Lennard Kämna Lennard Kämna

Interview Lennard Kämna Bora-hansgrohe

Kämna verrät seine Radsportwurzeln - Teil 2

Andreas Kublik / Kristian Bauer am 15.09.2020

Die Sportschule dort pflegt durchaus die Radsport-Tradition der DDR ...

Klar, in Cottbus ist noch alles so ein bisschen alte Schule, was die Trainingsansätze angeht. Und die Strukturen von damals sind so übernommen worden. Daher weiß ich, welches Gedankengut die DDR hatte – es hat sich aber in Sachen sauberer Sport auch da etwas getan. Da wird sehr, sehr darauf geachtet, dass der Sportler nicht anfängt, irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen.

Lennard Kämna

Sie zählen zu einer Rennfahrergeneration mit starken Individualisten, die früh erfolgreich sind – zum Beispiel Mathieu van der Poel, Wout Van Aert, Remco Evenepoel. Woran liegt das?

Im Unterschied zu den zehn Jahre Älteren haben wir schon sehr früh sehr professionell trainiert. Heutzutage fährt man schon als U17-Fahrer mit Powermeter durch die Gegend. Wir versuchen wirklich sehr früh, alles auszureizen.

Sie sind ungewöhnlich früh Profi geworden, mit 19 Jahren. Mit 20 unterschrieben Sie beim World-Tour-Team Sunweb. War das im Nachhinein die richtige Entscheidung?

Nee, ich wäre sehr, sehr glücklich gewesen, wenn ich noch zwei Jahre in der U23 hätte fahren können. Das war damals eine Fehlentscheidung, direkt zu Stölting gegangen zu sein (sein erstes Team 2015, Anm. d. Red.).

Im Jahr nach Ihrem Wechsel löste Stölting eine Lizenz als Professional Continental Team, fuhr eine Klasse höher. Was spricht denn dafür, früh Profi zu werden, was dagegen?

Dafür spricht vielleicht, dass man sehr früh anfängt, sehr professionell zu arbeiten – oder zumindest das Umfeld hat, das zu tun. Man lernt sehr viel und ist dadurch dem einen oder anderen Konkurrenten aus der U23 einen Schritt voraus. Dagegen spricht, dass man mental noch nicht wirklich ready dafür ist.

Was meinen Sie damit?

Also in der U23, bei einem KT-Team (international dritthöchste Liga, meist mit Rennfahrern, die noch in der U23-Klasse startberechtigt sind; Anm. d. Red.), da fährt man mit Freunden zum Radrennen, man trainiert ein bisschen. Das sind Spaßjahre, bevor der Ernst losgeht.

Apropos Ernst: Im TOUR-Interview sagte Wout Van Aert vor einiger Zeit, dass er sich nie zum Klassementfahrer entwickeln wolle; abgesehen vom Körperbau sei ihm auch die Entbehrung zu groß. Empfinden Sie es auch als Entbehrung?

Wenn man die Tour gewinnen möchte, muss man natürlich auf viele Dinge achten. Entbehrung – viele sagen Abhungern – gehört für mich nicht dazu. Wenn man die Chance hat, die Tour zu gewinnen oder ein Top-Ergebnis herauszufahren, dann fühlt sich das nicht an, als würde man auf irgendwas verzichten. Man hat ein klares Ziel, auf das man sich freut, da muss man sich halt mal drei Monate zusammenreißen. Und: Weniger essen stimmt nicht mal. Vor der Tour, als ich im Trainingslager auf Mallorca war, habe ich wirklich viel gegessen. Da hieß es: ‚Ist deine Portion nicht zu groß? Aber wenn man fünf Stunden trainiert, mit Intervallen, in der Sonne, dann kann man sich danach auch Spaghetti gönnen, bis man satt ist. Man kann natürlich nicht ein Kilo Tiramisu zum Dessert essen. Das würde ich aber jetzt nicht als Entbehrung bezeichnen.


Zur Person: Lennard Kämna
Geboren 9.9.1996 in Wedel
Größe 1,81 Meter
Gewicht 65 Kilo
Wohnort Bremen
Profi seit 2016

Teams
2015–16 Stölting
2017–19 Sunweb
ab 2020 Bora-Hansgrohe
Wichtige Erfolge
2014 Junioren-Europa- und Weltmeister Einzelzeitfahren
2015 Gesamtwertung U23-Bundesliga, U23-Europameister und U23-WM-Dritter Einzelzeitfahren
2017 Weltmeister Mannschaftszeitfahren (mit Team Sunweb), U23-WM-Zweiter Straßenrennen

Das Interview erschien in TOUR 11/2019 und wurde am 15.9.2020 online veröffentlicht


 

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Andreas Kublik / Kristian Bauer am 15.09.2020
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