Bulls Alpine Hawk Di2 2013 Bulls Alpine Hawk Di2 2013
Rennräder

Einzeltest: Bulls Alpine Hawk Di2

Jens Klötzer am 07.06.2013

Die ZEG-Eigenmarke Bulls ist im Rennradmarkt ein Spätstarter. Mit dem unkonventionellen Modell Alpine Hawk – gleichzeitig das neue Arbeitsgerät des TOUR-Jedermann-Teams – drängt Bulls jetzt ins Rampenlicht.

Die Fahrer des Team TOUR powered by Bulls staunen nicht schlecht bei der Materialübergabe in den Räumen der ZEG in Köln: Das Rennrad, mit dem sie die Saison 2013 bestreiten werden, entspricht so gar nicht den Sehgewohnheiten – und erst recht nicht den technischen Erfahrungen. Bei aller Bewunderung schwingt deshalb bei der Vorstellung auch eine gewisse Skepsis mit, ob denn die ungewohnte Technik so klaglos und dauerhaft funktionieren werde. Technische Eigenheiten bietet das Bulls Alpine Hawk gleich mehrere. "Ich wollte ein Rennrad für die Zukunft bauen", sagt Gerrit Gaastra, der seit einigen Jahren als Berater der Bulls-Entwicklungsabteilung tätig ist. Gaastra musste viel Überzeugungsarbeit leisten, durfte bei dem neuen Modell aber letztlich seine ganze Erfahrung einbringen und seinem Innovationsdrang folgen. Mehr als 25 Jahre ist der charismatische Holländer in der Branche tätig, seit mittlerweile vier Generationen ist der Name Gaastra ein fester Bestandteil der Fahrradwelt. Im Alpine Hawk will er wichtige Neuentwicklungen vereinen: Elffach, Elektronikschaltung, Scheibenbremse, Tubeless-Reifen. Doch es war gar nicht so einfach, all diese Dinge an einen Rahmen zu schrauben – die geplante Konfiguration musste von Beginn an mit in die Entwicklung einfließen.

Wie ein zusammengeschustertes Experiment wirkt das Bulls aber auch bei genauem Hinschauen nicht. Alle Komponenten sind optisch und technisch gut integriert, alle Kabel verlaufen im Rahmen, der Di2-Akku versteckt sich in der Sattelstütze. Trotz der Auslegung für Scheibenbremsen bleibt das Carbonrahmen-Set verhältnismäßig leicht – 1.070 Gramm für den Rahmen und 417 für die Gabel sind guter mittlerer Durchschnitt im Modelljahr 2013. Ein Schwung im Unterrohr, das hinten stark abgeflachte Oberrohr und das gebogene Sitzrohr machen den Rahmen sehr eigenständig – ein bisschen wirkt es so, als hätte man sich neben den Scheibenbremsen gleich noch mehr Anleihen beim Mountainbike geholt. Der Sitzwinkel scheint auf den ersten Blick extrem flach geraten, mit 71 Grad neigt sich die Sattelstütze über das Hinterrad. Effektiv vom Tretlager zum Sattel gemessen sind es durch den Knick im Rohr aber rennradtypische 73,5 Grad. Mit dem Kniff will man zwei Effekte realisieren: Zum einen kann die Sattelstütze durch den flachen Winkel besser nachgeben, was dem Komfort am Heck zugutekommt. Der Umwerfer sitzt zudem etwas versetzt hinter dem Sitzrohr, was den Entwicklern die Freiheit gibt, die untere Anbindung an das Press-Fit-Tretlagergehäuse auf beiden Seiten breiter und somit steifer auszulegen als bei konventionell gebauten Rahmen.

Nächster Blickfang: Scheibenbremse

Die mechanisch angesteuerte CX75 bietet Shimano als Cross-Bremse an; damit passt sie optimal zu den Dura-Ace-Hebeln und liefert sehr hohe Bremskraft, gute Dosierbarkeit und einen definierten Druckpunkt. Und sie ist erstaunlich leicht: 89 Gramm wiegt die 140-Millimeter-Scheibe in Sandwich-Bauweise aus Stahl und Alu, dazu kommen 170 Gramm pro Bremssattel. Der Gewichtsnachteil beträgt gute 200 Gramm gegenüber einer Dura-Ace-Felgenbremsanlage, investiert in ein sehr sicheres Gefühl. Nicht ganz leicht war die Vereinigung der Bremse am Hinterrad mit dem Dura-Ace-Elffach-Getriebe. Man entschied sich letztlich, die hintere Einbaubreite des Alpine Hawk auf 135 Millimeter statt der üblichen 130 zu erweitern. So konnte man Naben aus dem Mountainbike-Segment verwenden.

