VersicherungExperten-Tipps für den Radunfall im Ausland

Unbekannt

 · 29.06.2015

Versicherung: Experten-Tipps für den Radunfall im AuslandFoto: Uwe Geißler

Endlich Urlaub! Steile Pässe, rasante Ausfahrten, doch bei aller Vorsicht – passieren kann immer etwas. Und im Ausland ist ein Unfall für viele eine Horror-Vorstellung. So sind Sie gut vorbereitet...


Es ist ein schwarzer Tag für TOUR-Reporter Jörg Wenzel. Für eine Story hat der leidenschaftliche Bergfahrer die Stichstraße auf den 2.229 Meter hohen Männlichen in der Zentralschweiz bezwungen. Der Hausberg von Grindelwald liegt ­unmittelbar vor der grandiosen Kulisse der Bergriesen Eiger, Mönch und Jungfrau. Das Wetter ist herrlich. Nach einer Rast vorm Berggasthaus saust er das im oberen Teil 14 Prozent steile Sträßchen wieder zu Tal. Der Abfahrtsrausch währt aber nur wenige Hundert Meter. Ein Knall – der Vorderreifen platzt. Bei 70 Stundenkilometern verliert Wenzel die Kontrolle über sein Rad und wird zum ­Geschoss. Erst im Hospital kommt er wieder zu sich.

Ergebnis des Crashs: Ein zerstörtes Schlüsselbein und sieben gebrochene Rippen, von denen sich drei in die Lunge gebohrt ­haben. Glück im Unglück: Der Unfall passierte in den Schweizer Bergen, wo Helikopter­rettung zum Tagesgeschäft gehört und die Krankenhäuser einen sehr hohen Standard haben. Und: Wenzel hatte – wie ­jedes Jahr – eine zusätzliche Auslandsreise-Krankenver­sicherung abgeschlossen, die jene Kosten ­unbürokratisch abwickelte, die nicht von ­seiner gesetzlichen Krankenversicherung übernommen wurden; etwa die Helikopterrettung oder den Krankentransport zurück nach Deutschland.

Foto: Uwe Geißler

Fahrrad-Sachverständiger Dirk Zedler, der bereits zahlreiche TOUR-Trainingslager in verschiedenen Ländern ­begleitet hat, kann von weitaus mehr angstein­flößenden Abläufen berichten: "Ich saß einmal auf Sizilien zwei Stunden an der Straße bei einem gestürzten Radler mit Beckenbruch. Trotz italienischer Kommunikation über ­unser Hotel war kein Rettungsfahrzeug zu ­organisieren, sodass wir den Verletzten schlussendlich mit einem Taxi ins Krankenhaus gebracht haben." Auch an die Zustände im dortigen Hospital erinnert sich Zedler mit gemischten Gefühlen. Andererseits erzählt er von einem Unfall beim Training im spanischen Katalonien, bei dem Rettung und Versorgung vorbildlich abliefen. "Man kann hier keine Regel aufstellen. Die Situation ist von Region zu Region, von Fall zu Fall sehr unterschiedlich", sagt Zedler. Das be­stätigt auch Dr. Sebastian Zimatschek, Leiter des Rettungsteams bei der Schwalbe-TOUR-Transalp, am Beispiel des Etappenrennens: "Man braucht gar nicht so weit in die Ferne zu reisen, um das festzustellen. In Südtirol beispielsweise läuft alles fast so gut wie in Deutschland. Sobald man aber über die nur wenige Kilometer entfernte Provinzgrenze in die Lombardei kommt, hapert es oft schon an der Kommunikation. Und längst nicht alle Ärzte im Ausland sprechen Englisch."

