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Test 2021: Marathonräder für 3.500 bis 4.000 Euro

Marathonräder - Rennräder für Straße, Schotter und Kopfsteinpflaster

Julian Schultz am 23.07.2021

Ob auf der Straße, breiten Schotterwegen oder ruppigem Kopfsteinpflaster: Aktuelle Marathonrenner fühlen sich auf fast jedem Untergrund wohl. Dennoch haftet den komfortorientierten Rädern ein etwas verstaubtes Image an. Zu Unrecht, wie unser Test von sechs Endurance-Modellen zeigt

Es gibt sie nach wie vor – die fragenden und teils mitleidigen Blicke anderer Radfahrer. Bei unseren Testfahrten durch das Altmühltal im Herzen Bayerns ist das nicht anders. „Mit dem Rennrad auf einem Schotterweg? Der hat sich wohl verfahren“, scheinen die Mienen der entgegenkommenden Pedaleure – meist auf schweren E-Mountainbikes unterwegs – zu sagen. Offenbar fremdeln viele immer noch damit, wenn sie abseits asphaltierter Wege ein Radler mit sportlicher Sitzposition und vergleichsweise schmalen Reifen passiert. Dabei gibt es neben Gravelbikes oder Cyclocrossern längst eine weitere Gattung, die sich auf vermeintlich fremdem Terrain wohlfühlt und ein breites Einsatzspektrum abdeckt: Marathon- oder Endurance-Räder, wie sie bei vielen Herstellern heißen. In unserem Test stellen wir sechs Modelle zwischen 3.500 und 4.000 Euro auf die Probe. Auf glattem Asphalt, breiten Schotterwegen und rüttelnden Kopfsteinpflaster-Abschnitten sollen die Renner zeigen, wie vielseitig sie sind.

Angestaubtes Image?

Es mag sein, dass das Marathonrad in der jüngeren Vergangenheit ein wenig aus dem Blickfeld geraten ist: Von großen Innovationen oder bahnbrechenden Neuheiten hört man eher, wenn es um aerodynamisch ausgefeilte Wettkampfrenner oder Gravelbikes geht. Viele Marathonräder werden hingegen eher modellgepflegt und behutsam weiterentwickelt – was man im Sinne größerer Nachhaltigkeit durchaus gut finden kann. Beste Beispiele sind die Vorreiter in diesem Segment: das Specialized Roubaix und das Trek Domane. Zwar präsentierten beide Hersteller 2020 je ein neues Modell, beschränkten sich dabei aber auf Weiterentwicklungen. Dass ein Federungssystem wie bei Specialized statt Futureshock nun Futureshock 2.0 heißt, vermittelt dem durchschnittlichen Rennradler jedenfalls nicht gleich das schlechte Gefühl, ein veraltetes Rad zu besitzen.

Andererseits belohnt es der Markt, dass viele Hersteller sich in jüngerer Vergangenheit auf die Entwicklung ihrer Aero- und Gravel-Modelle konzentrieren: „Die Segmente, in denen Erlebnis vor Performance steht, sind aktuell sehr beliebt bei unseren Zielgruppen“, sagt Gillian Rübsteck, Marken-Managerin bei Cervélo, über den Gravel-Boom. Ähnlich äußert sich Anatol Sostmann von Rose, der die Marke und Produkte verantwortet: „Endurance-Räder können nicht mit der Sexiness von Wettkampfrädern oder der Abenteuerlust von Gravelbikes mithalten“, stellt er fest. „Ich behaupte aber, dass für einen Großteil das Marathonrad immer noch die beste Wahl ist, wenn es um die üblichen Distanzen zwischen 60 und 100 Kilometern geht.“ Gleichzeitig gehen einige Hersteller davon aus, dass das Gravelbike das herkömmliche Rennrad, gemessen an den Verkaufszahlen in den kommenden Jahren, ablösen wird. Bei Rose sei das laut Sostmann schon heute der Fall.

Sportlich, schnell und komfortabel

Aktuelle Endurance-Modelle stehen den „Schotterrädern“ in ihrer Vielseitigkeit allerdings kaum nach. Sie fühlen sich auf fast jedem Untergrund wohl und punkten mit hohem Komfort. Marathonrenner seien für alle geeignet, „die ein sportliches, leichtes, schnelles und komfortables Rad suchen“, wirbt deshalb auch Sebastian Jadczak, Rennrad-Entwicklungsleiter bei Canyon. Anders als Rose verzeichnet der Hersteller aus Koblenz im Endurance-Bereich eine große Nachfrage. „Im südeuropäischen Raum ist die Nachfrage nach Rennrädern mit sportlicher Ausrichtung aber wiederum anteilig etwas höher. In den USA dominieren Endurance-Rennräder mit großem Abstand“, ordnet Jadczak ein.

