GT Enduroad Grade Carbon 2015 GT Enduroad Grade Carbon 2015
Rennräder

Trend 2015: Gravel-Roadbikes

Manuel Jekel am 28.11.2014

Schwappt ein neuer Trend aus den USA nach Europa? Gravel-Road-Bikes sind eine Art Zwitter aus Cross- und Straßenrennrad und in Nordamerika angeblich der letzte Schrei. Auch bei uns gibt es inzwischen erste Modelle. Fahrbericht GT Enduroad Grade Carbon

Schuld ist das amerikanische Straßensystem. In Bundesstaaten wie Iowa, Kansas und Minnesota sind asphaltierte Nebenstraßen keineswegs selbstverständlich. Wer dort Rennrad fahren will, dem bleibt oft nur der Seitenstreifen vielbefahrener Highways. Es sei denn, er erweitert seinen Radius auf die zahllosen Farmroads, deren Belag oft aus mehr oder weniger grobkörnigem Schotter – englisch "gravel" – besteht.

Aus dieser Not machten in den letzten ­Jahren immer mehr Rennradler eine Tugend. Sogenannte Gravel Grinder, Radmarathons auf Schotterstraßen, die mitunter über Distanzen von 200 Kilometer und mehr ­führen, sind eine neue Spielart des Rennradfahrens, die besonders im Mittleren Westen der USA immer populärer wird. An großen Veran­staltungen wie dem Trans-Iowa oder dem Dirty Kanza in Kansas nehmen mehr als tausend Starter teil. Ein bisschen erinnert das an den Oldtimer-Marathon L’Eroica in der Toskana, der auch zum großen Teil über Schotterstraßen führt. Bislang bestreiten die meisten Fahrer die Schotterrennen auf klassischen Crossrädern. Doch immer öfter tauchen Räder auf, die ­extra für die Anforderungen der Gravel Grinder entwickelt wurden. Im Unterschied zu Crossrennern, die mit kurzem Radstand und tendenziell gestreckter Sitzposition für fahrtechnisch anspruchsvolle, verwinkelte Rundkurse ausgelegt sind, sitzt man auf ­Gravel-Road-Bikes entspannter, vergleichbar mit Komfort- beziehungsweise Langstreckenrennern. Ihr Radstand ist etwas länger, das Tretlager tiefer, die Reifenfreiheit geringfügig größer als beim Crossrad. Weitere Gattungsmerkmale sind Scheibenbremsen (oft in Kombination mit Steckachsen) und die Möglich­keit, Schutzbleche und Gepäckträger zu montieren.

Bald schon Mainstream?

Alles nichts Neues, mögen Skeptiker einwenden, die in den Gravel-Road-Bikes einen mit schlauem Marketing aufbereiteten Wiederaufguss der französischen ­Randonneur-Räder sehen, die schon vor mehr als ­einem halben Jahrhundert bei Paris-Brest-Paris und anderen Langstrecken-Brevets zum Einsatz kamen – ohne Scheibenbremsen allerdings. Der Hinweis ist nicht ganz falsch, aber kein ernstzunehmender Einwand gegen die neue Spezies. Waren es zunächst ­Nischenanbieter wie die US-Marke Salsa, die die Marktlücke entdeckten, springen inzwischen auch die ersten globalen Marken auf den Zug auf. Specialized präsentierte jüngst mit dem "Diverge" ein entsprechen­des Modell, ebenso die Cannondale-Schwestermarke GT, deren noch nicht ganz serienmäßiges Modell "Grade" wir hier exemplarisch zeigen. Auch die ersten europäischen Hersteller nehmen sich des Themas an. Das neue "Innissio" von Simplon ist im Grunde ein Gravel-Road-Bikes. Bis die ersten dieser Alleskönner in den Radläden stehen, wird es noch einige Monate dauern. Ein Problem muss das nicht sein, denn die Hersteller sehen das Gravel-Road-Bikes  anders als die Crossräder nicht primär als Sportgerät für Herbst und Winter, sondern als Ganzjahresräder.

FAHRBERICHT GT Enduroad Grade Carbon

Preis 2.199 Euro
Gewicht 8,9 Kilo
Erhältlich im Fachhandel

Bezug/Info  www.gtbicycles.com  

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager  1.101/569/80 g  
Rahmengrößen  51, 53, 55, 56, 58, 60 cm  
Sitz-/Lenkwinkel  73°/71°  
Sitz-/Ober-/Steuerrohr  555/550/164 mm plus 15 mm Steuersatzkappe  
Radstand/Nachlauf  1.025/69 mm  
Stack/Reach/STR  580/375 mm/1,55

Ausstattung

Lenklager  FSA, oben 1-1/8, unten 1-1/4 Zoll  
Bremsen (Disc-Ø v./h.)   Avid BB7 (160/160 mm)  
Schaltung/Tretlager  Shimano 105 (52/36 Z.; BB30)  
Laufräder/Reifen  Naben  Formula;
Felgen  Stan’s No Tubes/Continental Sport-Race 28  
Lenker/Vorbau  GT/GT  
Sattel/-stütze  Fizik Aliante/FSA SL-K (27,2 mm)

Sitzstreben kreuzen das Sattelrohr und enden am Oberrohr. Ein Design, das nicht von ungefähr an den Mountainbike-Klassiker GT Zaskar erinnert. Nicht nur die Form macht das Grade zur ungewöhnlichen Erscheinung. Sitzstreben aus Glasfaserstäben sollen den Rahmen vertikal nachgiebig machen. Eine Idee, die jüngst mit einem Eurobike-Award belohnt wurde. Tatsächlich bietet das Rad am Heck sänftengleichen Federkomfort, was neben dem Hinterbau auch den 28-Millimeter-Slicks zu verdanken ist. Die sind – Folge des breiten Felgenbetts – de facto sogar 31 Millimeter breit. Die Sitzposition fällt für Rennradverhältnisse kommod aus. Die Kombination aus langem Radstand und flachem Lenkwinkel verleitet zum entspannten Cruisen – was nicht heißt, dass man das Grade nicht schnell fahren könnte. Dem Einsatzgebiet Schotterstrecke kommt diese Auslegung entgegen, denn sie eliminiert jede Nervosität im Fahrwerk. Das Shimano-105-Getriebe bietet mit 52/36 Zähnen vorn und 11 bis 32 Zähnen hinten ein riesiges Gänge-Spektrum, mit dem sich auch mal ein längerer Schotteranstieg bezwingen lässt. Originell ist der an den Enden breiter werdende Rennlenker, der auch auf losem Untergrund gute Kontrolle erlaubt.

Manuel Jekel am 28.11.2014