Dadurch sitzen die Ritzel nun etwas weiter außen, weshalb es recht eng wird mit der Kettenlinie des Dura- Ace-Antriebs – bei etwas unpräziser Einstellung gibt sich die Schaltung weniger tolerant. Doch mit exakter Justage funktioniert alles einwandfrei – und dank Elektronik dann auch dauerhaft. Aufgebaut wurden die XTR-Naben recht stabil, mit 32 gekreuzten Speichen und einer ZTR-Alpha-340-Aluminiumfelge von NoTubes, auf der Schwalbes Ultremo ZX Tubeless sitzt, der sich bei TOUR-Messungen als erstaunlich schnell herausstellte (siehe TOUR 9/2012->). Regelmäßige TOUR-Leser dürften bei der Felge hellhörig werden: Im vergangenen Sommer machte der extrem leichte Alu-Rundling mit abspringenden Faltreifen bei der TOUR Transalp eher zweifelhafte Schlagzeilen. Nach unserer Einschätzung resultieren die Absprünge unter Bremshitze aus einem unterdimensionierten Felgenhorn und einer sehr flach ausgeprägten Bremsflanke, die einem normalen Reifen nicht genügend Halt bieten. Der Tubeless-Reifen hält sich jedoch mit einer speziellen Wulst in einer Nut im Felgenboden fest, wodurch Flanke und Felgenhorn wenig Einfluss auf den Halt des Reifens haben. Bremshitze kann hier ebenso ausgeschlossen werden.

Auch Schwalbe-Produktmanager Christian Lademann betrachtet diese Kombination mit gutem Gewissen: "Wir haben Versuche bis zwölf Bar Druck durchgeführt, ohne dass der Reifen abgesprungen ist. Das ist etwa das Doppelte des empfohlenen Drucks für einen Tubeless-Reifen. Die Kombination mit Faltreifen schätze ich aber weiterhin als kritisch ein."

In der Praxis fährt sich das Bulls, bei allen Innovationen, wie ein ganz normales Rennrad. Die Sitzposition ist nicht zu gestreckt und kommt Marathonfahrern entgegen, das Fahrverhalten ist neutral. Das Fahrwerk hält, was die guten Laborwerte versprechen, am Sattel könnte man durch eine Stütze mit Versatz noch etwas mehr Komfort rausholen. Die Gabel ist vergleichsweise hart. Die Funktion der neuen Dura-Ace Di2 ist über jeden Zweifel erhaben, eine Offenbarung sind die fest zupackenden Bremsen. Erhältlich ist das Bulls Alpine Hawk mit Ultegra Di2 und Scheibenbremsen auf XT-Level ab sofort für 3.299 Euro, die gezeigte Top-Version wird im Spätsommer für 5.555 Euro kommen.

Preis Komplettrad 5.555 Euro
Gewicht 7,2 Kilo

Bezug/Info www.bulls.de

Rahmengrößen** 50–60, je 2 cm (56)
Sitz -/Lenkwinkel 73,5/73,5°
Sitz -/Ober-/Steuerrohr 514/560/181 mm plus 15 mm Steuersatzkappe
Radstand/Nachlauf 990/52 mm
Stack/Reach/STR*** 579/390 mm/1,49

AUSSTATTUNG
Gabel
Bulls Carbon Lite Fork
Lenklager FSA, oben 1-1/8, unten 1-1/2 Zoll
Bremsen Shimano CX75 (v/h 140 mm)
Schaltung/Tretlager Shimano Dura Ace Di2 (50/34 Z., Press-Fit)
Laufräder/Reifen Shimano XTR/NoTubes ZTR Alpha 340/Schwalbe Ultremo ZX Tubeless
Lenker/Vorbau FSA Energy/FSA K-Force New Ergo
Sattel/-stütze Fizik Arione/FSA SL-K (27,2 mm)

Bulls Alpine Hawk Di2 2013 Noten

Bulls Alpine Hawk Di2 2013 Punkte

* In die Gesamtnote gehen das Rahmen-Set mit 40 Pr ozent, die Ausstattung mit 60 Pr ozent ein. In diese Bewertungen fließen Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nur zum Teil abdrucken. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.
** Getestete Rahmengröße gefettet.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach): Werte zwischen 1 ,45 und 1 ,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel.
**** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.

Jens Klötzer am 07.06.2013
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