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So finden Sie das passende Gravelbike

Gravelbike kaufen: die besten Tipps

Jens Klötzer am 27.11.2019

Breitere Reifen, mehr Komfort, mehr Gepäck-Optionen und eine aufrechte Sitzposition: Gravelbikes definieren das Rennrad neu. TOUR checkt die wichtigsten Gravel-Trends.

Das Gravelbike ist einer der erfolgreichsten Fahrradtrends der vergangenen Jahre. Die junge Gattung trifft offenbar den Nerv vieler Radfahrer, die sportlich unterwegs sein wollen, sich dabei aber nicht auf befestigte Straßen oder grobes Gelände, sprich auf ein Rennrad oder ein Mountainbike festlegen wollen. Immer mehr Hersteller springen auf den Zug auf und präsentieren neue Variationen und Innovationen, um sich von der größer werdenden Konkurrenz abzuheben. Aber welche Entwicklungen sind für Rennradfahrer wirklich entscheidend? Wir haben die sieben Top-Trends aktueller Gravelbikes geprüft:

Das Testfeld mit Hersteller-UVP:

Cannondale Topstone Carbon Ultegra RX* 3.799 Euro
Cervélo ASpero Apex 1 2.999 Euro
Liteville 4-One MK1 6.640 Euro
Open Wi.De 3.200 Euro (Rahmen-Set)
Salsa Warroad Ultegra 700 4.999 Euro

Fotostrecke: Gravelbikes 2020

Die Gravel-Trends 2020

1. Reifenbreite

„Mit 650B-Mountainbike-Reifen bis zu 2,4 Zoll Breite sind furchige Singletrails, rutschige Wurzeln oder lose Steine keine Herausforderung.“ Das verspricht der Hersteller Open für das extrem bereifte Wi.De (Bild). Die Idee: Die kleineren Laufräder schaffen im Rahmen Platz für Reifen, die mehr als 42 Millimeter breit und damit deutlich voluminöser sein können – und Reifenvolumen ist ein Schlüssel für mehr Komfort und Traktion auf losem und weichem Untergrund. Wenn unterschiedlich große Laufräder in einen Rahmen passen, lassen sich viele Szenarien mit einem Rad abdecken. Auch Cannondale, Cervélo oder Salsa haben für ihre neuen Gravelbikes vorgesehen, dass man anstelle der 28-Zoll-Felgen kleinere Laufräder mit dickeren Pneus montieren kann. 3T oder Rondo bieten diese Mögichkeit bei ihren Rädern bereits seit Längerem an.

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Was bringt’s?

Die größere Freiheit bei der Reifenwahl macht das Gravelbike tatsächlich vielseitiger, denn die Reifen bestimmen maßgeblich, auf welchem Untergrund sich das Rad wohlfühlt. Wer auch Mountainbike-Reifen in sein Rennrad bauen kann, braucht unter Umständen kein zusätzliches Mountainbike mehr, um auch mal gröbere Pfade zu entdecken, sondern lediglich einen zweiten Laufradsatz. Mit Zweifach-Kurbel sind dann bis zu 2,1 Zoll breite Reifen möglich, das entspricht gut 53 Millimetern und ergibt gegenüber den 28-Zoll-Reifen ein völlig anderes Fahrgefühl.

Für wen?

Für Fahrer, die ein Rad für viele Gelegenheiten suchen und zumindest zeitweise gerne mehr auf unbefestigtem Terrain unterwegs sind.

2. Federung

Hersteller wie Cannondale (Bild) und Trek verbinden Rahmenrohre drehbar, damit sie besser flexen können; andere integrieren Elastomerdämpfer in den Hinterbau (z. B. BMC) oder verwenden schlicht besonders nachgiebige Sattelstützen und Sitzstreben. Einfache, minimalistische Federungskonzepte sind an Marathon-Rennrädern längst ein Trend, auch bei Gravelbikes sehen viele Hersteller Potenzial. Das Ziel: Mehr Flex am Sattel soll den Komfort erhöhen und im Gelände eine bessere Kontrolle über das Rad bieten.

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Was bringt’s?

Von Fahrwerken, wie man sie von Mountainbikes kennt, sind die minimalistischen Federungen weit entfernt. Um gröbere Schläge abzuschwächen, fehlt es an Federweg und Dämpfung. Deshalb wirken sie vor allem, wenn man – vielleicht gar mit schmaleren Reifen und höherem Reifendruck – auf der Straße fährt und die Unebenheiten klein, aber hochfrequent sind. Breite Geländepneus mit entsprechend niedrigem Reifendruck überlagern meist den Komforteindruck der Federungen. Immerhin sind die Systeme robust, relativ leicht und sie haben kaum Nachteile. Zusätzliche Lagerungen (Trek, Cannondale) können aber mögliche Schwachstellen sein.

Für wen?