Vielseitigkeit als Trumpf

Ein wesentlicher Faktor für ein komfortables Rad ist die Sitzposition. In unserem Vergleichstest sitzt man mit Ausnahme des BMC auf allen Modellen relativ aufrecht. Die Stack-to-Reach-Werte, die das Verhältnis von Rahmenhöhe zu -länge angeben, reichen von rennmäßigen 1,47 (BMC) bis zu sehr komfortablen 1,57 (Look). Dieser Unterschied mag in der Theorie klein erscheinen, macht sich in der Praxis aber deutlich bemerkbar. Während wir Nacken und Rücken auf dem BMC wegen der gestreckten Haltung durchaus spürten, hatten wir auf den anderen Rennern kaum Ermüdungserscheinungen. Stundenlanges Rollen – unsere Testfahrten dauerten je knapp drei Stunden – ist demnach beschwerdefrei möglich.

Das wohlwollende Fahrverhalten wird zusätzlich und ganz entscheidend durch die breiten Reifen begünstigt. Ein Trend, der sich in den vergangenen Jahren nicht nur an Marathonrennern, sondern auch an Wettkampfmodellen erkennen lässt. Schließlich federn breite Pneus durch ihre größere Auflagefäche zum Untergrund und der Möglichkeit eines geringeren Luftdrucks bekanntlich besser (siehe Kasten rechte Seite). An unseren Testrädern waren serienmäßig 28 und 30 Millimeter breite Reifen montiert – das ist inzwischen Standard. Doch die Grenzen lösen sich auf, wie das Look mit einer maximal möglichen Reifenbreite von 42 Millimetern zeigt. Das ragt schon weit in den Bereich vieler aktueller Gravelbikes. Auch mit den 30 Millimeter breiten Serien-Pneus rollt das 765 Optimum+ unaufgeregt über unebene Pisten.

Ausgeklügelte Federsysteme wie bei Specializeds Roubaix oder dem Trek Domane sucht man in der Preisklasse zwischen 3.500 und 4.000 Euro zwar vergeblich. Tiefliegende und integrierte Sattelklemmungen wie bei Canyon und Rose verbessern den Komfort aber, da sich dadurch der Flex der Stütze erhöht. Die langen Radstände um 1.000 Millimeter wirken sich positiv auf die Laufruhe aus. Vor allem das BMC und das Look lassen sich wie an der Schnur gezogen fahren. Praktische Zusätze wie Montagevorrichtungen für Schutzbleche (Cervélo, Felt) oder Oberrohrtaschen (BMC, Cervélo, Felt) machen moderne Marathonrenner fit für viele Arten von Rad-Abenteuern.

Einfalt in der Vielfalt

So vielfältig unsere Endurance-Testräder auch einsatzbar sind, so einfältig sind sie ausgestattet. Alle Modelle kommen mit Shimanos Ultegra-Komponenten, Canyon und Rose bieten als Versandhändler immerhin die elektrisch betriebene Di2-Version an. Obwohl SRAM kürzlich die neue Rival-Funkschaltung zum attraktiven Preis vorstellte, sucht man nach der Komponentengruppe in dieser Preiskategorie (noch) vergeblich. Ein weiteres Manko sind die teils hohen Gesamtgewichte der Räder. Vor allem das Cervélo und das Look (beide 8,7 Kilogramm) fühlen sich auf der Straße ein wenig träge an. Doch Allrounder müssen vielleicht auch nicht alles können.

Fazit:

Das Rennrad spezialisiert sich immer mehr, vom hochgezüchteten Aero-Boliden bis zum geländegängigen Gravelbike. Solide Allrounder, wie die Marathonräder in diesem Test, stellen da eine willkommene Abwechslung dar: Denn dank komfortorientierter Rahmen, viel Platz für breite Reifen und praktischer Zusatzfunktionen sind sie äußerst vielseitig. Unsere Testräder aus der preislichen Mittelklasse unterscheiden sich nur in Nuancen.

Die seche Marathon-Rennräder im Test:

BMC_4

BMC Roadmachine 3

BMC Roadmachine Three

Preis: 3.499 Euro >> z.B. bei Liquid Life* oder Fahrrad XXL*

Gewicht: 8,3 Kilo

Rahmengrößen: 47, 51, 54, 56, 58, 61

Antrieb: Shimano Ultegra (50/34, 11-32 Z.)

Schaltung: Shimano Ultegra

Bremsen: Shimano Ultegra (160/140 mm)

Laufräder/Reifen:  Shimano RS370/Vittoria Rubino 28 mm

Canyon_7

Canyon Endurace CF SL Disc 8.0 Di2

CANYON Endurace CF SL Disc 8.0 Di2

Preis: 3.599 Euro

Gewicht: 7,9 Kilo

Rahmengrößen: XXS, XS, S, M, L, XL, XXL

Antrieb: Shimano Ultegra (52/36, 11-34 Z.)