ZUSÄTZLICH VERSICHERUNG BEI AUSLANDSREISEN

Ohne Wenn und Aber empfiehlt Sebastian Zimatschek (ärztlicher Leiter des Rettungsteams bei der TOUR Transalp) den Abschluss einer separaten Auslandsreise-Krankenversicherung. Wer öfter unterwegs ist, sollte sich gleich für einen Ganzjahresschutz entscheiden. Solche Versicherungen greifen bei Unfällen weltweit und kommen vor allem auch für den Rücktransport nach Deutschland auf, bei dem immense Kosten entstehen können. Das ist einer der ent­scheidenden Unterschiede zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen. Dazu Axel Wunsch, Pressesprecher der Barmer GEK: "Prinzipiell können in Deutschland Pflichtversicherte in den Staaten der EU, des EWR (europäischer Wirtschaftsraum, Anm. d. Red.) und der Schweiz jene notwendigen Leistungen beanspruchen, die das Krankenversicherungs­system im Gastland vorsieht." Der Leistungskatalog könne jedoch deutlich von dem aus Deutschland gewohnten abweichen, betont Wunsch. Der Versicherte müsse außerdem damit rechnen, die im Ausland üblichen Eigenanteile zahlen zu müssen. Diese könnten deutlich höher ausfallen als in Deutschland. "Des Weiteren darf eine gesetzliche Krankenkasse per Beschluss des Bundesversicherungsamtes in keinem Fall die Rückholung eines Patienten nach Deutschland finanzieren, selbst wenn dies medizinisch sinnvoll oder notwendig wäre."

RÜCKTRANSPORT BEI UNFALL IM AUSLAND

Im eingangs geschilderten Fall hatte der Rücktransport zwar nicht oberste Priorität, da in der Schweiz eine optimale Versorgung des Verletzten gewährleistet war. Nach etwa zwei Wochen sollte Jörg Wenzel dennoch in ein deutsches Krankenhaus verlegt werden. Je nach Schwere der Verletzung und der unter Umständen mangelhaften Behandlungsmöglichkeiten im jeweiligen Land kann ein Rücktransport aber gleich zu Beginn ­unumgänglich sein. Oder es stellt sich nach einigen Tagen heraus, dass man mit der Behandlung am Ort nicht zufrieden ist. Wichtig: Für ein Gespräch mit der Versicherung sollte man deshalb stets die Kontaktdaten zur Hand haben, beispielsweise die Nummer der Not­fall-Hotline. So oder so: Wer nicht zusatz­versichert ist, bleibt auf den Kosten für den Rücktransport sitzen. Und diese können sich schnell auf 10.000 Euro und mehr belaufen! Dagegen nehmen sich die in den vergangenen Jahren stark gesunkenen Monatsbeiträge für Auslandsreise-Krankenversicherungen wie ein Trinkgeld aus. Als Beispiel seien hier die Versicherungen über den ADAC (auch für Nichtmitglieder, je nach Leistungs­paket ab 13,90 Euro) oder den Alpenverein (ab 6 Euro für Mitglieder) genannt. Alpenvereinsmitglieder genießen außerdem bereits ohne zusätzliche Kosten den weltweiten "Alpinen Sicherheits-Service", der sich allerdings explizit auf Alpinsportarten ­beschränkt, zum Beispiel Mountainbiken. Aber auch die gesetz­lichen Krankenkassen arbeiten in der Regel mit Versicherungen zusammen, bei denen man für vergleichsweise wenig Geld einen ­Zusatzvertrag fürs Ausland abschließen kann.

Foto: Uwe Geißler

CRASH – Mit diesen Tipps machen Sie auch im Ausland am Unfallort alles richtig.

• Bei bloßen Sachschäden ist es in der Regel nicht notwendig, die Polizei zu rufen. Es sei denn, der Geschädigte kann den Unfallverursacher nicht ausfindig machen, oder der Sachschaden ist sehr hoch.
•Sind Personen verletzt, ­verständigen Sie in jedem Fall die Polizei (Notruf 110). Ebenso, wenn die Schuld­frage nicht eindeutig geklärt werden kann.

• Sind am Unfall Kraftfahrzeuge beteiligt, notieren Sie unbedingt die Kennzeichen und tauschen Sie die Daten (Adressen, Haftpflicht­versicherung) aus.

• Sichern Sie Beweise (bei Fremdbeteiligung): Dokumentieren Sie möglichst mit Fotos die Unfallstelle bzw. den Hergang, falls es später Streit um die Schuldfrage gibt. Dazu sind auch die Kontaktdaten von eventu­ellen Zeugen wichtig. Eine Rechtsschutzversicherung ist bei Unfällen im Ausland ebenfalls ratsam.

