Test 2016: Rennräder um 2.000 Euro Test 2016: Rennräder um 2.000 Euro

Test 2016: Rennräder um 2000 Euro

Moderne Klassiker: 2000 Euro Rennräder im Test

Jens Klötzer am 30.11.2015

Vor lauter Nischenmodellen wirkt eine Spezies wie vergessen: Das klassische Rennrad. Zehn neue Räder um 2.000 Euro TOUR-Test.

Aero-Maschinen, Ultraleicht-Rahmen, Marathon-Renner, Gravel-Bikes: Die Auffächerung des Rennradmarktes scheint unaufhaltsam, mancher empfindet das schon als reichlich unübersichtlich. Angesichts der Berichte über die Neuheiten der vergangenen Monate fragt sich der eine oder andere: Gibt es überhaupt noch "ganz normale" Rennräder, noch dazu bezahlbare? Solche mit sportlicher Sitzposition und agilem Fahrverhalten, runden Rahmenrohren und Alu-Felgen, ohne die neuesten und möglicherweise empfindlichen Gimmicks wie Elektroschaltungen, Tubeless-Reifen oder hydraulische Scheibenbremsen? Und wenn es sie gibt – stecken die Hersteller auch noch Entwicklungsarbeit in diese Normalverdiener-Kategorie? Zehn sportlich ausgerichtete Flitzer um 2.000 Euro, allesamt neue Modelle für 2016, sollen im TOUR-Test in Ausgabe 11/2015 Aufschluss geben. Vertreten sind nur Fachhandelsmarken, auch deshalb, weil die einschlägigen Versandhändler keine neuen Modelle in diesem Preisbereich bieten. Auch wenn der Durchschnittspreis der zuletzt gekauften Rennräder nach unserer Leserbefragung um einige hundert Euro höher liegt (aktuell 2.782 Euro), markiert diese "Ultegra-Klasse" seit Jahren die beliebteste Rennrad-Kategorie, bietet sie doch in der Regel moderne Technik – Carbon- oder hochwertige Alu-Rahmen, Elffach-Schaltungen der aktuellen Generation, dazu solide Qualität bei Vorbau, Lenker und Sattelstütze – zum günstigen Preis. 

Den gesamten Artikel und die Testergebnisse dieser Modelle finden Sie unten als PDF-Download:

• BH Quartz Ultegra
• Cannondale CAAD12 Ultegra
• Eddy Merckx Blockhaus 67
• Fuji SL 2.3
• Ghost Nivolet LC Tour 4
• Giant TCR Advanced Ltd
• KTM Revelator 4000
• Lapierre Xelius SL 500
• Specialized Allez DSW SL Expert
• Trek Emonda ALR 6

Fotostrecke: Test 2016: Rennräder um 2.000 Euro

Eine Überraschung ist, dass vier der Test­räder auf einem Aluminiumrahmen aufbauen: die großen US-amerikanischen Marken Cannondale, Specialized und Trek sowie das Rad von Eddy Merckx. Über die vergangenen Jahre schienen sich Carbonrahmen in fast allen Preisbereichen durchzusetzen, selbst den Markt der Einsteiger-Rennräder unter 1.500 Euro erobert der Werkstoff. Aber: Totgesagte leben länger – ein abgedroschener Spruch, der auf den Alu-Rennradrahmen zutrifft. Cannondale läutete die kleine Renaissance vor fünf Jahren mit dem CAAD10 ein, der gefeierte und überaus erfolgreiche Alu-Rahmen war mit einem Gewicht von weniger als 1.200 Gramm in mittlerer Größe den meisten Mittelklasse-­Carbonrahmen ebenbürtig – und dabei deutlich günstiger.

ALU BLEIBT EINE ALTERNATIVE

Sein Nachfolger CAAD12 stellt sich jetzt erstmals unserem Test. Das Specialized Allez ist seit 2012 auf dem Markt, auch Trek zieht nun mit einer Alu-Variante des Émonda nach. Bei den technischen Werten nehmen sich die Materialien in dieser Preisklasse nicht viel, tendenziell sind die Alu-Rahmen geringfügig schwerer als die Carbonrahmen. Dank neuer Hydroforming-Verfahren und ausgefuchster Schweißtechniken kann man die sehr individuell geformten Alu-Rahmen von den Carbonrahmen kaum unterscheiden. Der Vorteil liegt vor allem im Preis: Die Herstellung bleibt trotz des Entwicklungsaufwandes weiterhin deutlich günstiger. Nur so schaffen es die eigentlich hochpreisigen ­Marken, konkurrenzfähige Ausstattungen zu bieten, um auch gegen preisaggressivere Marken wie Giant oder Fuji zu bestehen. Die besten Rahmen in diesem Test kommen von Ghost, die einen ungewöhnlich hochwertigen Carbonrahmen ins Rennen schicken, sowie von Cannondale, Giant und Fuji.