Schaltung: Shimano Ultegra Di2

Bremsen: Shimano Ultegra (160/160 mm)

Laufräder/Reifen: DT Swiss E 1800 Spline/Continental Grand Prix 5000 28 mm

Cervelo_4

Cervélo Caledonia Ultegra

CERVÉLO Caledonia Ultegra

Preis: 3.799 Euro

Gewicht: 8,7 Kilo

Rahmengrößen: 48, 51, 54, 56, 58, 61

Antrieb: Shimano Ultegra (52/36, 11-34 Z.)

Schaltung: Shimano Ultegra

Bremsen: Shimano Ultegra (160/160 mm)

Laufräder/Reifen: DT Swiss E 1800 Spline/Vittoria Zaffiro Pro 30 mm

Felt_3

Felt VR Performane Ultegra

FELT VR Performance Ultegra

Preis: 3.999 Euro

Gewicht: 8,2 Kilo

Rahmengrößen: 43, 47, 51, 54, 56, 58, 61

Antrieb: Shimano Ultegra (50/34, 11-34 Z.)

Schaltung: Shimano Ultegra

Bremsen: Shimano Ultegra (160/140 mm)

Laufräder/Reifen: Reynolds AR 29C/Schwalbe One Performance 30 mm

Look_4

Look 765 Optimum+

LOOK 765 Optimum+

Preis: 3.699 Euro

Gewicht: 8,7 Kilo

Rahmengrößen: XS, S, M, L, XL

Antrieb: Shimano Ultegra (50/34, 11-32 Z.)

Schaltung: Shimano Ultegra (50/34, 11-32 Z.)

Bremsen: Shimano Ultegra (160/140 mm)

Laufräder/Reifen: Shimano WH-RS 370 TL/Hutchinson Fusion 5 Storm 30 mm

Rose_5

Rose Reveal Four Disc Ultegra Di2

ROSE Reveal Four Disc Ultegra Di2

Preis: 3.899 Euro >> z.B. hier erhältlich*

Gewicht: 8,0 Kilo

Rahmengrößen: 50, 53, 55, 57, 59, 61, 64

Antrieb: Shimano Ultegra (50/34, 11.34 Z.)

Schaltung: Shimano Ultegra Di2

Bremsen: Shimano Ultegra (160/160 mm)

Laufräder/Reifen: Rose R Thirty Light/Continental Grand Prix 5000 28 mm

Der richtige Reifendruck für das Marathonrad

  1. Welche Reifenbreite ist bei Endurance-Modellen inzwischen Standard?

Wie sich die Zeiten ändern. In TOUR 6/2018 spekulierten wir noch, dass auf Marathonrädern "28 Millimeter breite Reifen über kurz oder lang wohl zum Standard" werden. Inzwischen lässt sich festhalten, dass die Pneus auf Endurance-Modellen noch breiter sind. Drei unserer sechs Testräder waren mit 30 Millimeter breiten Reifen ausgestattet, maximal sind sogar bis zu 42 Millimeter möglich.

  1. Gibt es eine Faustformel für den richtigen Reifendruck?

Je breiter der Reifen, desto größer ist der Komfort. Denn durch das größere Volumen kann der Luftdruck entsprechend gesenkt werden. Die Pneus federn damit nicht nur Unebenheiten besser ab, sondern sind auch weniger anfällig für Pannen. Ein Bar weniger Luftdruck bedeutet etwa einen Millimeter mehr Federweg. Das hört sich nach wenig an, kann aber schon ausreichen, um mit spürbar weniger Gerüttel über raue Straßenbeläge, Forstwege oder Kopfsteinpflasterpassasgen zu rollen.

  1. Welche Faktoren neben der Reifenbreite und dem Untergrund spielen noch eine Rolle?

Vor allem das Systemgewicht (Fahrer und Rad) ist entscheidend. Liegt dieses bei 80 Kilogramm, ist mit 28 Millimeter breiten Schlauchreifen ein Druck von 5,5 Bar völlig ausreichend. Bei 15 Kilogramm weniger oder mehr sollte der Reifendruck um etwa 0,5 Bar gesenkt/erhöht werden. Wer viel auf Schotter oder Kopfsteinpflaster unterwegs ist, kann den Reifendruck nochmals um knapp 0,5 Bar reduzieren. Tipp: Seien Sie experimentierfreudig und probieren Sie während ihrer Ausfahrten unterschiedliche Reifendrücke aus – Arme, Rücken und Hintern werden es Ihnen danken.

  1. Ermöglichen Tubeless-Reifen mehr Komfort?

Ganz klar: ja! Der Reifendruck kann nochmals um mindestens ein Bar gesenkt werden, ohne dass der Rollwiderstand nennenswert zunimmt. Zudem sinkt die Durchschlagsgefahr.

Neben dem Untergrund beeinflussen Reifenbreite, Systemgewicht und persönliche Präferenzen den passenden Reifendruck

Den vollständigen Test mit detaillierten Noten und Messwerten von Gewicht, Steifigkeit und Ausstattung finden Sie unten zum Download für 1,99 Euro.

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Julian Schultz am 23.07.2021
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