KLEINGEDRUCKTES – Worauf Sie beim Abschluss einer Auslandsreise-Krankenversicherung besonders achten sollten

• In der Regel bieten die Versicherungen Pakete mit verschiedenen Leistungen an, vom Basisschutz bis hin zu diversen Extras wie Krankenhaus-Tagegeld oder ­Entschädigungen bei Invalidität nach ­einem Unfall.
• Für welche maximale Dauer einer Einzelreise gilt der Versicherungsschutz?
• Gilt der Schutz nur für Urlaubsreisen oder auch für andere (längere) Auslandsaufenthalte?
• Gibt es Einschränkungen bei ­bestimmten Sportarten?
• Gibt es einschränkende Bedingungen für den Rücktransport nach Deutschland? Zum Beispiel nur, wenn er medizinisch ­zwingend notwendig ist? Oder greift der Schutz bereits bei "sinn­vollen" oder "vertretbaren" ­Bedingungen?
• Manche Versicherungen ver­langen eine Selbstbeteiligung bei Arzt- und Arzneimittelkosten ­ (z. B. 50 oder 100 Euro pro ­Schadensfall)
• Gibt es Einschränkungen bei der Wahl des Arztes?
• Gibt es Einschränkungen bei der Maximaldeckung von Kosten?
• Bezahlt die Versicherung in ­bestimmten Fällen eine Sofort-Leistung? Oder müssen Sie stets in Vorleistung gehen, bevor die ­Kosten bei der Versicherung nachträglich ­geltend gemacht werden können?

INTERVIEW mit Sebastian Zimatschek

  Sebstian Zimatschek: "Im Ausland kann man nicht vom deutschen Standard ausgehen."
 	Foto: Uwe Geißler
Sebstian Zimatschek: "Im Ausland kann man nicht vom deutschen Standard ausgehen."

Sebastian Zimatschek ist Facharzt für Anästhesie und Ärztlicher Leiter des Rettungsteams bei der Schwalbe TOUR Transalp powered by Sigma

TOUR Wenn bei einer Radtour im Ausland ein Unfall passiert, was ist zu tun?
ZIMATSCHEK Sofern ein Mobiltelefon verfügbar ist, zunächst einmal die 112 wählen. Unter dieser Euro-Notruf­nummer erreicht man immer eine ­Stelle, die einem zumindest Hilfe organisieren kann. Dann die wichtigsten fünf Fakten durchgeben: Wo ist es ­passiert? Was ­ist passiert? Wie viele Personen sind verletzt? Welcher Art sind die Verletzungen? Wer bin ich, der den Unfall meldet?

Es gibt verschiedene Notfall-Apps fürs Mobiltelefon. Helfen die weiter?
Auf jeden Fall. Zum Beispiel die kosten­lose App Echo112. Sie bestimmt über den GPS-Empfänger des Handys die Position des Nutzers und sendet die Koordinaten an den Rettungsdienst. Das funktioniert auch in vielen anderen Ländern außerhalb von Deutschland.

Wenn es schnell gehen muss, kann man dann direkt einen Helikopter anfordern?
Bestellen im herkömmlichen Sinn kann den Helikopter nur ein Notarzt. Letztendlich ist es die Entscheidung des ­Disponenten in der Rettungsleitstelle, welche Mittel eingesetzt werden. ­Wichtig ist es, den Unfallhergang, die Schwere der Verletzungen und den Zustand des Verletzten gut zu beschreiben. Je klarer die Angaben, desto besser.

Wie verständigt man sich, wenn der Unfall beispielsweise in den Pyre­näen passiert und man nicht Französisch spricht?
Idealerweise natürlich schon in der jeweiligen Landessprache. Oft kommt man zwar auch mit Englisch weiter, aber in diesem Punkt gibt es durchaus Schwächen. Hier kann man nicht grundsätzlich von dem Standard ­ausgehen, den wir in Deutschland ­gewohnt sind. Mein Tipp: Stets ­beharrlich auf Englisch weiterreden. Irgendwann kapiert derjenige schon, worum es geht, oder holt einen ­Englisch sprechenden Kollegen ans Telefon. Eine gute Idee ist es auch,
je nach Reiseland einen Zettel mit den wichtigsten Sätzen für den Notfall ­vorzubereiten und mitzuführen. Zum Beispiel "Ich hatte einen Unfall und brauche Hilfe". Dann ist sofort klar, ­
um was es geht.

Haben Sie noch einen Tipp für Italien, wo deutsche Radsportler verhältnismäßig oft Urlaub machen?
Hier würde ich mir zum Beispiel die Nummer der Rettungsleitstelle in ­Bozen notieren, wo man neben Italienisch auch Deutsch spricht. Die können dann eine Rettung in die Wege leiten, selbst wenn man woanders in Italien Hilfe benötigt. Auch in anderen ­Ländern kann man vor der Reise ver­suchen, Kontaktstellen ausfindig zu ­machen, die einen verstehen.

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