsteam von Mapei, Roberto Damiani. All das nützt, aber es reicht nicht, wenn die Handgelenke schmerzen, sich der Nacken und die Schultern versteifen und der Schädel brummt von den ungefederten Stößen ­tausender ruppig verlegter Kopfsteine. “Du musst Courage haben”, sagt Cancellara, “darfst keine Angst zeigen; du musst die ­Gegner in den Boden stampfen!” Und diese heißen nicht ­zuvorderst Boonen, Van Petegem, Hincapie oder ­Wesemann. “Der größte Gegner ist das Pflaster”, betont der Zeitfahr­spezialist – wie er sonst gegen die tickenden Zeiger der Uhr fährt, so tritt er furchtlos bis zum Steinerweichen Richtung Roubaix gegen die ruppigsten Gegner im inter­nationalen Radsport. Nur eines ärgert ihn: Viermal war er bislang am Start, immer war es trocken. Leider, findet er. Er sucht die Herausforderungen. “Bei den Klassikern bin ich mein eigenes Vorbild”, sagt der Sohn eines italienischen Gastarbeiters, und solche Sätze klingen nicht überheblich, sondern nur unglaublich selbstbewusst. “Er ist in dieser Hinsicht ­unschweizerisch”, sagt Aldo Schaller, der das größte Talent der Schweiz 1999 in seinem Nachwuchs-Team betreute; denn Zurückhaltung gilt als eidgenössische Tugend.

Aber Cancellara ist anders – er verbindet schweizerische Präzision mit italienischer Passion, beim Radfahren und beim Reden. Das liegt in seinen Wurzeln: Vater Donato kam aus dem süditalienischen Potenza mit 19 Jahren in die Schweiz und war selbst begeisterter Rennfahrer. Bei ge­mein­samen Radtouren entdeckte er die guten Anlagen des elfjährigen ­Fabian, der damals noch eifriger und talentierter Fußballer war. Von der Karriere­planung des Juniors als Radfahrer war der inzwischen 59-jährige Klimatechnik-Monteur dann aber zunächst wenig begeistert . “Hier bei uns in der Schweiz muss man arbeiten und nebenbei Sport machen”, weiß ­Donato Cancellara, dessen Tochter Tamara ebenfalls als Radsportlerin ­erfolgreich war und als Juniorin 1997 an der WM in San ­Sebastián teilnahm. Von Fabians Berufswahl war er erst überzeugt, als Ende 1999 zweimal Alvaro Crespi, der Manager des damaligen Mapei-Teams, im Wohnzimmer der Familie im Berner Vorort Hinterkappelen saß und die Eltern vom förderungswürdigen Talent ihres Sohnes überzeugte. Seine Lehre als Elektromonteur brach dieser daraufhin ab. Ihm war klar: “Diese Chance hast du nur einmal im Leben.”

Die italienischen Jahre waren eine ungewöhnliche Erfahrung für einen Schweizer, meint Cancellara: “In der Schweiz musst du als erfolgreicher U23-Fahrer dein Rennrad selber kaufen.” Nennenswerte ­Unterstützung gibt es nicht. Aldo Schaller, der einst eines der erfolgreichsten Nachwuchsteams der Schweiz führte, musste bald nach Abgang seines größten Talents dichtmachen – Sponsoren für den Nachwuchs waren nicht aufzutreiben.

Der Weg seines besten Rennfahrers war indes vorgezeichnet: “Fabü kennt nur siegen”, sagt Schaller. Im Wald von Arenberg fuhr der 25-jährige Berner prompt unerschrocken in die ­Favoritenrolle.

Wie geht es nun weiter mit einem, der als Junior zweimal Weltmeister war, mit 23 Etappensieger bei der Tour und ­Träger des Gelben Trikots, und jetzt, mit 25, das vielleicht berühmteste Eintagesrennen der Welt gewonnen hat? Erst einmal will er bei der Tour erfolgreich sein. Er bereitet sich gezielt auf den Prologsieg am 1. Juli 2006 in Straßburg vor und will dann in den folgenden drei Wochen auch die ­Gesamtwertung gewinnen – als Helfer von Ivan Basso. Auf dieses Ziel hat ihn Teamchef Bjarne Riis wie alle anderen CSC-Kollegen eingeschworen.

Und dann ist da noch sein großes Vorbild Miguel Induráin. “Er ist so groß und so schwer wie ich, und er hat die Tour gewonnen”, sagt Cancellara über den fünfmaligen Sieger der Frankreich-Rundfahrt. Und diesen Traum hegt auch er: die Tour de France zu gewinnen. “Es ist möglich”, sagt er, “ich muss sicher ein paar Kilo abnehmen.” Aber das sei der zweite Teil seiner Radsportkarriere und noch weit weg. Die Neue Zürcher Zeitung lästerte noch vor nicht allzu langer Zeit über den derzeit einzigen Hoffnungsträger des schweizerischen Radsports: “Oft sind die Worte größer als die ­Taten.” Aber Cancellara hat früh gelernt, mit Kritik umzu­gehen. Er gehe lieber Rad fahren als Fotostorys produzieren zu ­lassen, sagt der “neue Schweizer Veloheld”, wie die Schweizer Boulevardzeitung “Blick” titelte.

Dabei ist Cancellara nicht immer frei von Selbstzweifeln: Im vergangenen Februar räsonnierte er während einer kurzen Formkrise darüber, ob es passieren könne, dass er den großen Leistungssprung nie schaffe, den er so dringend von sich erwartete. Die Zweifel scheinen nun beseitigt, ­ohne dass er im Gegenzug den Boden unter den Füßen verloren hätte. Jüngst traf der Paris-Roubaix-Sieger einen Bekannten, den er viele Jahre nicht gesehen hatte. Zum Abschied sagte der: “Du hast dich ja gar nicht verändert.” Eine schöne und wichtige Erfahrung, fand Fabian Cancellara – der Mann, der das Pflaster besiegte und davon so schön erzählen kann.

 

KURZ-PORTRÄT
Wohnort:
Ittigen/Schweiz
Geburtsdatum: 18.3.1981
Familienstand: ledig, “in festen Händen” bei Stefanie
Größe: 1,86 Meter
Gewicht: 83 Kilo
Teams: Mapei (2001-2002), Fassa Bortolo (2003-2005), CSC (ab 2006)
Erfolge: 1998 und 1999: Zeitfahr-Weltmeister Junioren; 2000: WM-Zweiter U23 Zeitfahren; 2002: Schweizer Meister Zeitfahren; 2003: Prologsieg und Gelbes Trikot Tour de Suisse; 2004: Prologsieg und ­Gelbes Trikot Tour de ­France; 2005: WM-Dritter und Schweizer Meister im Zeitfahren; 2006: Sieger Paris-Roubaix
Internet: www.fabian-cancellara.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abgekämpft: Nach seinem Erfolg im Velodrom von Roubaix wird Candellara von Kameras bedrängt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Du musst die Gegner in den Boden stampfen!": die Beine des Siegers.

 


Andreas Kublik am 13.07.2006