Die Wattzahlen der Profis Die Wattzahlen der Profis

Tour de France verstehen: Wattleistungen im Check

Welche Leistung bringen die Profis aufs Pedal?

Konstantin Rohé am 02.06.2018

Was müssen die Radprofis in drei Wochen Tour de France leisten? Wir zeigen an Beispielen der wichtigsten Rennsituationen, welche Arbeit Helfer und Kapitäne verrichten und wie die richtige Position im Rennen hilft, Kräfte zu sparen.

Im geschlossenen Feld

So treten die Profis in die Pedale

Im geschlossenen Feld

Bei moderatem Tempo auf den Flachetappen ist das Feld breit gefächert. Der Kapitän (1,80 Meter groß; 70 Kilo Gewicht) wird von seinen Helfern abgeschirmt und muss im Flachen kaum Kraft aufwenden, da der Lufwiderstand inmitten der Gruppe stark reduziert ist. Die Helfer treten im Schnitt härter, da sie die Position im Feld verteidigen und versuchen, den Kapitän immer aus dem Wind zu nehmen. Während der Teamkapitän in dieser Situation mit rund 140 Watt in die Pedale tritt, muss der Rennfahrer an der Spitze des Pelotons (1) rund 245 Watt leisten.

Der Kapitän in gelb

So treten die Profis in die Pedale

Der Kapitän in gelb

Trägt der Kapitän eines Teams das Gelbe Trikot, verlangen die ungeschriebenen Gesetze im Radsport, dass seine Mannschaft viel an der Spitze des Feldes fährt, um so das Rennen zu kontrollieren und das Führungstrikot zu verteidigen. Das bedeutet auch für den Mann in Gelb zusätzliche Arbeit, weil der Windschatteneffekt an der Spitze des Feldes geringer ist als mitten im Pulk (siehe Schaubild oben). Die Situation zeigt: Oft leisten die Helfer während der Tour de France über die Gesamtdistanz mehr als die Sieger. Während der Kapitän im Windschatten beispielsweise rund 250 Watt leistet, muss sein Helfer an der Spitze des Feldes (1) immerhin 355 Watt leisten.

Auf der Windkante

So treten die Profis in die Pedale

Die Watt-Belastung auf der Windkante

Bläst der Wind von der Seite, müssen sich die Rennfahrer seitlich staffeln, um sich Windschatten zu spenden. Wer in der Staffel wegen des Straßenrandes keinen Platz mehr findet, fährt "auf der Windkante" (Rennfahrer in Grau), wie es im Jargon der Profis heißt. Dort ist der Windschatteneffekt schwächer. Daher zerreißt das Feld dort leicht, wenn ein Rennfahrer unaufmerksam ist oder die Kraft fehlt. Auch hier tritt ein Helfer an der Spitze (1) mit 420 Watt Höchstleistung, der Kapitän kann sich vergleichsweise schonen – ein Konkurrent (2) am Ende des Pelotons, also auf der Windkante, muss mit 380 Watt entscheidend mehr fürs Vorwärtskommen tun.

Im Einzelzeitfahren

So treten die Profis in die Pedale

Die Watt-Belastung im Einzelzeitfahren

Im Einzelzeitfahren muss der Kapitän zeigen, was er drauf hat. Kein Teamkollege kann ihm Windschatten spenden. Dazu muss der Rennfahrer eine hohe Dauerleistung bringen – die durch gute Aerodynamik in noch mehr Fahrgeschwindigkeit mündet. Viele Rennfahrer gehen deshalb in den Windkanal, um ihre Sitzposition im Kampf gegen die Uhr zu optimieren. Als Faustformel gilt: Wer mehr als 300 Watt für Tempo 45 benötigt, verliert gegenüber den Besten Zeit. In unserem Beispiel tritt der Kapitän bei den genannten Bedingungen mit 460 Watt Leistung. Umgerechnet benötigt er für 45 km/h 288 Watt.

Im Mannschaftszeitfahren

So treten die Profis in die Pedale

Die Watt-Belastung im Mannschaftszeitfahren

Im Mannschaftszeitfahren auf der zweiten Etappe werden sehr hohe Geschwindigkeiten erzielt. Hauptgegner ist der Luftwiderstand. Selbst im Windschatten muss man abhängig von der Position ziemlich hart treten. In der Führung sind 500 bis 600 Watt während jeweils rund 30 Sekunden notwendig. Der Widerstand nimmt nach hinten ab – in unserem Beispiel:Fahrer 1 leistet 520 Watt, Fahrer 2 tritt 370 Watt, der Kapitän an sechster Position320 Watt. Leichter Rückenwind bringt im Beispiel ein Plus von 1,4 km/h.

Kämpfe am Berg

So treten die Profis in die Pedale

Die Watt-Belastung bei Kämpfen am Berg

Die Favoriten sind am Berg unter sich: Es dominiert der Bergwiderstand. Da die Besten auch am Berg hohes Tempo fahren und zusätzlich oft Wind weht, gibt es leichte Windschatteneffekte. Wer führt (unser Kapitän in Dunkelblau), muss daher etwas mehr Energie investieren und hat so am Ende möglicherweise das Nachsehen. Sobald es bergauf geht, ist die Leistungsfähigkeit abhängig vom Gewicht.

Anfahren am Schlussanstieg

So treten die Profis in die Pedale

Anfahren im Schlussanstieg

Taktik für den Schlussanstieg: Der Kapitän lässt seine Helfer mit Volldampf in den Berg fahren. Bei geringeren Steigungen bis zu drei Prozent gibt es angesichts der bei Profis üblichen Fahrgeschwindigkeiten noch einen deutlichen Windschatteneffekt. Dennoch muss der Chef schon hart treten, da der Bergwiderstand bereits überwiegt. Das Ziel dieser Fahrweise: Das Feld der Mitfahrer schnell auszudünnen und damit die Rennsituation übersichtlich zu gestalten. Mögliche Attacken werden durch das hohe Tempo weitgehend verhindert. Nachteil: Die Helfer "verglühen" bei solchen Aktionen schnell – der Kapitän ist dann isoliert und mit seinen Gegnern allein.

Konstantin Rohé am 02.06.2018