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Test 2015: Aluminium-Räder mit Shimano 105

Test 2015: Aluminium-Räder mit Shimano 105

Manuel Jekel am 23.12.2014

Die starke Nachfrage nach Carbonrahmen setzt die Hersteller von Alu-Rahmen immer stärker unter Druck. Doch es gibt noch gute Gründe, sich für das Leichtmetall zu entscheiden. Das zeigt unser Test mit elf Alu-Rennrädern, die Shimanos neue 105-Gruppe tragen.

Droht dem Rennradrahmen aus Aluminium ein ähnliches Schicksal wie einst dem Stahlrahmen? Mehr als ein Jahrhundert lang war Stahl der Stoff, aus dem Rennradrahmen ­gebaut wurden – bis in den 1980er-Jahren
die ersten konkurrenzfähigen Alu-Rahmen auftauchten. Zunächst als "Cola-Dosen" ­verspottet, dauerte es keine zehn Jahre, bis sie Stahlrahmen fast vollständig verdrängt hatten. Heute wollen nur noch traditions­bewusste Liebhaber einen Rahmen aus Stahl. Eine Entwicklung, die mancher Branchen-Kenner inzwischen auch dem Alu-Rahmen prophezeit. Wer sich Ende August auf der weltweit wichtigsten Fahrradmesse Eurobike umgeschaut hat, dem konnte nicht entgehen, dass immer weniger – und fast nur noch ­günstige – Rennräder mit den Leichtmetall-Rahmen angeboten werden.

Fotostrecke: Test 2015: Aluminium-Räder mit Shimano 105

Das PDF  mit dem gesamten Testbericht finden Sie unten als PDF-Download.

Kampfpreise für Carbon-Renner

Das liegt – unter anderem – daran, dass Rennräder mit vergleichbar guten Carbonrahmen für immer weniger Geld zu haben sind. Ein prominentes Beispiel: 1.299 Euro verlangt ein Hersteller wie Cube für sein ­aktuelles Carbonrad Agree GTX Pro mit kompletter Shimano-105-Gruppe. Ein Kampfpreis, der noch vor wenigen Jahren unmöglich gewesen wäre.

Lange Zeit galt, dass ein qualitativ guter ­Carbonrahmen deutlich teurer sein muss als ein vergleichbarer Alu-Rahmen. Das lag vor allem an der aufwendigen Fertigung fast ausschließlich in Handarbeit. Zudem galt Carbon als knapper Werkstoff, dessen Weltmarktpreis von den wenigen Herstellern gezielt hoch gehalten wurde. Rennradkäufer bekamen deshalb in der Regel mehr Rad fürs Geld, wenn ein Alu-Rahmen die Basis bildete; denn dann blieb mehr für die Ausstattung übrig. Unterm Strich waren Alu-Renner daher bei gleichem Komplettpreis technisch meist besser als Carbon-Modelle. Inzwischen gibt es aber immer mehr Carbon­räder, die mit vergleichbar guten Rahmen und ähnlichen Ausstattungen wie die Alu-Räder antreten und trotzdem kaum teurer sind. Immer mehr Faserhersteller drängen auf den Markt, die Rohstoffkosten sinken ebenso wie – dank gestiegenem Fertigungs-Know-how – die Kosten für den Formenbau. ­ Da zudem in Fernost – nicht nur in China, sondern immer mehr auch in Vietnam und Kambodscha – enorme Produktionskapazitäten aufgebaut wurden, die es erlauben, ­immer günstiger zu fertigen, fallen die Preise für Carbonrahmen zwangsläufig. 

Als Anhänger des leichten und robusten Werkstoffs Aluminium kann man dieser Entwicklung nur mehr oder weniger tatenlos zusehen. Technisch gilt Alu als weitgehend ausgereizt. Einen letzten Entwicklungsschub ermöglichte vor einigen Jahren die Einführung von Legierungen wie der Sorte 6069, die etwa Cannondale bei seinem Modell CAAD10 verwendet. Rahmengewichte zwischen 1.200 und 1.300 Gramm in mittlerer Größe sind damit möglich, doch leichter wird es kaum noch gehen. Branchen-Insider Volker Dohrmann, Marken-Manager beim Hamburger Hersteller Stevens, verweist darauf, dass es selbst in Asien immer weniger Rahmen­hersteller gibt, die solche anspruchsvollen Legierungen verarbeiten können.