Wenn das Rad als Allzweckvehikel dient und auch längere Touren auf der Straße geplant sind, können die einfache Federungen sinnvoll sein. Wer ein möglichst einfach gestricktes Rad sucht, an dem nicht viel kaputtgehen kann, und zudem hauptsächlich mit breiten Reifen (40 Millimeter und mehr) im Gelände fährt, kann auf Systeme mit zusätzlicher Mechanik verzichten.

3. Veränderbare Lenkgeometrie

Manche Hersteller integrieren in die Gabeln ihrer Bikes Verstellmechanismen, um die Einbauposition des Vorderrades zu verändern. Damit soll das Lenkverhalten unterschiedlich großer Reifen angeglichen werden bzw. sich an individuelle Vorlieben anpassen lassen. Hintergrund: Normalerweise ist das Lenkverhalten eng auf den Reifendurchmesser eines Rades abgestimmt. Bei stark variierenden Abrollumfängen – an Gravelbikes können sich (auf 28-Zoll-Laufrädern) 28 bis 42 Millimeter breite Reifen drehen – ändert sich auch das Handling eines Rades spürbar: Mit größeren Reifen läuft das Rad besser geradeaus, mit kleineren wirkt es agiler. Mit den unterschiedlichen Einbaupositionen des Vorderrades soll dieser Effekt ausgeglichen werden. Neben dem Cervélo Aspero (Bild rechts) bieten das Rondo Ruut und das GT Grade ein ähnliches Feature.

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Was bringt’s?

Das Lenkverhalten prägt den Charakter eines Rades, und das Verschieben der Vorderradachse verändert ihn deutlich – zumindest wenn es, wie an Cervélos Aspero, in einem Bereich von zehn Millimetern möglich ist. Dabei geht’s nicht um eine Ausprägung von gut oder schlecht, sondern ob sich ein Rad agil und wendig lenkt oder ob es betont ruhig geradeaus läuft – es ist also eher eine Frage des persönlichen Geschmacks. So empfanden manche Tester das Cervélo mit kürzerem Radstand und ruhigerem Lenkverhalten angenehmer, andere schätzten die Agilität mit nach vorn versetztem Vorderrad – bei identischer Bereifung. Deshalb ist die Option nicht nur dann interessant (aber vor allem dann), wenn unterschiedlich große Laufräder bzw. Reifen gefahren werden sollen. Es ist ein nützliches Feature, um den Charakter an Einsatzzweck, Bedingungen und persönliche Vorlieben anpassen zu können – erst recht, wenn es so simpel ist: Der Umbau dauert nur eine Minute und erfordert nur einen kleinen Innensechskant als Werkzeug.

Für wen?

Für alle, die mit ihrem Gravelbike möglichst flexibel sein wollen. Je nach Bereifung, Beladung und Untergrund kann das Fahrverhalten auf die eigenen Vorlieben abgestimmt werden.

4. Flacher Lenkwinkel

Canyon hat es mit dem Grail vorgemacht, Liteville, Salsa oder BMC verfolgen ähnliche Ansätze: Die Lenkgeometrie der Räder unterscheidet sich relativ stark von den üblichen Maßen bei Renn- oder Crossrädern. Der Lenkwinkel fällt mit ca. 70 Grad vergleichsweise flach aus, das verlängert den Radstand und beschert dem Rad ein agiles Lenkverhalten bei gleichzeitig ruhigem Geradeauslauf. Damit sich die Lenkung nicht schwergängig anfühlt, gleicht ein kurzer Vorbau die Hebelverhältnisse etwas aus, weshalb der ganze Rahmen länger konstruiert werden muss, damit die Sitzposition noch stimmt. In größerem Ausmaß ist der Kniff von Enduro-Mountainbikes bekannt, dagegen halten sich die Veränderungen am Gravelbike in engeren Grenzen.

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Was bringt’s?

Vor allem, wenn es ruppig wird und viele kleine Hindernisse die Geradeausfahrt stören, fühlen sich so konstruierte Räder etwas spurstabiler an als zum Beispiel klassische Crossräder. Auf engen, technischen Kursen fehlt ihnen dafür etwas die Wendigkeit, was aber vor allem Geländenovizen kaum stören dürfte. Wer vom Rennrad kommt, könnte das Fahrverhalten als etwas langweilig empfinden; Anfänger fühlen sich auf losem Untergrund aber oft etwas sicherer. Positiver Nebeneffekt: Weil das Vorderrad nach vorne wandert, vergrößert sich beim vorne stehendem Pedal der Abstand vom Reifen zur Fußspitze.

Für wen?

Wer auf losem Untergrund unsicher ist, profitiert von der Geometrieauslegung. Fahrer, die vom Mountainbike kommen, dürften sich auf Gravelbikes mit dieser Geometrieauslegung eher zu Hause fühlen. Wer das direkte Lenkgefühl eines Rennrades auch im Gelände schätzt, greift lieber zur klassischen Geometrie.

