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Rennräder

Einzeltest: Specialized Venge

Matthias Borchers am 16.06.2011

Das neue Venge von Specialized hat seine Wurzeln in den Zeitfahr-Maschinen Transition und Shiv. Es folgt damit dem Trend aerodynamischer Straßenrenner. Wie sich die neue Aero-Waffe aus Morgan Hill im Vergleich zur Konkurrenz schlägt, lesen Sie hier.

Auf den Radsport übertragen, könnte man den Namen des neuen „Venge“ mit „bereit zum Gegenschlag“ übersetzen – aus technischer Sicht würde es passen. Mit dem neuen Carbonrenner schickt Specialized ein Modell in die Arena, in der sich Mitbewerber wie Felt, Cervélo oder Canyon mit ihren aerodynamischen Straßenrennrädern schon mächtig breit gemacht haben (siehe den Test von sieben aktuellen Aero-Rennern in TOUR 2/11->). Selbstbewusst formulieren die Amerikaner aus dem kalifornischen Morgan Hill denn auch ihre Werbebotschaft zum neuen Top-Modell: So seien beim Venge-Rahmen trotz großflächiger Aeroprofile keinerlei Einbußen bei Gewicht oder Fahrstabilität hinzunehmen. Wörtlich: „Noch nie hat es ein aerodynamisches Rennrad gegeben, dass so hervorragende Steifigkeits- und Gewichtswerte erzielt ...“ Ihre Kompetenz in Sachen Aero-Rahmen haben die Amerikaner mit den Zeitfahr-Maschinen Transition und Shiv bereits unter Beweis gestellt. Um auch in die letzten Geheimnisse der Wissenschaft von der Strömung der Luft vorzudringen, hat Specialized keine Kosten und Mühen gescheut und bei der Entwicklung dieses Rades etliche Stunden im Windkanal verbracht. 

Im Windkanal geformtes Profil 

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Das Tragflächenprofil des Sattelrohres setzt sich in der Sattelstütze fort

Kurz nach der Präsentation des Renners in England und Italien konnten wir ein erstes Serienrad testen. Anleihen bei den Zeitfahrrädern Transition und Shiv sind klar erkennbar. Betrachtet man das Rad von vorne, fällt das taillierte, schlanke Steuerrohr auf, Ober- und Unterrohr liegen in dessen Windschatten. Beim Blick von oben verschwindet das schmale, tragflächenartige Unterrohr unter dem breiten Oberrohr. Wie im Luftstrom geformt wirken Gabelscheiden, Sitzrohr und Kettenstreben. Von der Seite betrachtet, präsentiert sich der Rahmen als eine Ansammlung von Tragflächen; Brems- und Schaltzüge verlaufen im Inneren. Die aerodynamischen Bemühungen sollen bei 40 km/h einen Vorteil von 22 Watt ergeben – gemessen auf einer Radrennbahn gegenüber einem Tarmac SL3. So verspricht es Specialized – wir werden das bei nächster Gelegenheit im Windkanal überprüfen. Die Aero-Laufräder von Roval betonen die Ausrichtung auf bestmögliche Aerodynamik zusätzlich; geschaltet und gebremst wird mit SRAM Red in der neuen schwarzen Version, das Venge wird aber auch mit Shimanos Di2-Elektronik-Schaltung und als unlackiertes (und somit etwa 100 Gramm leichteres) Rahmen-Set namens Project Black erhältlich sein. Alle weiteren Komponenten wie Reifen, Sattel, Vorbau, Lenker kommen aus der Top-Komponentenlinie S-Works von Specialized; Komplettradgewicht: 6,8 Kilo. Sehr clever: die symmetrisch profilierte Sattelstütze mit außermittig positionierter Sattelklemmung; durch Umdrehen der Stütze rückt die Sattelklemmung nach vorn, der Sitzwinkel wird steiler.