Argumente für Alu

Ganz ähnlich sieht es auch Michael Kaiser, Entwicklungs-Chef beim Koblenzer Her­steller Canyon: "Das Vertrauen in Carbon als Rahmenmaterial hat zugenommen, ­zudem ist die Qualität auch preiswerter Carbonrahmen zuletzt deutlich gestiegen. Das macht es ­immer schwieriger, Argumente für Alu-­Rahmen zu finden." Laut Kaiser liegt der deutsche Rennradmarkt bei dieser Entwicklung sogar hinter anderen Märkten zurück. "In Deutschland ist das Kaufverhalten stärker vernunftgeprägt. Hier schauen die Käufer eher, welches das beste Gesamtpaket aus Ausstattung und Rahmen für sie ist." In an­deren Märkten, etwa in Südeuropa, würden die Kunden dagegen oft emotio­naler entscheiden. Hier falle die Wahl selbst im günstigen Bereich bereits sehr viel häufiger auf Carbon, ­berichtet Kaiser.

Auch wenn der Trend zum Carbonrahmen anhalten dürfte: Zum Abgesang auf Alu-Rahmen besteht derzeit kein Anlass. So radikal kalkulierte Carbonmodelle wie das von Cube sind bisher immer noch die Ausnahme. Noch können Alu-Modelle ihren Preis-Leistungs-Vorteil halten. Und es gibt ­weiterhin Hersteller, die glauben, dass dies noch eine Weile so bleibt. Dazu zählt die US-Marke Cannondale, die 2010 mit dem schon erwähnten CAAD10 ein kleines Alu-Revival eingeläutet hatte.

Grundsätzlich gelten für Aluminiumrahmen neben dem günstigeren Preis weiterhin die altbekannten Argumente. Bei Gewichten zwischen 1.300 und 1.500 Gramm sind die Rahmen in der Regel sehr robust, was nicht nur Vielfahrer freut, sondern all jene, die ihr Rad öfter mal mit dem Auto oder Flugzeug transportieren. Zudem müssen sich Fahrer von Alu-Rahmen kaum über zu geringe Fahrstabilität sorgen. Alle elf Testräder liegen auf sehr hohem Niveau und sind damit eine Empfehlung auch für sehr schwere Fahrer. Eine Option bleiben Alu-Rahmen auch für große Fahrer. Carbonrahmen werden nur selten in Größen über 60 Zentimeter ange­boten. Einige Alu-Rahmen, in diesem Test die Modelle von Canyon, Koga und Rose, werden dagegen bis Rahmengröße 65 beziehungsweise 66 gebaut.   

Kaufanreiz Shimano 105

Eine deutliche Aufwertung erfahren Rennräder bis 1.500 Euro in der kommenden ­Saison durch die neue 105-Gruppe von Shimano. Die Nummer drei in der Hierarchie des japanischen Komponentenherstellers zeigt nun die gleichen Funktionsmerkmale wie die teureren Kombos Dura-Ace und ­Ultegra, allerdings bei deutlich günstigerem Preis. Der Abstand zwischen einem 105-Modell und ­einem ansonsten gleich ausgestatteten ­Ultegra-Rad beträgt je nach Hersteller­kalkulation zwischen 300 und 400 Euro. Funktional jedoch sind zwischen Ultegra und 105 zumindest im Neuzustand keine Unterschiede festzustellen. Die Griffe liegen gleich gut in der Hand, die Schaltung ar­beitet genauso präzise, die Bremsen packen ähnlich kräftig und dabei feinfühlig zu. ­Zudem wirkt die 105 optisch hochwertig und keineswegs wie ein Sparangebot. Für scharfe Rechner folgt daraus: Wer möglichst viel Rennrad für sein Geld haben möchte, für den sind Alu-Räder mit 105-­Ausstattung auch in der kommenden Saison noch eine naheliegende Wahl. Die Betonung liegt allerdings auf "noch". 

Die Testergebnisse dieser Aluminium-Räder mit Shimano 105 im Vergleich finden Sie unten als PDF-Download:

• Cannondale CAAD10 105
• Canyon Endurace AL 6.0
• Contoura Quota Ace
• Corratec Corones 11
• Koga Kimera Road AL 105
• Radon R1 4.0
• Rose Pro SL-2000
• Specialized Allez Comp
• Stevens Stelvio
• Storck Visioner
• Votec VR Comp

Manuel Jekel am 23.12.2014
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