5. Zusätzliche Befestigungsösen

Das Gravelbike und der Trend zum Bikepacking, also Radreisen mit Gepäck, sind eng verwoben. Viele Hersteller positionieren das Gravelbike bewusst als Rad für Reise und Langstrecke und erleichtern die Montage von allerlei Gepäck und Zubehör. Gewinde für Schutzbleche beispielsweise sind bis auf wenige Ausnahmen Standard. Etabliert haben sich auch zusätzliche Gewinde an der Unterseite des Unterrohrs, wo ein dritter Flaschenhalter oder eine Werkzeugbox angeschraubt werden können; diese Möglichkeit bieten unter anderem Salsa, Open, Cannondale sowie Cervélo. Auch Gewinde auf dem Oberrohr sind verbreitet, sie sind für eine Kleinkram-Tasche gedacht. Eher seltener findet man an der Gabel weitere Gewinde für zusätzliche Flaschenhalter oder kleine Gepäckträger wie bei Cannondale und Salsa.

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Was bringt’s?

Schrauben sind sicherer als Riemen; vor allem die Positionen unter dem Tretlager (für Ersatzteile und Werkzeug) und auf dem Oberrohr (für Verpflegung und Kleinkram) sind sinnvoll, weil sie bei Bedarf leicht zugänglich sind und beim Fahren kaum stören. Ob es noch mehr Befestigungsmöglichkeiten braucht, muss jeder nach Bedarf entscheiden.

Für wen?

Für alle, die mit dem Gravelbike Radreisen unternehmen oder es leid sind, Trikottaschen bei einer Radtour bis zum Bersten vollzustopfen.

6. Flare-Lenker

Ein breiterer Lenker ermöglicht bessere Kontrolle, so die Logik. Die an den Lenkerenden nach außen gestellten Rennbügel sollen einen Vorteil bieten, wenn der Fahrer in Unterlenkerhaltung ständig Lenkmomente ausgleichen muss, die beim schnellen Überfahren von Steinen, Wurzeln oder Löchern entstehen. Auf den Bremsgriffen fährt man in typischer Rennradhaltung. Dieser Ausstellwinkel nennt sich englisch „Flare“ und kann verschiedene Ausprägungen haben: An den Testrädern von Cannondale und Cervélo (Bild oben) sind Lenker mit moderaten Winkeln von etwa 15 Grad verbaut, es gibt aber auch Modelle mit 30 Grad und mehr.

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Was bringt’s?

Die meisten Testfahrer konnten den mäßig ausgestellten Lenkern etwas abgewinnen. Aber nicht wegen der besseren Kontrolle, denn davon ist bei den wenigen Zentimetern Unterschied eigentlich nichts zu spüren. Die Lenker bieten jedoch mehr Bewegungsfreiheit: In Unterlenkerhaltung stößt man nicht mehr mit den Unterarmen am Oberlenker an, was bei dynamischer Fahrt im Gelände ein Vorteil ist. Außerdem kollidieren die ebenfalls schräg angestellten Schalthebel seltener mit einer Gepäckrolle am Lenker. Nach unserer Erfahrung hat der Trend aber ergonomische Grenzen. Bei mehr als 20 Grad Flare stehen die Schaltbremshebel so schräg, dass die Hände nicht mehr satt auf den Griffgummis liegen und die Handgelenke unnatürlich abknicken; auch das Bedienen der Schalt- und Bremshebel wird dann unergonomisch.

Für wen?

Für jeden, der den gewonnenen Platz gebrauchen kann, insbesondere für Fans von Lenkertaschen. und -rollen. Gelände-Anfängern erleichtern sie das Leben eher nicht.

7. Versenkbare Sattelstützen

Versenkbare Sattelstützen (Dropper Posts) bieten die Option, für technisch schwierige Abfahrten den Sattel abzusenken und sich so mehr Bewegungsfreiheit auf dem Rad zu verschaffen. Manche Anbieter vermuten, dass das auch für Gravelbikes sinnvoll sein könnte: Liteville spendiert dem 4-One die aufwendige Eightpins-Stütze (Bild links), das Cannondale Topstone und das Salsa Warroad sind für eine konventionelle Versenk-Stütze samt Fernbedienung vorbereitet.

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Was bringt’s?

Nach unserer Erfahrung ist der Effekt am Gravelbike gering, weil es grundsätzlich nicht für schweres Gelände gemacht ist: Es fehlt ein effizientes Fahrwerk, die Reifen sind zu schmal und die Sitzposition ist zu kopflastig, um wirklich verblockte Trails mit Speed zu nehmen. Da macht einen die versenkbare Stütze nicht viel schneller, die meisten Systeme sind zudem technisch anfällig.

Für wen?

Anfängern kann sie die Angst nehmen, wenn sie bei steilen Abfahrten ein Überschlagsgefühl haben. Davon abgesehen, kann die Technik ihre Vorteile am Gravelbike aber kaum ausspielen.


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Jens Klötzer am 27.11.2019
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