Aus dem Labor auf die Straße

Der Labortest ergibt ein differenziertes Bild: Bei Fahrstabilität und Kraftübertragung überzeugt das Venge mit guten Werten. Dass der Rahmen kein Komfortwunder ist, war bei den Rohrprofilen zu erwarten; verglichen mit den Aero-Rädern aus unserem Februar-Test belegt er aber mit Abstand den letzten Platz. Das Rahmen-Set wiegt 1.645 Gramm – es würde sich damit auf Rang fünf einreihen und die Mitbewerber Kuota, Kestrel und Stevens auf Rang sechs bis acht verdrängen. Damit ist das Venge im Kreis der Aero-Räder konkurrenzfähig; der große Wurf, den man angesichts der Werbebotschaft erwarten durfte, ist es aber noch nicht. Das leichteste Aero-Rahmen-Set aus TOUR 2/11 (Merida Reacto SLR Aero->, lackiert) wiegt knapp 150 Gramm weniger. Auf der Straße überzeugt das Venge mit Spurtreue in jeder Situation, zielsicher steuert es durch jede schnelle Kurve. Die Geometrie ist klar rennmäßig, Vorbau und Sattelstütze bieten aber relativ viel Spielraum, um sich auf dem Flitzer einzurichten, der Schläge und Bodenwellen ungefiltert weiterreicht. Leichte Schwierigkeiten hatten wir bei der Justierung des Getriebes. Im Testbetrieb fanden wir keine Einstellung, in der sich hinten alle zehn Gänge schalten ließen, ohne dass die Kette rasselte. Das mag daran liegen, dass die verwinkelt verlegten Gore-Züge mit zusätzlichem Liner hohen Widerstand erzeugen, unter dem die Schalteigenschaften leiden. Die bekannt guten SRAM-Red-Bremsen erreichten aufgrund der neuen, grünen Bremsbeläge nicht die gewohnte Bremsleistung. Sie erforden wesentlich höhere Handkraft, was auf langen Abfahrten ermüdend für die Hände ist und den Bremsweg verlängern kann.

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Brems- und Schaltzüge sind beim Venge innen verlegt

Fazit: Das neue Venge reiht sich ein zwischen den Aero-Straßenrennern von Felt, Cervélo, Kuota, Merida und Co. Die Optik aggressiv, das Fahrwerk steif und unnachgiebig – herausragend leicht ist es nicht. Wie es sich in Sachen Aerodynamik schlägt, werden wir im nächsten Vergleichstest im Windkanal ermitteln. Gespannt sein darf man auf das nächste Versprechen von Specialized. Um den STWWert zu verbessern, hat man sich mit Formel- 1 Rennstall McLaren zusammengetan, die hierfür eine besondere Carbonstruktur entwickelt haben. Im Herbst soll ein optimiertes Venge McLaren auf den Markt kommen. Für 5.000 Euro – mit eigener Farbgebung, McLaren-Aufkleber und 100 Gramm weniger Gewicht als das unlackierte Project Black. 

Preis Komplettrad 6.999 Euro 
Gewicht 6,8 Kilo
Preis Rahmen-Set 2.999 Euro

Bezug/Info www.specialized.com
Rahmengrößen** 49, 52, 54, 56, 58, 61 cm
Sitz-/Lenkwinkel 73/73,5°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 530/565/160 mm plus 15 mm Steuersatzkappe
Radstand/Nachlauf 985/50 mm
Stack/Reach/STR*** 564/397 mm /1,42

Ausstatt ung
Gabel
S-Works F.A.C.T. Carbon
Lenklager Specialized, oben 1-1/8, unten 1-3/8 Zoll
Schaltung/Bremsen SRAM Red
Tretlager Specialized F.A.C.T. Carbon (52/36 Z., BB30)
Laufräder/Reifen Roval Rapide SL 45/Specialized S-Works Turbo 23C
Lenker/Vorbau Specialized S-Works SL Carbon/S-Works
Sattel/-stütze Specialized Romin Expert BG/Specialized S-Works F

Messwerte & Einzelnoten*
Gewicht Komplettrad 6,8 Kilo (ohne Pedale)
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager 1.147/387/75 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set**** 1.645 g: 2 , 7
Lenkkopfsteifigkeit 92 Nm/°: 1 , 7
Seitensteifigkeit Gabel 43 N/mm: 2 , 7
Tretlagersteifigkeit 53 N/mm: 2 , 3
Komfort Rahmen 481 N/mm: 4 , 7
Komfort Gabel 123 N/mm: 5 , 0

* In die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken.
** Getestete Rahmengröße gefettet.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach): Werte zwischen 1,45 und 1,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel.
**** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.

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Matthias Borchers am 16.06.2011
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