Test 2015: Preiswerte Carbon-Rennräder Test 2015: Preiswerte Carbon-Rennräder
Rennräder

Rennrad Test 2015: Preiswerte Carbon-Rennräder um 1500 Euro

Jens Klötzer am 02.04.2015

Carbon hat sich als Standardmaterial für Rennradrahmen etabliert – für teure sowieso, aber inzwischen auch bei Rennrädern um 1.500 Euro. Bringt der Werkstoff auch in dieser Preisklasse Vorteile? Acht aktuelle Renner im Test.

Noch vor wenigen Jahren war – abseits des High-End-Marktes – ein Carbonrahmen nicht immer die bessere Wahl. Im Gegenteil: Je niedriger der Kaufpreis, desto sinnvoller war der Kauf eines Aluminiumrahmens. Preiswerte Carbonrahmen waren technisch nicht besser, kosteten aber mehr Geld, sodass die Hersteller bei der Ausstattung sparen mussten, damit die Räder noch konkurrenzfähig waren. Die aufwen­dige Herstellung mit viel Hand­arbeit und der teure Rohstoff ließen keine niedrigeren Preise für die Rahmen zu.

Doch inzwischen werden die Carbonrahmen bei guter Qualität immer günstiger – auch, weil heute viel mehr Carbon produziert wird als früher (siehe auch Report ab Seite 36). So wiederholt sich nun eine Entwicklung, wie sie schon den Übergang vom Stahlrahmen- zum Alu-Zeitalter prägte. Dass Alu-Rahmen dank neuer Schweiß­verfahren und Legierungen in den vergangenen Jahren noch einmal einen Schub bekamen, verzögerte den Durch­marsch von Carbon nur; auf­halten ließ er sich dadurch nicht.

Im Jahr 2015 scheint nun auch der Markt für Rennräder um 1.500 Euro komplett zugunsten des Fasermaterials zu kippen. Eine Idee davon bekommt man, wenn man die hier präsentierten Carbonrenner unserem Test von Alu-Rädern in TOUR 12/2014 gegenüberstellt. Die Ausstattung der Räder dieser beiden Testfelder ist gleich: Sowohl die Alu- als auch die Carbonrahmen ziert Shimanos neue 105-Gruppe. Und vergleicht man die Durchschnittspreise der Fachhandelsräder, so ergeben sich 1.499 Euro für die Modelle mit Alu-Rahmen und 1.512 Euro für die Carbonflitzer – das ist quasi Gleichstand.

Die Testergebnisse dieser Rennräder finden Sie in dieser Artikelserie und als PDF-Download:

• Cube Agree GTC Pro
• Felt F5
• Focus Cayo 7.0 (TOUR-Tipp: bestes Rahmen-Set)
• Ghost Nivolet 5 LC
• Giant Defy Advanced 2 Ltd
• Haibike Challenge SL
• KTM Revelator 3300
• Stevens Izoard

Fotostrecke: Test 2015: Preiswerte Carbon-Rennräder um 1500 Euro

Technisch im Vorteil

Muss man Aluminium als Werkstoff für Rennradrahmen des­halb schon als abgehängt betrachten? Freunde des Metall­baus werden es bedauern, aber es gibt viele Argumente, die für diese Theorie sprechen. Selbst das schwerste Carbon­rahmen-Set unseres Testfeldes ist leichter als das beste Alu-­Modell aus dem vergangenen ­Dezember. Und der Rahmen des ­Focus Cayo 7.0, unterbietet in mittlerer Größe sogar locker die 1.000-Gramm-Marke – das war bis vor wenigen Jahren nur im High-End-Bereich denkbar. ­Diesen Vorteil spielen die Räder auch aus: Die Durchschnitts­gewichte der Kompletträder mit Carbon­rahmen liegen rund 200 Gramm niedriger als die im Test der Aluminium-Rahmen.

Auch in anderen Disziplinen können sich die Alu-Rahmen keinen Vorteil sichern – die Carbonrahmen sind ebenso steif und meist sogar komfortabler. Das schlägt sich selbstverständlich in der Bewertung der Rahmen-Sets nieder: Während Alu mit einer Durchschnittsnote von 2,5 aus dem Ring steigt, steht bei Carbon unterm Strich eine 2,1. ­Klarer Punkt für den Kunststoff. Auffallend ist auch, dass das Notenspektrum viel enger ist als bei den Alu-Rahmen, die Qualität der Testräder insgesamt also konstanter. Das ­Risiko, an einen schlechten Carbonrahmen zu geraten, ist also sehr gering – solange man auf ein Modell der etablierten Hersteller ­zurückgreift. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass es unter den Aluminium-Rahmen mit dem ­neuen Canyon Endurace AL auch ein Modell gab, das mit der Rahmennote 1,9 die meisten der hier vertretenen Carbonmodelle hinter sich ließ. Doch das bleibt eben wirklich eine Ausnahme.

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Giant bietet viele Details, wie die elegante Stützen­klemmung, die man sonst nur an teureren Modellen vermuten würde.

Rein technisch gesehen, ist die Argumenta­tion also klar. Die Vielfalt der angebotenen Räder ist ebenfalls groß, vom kompromisslos sportlich ausgerichteten Renner bis zum komfortablen Tourer ist auch in dieser Preisklasse für alle Ansprüche etwas dabei. Selbst allerneueste Trends sind schon zu finden: Das Giant Defy ist für 1.500 Euro ein Komfortrenner mit Scheibenbremsen, der bis auf ein etwas höheres Gesamtgewicht keine Schwächen hat. Auch sind die preiswerten Carbonrahmen durchweg schön gemacht, überzeugend verarbeitet und gut gefinisht, viele verfügen über eigenständige, hochwertige Details. Die Carbonrenner sehen schick aus – die größere Gestaltungsfreiheit von Carbon bringt unterschiedliche Formen für den individuellen Geschmack hervor.

Test 2015: Preiswerte Carbon-Rennräder um 1500 Euro

Vorsicht bei Sparteilen wie Kurbeln und Bremsen: Die Tiagra-Zangen am KTM haben deutlich weniger Biss als höherwertige Modelle.

Entscheidende Unterschiede im Detail

Bis auf das KTM – bei dem die Ausstattung unter dem Niveau der Konkurrenzmodelle liegt –, sind alle Test­räder grundsätzlich fair kalkuliert. Die große Linie des Testfeldes lautet: Eine 105-Gruppe ist Standard, dazu gibt es einfache, aber solide Alu-Laufräder und klaglos funktionierende Eigenmarken-Komponenten. Es sind dann nur Kleinigkeiten, welche die Ausstattungspakete unterscheiden, aber mitunter große Unterschiede im ­Sattel bewirken. Negativ aufgefallen sind uns dabei die Tiagra-Bremsen am KTM und die Eigenmarken-Stopper von Concept am Focus. Beide enttäuschten im Vergleich, ­boten deutlich weniger Bremskraft und ließen sich schlechter dosieren. Auch bei den Reifen hatten wir – wieder mal – ein Aha-Erlebnis: Schwere Drahtreifen wie am Focus rollen zäh, während allein die Montage eines erstklassigen Continental GP 4000S am Stevens das Rad gefühlt in eine andere Klasse katapultiert. Welche besonderen Merkmale uns bei den Testfahrten noch aufgefallen sind, lesen Sie in den Einzelbeschreibungen der Test­räder in dieser Artikelserie.

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Auch Shimanos BR-RS61 sind eine günstigere ­Alternative zur 105, ­haben aber die gleichen Beläge und daher ein ähnliches Bremsverhalten.

Jens Klötzer am 02.04.2015