Für das Ausstattungsniveau hat sich auch außerhalb der TOUR-Redaktion der Begriff "Ultegra-Klasse" etabliert, denn Shimano hat in diesem Preisbereich fast ein Monopol. Campagnolo und SRAM sind – zumindest bei Serienkompletträdern – weit­gehend aus diesem Markt verdrängt. Das liegt nicht nur am geringeren Bekanntheitsgrad oder am schlechteren Image der Gruppen beim Kunden, sondern – glaubt man den Aussagen der Radhersteller – auch an der Preispolitik der Komponentenhersteller; Campa und SRAM sind den Rad-Fabrikanten im Vergleich zu Shimano schlicht zu teuer. Hat eine Marke überhaupt ein Modell mit SRAM Force oder Campagnolo Athena im Programm – diese beiden Gruppen gelten per Definition ihrer Hersteller als Ultegra-Konkurrenten – so ist das meistens deutlich teurer als ein vergleichbares Rad mit Shimano. Kein Wunder, dass scharf kalkulierende Fahrradkäufer da eher zum japanischen Produkt greifen, zumal Shimano auch in technischer Hinsicht spitze ist. Dass unsere zehn Testräder alle mit Shimano ausgestattet sind, spricht jedenfalls eine deutliche Sprache.

TEURE SCHALTUNG, BILLIGE LAUFRÄDER

Allerdings: Acht der Räder sind mit Ultegra-Gruppe ausgestattet, an Eddy Merckx und Lapierre ist die funktional gleichwertige, aber deutlich schwerere und günstigere 105-Gruppe montiert. Das Merckx ist als günstigstes Rad im Test für 1.799 Euro dennoch ein fair kalkuliertes Angebot. Lapierre zollt hingegen dem aufwendig gefertigten Carbonrahmen Tribut – an einem mehr als 2.000 Euro teuren Rad ist eine 105-Gruppe ein unterdurchschnittliches Angebot. Wie immer ist genaues Hinschauen angebracht, wenn statt klassenüblicher Komponenten hier und da günstigere Teile verbaut werden, um Geld zu sparen. Im günstigsten Fall schlägt das nur aufs Gewicht, ohne funk­tionale Einbußen – wie bei den 105-Bremsen am Fuji oder der alternativen Kurbel von PraxisWorks am Specialized. Die FSA-­Gossamer-Kurbel am BH dagegen ist nicht nur schwer, sondern schaltet in der Kombination mit dem Shimano-Antrieb auch nicht ganz so präzise. Auffällig ist, dass an fast ­allen Rädern vergleichsweise schwere und einfache Laufräder montiert sind. Einzig am Ghost und am Trek finden sich Laufräder, die in Qualität und Gewicht einem Ultegra-Rad angemessen sind. Positiv formuliert: Bei allen anderen bieten die Laufräder viel Potenzial, das Rad zu tunen.

Dennoch: Keines der Räder ist eine Mogelpackung. Der Testsieger Ghost prescht mit einem konkurrenzlosen Kampfpreis vorne weg – es ist das beste Angebot, sofern das Rad passt und gefällt. Aber auch alle anderen Testräder verdienen sich ein "Gut", was sich in Noten zwischen 1,9 und 2,5 ausdrückt.

Ob Alu oder Carbon, 105 oder Ultegra: Fahrspaß und uneingeschränkte Alltagstauglichkeit haben alle Räder eingebaut. Kaufen kann man, was passt und gefällt. Die Unterschiede liegen in Feinheiten, die für unsere wesentliche Erkenntnis aus diesem Test nicht wirklich wichtig sind: Wie herrlich unkompliziert so ein Rennrad doch sein kann.

TOUR Titel 11/2015

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Jens Klötzer am 30.11.2015
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