Rennräder

Einzeltest: Museeuw MF-5

Matthias Borchers am 28.02.2009

Radmarken ehemaliger Radprofis haben Tradition. Relativ neu im Geschäft ist der frühere belgische Klassikerjäger Johan Museeuw. Als Rahmenmaterial verwendet Museeuw neben Carbon auch Flachs – ganz im Ernst.

Wenn Radprofis in Rente gehen, ist es nicht ungewöhnlich, dass sie ihre Einkünfte aufbessern mit dem Verkauf von Rennrädern, die ihren Namen tragen. Beispiele dafür gibt es reichlich, zu den klingendsten Namen gehören Coppi, Moser, Fondriest oder Merckx. Der Ruhm vergangener Tage und Rennerfolge, als Markenemblem auf dem Unterrohr verewigt, zieht als Verkaufsargument – zumindest bei Fans.

Der Name Johan Museeuw hat seit den Tagen seiner Klassikersiege in den 90er-Jahren an Klang allerdings erheblich eingebüßt. Zuletzt wurde Museeuw im Dezember 2008 von einem belgischen Gericht wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung plus einer Geldstrafe von 15.000 Euro verurteilt. Wie viele andere Radprofis auch hatte Museeuw gedopt.

Museeuws Ruf als Profi ungeachtet – ein besonderer Aspekt macht die Rennräder des Belgiers interessant: Museeuw verwendet als Rohstoff für seine Rahmen-Sets Flachsfasern. Aufgrund ihres geringeren Elastizitätsmoduls im Vergleich zu hochwertigen Carbonfasern sollen Flachsfasern Rennradrahmen nie gekannten Fahrkomfort verleihen. Zudem ist Flachs als nachwachsender Rohstoff aus ökologischen Gründen attraktiv, weshalb die traditionsreiche Kulturpflanze – der Grundstoff für Leinen – derzeit eine Renaissance erlebt. Vor allem die Autoindustrie hat das Potenzial erkannt und verwendet Flachs, um daraus beispielsweise Armaturenbretter oder Seitenverkleidungen für Türen herzustellen. Die belgische Firma IPA aus Lokeren hat sich spezialisiert auf Leichtbaumaterialien wie etwa Fasermatten für die Flugzeugindustrie. Seit kurzem fertigt das Unternehmen nicht nur Carbon-Fasermatten, sondern auch solche aus einem Carbon-Flachs-Mix. Exklusiv für Museeuw entstehen bei IPA sogenannte Prepregs, aus denen sich Rahmenrohre wickeln lassen. Das ist neu, zumindest bei der Herstellung von Rennradrahmen. Zu Rahmen verarbeitet wird der Werkstoff jedoch nicht in Belgien, sondern bei Silvio Billato, einer kleinen, 1954 in der Nähe von Padua im italienischen Veneto gegründeten Rahmenschmiede. Insgesamt sieben Modelle mit jeweils unterschiedlichem Flachsanteil lässt Museeuw bei Billato bauen, die Rahmenrohre werden in Muffen geklebt.

Beim “MF-5” enthalten die Fasermatten von Unter-, Ober- und Sitzrohr laut Hersteller 80 Prozent Flachsfasern, in Sitzstreben und Gabel sind es 65 beziehungsweise 42 Prozent. Die Kettenstreben sowie alle Muffen werden komplett aus Hochmodul-Carbonfasern gefertigt. Sichtbar ist der Unterschied zwischen Carbon und Flachs-Mix durch den bräunlichen Schimmer der in Längsrichtung verlaufenden Flachsfasern, was dem Renner eine individuelle Note verleiht.

Dem Komfortversprechen auf der Spur, haben wir unsere Testrunden mit dem Museeuw auf ausgesucht schlechten Straßen gedreht. Erster Eindruck: Auf grobem Untergrund gibt der Sattel des “MF-5” spürbar nach. Auch am Lenker fühlt sich das Museeuw nachgiebig an, allerdings nicht nur vertikal, sondern auch seitlich. Die Lenker-Vorbau-Einheit der hierzulande unbekannten Marke “SASO” aus Taiwan entpuppte sich als sehr weich und verdrehanfällig, die Flachs-Gabel wiederum hinterließ einen wenig komfortablen Eindruck. Im Mittelpunkt der Ausstattung prangt die Top-Gruppe “Red” von SRAM, ergänzt durch Produkte, die man auf dem deutschen Markt bislang selten sah. Neben der bereits erwähnten Lenker-Vorbau-Kombi stammt auch die Sattelstütze von SASO, sie erinnert mit ihrer Joch-Konstruktion sehr an die Tune-Stütze “Starkes Stück”. Die rund 1.000 Gramm leichten Laufräder mit EDCO-Naben und Carbonfelgen steuert die niederländischen Marke “Speedcomposites” bei; sie verleihen dem Rad spürbar mehr Agilität, dessen Geometrie mit langem Nachlauf ansonsten eher träge ausgelegt ist. Bei Fahrten im Regen blieb die Bremsleistung trotz spezieller Carbonbremsbeläge dürftig.

Im Testlabor erarbeitete sich der Renner durchschnittliche Werte. 1.300 Gramm Rahmengewicht sind aus technischer Sicht ordentlich, angesichts des aufgerufenen Preises von 3.550 Euro für das Rahmen-Set aber keine Offenbarung. Knapp 70 Newtonmeter pro Grad im Lenkkopf sind ein bescheidener Wert, was vermuten lässt, dass Rohrdimen sionen oder Faserbelegungspläne für den neuen Werkstoff mit dem Stand der Technik im Carbonrahmenbau noch nicht vergleichbar sind. Der Komfortwert am Sattel ist auf dem Prüfstand gut, aber noch nicht rekordverdächtig. Konkurrenten wie Specialized oder Canyon erzielen in dieser Kategorie mit ihren Carbonrahmen auch ohne “weiche” Flachsfasern bessere Werte. Eher steif als flexibel präsentierte sich die Gabel auf dem Prüfstand, entsprechend dem Fahreindruck auf der Testrunde.

Fazit: Das Museeuw ist eine eigenständige Konstruktion, interessant vor allem durch den Einsatz des nachwachsenden Rohstoffs Flachs. Dies könnte eine spannende Diskussion hinsichtlich Ökologie und Nachhaltigkeit im Fahrradbau anregen, wenngleich über die Dauerhalt barkeit des Materials und der Räder noch keine Erfahrungen vorliegen. Das Komfortversprechen der belgischitalienischen Koproduktion hielt dem Praxis- und Labortest nicht stand, aber Entwicklungspotenzial ist erkennbar.

PLUS: Konzept mit nachwachsendem Rohstoff

MINUS: nicht komfortabler als intelligent konstruierte Rahmen-Sets aus Vollcarbon

*Testrad-Rahmengröße gefettet; **projiziertes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr/Sattel-Steuerrohrüber höhung bei 75 cm Sitzhöhe (Mitte Sattelgestell–Oberkante Steuersatzdeckel); ***bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 und Gabelschaftlänge 225 mm; ****in die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken können.

Da steckt was drin: Die Rohre mit Flachsfasern werden in Carbonmuffen geklebt

Matthias Borchers am 28.02.2009
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